Benediktiner in Ostafrika
Die Missionsstation Kloster Pugu im Kontext deutscher Kolonialherrschaft 1888/89
Summary
Vor dem Hintergrund des Kolonialismus untersucht die Arbeit das vielschichtige Verhältnis von politisch-kolonialem und religiösem Handeln. Sie analysiert, wie die benediktinische Mission zur deutschen Kolonisation durch die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) stand, und zeigt Gemeinsamkeiten sowie Differenzen auf. Dabei werden die Motive der Missionare ebenso wie der koloniale Kontext kritisch beleuchtet. Anhand verfügbarer Quellen wird zudem geprüft, ob die 1889 getöteten Benediktiner in Pugu als Kriegsopfer oder Märtyrer gelten können. Heute ist Pugu ein bedeutender Wallfahrtsort.
Excerpt
Table Of Contents
- Umschlag
- Titelseite
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- Vorwort
- Einleitung
- 1. Forschungsstand und Quellenlage
- 2. Fragestellungen im Kontext von Mission und Kolonisation
- 2.1 Beispiel Ostafrika und die Missionsstation Pugu
- 2.2 Verhältnis der benediktinischen Mission zur Kolonisation
- 2.3 Problematisierung der Wirkungsgeschichte der Zerstörung
- 3. Methodologische Vorbemerkungen
- 3.1 Kolonialismus als Grundlage und postkoloniale Reflexion
- 3.2 Benediktinische Missionsgeschichte im Imperialismus
- 4. Ziel und Aufbau der Arbeit
- TEIL I Historisch-politischer und theologischer Kontext
- 1. Historisch-politischer Kontext
- 1.1 Afrikanische Situation und europäisches Bild
- 1.2 Zamani – Ostafrika vor der Entdeckung der Europäer
- 1.3 Exkurs: Islam in Ostafrika
- 1.4 Entdeckung des Handels an der ostafrikanischen Küste
- 1.5 Die Vertreibung der Portugiesen und die Sultans-Herrschaft
- 1.6 Sklaverei in Ostafrika
- 1.7 Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei
- 1.8 Kolonialpolitik des Deutschen Reichs
- 1.9 Exkurs: Kulturkampf
- 1.10 Widerstand gegen die deutsche Kolonisation
- 1.10.1 Der Kolonialkrieg Araberaufstand 1888–1890
- 1.10.2 Zu den Widerstandsakteuren (Motive und Gründe)
- 1.10.3 Widerstand an der Küste Ostafrikas bis zur Seeblockade
- 1.10.4 Internationale Seeblockade an der Küste
- 1.10.5 Konklusionen
- 2. Theologischer Kontext
- 2.1 Zeitgenössisches Missionsverständnis
- 2.2 Missionsverständnis Ende des 19. Jahrhunderts
- 2.2.1 Entwicklungslinien
- 2.2.2 Kennzeichen des neuzeitlichen Missionsbegriffs
- 2.2.3 Missionsideal des 19. Jahrhunderts
- 2.2.4 Sklavereiabschaffung und Mission
- 2.2.5 Paradigmatische lehramtliche Dokumente zur Missionstätigkeit
- 2.2.6 Kritik am Beispiel Eurozentrismus
- 2.3 Weg der Mission zur Kolonialmission
- 2.4 Anfang christlicher Religion und Kultur in Ostafrika
- 2.5 Die Spiritaner (CSSp) in Deutsch-Ostafrika
- 3. Zwischenreflexion zum historisch-theologischen Kontext: Kolonialismus und Mission
- TEIL II Von St. Ottilien nach Pugu
- 1. Monastische Missionstätigkeit und St. Ottilien
- 1.1 Benediktinische Missionen des 19. Jahrhunderts
- 1.2 Amrheins missionsmethodische Überlegungen
- 1.3 Umzug vom Missionshaus Reichenbach nach St. Ottilien
- 2. Biographien der Pugu-Missionare
- 3. Gründung der Missionsstation Kloster Pugu
- 3.1 Verhandlungen über das Missionsgebiet
- 3.2 Vorbereitung der Missionsexpedition und Aufbruch
- 3.3 Errichtung der Missionsstation
- 4. Leben und Versuch der Mission in Pugu
- 4.1 Krankenpflege
- 4.2 Exkurs: Erste ethnologische Gehversuche
- 4.3 Suche nach einer weiteren Niederlassung
- 5. Zwischenreflexion zur Missionsstation Pugu: Methodik und Zeugnis der Benediktinermissionare
- TEIL III Zerstörung der Missionsstation Kloster Pugu
- 1. Folgen des Überfalls
- 1.1 Gefangenschaft als Geiselhaft
- 1.2 Befreiung der Geiseln
- 1.3 Vorgehen gegen die Täter von Pugu
- 2. Gründe für den Überfall auf Pugu
- 2.1 Wirtschaftlicher Antrieb
- 2.2 Deutschsein der Missionare
- 2.3 Unwissenheit als taktischer Fehler
- 2.4 Fazit
- 3. Instrumentalisierung von Islam und Christentum
- 4. Rezeption des Überfalls in Deutschland
- 4.1 Pugu in der Medienberichterstattung
- 4.2 Politische Reaktion im deutschen Reichstag
- 4.3 Werbung um Unterstützung in der Missionspublizistik
- Schlussreflexion: Benediktinermissionare von Pugu – Kriegsopfer oder auch Märtyrer?
- Making of – Wirkung, Wallfahrt, Wiedergründung in Pugu
- Quellenverzeichnis
- Archivmaterial
- Gedruckte Quellen
- Literaturverzeichnis
- Anhang
- Transkriptionen
- Fleschutz an Erzbischof Anton von Steichele 15.11.1888. (Erzbischöfliches Archiv München [EBA] K 11, Nr. 5)
- Auszüge aus Annalen St. Ottilien. (Archiv der Erzabtei St. Ottilien [ASO])
- Korrespondenz Andreas Amrhein (Briefe an Amrhein). (ASO)
- Fleschutz an Amrhein 18.5.1886
- Fleschutz an Amrhein 5.9.1886
- Fleschutz an Amrhein 9.9.1886
- Fleschutz an Amrhein 22.11.1886
- Fleschutz an Amrhein 12.09.1887
- Fleschutz an Amrhein 10.01.1889
- Br. Romuald an Amrhein und Mitbrüder 13.05.1888
- Archivalien zur Pugu-Zerstörung. (ASO Z.1.06)
- DOAG an Amrhein, 17.01.1889, handschriftl.
- [Bonifaz Fleschutz aus Sansibar] an Mission Türkenfeld 21.01.1889 (Telegramm).
- An Amrhein, Türkenfeld 21.01.1889 (Telegramm)
- [Bonifaz Fleschutz aus Sansibar] an Mission Türkenfeld 25.01.1889 (Telegramm).
- An Amrhein, Türkenfeld 03.02.1889 (Telegramm)
- DOAG an Fleschutz, Zanzibar 09.02.1889, handschriftl., 2 S.
- Schmidt an katholische Missionsgesellschaft, Dar Es Salaam, 05.06.1889, handschriftl., 2 S.
- DOAG an Amrhein, Berlin 01.08.1889, handschriftl.
- Schmidt an Amrhein, Zanzibar 02.09.1889, handschriftl.
- o. O., o. J., Sr. Benedikta, Notizen vom Überfall und Fehler, die in Pugu begangen wurden u zu dessen Unglück beitrugen, handschriftl. 5 S.
