Zivilreligiöse Identität in der Europäischen Union im Wechselspiel zwischen Einheit und Vielfalt
Konnexion als Ausweg aus der mimetischen Identitätskrise
Summary
Die Transformation liberal-demokratischer Systeme in illiberale Nationalstaaten trotz EU-Mitgliedschaft zeigt, wie wichtig für Frieden und Demokratie die vom Autor fundiertest behandelten zentralen Fragen europäischer Identitätsbildung und politischer Integration auch in Zukunft bleiben werden.
Joseph Marko, Prof.i.R. für vergleichendes Verfassungsrecht und Politikwissenschaften, Karl-Franzens-Universität Graz
Eine postnational-universalistische Ordnung, wie sie die Europäische Union anzustreben versucht, ist ein Hoffnungszeichen in einer Welt der Imperialismen. Das vorliegende Buch plädiert für eine diese Ordnung stützende Zivilreligion, die überzeugend auf René Girards Anthropologie zurückgreift. Univ.-Prof.i.R. Dr. Wolfgang Palaver, Institut für Systematische Theologie, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Excerpt
Table Of Contents
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Hingabe
- Inhaltsverzeichnis
- Danksagung
- Einleitung
- Das mimetische Begehren als universelle Theorie der Differenz
- Minderheitenschutz und kulturelle Vielfalt in Europa – drei ausgewählte Fallstudien
- Europäische Identität und ihre zivilreligiösen Elemente
- Konnexion als zivilreligiöse Identitätsform in der EU
- Kapitel 1 Fragestellung, Konzeptualisierung und Operationalisierung von Identitätskonstruktionen
- 1. Funktionsbestimmung von Zivilreligion
- 2. Institutionalisierung von Identität
- 3. Ansätze einer europäischen Identität
- 4. Identität als Kognition
- 5. Die mimetische Theorie als universale Erklärung der Naturalisierung und Institutionalisierung von Differenz
- 5.1 Das mimetische Begehren als Theorie der Differenz
- 5.2 Die Dreiecksstruktur der Aneignungsmimesis
- 5.3 Die mimetische Theorie als christliche Religionstheorie
- 5.4 Der primordiale Ansatz des mimetischen Begehrens und der Kampf um Anerkennung als identitätsstiftende Notwendigkeit
- 5.5 Mimetische Krisen und deren Lösung als Kulturtheorie
- 5.6 Mimetische Krisen in einer globalisierten Welt
- 6. Ansätze zivilreligiöser Identität in der EU – zwischen national, postnational und paneuropäisch
- 6.1 Versuch einer neuen Begrifflichkeit in katechontischen Zeiten
- 6.2 Einheit in Vielfalt als dynamische Integrationsfigur für eine europäische Identität
- 6.3 Von sozialer zur politischen Europa-Identität
- Kapitel 2 Vergleichende Analyse identitätsstiftender Prämissen in Minderheitengebieten
- 1. Europäische Zuordnung von Minderheitenangehörigen im Überblick
- 2. Die Rolle internationaler Organisationen in Europa
- 3. Die Bedeutung von Minderheiten in der Europäischen Union
- 4. Identitätsstiftende Faktoren in den drei Fallstudien im Vergleich
- 4.1 Die Entstehung ethnischer Identitäten in Kärnten
- 4.1.1 Rechtliche Institutionalisierung von Differenz in Kärnten
- 4.1.2 Idealtypische Faktoren zivilreligiöser Identifikationen in Kärnten
- 4.2 Die Entstehung ethnischer Identitäten in Südtirol
- 4.2.1 Rechtliche Institutionalisierung von Differenz in Südtirol
- 4.2.2 Idealtypische Faktoren zivilreligiöser Identifikationen in Südtirol
- 4.3 Die Entstehung ethnischer Identitäten in Schleswig-Holstein
- 4.3.1 Rechtliche Institutionalisierung von Differenz in Schleswig-Holstein
- 4.3.2 Idealtypische Faktoren zivilreligiöser Identifikationen in Schleswig-Holstein
- 5. Die Bedeutung von Minderheitenidentitäten zur Institutionalisierung einer europäischen Identität
- Kapitel 3 Analyse der quantitativen und qualitativen Umfragen zu Identität, Werten, Zugehörigkeit und zivilreligiösen Elementen in ausgewählten Minderheitengebieten
- 1. Analyse und Interpretation der Eurobarometer-Umfragen zu europäischen Werten und europäischer Identität
- 1.1 Standard-Eurobarometer-Umfragen zur öffentlichen Meinung in der europäischen Union 2019 und 2023