- Fleschutz an Präfekten der Propaganda Fide Kardinal Simeoni, handschriftl., 3 S. (Latein; Abschrift) Pugu, 1888. (ASO Z.1.08)
- Hermann [Br. Romuald] an Schengenpflug, handschriftl., Pugu, 22.04.1888, 4 S. (ASO Z.1.30)
- Questions about Pugu – written interview with Cardinal Pengo on 25/07/2022
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Pugu in der Apostolischen Präfektur Süd-Sansibar, bearbeitet vom Autor nach: Rivinius, Karl Josef, Andreas Amrhein OSB und die Anfänge der Benediktinermission in Ostafrika (Ottilianer Reihe 16), St. Ottilien 2019, 225
Abb. 2: Die Kämpfe des „Küstenaufstandes“ in Deutsch-Ostafrika 1888–1890, in: Herold, Heiko, Reichsgewalt bedeutet Seegewalt: Die Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine als Instrument der deutschen Kolonial und Weltpolitik 1885 bis 1901, München 2013, 155. (Urheber der Graphik: Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr)
Abb. 3: Evangelische Missionsstation Immanuelberg Daressalam, in: Sturtz, J. / Wangemann, J., Land und Leute in Deutsch-Ost-Afrika. Erinnerungen aus der ersten Zeit des Aufstandes und der Blokade. In 83 photographischen Original-Aufnahmen, Berlin 1890 (Herkunftsnachweis: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a. M.)
Abb. 4: Missionäre zu Pugu, in: Missionsblätter 1 (1887/89). (Herkunftsnachweis: Bayerische Staatsbibliothek München, 4 H.eccl. 524 lx-1, o. S.)
Abb. 5: Die Missionäre d. ersten Expedition der St. Benediktus-Missions-Genossensch., ausgesandt nach Deutsch-O.-Afrika, November 1887, in: Missionsblätter 1 (1887/89). (Herkunftsnachweis: Bayerische Staatsbibliothek München, 4 H.eccl. 524 lx-1, o. S.)
Abb. 6: Missionsschwestern zu Pugu, in: Missionsblätter 1 (1887/89). (Herkunftsnachweis: Bayerische Staatsbibliothek München, 4 H.eccl. 524 lx-1, o. S.)
Abb. 7: Handskizze der Missionsstation Pugu vom April/
Mai 1888, in: ASO Z.1.06
Abb. 8: Zeichnung Missionsstation Pugu, in: Die katholischen Missionen 17 (1889), 80 f (Bildrecht: ASO)
Abb. 9: Missionsstation Pugu, in: Missions-Kalender 3 (1890), 67 f. (Herkunftsnachweis: Bayerische Staatsbibliothek München, 4 H.eccl. 524 m-1/3, S. 67 f.)
Abb. 10: Die nach Pugu gebrachten vom Kreuzer Leipzig befreiten Sklaven: Ausschnitt aus Protokoll des Verhörs der durch Leutnant zur See Meyer befreiten Sklaven 25.12.1888, in: BA RM 38/15, 315 f., 316
Abb. 11: Kreuzer Leipzig, in: Sturtz, J./Wangemann, J., Land und Leute in Deutsch-Ost-Afrika. Erinnerungen aus der ersten Zeit des Aufstandes und der Blokade. In 83 photographischen Original-Aufnahmen, Berlin 1890. (Herkunftsnachweis: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a. M.)
Abb. 12: Dhaus an der Küste von Daressalam, in: Sturtz, J./
Wangemann, J., Land und Leute in Deutsch-Ost-Afrika. Erinnerungen aus der ersten Zeit des Aufstandes und der Blokade. In 83 photographischen Original-Aufnahmen, Berlin 1890. (Herkunftsnachweis: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a. M.)
Abb. 13: Haus der Gefangenschaft in Kondutschi [Konduchi], in: Gott will es! 1 (1889), 302. (Herkunftsnachweis: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a. M.)
Abb. 14: Zeitgenössische Gedenktafeln am Wallfahrtsort Pugu (Foto Autor, 2020)
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Anzahl der auf Sansibar, Pemba und an der Küste eingesetzten Sklaven
Tab. 2: Zwei Strophen aus Vita vya Bagamoyo
Vorwort
Vorliegende für den Druck durchgesehene Arbeit wurde im Sommersemester 2024 als Dissertation an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Paris Lodron Universität Salzburg zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Theologie angenommen. Ursprünglich angeregt wurde diese Arbeit durch eine Buchvorstellung bei missio München und einem daraus resultierenden Gespräch mit dem damaligen Abtpräses der Ottilianer Kongregation, Abt Jeremias Schröder. Er brachte mich auf die Idee, sich doch mit Pugu und seinen Nachwirkungen zu beschäftigen und zu diesem Themenfeld eine Arbeit anzufertigen.
Viele haben zum Entstehen und Gelingen dieses Vorhabens beigetragen. Zuvorderst möchte ich mich bei Univ.-Prof. Dr. Dietmar W. Winkler, Professor für Patristik und Kirchengeschichte, bedanken, der die Betreuung der Arbeit übernommen hat – für die stete positive Ermutigung und Motivation an diesem Thema (weiter)zuarbeiten. Daneben gilt mein Dank dem Nebenbetreuer der vorliegenden Arbeit, Univ.-Prof. Dr. Franz Gmainer-Pranzl, Professor für Theologie Interkulturell und Studium der Religionen, für seine Hinweise und die aufschlussreichen Gespräche. Assoz. Prof. Dr. Roland Cerny-Werner, Assoziierter Professor am Fachbereich Bibelwissenschaften/Kirchengeschichte, danke ich für die Erstellung des Zweitgutachtens.
Außerdem bedanke ich mich für die Beratung und Bereitstellung der Materialien beim Personal der für diese Arbeit genutzten Archive. Gedankt sei im Besonderen dem Archivar von St. Ottilien, Br. David Gantner OSB. Für die selbstlose Unterstützung bei Vorort-Forschungen in Tansania im Herbst 2020 danke ich Dr. Jovitus Mwijage, der mittlerweile Bischof seiner Heimatdiözese Bukoba ist, und dem inzwischen verstorbenen Br. Bakanja Mkenda OSB, der als Superior und Gastmeister der Prokura in Kurasini, Dar es Salaam, fungierte.
Für mühevolle Korrekturen und Kommentare danke ich sehr herzlich Dr. Sebastian Appolt und insbesondere Mag. Theol. Maximilian Mihatsch.
Für den großzügigen Druckkostenzuschuss sage ich Vergelt’s Gott bei Reinhard Kardinal Marx und der Erzdiözese München und Freising. Für die finanzielle Unterstützung und die Aufnahme der Studie in die Reihe Wissenschaft und Religion danke ich den Herausgebern, Univ.-Prof. Dr. Dietmar W. Winkler und Ao. Univ.-Prof. Dr. Alfred Rinnerthaler.
München, im Februar 2025
Christian Elsen
Einleitung
Im Jahr 2024 zählte die Kongregation der Missionsbenediktiner von St. Ottilien knapp 1.000 Mönche in weltweit 19 selbstständigen Klöstern und insgesamt 56 Niederlassungen in Afrika, Amerika, Asien und Europa. Gegründet wurde die Gemeinschaft, die nach mittelalterlichem Vorbild in einer Vorstellung des 19. Jahrhunderts das traditionelle benediktinische Leben mit der Missionstätigkeit verbinden sollte, 1884 vom Benediktiner Andreas Amrhein (1844–1927)1 aus dem Kloster Beuron. Seine Gründung in Reichenbach (Oberpfalz) fiel in die angespannte Situation des Kulturkampfes zwischen dem Deutschen Reich und der katholischen Kirche. Die Gemeinschaft – zunächst als Missionsgesellschaft bezeichnet – bestand aus einem weiblichen und einem männlichen Zweig. Diese sollten später jeweils zu eigenen Kongregationen erwachsen.2 Die Missionsgesellschaft wurde 1887 nach dem Umzug aus Reichenbach in der Ortschaft Emming (Oberbayern) sesshaft.3 Andreas Amrhein war von der Legende der Heiligen Ottilia, der Patronin der Schlosskapelle, so angetan, dass er den Weiler Emming in St. Ottilien umbenannte.
Der Legende nach soll die blinde Tochter Ottilia des Herzogs Eticho im 7. Jahrhundert bei der Taufe wieder sehend geworden sein. Unter dem Motto Licht den Blinden (Lumen caecis) wurde darum das Projekt, auf allen fünf Erdteilen das Evangelium zu verkünden, angegangen. Das Motto drückt den Missionsauftrag der Kongregation aus und soll bedeuten, das Evangelium als Licht in die Seele der Menschen zu bringen. Das Wappen der Missionsbenediktiner ziert ein fünfarmiger Leuchter – Symbol für das Licht – und ein Kreuz als Kennzeichen für Gottes Erlösungstat.4 Noch im gleichen Jahr der Sesshaftwerdung in Emming / St. Ottilien (1887) wurde die erste Missionarsgruppe nach Ostafrika ausgesandt und gründete 1888 in Pugu (heutiges Tansania) ihre erste Missionsstation. Trotz beziehungsweise gerade aufgrund der Zerstörung der ersten Missionsstation wuchs die Mitgliederzahl der Missionsgesellschaft in St. Ottilien in den darauffolgenden Jahren stetig an und es wurden erneut Missionare nach Ostafrika ausgesandt. Zeugnis für das außergewöhnliche Wirken nach dem herben Rückschlag des ersten Missionseinsatzes geben die Niederlassungsgründungen noch im gleichen Jahrhundert: in Dar es Salaam 1890, Kurasini 1894, Lukuledi 1895, Nyangao und Iringa 1896, Tosamaganga und Madibira 1897, Peramiho 1898 und Kigonsera 1899.5 Im Zuge der starken Expansion in St. Ottilien machte sich der weibliche Zweig der Missionsgesellschaft – die Missionsbenediktinerinnen – zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Tutzing selbstständig.
So entwickelte sich die Benediktinermission im Zuge des deutschen Kolonialismus. Die ersten Jahrzehnte der Missionsbenediktinerinnen und Missionsbenediktiner inmitten der politisch-kirchlichen Spannungsfelder des 19. Jahrhunderts bieten allein von den äußeren Rahmenbedingungen her Raum für mehrere Bücher. Die Forschung zur Gründung und Etablierung der Ottilianer Kongregation ist trotz mehrerer Studien6 noch längst nicht an ein Ende gelangt. Im Gegenteil lohnt eine Beschäftigung mit dem Beginn der Benediktiner in Ostafrika für ein tieferes Verständnis der Missionsgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts nach wie vor, um vor dem Hintergrund des Kolonialismus das Zusammenspiel politisch-kolonialistisch und religiös motivierten Handelns in seinem facettenreichen Verhältnis zu betrachten. Einen Beitrag dazu soll vorliegende Fallstudie im Kontext von Mission und Kolonialismus liefern. In ihr geht es mit dem Kloster Pugu im Kontext deutscher Kolonialherrschaft um einen umstrittenen und teilweise oberflächlich beachteten Teil der Ottilianer Geschichte.
Die Missionsstation St. Benedikt zu Pugu war das erste Kloster der jungen Kongregation der Missionsbenediktiner außerhalb Europas, 20 km südwestlich von Dar es Salaam gelegen, fußläufig in circa fünf Stunden erreichbar. Es lag auf einem Hügel im Land Usaramo, das von den Wasaramo, den Bewohnern des Landes, Pugu genannt wurde. Zum Aufbau der ersten Missionsstation wurden 14 Benediktinerinnen und Benediktiner entsandt: Br. Benedikt Kantwerk, Br. Wendelin Schön, Br. Petrus Michl, Br. Josef Irrgang, P. Bonifaz Fleschutz, Br. Fridolin Braun, Fr. Ildephons Kauer, Br. Rupert Hochberger, Br. Romuald Hofmann, Br. Emmeram Muth, Sr. Lioba Ellwanger, Sr. Benedicta Sivering, Sr. Martha Wansing und Sr. Raphaela Kamphaus.
Abb. 1: Pugu in der Apostolischen Präfektur Süd-Sansibar, bearbeitet vom Autor nach: Rivinius, Karl Josef, Andreas Amrhein OSB und die Anfänge der Benediktinermission in Ostafrika (Ottilianer Reihe 16), St. Ottilien 2019, 225.
Den Rahmen der Pugu-Mission bildete die deutsche koloniale Eroberung 1888/90. Der Versuch, die Gruppen der Kolonisierenden und der Kolonisierten mit jeweils homogenen Zielen darzustellen, ist offensichtlich zum Scheitern verurteilt. Schlüssig schildert dies die Ethnologin Anna-Maria Brandstetter 1997 in ihrer Untersuchung Kolonialismus. Wider die vereinfachenden Dichotomien.7 Innerhalb der beiden Gruppen mit ihren je eigenen Zielen gingen die Interessen weit auseinander:
Koloniale Akteure im engeren Sinn (Militärpersonal und Verwaltungsbeamte) und Akteure, die im Kolonialismus verstärkt Bedeutung erhielten (Handels-, Plantagen-, Bergbaugesellschaften, europäische Siedler und christliche Missionen) [sic!] bildeten ebenso wenig eine einheitliche Gruppe wie die Akteure auf Seiten der afrikanischen Gesellschaften.8
Welche Rolle spielten die Missionare? Mission wurde oft als Diffusion der Kultur vom Zentrum an die Ränder der Welt dargestellt. Die Rollenverteilung war dabei: Die Europäer sind die Gebenden und Lehrenden, die Missionierten außerhalb Europas sind die Empfangenden und Lernenden.