- 1.2 Eurobarometer-Sonderumfrage Werte und Identitäten der EU-Bürger 2021
- 2. Analyse und Interpretation der Experteninterviews zu den Fallstudien Kärnten, Südtirol und Schleswig-Holstein
- 2.1 Konzeptualisierung und Methodik
- 2.2 Thematische Analyse der Experteninterviews in ausgewählten Minderheitengebieten
- 2.2.1 Demokratie und Menschenrechte
- 2.2.2 Freiheit und Sicherheit
- 2.2.3 Einheit in Vielfalt
- 2.2.4 Partizipation
- 2.2.5 Ausrichtung der Minderheiten auf Europa
- 2.2.6 Keine oder nur bedingte Ausrichtung auf Europa
- 2.2.7 Nationale und regionale oder europäische Werte
- 2.2.8 Nationalismus und Europa
- 2.2.9 Gemeinsame öffentliche Räume und Informationsaustausch in der EU
- 2.2.10 Kommunikation und neue Technologien
- 2.2.11 Weitere identitätsstiftende Symbole
- 2.3 Minderheiten als europäische Identitätsmarker?
- 3. Wechselspiel zwischen Einheit und Vielfalt am Beispiel von Minderheiten
- Kapitel 4 Konnexion als Zwei-Ebenen-Modell einer postnationaluniversalistischen Akkulturationsform der Europäischen Union
- Summary: Civil-religious identity in the EU in the interplay between unity and diversity
- „Connection“ as a way out of the catechontic mimetic crisis – Civil-religious identity in the EU in the interplay between unity and diversity
- Spiritus Conexiones – the spirit of connection
- Mimetic theory of desire
- Girard and European identity – avoiding rivalry and promoting cooperation
- Civil-religious identity formation in the European Union
- Unity in diversity and the role of mimetic desire in identity formation
- Concluding remarks
- Literaturverzeichnis
Danksagung
Nikolaus von Kues’ Denkfigur des „spiritus conexionis“ („Geist der Verknüpfung“) und René Girards Kulturtheorie vom „Mimetischen Begehren“ sollen visionäre Ansätze zur Entschlüsselung der Dynamiken von Gewalt und Nachahmung sowie der Überwindung von Konflikten bieten. Europäische Identität und Elemente von Zivilreligion in der EU können als solche Formen von Versöhnung verstanden werden, die aus der langen Geschichte der Konflikte Europas hervorgegangen sind und eine neue Ära des Friedens, der Sicherheit und der Zusammenarbeit einleiten. Der in dieser Arbeit gewählte zivilreligiöse Identitätszugang mit Einheit in Vielfalt als europäische Integrationsfigur unterscheidet sich von nationalstaatlichen und anderen postnationalen Identitätszugängen und steht für Werteeinheit und Kulturvielfalt.
Das Gelingen eines Dissertationsprojektes hängt von der Unterstützung und der Expertise vieler ab. Besonderen Dank schulde ich meiner Betreuerin, Prof. Dr. Ellen Bos, den Gutachtern, Prof. MMag. DDr. Jürgen Pirker und Dr. Henriett Kovács, sowie stellvertretend für alle Mitglieder dem Vorsitzenden des Promotionsausschusses, Prof. Dr. Zoltán Tibor Pállinger, Rektor der Andrassy Universität Budapest. Ebenso danke ich der Europäischen Akademie Bozen, die mir einen mehrwöchigen Studienaufenthalt in Brüssel ermöglicht hat, sowie der Autonomen Region Trentino-Südtirol, die durch ihre langjährige Unterstützung der Aktivitäten zwischen der Andrassy Universität Budapest und der Europäischen Akademie Bozen erst die Rahmenbedingungen geschaffen hat, um dieses Forschungsprojekt zur Frage der möglichen Bedeutung von Minderheiten für eine Europäischen Identität zu verwirklichen. Für die Begleitung und Anregungen beim empirischen Teil, beim Umgang mit sensiblen Daten und deren Archivierung danke ich meiner Kollegin Prof. Mag. Phil. Katharina Crepaz von der Europäischen Akademie Bozen sowie der ehemaligen Kollegin Heidi Flarer und unserem ehemaligen Mitarbeiter Matteo Vivi. Nicht unerwähnt dürfen die MitarbeiterInnen der Bibliotheken der Andrassy Universität Budapest, der Europäischen Akademie Bozen, der Freien Universität Bozen und der Theologisch-Philosophischen Universität Brixen bleiben, denen vor allem für ihre verständnisvolle Geduld beim Bücherverleih und den großzügigen Rückgabefristen einen großen Dank gilt.