Die innerafrikanische Sklaverei sei schlimmer gewesen als der Kolonialismus, wäre das klassische Narrativ einer pauschalen Missionsverteidigung, dem es auf den Grund zu gehen bzw. zu widersprechen gilt. Mission war insgesamt ein vielfältiger, konfliktreicher Prozess, der der Erläuterung politischer Hintergründe und der differenzierten Darstellung der Gesellschaft vor Ort bedarf. Ausbeutung des globalen Südens und Angriffe auf dessen soziales Leben und Kultur gehörten zum Tagesgeschäft der westlichen Kolonisatoren. Neben der Modernisierung der kolonisierten Länder stellte die Kolonisierung für die Kolonisatoren einen enormen wirtschaftlichen Nutzen dar.9 Als friedlich galt die koloniale Wirtschaft nie. Die Organisation von Ökonomie und Handel war nach Karl Polanyi in der Geschichte kriegerisch und militärisch, und zwar als Hilfsmittel sowohl der Sklavenhändler als auch der Kolonialarmeen.10
Kulturelle Überlegenheit war Teil einer problematischen Mission vor Ort. So stellte die Ecumenical Association of Third World Theologians (EATWOT) 1976 in ihrer Schlusserklärung zurecht fest:
Unglücklicherweise waren auch die christlichen Kirchen in großem Maße Komplizen bei diesem Verfahren. Das geistliche Überlegenheitsgefühl der Christen gab ihnen die Legitimation für die Eroberung und manchmal sogar Ausrottung von „Heiden“. Die Theologie der Kolonisatoren war in den meisten Fällen auf die Rechtfertigung dieser Unmenschlichkeit abgestimmt.11
Zwar waren Christen in Eroberung und Unterdrückung verwickelt, doch die Kolonialismus-Kritik berief sich von Anfang an auch auf das Evangelium. Das Gegenüber von kolonialer Machtpolitik und christlicher Ethik steht als ständiges Spannungsfeld im Hintergrund der Geschichte der Benediktiner zwischen Handel und Widerstand in Ostafrika, da das gesamte koloniale System nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Trotzdem kann eine Analyse von Mission und Imperialismus – insbesondere zu verschiedenen Zeiten und bei unterschiedlichen Akteuren – weit auseinanderdriften.
Die vorliegende Arbeit wird Aufschluss über den Beginn der benediktinischen Evangelisierung und deren Probleme in Ostafrika geben. Die Studie will dazu beitragen, die benediktinische Mission in der kritischen Zeit des 19. Jahrhunderts kennenzulernen und zu erhellen, welche Nachwirkungen sie evozierte. Dreh- und Angelpunkt ist die erste von St. Ottilien ausgehende benediktinische Missionsstation Kloster St. Benedikt zu Pugu im Wirkungsbereich der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG). Betrachtet werden sollen Abläufe, Gründe und Motive von Errichtung, Leben und Zerstörung der Station sowie deren Rezeption. Während dieses ersten Missionseinsatzes mussten eine Missionarin und ein Missionar krankheitshalber nach Europa zurückgesandt werden, zwei starben an Krankheiten. Die Tötung dreier Missionare bei der Zerstörung im Zuge des Aufstandes der ostafrikanischen Küstenbevölkerung gegen die koloniale deutsche Eroberung, des sogenannten Araberaufstandes (1888–1890), sowie die anschließende Geisel-Gefangenschaft und Befreiung vierer Missionare bildeten einen Einschnitt. Heute ist dieses Zeugnis der ersten benediktinischen Afrikamission, die schon weniger als ein Jahr nach der Gründung wieder zerstört worden ist, ein hochfrequentierter Wallfahrtsort.
Bevor die weitere thematische Ausrichtung beziehungsweise richtungsweisende Fragestellungen vorgestellt werden und methodologische Vorbemerkungen folgen, soll zunächst ein Einblick in den Forschungsstand und die Quellenlage zum Beginn der benediktinischen Ostafrika-Mission und der ersten Missionsstation Kloster Pugu gegeben werden.
1. Forschungsstand und Quellenlage
Die Literatur zum Spannungsfeld von Mission und Kolonialismus ist zwar umfangreich und nahezu unübersehbar, aber der Beginn der Benediktinischen Mission in Ostafrika im Kontext der ersten Missionsstation in Pugu erfordert eine profunde Bearbeitung aus kirchenhistorischer Perspektive. Die Grundlagen historisch-wissenschaftlichen Arbeitens gelingen bei der historischen Forschung zur Mission nicht immer bzw. sind nicht immer gelungen. So ist die Frage in der geschichtstheoretischen Diskussion, wie sich das Geschehene zum gegenwärtigen Verstehenszusammenhang des Historikers verhält, zu berücksichtigen.12 Die Sozialisation und Traditionen sowie die politischen und religiösen Werteinstellungen des Historikers prägen sein Denken über die Vergangenheit.13 Dabei dürfen sprachphilosophische Überlegungen nicht vergessen werden, denn Sprache beeinflusst die Wahrnehmungen, die zur Wirklichkeit erhobenen Geschichte werden und ein bestimmtes Bild evozieren.14 Deshalb kann auch ein Versuch der (Re-)Konstruktion der Geschichte der ersten Missionsbenediktiner in Ostafrika sich immer nur in einer bestimmten Perspektive dem einstigen Geschehen nähern – einer Perspektive, die sich ihrer historischen Grundlagen, des hilfreichen Ausdrucks und der Herausforderungen in der Bearbeitung im Klaren ist.
Auf der internationalen Kongokonferenz 1885 in Berlin hatten die europäischen Mächte Afrika unter sich aufgeteilt. Lagen die ersten deutschen Kolonien in Afrika an der Atlantikküste, so entstand unter Kolonialpionier Carl Peters mit der DOAG eine Kolonie am Indischen Ozean. Sie war nach Inbesitznahme durch das Deutsche Reich 1889 mit 997.000 km2 das größte deutsche sogenannte Schutzgebiet.15 Zugleich war sie mit 7.750.000 Einwohnern die bevölkerungsreichste Kolonie des Deutschen Reiches bis 1919. Bei der insgesamt etwa 35 Jahre andauernden deutschen Kolonialherrschaft darf nicht unbeachtet gelassen werden, dass rund 275.000 Menschen in allen deutschen Kolonien im Widerstand gegen die Kolonialmacht der Deutschen ihr Leben lassen mussten.16
Zur Geschichte des heutigen Tansania vor der deutschen Okkupation bieten unter anderem Joseph Ki-Zerbo17 und Gideon Were mit Derek Wilson18 Zusammenfassungen an. Für den Überblick und manche Einzelheiten kann in der Geschichte zur deutschen Eroberung Ostafrikas auf Werke Jutta Bückendorfs19, Jan-Georg Deutschs20, Horst Gründers21, John Baurs22, Michael Peseks23, Heiko Herolds24, Heinz Schneppens25 und Fritz Ferdinand Müllers26 aufgebaut werden. Seit 1888 kam es immer wieder zu Aufständen der indigenen Bevölkerung gegen die koloniale Eroberung der DOAG.27 Mit brachialer Gewalt gingen die Kolonisatoren während des Aufstands der ostafrikanischen Küstenbevölkerung dagegen vor.28 Besonders die Bücher von John Iliffe29 und John Kieran30 sind im Zusammenhang mit dem Kolonialkrieg – dem sogenannten Araberaufstand – als sehr lohnenswert zu erwähnen.
Für die umfassende, detaillierte historische Rekonstruktion Pugus kann auf unterschiedliche Studien zu den ersten (Missions-)Benediktinerinnen und Benediktinern zurückgegriffen werden. Es gibt dazu einige Monographien. Der Erforschung der Gründungszeit St. Ottiliens widmeten sich früh Laurenz Kilger31, Leander Bopp32 und Bernita Walter33. Auch Siegfried Hertlein beschreibt im ersten Band der Geschichte der Abtei Ndanda ausführlich das Wirken der Benediktiner vor der Gründung von Ndanda und berichtet dabei auch von Beginn und Zerstörung Pugus.34 Im Jahr 2019 erschien ein grundlegendes Werk von Karl Josef Rivinius zu Andreas Amrhein und dem Beginn der Benediktinermission in Ostafrika.35 Rivinius trägt eine Fülle einzelner Fakten zusammen, stützt sich schwerpunktmäßig auf Kolonialakten und hält Archivalien St. Ottiliens außen vor. Rivinius’ Studie liefert eine „biographische Skizze“ zum Wirken Andreas Amrheins und eine Beschreibung der „Entstehung der St. Ottilianer Missionskongregation sowie deren Wirken in Ostafrika von 1888 bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs“36. Johannes Mahr legt mit erzählerischer Finesse in seinen Büchern zur Vorgeschichte der Abtei Münsterschwarzach37 sowie in Mönche unterwegs38 auch Beschreibungen zur Gründungszeit von St. Ottilien vor. Sigrid C. Alberts Arbeit von 2015 zur Geschichte der Erzabtei St. Ottilien und ihrer Kongregation39 zeichnet die Fakten mit den Archivmaterialien aus St. Ottilien nach. Ihre Studien beziehen aber kein originäres Quellenmaterial der Kolonialseite mit ein. Nicht zu vergessen sind zwei ältere Sammelbände „zum Werden und Wirken der Benediktinerkongregation von St. Ottilien“40, herausgegeben von Frumentius Renner, die jeweils in zwei Auflagen erschienen, die jedoch durch die Arbeiten von Rivnius und Albert für die hier zu untersuchende Thematik mit wissenschaftlichen Belegen im historischen Detail deutlich fundiert wurden. Nicht weiter berücksichtigt werden dabei allerdings Schriftgut und Quellen der Spiritaner-Missionare41, die Walter teilweise gehoben hatte. Die Untersuchung der Zerstörung Pugus, der anschließenden Ereignisse während der Geiselnahme und der Befreiung einer Missionarin und dreier Missionare haben auszugsweise bereits der Tansanier Sebastian Napachihi42 und der Niederländer Henricus Tullemans43 in ihren Dissertationen bearbeitet. Auch aus globalhistorischer Perspektive hat man sich partiell in breit angelegter Verflechtungsgeschichte mit dem Beginn der Benediktinermission in Pugu beschäftigt.44 Die Beschreibung der benediktinischen Missionsgesellschaft in Ostafrika und ihres Umfelds Ende der 1880er Jahre ist, unter Einbeziehung aller auffindbaren Fakten zur ersten Missionsstation, notwendig und wird in dieser Arbeit erstmalig umfassend angegangen. Im Besonderen widmet sich diese Arbeit der Perspektive der Missionare, deren Motiven und Beweggründen für ihr Handeln und Verhalten sowie den theologischen Hintergründen und Grundlagen, die eine breite Bemessungsgrundlage zur Verhältnisbestimmung von benediktinischer Mission und deutscher Kolonisation ermöglichen. Eine Zusammenschau der verschiedenen Materialgrundlagen und Perspektiven von Kolonial- und (benediktinischer) Missionsseite in einer neuen Arbeit steht an, weil die Rolle Pugus und der Tod von Missionaren einer Einordnung und Bewertung bedarf und sich durch die Untersuchungen zu den Forschungsfragen dieser Arbeit ein klares Bild des ersten benediktinischen Missionsversuchs ergibt.
Als (Primär-)Quellen dienen handschriftliche Quellen aus den Archiven der Erzabtei St. Ottilien, des Erzbistums München, des Auswärtigen Amtes Berlin, des Bundesarchives Berlin, des Bayerischen Hauptstaatsarchivs München, aus den Archiven der Missionsbenediktinerinnen Rom, der Abtei Münsterschwarzach, der Propaganda Fide Rom und aus den Tanzania National Archives Dar es Salaam. Eine interessante Quelle für den Mikrokontext sind unter anderem auch die Memoiren von Bruder Michael Hofer (1861–1937). Er war zwar nicht in Pugu selbst, aber der dritte Eintritt in die Missionsgesellschaft und der erste, der bis zum Lebensende dabeiblieb. Seine Lebenserinnerungen schrieb er im Rückgriff auf Tagebuchnotizen zwischen 1921 und 1929 nieder.45 Seine Notizen von der Anfangszeit Reichenbachs und St. Ottiliens haben großenteils dokumentarischen Wert, wobei „Br. Michael in all seinen Äußerungen in staunenswertem Maß das Echo des geistlichen Vaters [Andreas Amrhein]“46 war. Die bedeutsamsten gedruckten Quellen sind der Ottilianer Missions-Kalender, der seit 1888 erschien, die abteieigene Zeitschrift Missionsblätter, welche erst seit 1897 regelmäßig erschienen, die abteieigene Jugendzeitschrift Das Heidenkind47 und die Zeitschriften Gott will es!48 und Die katholischen Missionen49 sowie gedruckte Briefe, Schriften, Berichte und Bücher von Zeitzeugen. Die genannten Zeitschriften beziehen sich auf dieselben Quellen und erzählen daher oft wortgleich das Geschehen. Darüber hinaus existieren weitere gedruckte Quellen, wie Les Missions Catholiques, die Missionszeitschrift der Spiritaner, und die Annalen der Verbreitung des Glaubens, herausgegeben vom Ludwig-Missionsverein. Interessant und erheblich für diese Studie sind 162 transkribierte Briefe aus dem Archiv der Spiritaner in Bagamoyo beziehungsweise im Bischofsarchiv von Morogoro auf Französisch, Deutsch, Englisch und Swahili, die Tullemans im Rahmen seiner Dissertation gehoben hat.50 Diese bieten sowohl einen guten Überblick im Makrokontext als auch für die Ereignisse im Mikrokontext um Pugu.
Lumen caecis (Licht den Blinden) ist nicht nur das lateinische Motto der Missionsbenediktiner, sondern auch der Titel des internen Forum- und Mitteilungsblattes. Die Diskussion über die Zerstörung der ersten Missionsstation in diesem Mitteilungsblatt, die dort 2015 begann – unter anderem mit der Frage, ob die Ermordeten Märtyrer seien –, zeigt die Relevanz und Wirkung der Thematik bis heute.51 Zur Wirkungsgeschichte der ersten Missionsstation in Pugu selbst gibt es keine einschlägigen Publikationen. Ein kleiner Bericht und ein einzelnes Interview, welches ich selbst führen durfte, werden zur Schreibung der Wallfahrtsgeschichte herangezogen. Diese Quelle ist als schriftliche Antwort auf meine Fragen an den Initiator der Wallfahrt, den Tansanier Polycarp Kardinal Pengo (*1944), entstanden. Indem ich die Fragen vorgab, die meine Quelle beantwortete, habe ich gleichsam den Gegenstand selbst konstruiert, der ergründet werden soll. Insofern steht das Interview aus quellenkritischer Sicht unter dem Vorbehalt des Making of.