An dieser Stelle geht meine tiefe Wertschätzung an meinen Freundesbruder Gabriel N. Toggenburg, mit dem ich schon einige inhaltliche Vorarbeiten wie das ABC des Minderheitenschutzes gemeinsam ausarbeiten durfte und der mich mit seinen Abhandlungen zu Europathemen immer inspiriert hat.
Und schließlich danke ich der Dr. Alois Mock-Europa-Stiftung, welche die Drucklegung ermöglicht hat, und den Herausgebern der Schriftenreihe „Minderheiten und Autonomien“, Alice Engl und Karl Kössler, zur Aufnahme dieser Arbeit in die Buchserie der Europäischen Akademie Bozen.
Mit besonderem Stolz erfüllt mich die Verleihung des Dr. Alois Mock-Wissenschaftspreis für das Jahr 2024, der durch die Dr. Alois Mock-Europa-Stiftung (AMES) vergeben wird, die gemäß ihrem Statut als gemeinnützige Stiftung wissenschaftliche Arbeiten auszeichnet, die „zur Förderung der Idee der friedlichen Integration der Völker Europas im Rahmen gesamteuropäischer Institutionen mit der Zielrichtung der dauerhaften Sicherung von Frieden und Wohlstand in Europa dienen“.
Günther Rautz, Bozen/Budapest, 2026
Einleitung
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion von Zivilreligion bei der Frage nach Identität(en) auf europäischer Ebene. Im Mittelpunkt steht nicht die Rolle der Religionen in der Zivilgesellschaft, sondern die Rolle der Zivilreligion als säkulare Religion der Zivilgesellschaft und ihr Einfluss auf das Funktionieren und die Akzeptanz einer demokratischen Gesellschaft. Die Arbeit stützt sich auf das Konzept der Zivilreligion, wie es von Robert N. Bellah eingeführt wurde, und untersucht, wie religiöse und kulturelle Elemente zur Identitätsstiftung beitragen.
Die Frage der Identitätsbildung und Konstruktion einer europäischen Identität steht dabei im Mittelpunkt der Arbeit. Die Institutionalisierung von Identität dient der Begründung, Bewahrung und dem gesellschaftlichen Wandel eines politischen Gemeinwesens. Allgemein kann zwischen ausschließlichen und multiplen Identitäten unterschieden werden, wobei die Identitätsmerkmale als politische Mittel zur Strukturierung der Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen genutzt werden.
Dabei werden die politischen und kulturellen Ansätze zur Bildung einer europäischen Identität auf EU-Ebene untersucht. Es wird zwischen Top-down- und Bottom-up-Ansätzen unterschieden, wobei die Bedeutung von Minderheitenidentitäten im europäischen Kontext im Vordergrund steht. Eine europäische Identität als politische Kultur könnte der EU die notwendige Legitimität verleihen, indem sie eine bestimmte Art der Akkulturation verschiedener Gruppen im Mehrheit-Minderheitenverhältnis und deren Vielfalt fördert. Dazu wird die Bedeutung von regionalem und transnationalem Geschichtsbewusstsein genauso wie eine reflektierte Erinnerungskultur hervorgehoben.