Nach Stuart Hall wird wohl auch diese Arbeit das bekannte Problem haben, dass wir aus Mangel an Quellen aus Afrika „im Falle Europas darunter leiden, daß es [Europa im Vergleich zu Afrika selbst] ununterbrochen spricht“52, weil von dort viele Quellen stammen. Die Gefahr besteht, nur den Blickwinkel der damaligen Chronisten des deutschen oder europäischen Sprachraums zu sehen, weil sie uns hauptsächlich überlieferten, was sie erlebten und sahen. Neben den genannten Dokumenten und Briefen als Quellen, die hauptsächlich von Weißen geschrieben wurden, gibt es auch afrikanische Zeugnisse in Form von verschiedenen Erzählgedichten (Utenzi), die die Lebensumstände der einheimischen Bewohnerinnen und Bewohner während der deutschen Kolonialepoche konferieren. Die Chronologie der historischen Handlungsabläufe wird durch Swahili-Gedichte, die als ein bedeutendes Merkmal dieser Zeit angesehen werden können, bereichert.53 Ein Utenzi ist eine poetische Form der afrikanischen Geschichtsschreibung in einer traditionellen Art des Versmaßes. Typisch für das Utenzi ist, dass es ein erzählendes Gedicht ist, welches eine Reihe von Ereignissen schildert und dazu einen Kommentar abgibt. Ein Utenzi wird verwendet, um Geschichten oder Themen zu erklären, die für das Zielpublikum ausführlich dargestellt werden sollen.54 Als Faktenquelle, mit dem wir bestimmte Ereignisse genau rekonstruieren können, ist das Utenzi hingegen weniger geeignet. Dabei müssen wir uns eher auf die Aussagen von europäischen Zeugen verlassen.55 Bei der Prüfung des Wahrheitscharakters historiographischer Poesie muss nämlich klar sein, dass diese Dichtung der Kommentar eines Einzelnen zu einem bestimmten Ereignis und kein akkurater historischer Bericht ist. Der Dichter musste innerhalb der formalen Grenzen der Poesie arbeiten, die Abweichungen von der historischen Faktizität nötig gemacht haben könnten. Das heißt, dass der Abgleich mit den historischen Rahmendaten immer unabdingbar ist.56 Es lassen sich dann aber sehr wohl Aussagen und Ableitungen aus den Erzählgedichten heraus treffen, wie wir in der vorliegenden Arbeit sehen werden, insbesondere z. B. in der Frage nach religiösen oder politischen Motiven. Für uns sind die Erzählgedichte interessant, wenn sie das Aufeinandertreffen von ostafrikanischer Küstenbevölkerung und Deutschen bei der deutschen Eroberung der Küste betreffen. Hauptsächlich wird uns das 632 Strophen umfassende Utenzi wa Vita vya Wadachi Kutamalaki Mrima (Das Gedicht über die deutsche Eroberung der Swahili-Küste) von 1307 A. H.57 (1889 A. D.) begegnen, das den Widerstand von Ostafrikanern gegen die deutsche Okkupation in der Küstenregion (1888–1890) behandelt. Es gehört zu einer besonderen Kategorie von Erzählungen. Das Gedicht stammt vom Dichter Hemedi bin Abdallah el Buhriy. Historisch gesehen ist es ein bemerkenswertes Werk; niemand kann von einer poetischen Dramatisierung einer Geschichte, die erst mündlich überliefert und erst Jahrzehnte später 1955 schriftlich niedergelegt wurde, erwarten, dass sie bis ins Detail genau ist. Abgesehen von einigen poetischen Freiheiten ist das Gedicht wohl eine autobiographische Beschreibung von Tatsachen. Lebendig und überzeugend finden sich in dem Gedicht die Gefühle der kolonisierten Völker an der Ostküste Afrikas in den Jahren der deutschen Eroberung.58 Es gibt verschiedene Ausgaben, die kurz vorgestellt werden sollen:59
Allen hat das Werk Utenzi wa Vita vya Wadachi Kutamalaki Mrima herausgegeben, übersetzt und mit ein paar Anmerkungen versehen. Die englische Übersetzung zeigt deutlich, dass es sich weniger um einen historischen Bericht handelt als mehr um eine stärker religiöse Version, die hauptsächlich die Einnahme von Pangani durch die Deutschen thematisiert.
[T]hey opened their books and the priests and monks studied them. They pored over the Zend Avesta, the Torah and the Gospels […] and they sign favourable to a war and they found that the Coast was the place to which they should go.60
Diese Stelle beispielsweise kann unbestreitbar nicht als eine korrekte Beschreibung der Vorbereitungen der Deutschen auf die Invasion angesehen werden. Allen hat aber keinen Versuch unternommen, die Erzählung mit historischen Fakten in Verbindung zu bringen.61 Spätere Ausgaben des Utenzis beziehungsweise deren Herausgeber haben sich der Verbindung mit historischen Fakten gewidmet: Der Sammelband Kala Shairi: German East Africa in Swahili poems ist dafür aufschlussreich.62 José Saavedra Casco hat die Erzählgedichte herausgegeben als Kriegsgedichte und in den Zusammenhang gestellt mit der deutschen Eroberung von Ostafrika. Er hat sich insbesondere mit der Frage nach der Swahili-Poesie als historische Quelle beschäftigt.63 Auch ein Werk von Carl Velten zu Swahili-Gedichten findet Berücksichtigung, der für das Erzählgedicht Vita vya Bagamoyo bereits eine deutsche Übersetzung angefertigt hat. Es handelt sich um eine Sammlung hauptsächlich aus den Jahren 1893 bis 1896.64
Die Gedichte dokumentieren aus historisch-kritischer Perspektive betrachtet nur oberflächlich das für die Studie zu untersuchende Geschehen. Aber sie sagen viel von den Gefühlen und Gedanken der Menschen aus. So kann zu dieser Poesie zusammenfassend mit Edward Said festgehalten werden:
[L]iterature not only mobilized active resistance to incursions from outside, but also contributed massively as the shaper, creator, agent of illumination within the realm of the colonised.65
2. Fragestellungen im Kontext von Mission und Kolonisation
Der Beginn der Benediktiner in Ostafrika beziehungsweise Werden, Wirken und Zerstörung der Missionsstation Kloster Pugu evozieren im Kontext deutscher Kolonialherrschaft verschiedene richtungsweisende Fragestellungen. Folgende thematische Ausrichtung soll einen Eindruck verschaffen, welche Überlegungen rund um die historische Skizze bedacht und berücksichtigt werden müssen und welche Fragestellungen reflektiert werden können.
Missionsgeschichte allgemein setzt sich mit Fakten wie westlicher Überheblichkeit oder imperialistischer Macht auseinander, die es zu untersuchen und zu bewerten gilt. Eine Tabuisierung von Missionsgeschichte wäre unredlich, weil sie nicht dem Schutz des wertvollen Geheimnisses der Weitergabe des Glaubens dient. Vielmehr würde eine tabuisierte Missionsgeschichte einen an sich falschen Grund für die Abwertung von Mission liefern.66 Die Studie verlangt zunächst nach einer klaren Übersicht über das historische und theologische Problem und die damit verbundenen Fragen. Die Forschungsergebnisse sollen einen Beitrag dazu leisten, den Beginn der benediktinischen Mission in die politisch aufgeladenen Debatten rund um Kolonialismus und Mission historisch und theologisch einzuordnen.
2.1 Beispiel Ostafrika und die Missionsstation Pugu
Die Kirche spielte in der Geschichte des Kolonialismus eine Doppelrolle: Auf der einen Seite war sie Verbündete – allerdings mit anderen Zielen – und auf der anderen Seite religiöses Korrektiv bei Differenzen. So hält die Ecumenical Association of Third World Theologians im Jahr 1976 fest: „In den frühen Phasen der westlichen Expansion waren die Kirchen Verbündete im Kolonisationsverfahren.“67 Im Imperialismus des 19. Jahrhunderts gaben statt den in der frühen Neuzeit vorherrschenden Mächten nun das Vereinigte Königreich, Frankreich und Deutschland im Kolonisationsverfahren den Ton an, indem sie die Welt untereinander aufteilten. Auch in dieser Phase scheint die Beobachtung der Verbündung von Kirche und imperialistischen Staaten offensichtlich, doch gilt es hier die unterschiedlichen Interessen und Ausrichtungen zu betrachten. Primäres kirchliches Interesse war die Ausbreitung des christlichen Glaubens und die Gewinnung neuer Gläubiger. Daher wurden in dieser Zeit zahlreiche neue Missionsgesellschaften gegründet. Zugleich waren Missionare in den Kolonien vor Ort, wurden dort Zeugen von Gewalt und Menschenverachtung und taten dies kund. So schildert beispielsweise Rebekka Habermas in ihrem Buch Skandal in Togo: Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft den Mikrokontext eines Skandals in einem Dorf in Togo. Ein Kolonialvorsteher hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrfach sein Amt missbraucht sowie eine 12-Jährige vergewaltigt. Die Steyler Missionare klagten ihn deshalb nicht nur an, sondern meldeten dies auch ins Deutsche Reich, sodass es darüber später sogar zu einer Debatte im Reichstag kam. Die Missionare kritisierten unter anderem auch das Verwaltungshandeln und die extreme Gewalt der Kolonisatoren. Im laufenden Prozess der verschiedenen Auseinandersetzungen kam es zu einer sechswöchigen Festsetzung der Steyler Missionare.68 Ohne auf die näheren Umstände eingehen oder Schlüsse ziehen zu wollen, soll dieser Fall exemplarisch zeigen, dass die Motive und Aktionen von Missionaren und Kolonialisten konfliktreich sein konnten. In beiden Fällen ging es um Ausweitung des eigenen Einflussbereichs – in einem Falle durch geopolitische Etablierung von Herrschaftsräumen, Prestige und Ressourcennutzung, im anderen Fall um Glaubensverbreitung und Mitgliedergewinnung.
Mission muss sich mit Kultur auseinandersetzen, um den Inhalt des Evangeliums konkret in die jeweilige Situation hinein übersetzen zu können,69 da der Missionsauftrag allen Völkern der Welt gilt (Mt 28, 19–20). Dabei ist der Begriff der Mission keiner, der die Ausbreitung des Evangeliums mit Macht und Gewalt rechtfertigt.70 Es geht nicht bloß um Kritik kolonialer Mission, sondern um eine theologische Klärung, was überhaupt mit Mission gemeint ist. Der Begriff Mission soll dabei theologisch differenziert untersucht werden mit Blick auf die Missionsenzykliken des späten 19. Jahrhunderts und deren theologische Interpretation.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die missionarische Tätigkeit der katholischen Kirche nach der Aufklärung, im Zuge der Aufhebung des Jesuitenordens, der Französischen Revolution und der Napoleonischen Wirren an einen Tiefpunkt gelangt. Mit der Wiedereröffnung der Propaganda Fide 1814 und der Gründung eines Vereins für die Missionen 1822 in Lyon wurde ein Neubeginn von Mission möglich.71 Während die Afrikamission Mitte des 19. Jahrhunderts noch wenig ausgeprägt war, änderte sich dies in den darauffolgenden Jahrzehnten aufgrund des allgemeinen Interesses für den Kontinent und die Inbesitznahme des Landes durch die Kolonialmächte, welche nun entsprechende missionarische Möglichkeiten bot.72 Wie die benediktinische Missionsgesellschaft das neuerrungene deutsche Gebiet als Wirkungsfeld für ihre Missionstätigkeit in Anspruch genommen hat, soll Untersuchungsgegenstand werden. Die Suche respektive Inbesitznahme des Ortes für die erste Missionsstation wird im Laufe der Studie Thema sein, da daran auch die Nähe und Distanz der Benediktinermissionare in Ostafrika zur deutschen Kolonialverwaltung sichtbar wird. Dabei stand die Diskussion über die Konfession der jeweiligen Mission, die entsprechende Aufteilung und die Nationalität der Missionare im Hintergrund. In Ostafrika arbeitete bereits die besonders in Bagamoyo an der Ostküste Afrikas präsente aus dem französischen Kulturraum kommende katholische Missionsgesellschaft der Spiritaner, der das Vikariat Sansibar anvertraut war. Nicht zu vergessen sind die protestantische Mission in Dar es Salaam und die Weißen Väter, die mit ihrem Gründer, Kardinal Lavigerie (1825–1892)73, bezüglich der Antisklavereibewegung virulent werden. Letztere betreuten drei Vikariate im Inneren Afrikas und standen allerdings nicht direkt in Kontakt mit den Benediktinern.
Die Beschaffenheit des konkreten Umfelds der benediktinischen Missionsgesellschaft Ende der 1880er Jahre erfordert eine Analyse, um weitere Desiderate beantworten zu können: In welchem konkreten Zusammenhang stehen Sklavenhandel, Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung unter anderem unter Abushiri ibn Salim al-Harthi (Abushiri), auch Buschiri genannt, und die Zerstörung der Missionsstation Pugu? Sind Widerstandskämpfer gegen die deutsche Eroberung beziehungsweise ihre Anführer wie Abushiri, Bwana Heri oder Seleman ben Seif als Freiheitskämpfer für die Freiheit Afrikas zu sehen? Welche Rolle spielte dabei das Deutschsein der Missionare? Welche Rolle spielte die Religion des Christentums bzw. des Islams bei der Zerstörung und im anschließenden Rezeptionsprozess? Quellen sprechen beispielsweise davon, dass die Station nicht überfallen worden wäre, wären die Angreifer darüber im Bilde gewesen, dass es sich um eine Missionsstation handelte. Die Missionare wiegten sich in Sicherheit ob ihres guten Verhältnisses zu den sie direkt umgebenden Bewohnern.
2.2 Verhältnis der benediktinischen Mission zur Kolonisation
Der Gründer der Missionsbenediktiner, Andreas Amrhein, ging schablonenhaft davon aus, dass der Heilige Bonifatius, den er als vorbildlichen Missionar der Deutschen verstand, im 8. Jahrhundert als Benediktinermissionar gewirkt hatte. Auch aus diesem Gedanken heraus stiftete er die benediktinische Missionsgesellschaft. Es ging um die Verbindung von Mission mit Coenobitentum in Stabilität und Klausur mit dem Charakteristikum des feierlichen Chorgebetes. Daher wird im Laufe der Arbeit der Frage nachgegangen, ob es eine spezifische Prägung benediktinischer Mission von Andreas Amrhein gab. Was sollte dabei eine benediktinische Lebensweise für die Mission beziehungsweise deren Methoden bewirken? Wie gestaltete sich dazu die Praxis in Pugu? Die Arbeit wird den Fragen nachgehen, inwiefern die benediktinische Missionsgesellschaft dem biblischen Missionsauftrag folgte und wie sie zur Ausbreitung des Evangeliums mit Macht und Gewalt stand. Diese Fragen sollen sowohl von den theoretischen Missionsmethoden als auch von der konkreten Umsetzung im Missionsalltag her erforscht werden. Denn nicht erst heute, schon zur Zeit der Dekolonisation rund um das Zweite Vatikanum wurde laut Peter Hünermann der missionierenden Kirche vorgeworfen, sie bilde selbst eine Art der Kolonisation ab, sie orientiere sich an der europäischen Kultur und habe gewachsene politische Identitäten und soziale Strukturen zerstört. Den Missionen wurde die Rolle des zivilisatorischen Helfers der Kolonialisierung zugeschrieben, und Mission und kulturelles Sendungsbewusstsein schienen untrennbar miteinander verknüpft.74 Die Problematik war auch der Kirche durchaus bewusst, weswegen sie bereits bei der Errichtung der Congregatio de Propaganda Fide 1622 auf die Ablösung von Kolonialmächten und die Entpolitisierung der Mission gedrängt hatte.75
Eine daraus resultierende bedeutende Forschungsfrage für unsere Studie ist im Anschluss an Horst Gründer, der die christliche Mission allgemein vor allem als „Partner der europäischen Kolonialeroberung“76 beschrieb: Wie gestaltete sich das Verhältnis der beginnenden benediktinischen Mission zur deutschen Kolonisation durch die DOAG in Ostafrika und worin lagen die Differenzen und Übereinstimmungen in dieser Beziehung? Nachgegangen werden soll dabei der gegenseitigen Unterstützung und etwaigen Problematik der Kollaboration. War die benediktinische Mission Mittel zur Ausbeutung der Kolonisierten beziehungsweise waren die Benediktiner zu Beginn ihrer Mission Helfer der Wirtschaftsausbeutung durch Europäer und Kollaborateure des kolonialen Imperialismus?