Außerdem wurde ein kognitiver Ansatz zur Identitätsbildung gewählt, wobei die Institutionalisierung von Identität sowohl im Verhältnis zur Binnenwelt als auch zur Umwelt betrachtet wird. Soziale Identifikation wird als Ergebnis sich stetig ändernder gesellschaftlicher Prozesse verstanden. Der Prozess der Identitätsbildung wird als Wechselwirkung von Differenzierung und Integration beschrieben, wobei Zugehörigkeit als Teil der Interaktionsarbeit des menschlichen Lebens konzeptualisiert wird. Dabei vermitteln Institutionen kulturelle Sinnproduktion und Identitäten werden durch narrative und relationale Prozesse konstituiert.
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexen Wechselwirkungen zwischen Zivilreligion, politischer und kultureller Identität sowie die institutionellen Prozesse, die zur Bildung einer europäischen Identität beitragen. Am Beispiel von Mehrheit-Minderheitenverhältnissen in drei ausgewählten Minderheitengebieten wird hervorgehoben, dass die Identitätsbildung ein dynamischer und prozesshafter Vorgang ist, der durch historische, gesellschaftlichpolitische Strukturen und rechtliche Rahmenbedingungen beeinflusst wird.
Das mimetische Begehren als universelle Theorie der Differenz
René Girards mimetische Theorie wird als universale Religionstheorie betrachtet. Sie stellt die mimetische Rivalität als Ursache zwischenmenschlicher Konflikte dar und beschreibt, wie der menschliche Aggressionstrieb die Gesamtentwicklungsprozesse von Gesellschaften beeinflusst. Girard betont, dass der Aggressionstrieb kein natürlich konstanter Instinkt ist, sondern als ein evolutionär erworbenes Instrumentarium verstanden werden kann. Die mimetische Rivalität wird als Teil des primordialen Bauplans angesehen, der von der evolutionären Anpassung unberührt geblieben ist. Girard unterscheidet sich dabei einerseits von Aristoteles’ Zoon politikon sowie Hobbes’ individualistischer Sichtweise des Menschen und andererseits von Theorien, die Gewalt als unausrottbaren menschlichen Instinkt betrachten.
Im mimetischen Begehren befindet sich der Mensch in einem triangulären Verhältnis, das nicht auf bestimmte Objekte gerichtet ist, sondern das Begehren des anderen nachahmt. Dieses Begehren geht über die Grundbedürfnisse hinaus und bleibt unbestimmt, solange es nicht durch die Nachahmung des Begehrens anderer konkretisiert wird. Diese Nachahmung nennt Girard trianguläres Begehren oder Mimesis. Konflikte entstehen, wenn das Begehren auf ein begrenztes Objekt gerichtet ist oder Begehren imitiert wird. Dies führt zu Rivalität und gegenseitiger Gewalt, aus der sich personale Identität und institutionelle Handlungssysteme herausbilden. Die soziale Beziehung folgt dem dialektischen Prozess der Differenzierung nach innen und außen, was den Ursprung von Konflikten und den Zweck von Geboten und Verboten erklärt. Girard zeigt auf, dass Mimesis das entscheidende Merkmal der Sozialbeziehungen ist, aus der Identität und Institutionen entstehen.
Girards Sündenbocktheorie bietet allerdings auch einen Ausweg aus der Gewaltproblematik. Wenn kein Objekt mehr im Mittelpunkt der Begierde steht, kann sich die Rivalität in eine versöhnliche Mimesis wandeln, bei der Gewalt gegen einen einzelnen Gegenspieler gerichtet wird. Dieser Mechanismus, bekannt als Sündenbockmechanismus, führt zur Lösung der mimetischen Krise, indem die Verantwortung für die Krise auf ein Opfer übertragen wird, das vergöttlicht wird. Girard erklärt, dass Mythen, Riten und Tabus aus diesem Gründungsmord hervorgehen und die gesellschaftliche Ordnung etablieren und stabilisieren.
In dieser Arbeit wird die Europäische Union als bisher erfolgreiches Friedensprojekt betrachtet, das nach den zwei Weltkriegen eine neue postnationale Ordnung geschaffen hat. Außerdem versucht diese Arbeit ein idealtypisches Modell zu erarbeiten, mit dem die EU durch positive Mimesis und die Ausrichtung auf gemeinsame Werte und Prinzipien bei gleichzeitiger Vielfalt nicht nur einen Beitrag zur Überwindung von Gewalt leisten, sondern so auch eine gemeinsame Identität finden kann.
Minderheitenschutz und kulturelle Vielfalt in Europa – drei ausgewählte Fallstudien
Der Schutz von Minderheiten ist eine zentrale Aufgabe Europas und hat vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung gewonnen. Die kulturelle Vielfalt wird als Quelle der Bereicherung angesehen, und es wird betont, dass eine pluralistische und demokratische Gesellschaft die ethnische, kulturelle, sprachliche und religiöse Identität aller Minderheiten achten und fördern sollte. Dies spiegelt sich auch in den Minderheitenschutzinstrumenten des Europarates wie dem Rahmenübereinkommen wider, welche die Grundsätze für den Schutz nationaler Minderheiten in Europa festlegen. Die EU übernimmt die Standards des Rahmenübereinkommens in ihrem Rechtssystem, auch wenn sie dem Abkommen selbst nicht beigetreten ist.
Ethnische Zugehörigkeit und Identität unterliegen Akkulturationsprozessen, die im Verhältnis von Mehrheiten und Minderheiten die Übernahme von Werten und Einstellungen fördern. Diese Prozesse können in drei idealtypische Formen unterschieden werden: Assimilation, Sezession / Segregation und Integration / Autonomie. Diese Modelle dienen als Grundlage für die Untersuchung der Fallstudien Kärnten, Südtirol und Schleswig-Holstein.
In Kärnten zeigen Studien den Einfluss von historischen Ereignissen und politischen Rahmenbedingungen auf die Identität der slowenischen Minderheit, was ein Spektrum an Identifikationen zwischen ‚bewussten Slowenen‘ und ‚Assimilierten‘ ergibt. Die rechtliche Institutionalisierung von Differenz spielt bei dieser Fallstudie ebenfalls eine wichtige Rolle. Insbesondere die Sprachenrechte fungieren als stärkstes Unterscheidungsmerkmal zwischen Mehrheit und Minderheit. Im Rahmen des Akkulturationsprozesses ist das Element der Assimilation in Kärnten weit fortgeschritten, was dazu führt, dass Teile der Bevölkerung im zweisprachigen Gebiet ihre slowenischen Wurzeln verleugnen.
Das Südtiroler Modell, das sich ebenfalls aus historischen Gründen entwickelt hat, fördert im Gegensatz zur Fallstudie Kärnten ein System der Segregation durch ethnische Trennung, insbesondere im Bildungsbereich und bei der Ressourcenverteilung. Die Autonomie in Südtirol basiert auf Ausgleich und Trennung der Sprachgruppen, was zu einer klaren Abgrenzung und wenig Integration führt.
In Schleswig-Holstein herrscht dagegen die Akkulturationsform der Integration der dänischen Minderheit vor. Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 haben zur Befriedung des Nationalitätenkonflikts beigetragen und die Grundlage für eine symmetrische, reziproke Minderheitenpolitik auf beiden Seiten der deutsch-dänischen Grenze gelegt. Diese Fallstudie wird oft als Modell für erfolgreiche Minderheitenintegration bewertet und zeigt im Besonderen die Bedeutung von Minderheitenidentitäten für eine künftige europäische Identität auf.
Anhand dieser Fallstudien wird aufgezeigt, wie soziale Identität und Minderheitenidentitäten zur Legitimation einer europäischen Identität beitragen können. Es wird betont, dass regionale und nationale Identitäten nicht aufgegeben werden müssen, sondern durch europäische Elemente ergänzt werden können. Die Heterogenität und Pluralität der europäischen Staaten und Gesellschaften wird als zentrales Merkmal einer gesamteuropäischen Identität angesehen. Gemeinsame Werte und Institutionen sowie kulturelle Vielfalt sollen die Grundlage für eine postnationale, universalistische Identität bilden, die keine Abgrenzung nach außen benötigt.