Über Detailfragen hinaus lautet eine weitere richtungsweisende Forschungsfrage im Rahmen der Studie, bei der die Perspektive der Benediktiner zu untersuchen ist: Was waren die Motive und Beweggründe der Benediktinermissionare in Pugu für ihr Handeln und Verhalten? Diese Frage ist zu klären, weil insbesondere der Tod einiger Missionare im Rahmen des Widerstands der ostafrikanischen Küstenbevölkerung die Frage evoziert, ob die verstorbenen Missionare als Märtyrer zu charakterisieren sind. Dazu sollen unter anderem Leben und Werk der Pugu-Missionare zur Analyse der Motive in der Arbeit ausgewertet werden. Obwohl sich der Glaube als entscheidendes Motiv aus sozialer und psychologischer Sicht nicht erforschen lässt, muss er wohl dennoch als verhaltensbestimmend anerkannt werden. Grundsätzlich war die Lebenserwartung der Missionare aufgrund von Klima, Malaria, Gelbfieber und Gewalt sehr gering.
Daneben soll im Fortgang der Arbeit kursorisch untersucht werden, wie sich christliche Mission im Zuge des Kolonialismus aus dem Blickwinkel der autochthonen Bevölkerung darstellte. Wie nahm sie die Missionare wahr? Dies ist deshalb von Interesse, weil dadurch die Historie nicht allein durch den Blick der Kolonialherren geprägt wird und die damaligen Bewohner des Landes eine Stimme erhalten. Allerdings wird die Arbeit aufgrund der Quellenlage dabei an ihre Grenzen stoßen, weil nur Berichte von Europäern darüber ansatzweise Auskunft geben.
2.3 Problematisierung der Wirkungsgeschichte der Zerstörung
Außerdem soll die Wirkungsgeschichte der Ereignisse um die Missionsstation untersucht werden: Wie nahm die Reichsregierung beziehungsweise der Reichstag in Berlin die Zerstörung Pugus auf und welche Konsequenzen wurden daraus gezogen?
Noch im Jahr der Zerstörung wurde beispielsweise vom Kirchenhistoriker und Rektor des Campo Santo Teutonico in Rom, Anton de Waal, ein Laien-Theaterstück Tim, der Negerknabe verfasst, welches das Schicksal der ersten Benediktinermissionare auf zahlreichen Theaterbühnen zur Aufführung brachte. Als Forschungsobjekt kann das Stück das damalige Selbstverständnis von katholischer Mission im Spannungsfeld von Sklavereibekämpfung und Befürwortung deutscher Kolonien aufzeigen.77
Welche Bedeutung hat die Zerstörung der Station und Tötung dreier Missionare für die Kirche in Tansania und die Missionsbenediktiner in der Folgezeit bis heute? Heute ist Pugu ein Priorat der Benediktiner, und jedes Jahr ist es in der Erzdiözese Dar es Salaam Tradition, zum Gedenken an die getöteten Benediktinermissionare auf dem sogenannten „Hügel der Hoffnung“78 in Pugu Eucharistie zu feiern. Es scheint, dass der ungeklärte Märtyrerstatus kein Hemmschuh für die Verehrung ist. Die Menschen kommen dort aus ganz Tansania an einem ihrer Meinung nach heiligen Ort zu Kreuzweg, Beichte, Eucharistie und Gebet zusammen. Es soll gefragt werden, warum diese Bedeutung Pugus und die Verehrung in Pugu erst so spät begann, über 100 Jahre nach der Zerstörung des ersten Benediktinerklosters.
3. Methodologische Vorbemerkungen
Bei der historisch-kritischen Untersuchung soll auf der einen Seite archivalische Quellenforschung mit den Originalen aus den Archiven stehen, auf der anderen die Auswertung des relevanten sekundären historischen und missions-wissenschaftlichen Schrifttums und der ausgewählten Literatur zur Geschichte und Bevölkerung des Landes.
Die Herstellung des Kontexts zum weltpolitischen Hintergrund, zur Sklavenfrage und zum Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung basiert im Wesentlichen auf den Ergebnissen der Sekundärliteraturauswertung. Der kirchliche Hintergrund wird darüber hinaus mit den lehramtlichen Originaldokumenten hergestellt. Diese Beschreibung bietet den Ausgangspunkt für die quellengestützten Analysen, was sowohl die reale Situation als auch die Motivation für die Gründung, den Aufbau, das Leben, die Arbeit und die Zerstörung der Missionsstation angeht und die anschließende Geiselhaft und Befreiung sowie die Rezeption des gesamten Geschehens. Gedeutet und interpretiert werden dabei jeweils Originalquellen.
Indem der Benediktiner Andreas Amrhein, der Gründer der Missionsgesellschaft von St. Ottilien, seine Geschichte der frühen Benediktiner und von Missionsbewegungen erzählt und deutet, um seine Pläne zu begründen, schreibt er exemplarisch Geschichte und konstruiert seine Deutung. Seine Auffassung wurde wirkmächtig, weil sie in verschiedenen Perspektiven anschlussfähig war: an die Missionsgeschichte, die Katholiken und die Kolonialisten – bewusst vermeidet er in seiner ministeriellen Eingabe zur Gründung eines deutschen Seminars der ausländischen Mission das Wort benediktinisch, um seine monastischen Absichten zu verbergen.79 Leben und Denken stehen so in einer spannungsvollen Einheit. Das gilt nicht nur für Amrhein, sondern für alle Akteure im Mikrokontext dieses Themas, auf deren überlieferter Grundlage die Ereignisse interpretiert werden.
Details
- Pages
- 544
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631944660
- ISBN (ePUB)
- 9783631944677
- ISBN (Hardcover)
- 9783631944653
- DOI
- 10.3726/b23278
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (March)
- Keywords
- Benediktinerinnen/Benediktiner deutsche Kolonialherrschaft Pugu benediktinische Mission Kolonialismus Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft
- Published
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 544 S., 14 s/w Abb., 2 Tab.
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