Auf Grundlage dieser Fallstudien bietet die Arbeit verschiedene politische Maßnahmen zur Förderung einer europäischen Identität an, darunter die demokratisch-legitimatorische Solidarität und die arbeitsteilig-wertschätzende Solidarität. Als konkreter Vorschlag soll die gesellschaftliche Integration durch eine aktive Identitätspolitik gestärkt und eine diskursive Identitätskonstruktion durch „Doing Europe“ gefördert werden. Ein neues europäisches Großprojekt könnte zur Stärkung der europäischen Identität beitragen und den Mehrwert der EU für die Bürger deutlich machen.
Europäische Identität und ihre zivilreligiösen Elemente
Zu den klassischen zivilreligiösen Elementen zur Stärkung einer europäischen Identität gehören als wichtigste Symbole die EU-Flagge, die Hymne und der Europatag. Diese Symbole zielen darauf ab, eine gewisse kulturelle Homogenität und soziokulturelle Gemeinsamkeiten zu fördern. Allerdings wird in der Arbeit auch auf die Gefahr hingewiesen, dass solche Ansätze eine ethnokulturelle Identitätskonstruktion eines ‚europäischen Volkes‘ implizieren könnten, was aber nicht zu einem aggressiven Euro-Nationalismus führen sollte.
Andere zivilreligiöse Elemente haben als europäische Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Frieden und kulturelle Vielfalt insbesondere für Minderheiten eine besondere Bedeutung. Minderheiten in Regionen wie Schleswig-Holstein, Kärnten und Südtirol sehen in der EU eine Schutzzone, die ihre Rechte und ihre kulturelle Identität bewahrt. Viele Interviewpartner im empirischen Teil dieser Arbeit betonen, dass die EU ihnen Sicherheit und Stabilität bietet, die sie auf nationaler Ebene nicht immer erfahren. Gleichzeitig identifizieren sich viele Minderheiten stärker mit den europäischen Werten als die Mehrheitsbevölkerung.
Die empirische Analyse basiert auf Experteninterviews in den drei Minderheitenregionen. Diese Interviews zeigen, dass Minderheiten sich stark an der EU orientieren und die EU als Schutz vor nationalem Chauvinismus sehen. Es wird auch festgestellt, dass sich eine europäische Identität oft erst dann entwickelt, wenn die EU für den Einzelnen subjektive Bedeutsamkeit erlangt. Die Befragten betonten die Notwendigkeit, die europäische Identität durch größere politische Beteiligung und soziale Integration zu stärken.
Die Interviewpartner betonen auch die Notwendigkeit einer stärkeren politischen und sozialen Beteiligung zur Schaffung einer europäischen Identität. Die EU muss als ein Raum wahrgenommen werden, der Stabilität und Sicherheit bietet, besonders in Krisenzeiten. Es wird vorgeschlagen, dass ein neues europäisches Großprojekt, welches die Notwendigkeit und den Mehrwert der EU verdeutlicht, zur Stärkung der europäischen Identität beitragen könnte. Zudem wird die Bedeutung der Bildungspolitik hervorgehoben, um ein Gemeinschaftsgefühl zu fördern.
Auf Grundlage der ausgewerteten Interviews und der Ergebnisse der Eurobarometer-Umfragen führt die Arbeit neben Assimilation, Segregation und Integration mit ‚Konnexion‘ ein neues idealtypisches Element im Akkulturationsprozess ein. Dieses Modell soll helfen zu verstehen, wie europäische Identität in verschiedenen Kontexten von Einheit und Vielfalt durch gemeinsame Werte entwickelt und gestärkt werden kann. Das Modell der Konnexion beruht auf der dynamischen Verbindung von kultureller Vielfalt und gemeinschaftlichen Werten als Basis für eine europäische Identität.
Details
- Pages
- 342
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631944905
- ISBN (ePUB)
- 9783631944912
- ISBN (Softcover)
- 9783631944929
- DOI
- 10.3726/b23289
- Open Access
- CC-BY
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (May)
- Keywords
- Europäische Identität Zivilreligion Mimetische Theorie Einheit in Vielfalt als dynamische Integrationsfigur für eine europäische Identität Minderheiten Fallstudie Kärnten Südtirol Schleswig-Holstein Akkulturation Konnexion Identität sui generis
- Published
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 344 S., 3 Tab.
- Product Safety
- Peter Lang Group AG