Adlige im evangelischen Kirchendienst
Möglichkeiten von Personalakten für eine Adelsgeschichte der Moderne
Summary
Excerpt
Table Of Contents
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Hingabe
- Inhaltsverzeichnis
- Tabellen
- Vorwort und Danksagungen
- Liste der Abkürzungen
- Kapitel 1 Einleitung
- 1.1 Erkenntnisinteresse
- 1.1.1 Forschungsüberblick
- 1.1.2 Untersuchungszeitraum
- 1.1.3 Begriffsdefinitionen
- 1.2 Methode und Vorgehensweise
- 1.2.1 Methode
- 1.2.2 Personalakten in der historischen Forschung
- 1.2.3 Vorgehensweise
- 1.3 Quellen
- Kapitel 2 Statistische Daten
- 2.1 Rahmenbedingungen
- 2.2 Der Adel im hauptamtlichen Dienst der Landeskirche
- 2.2.1 Leitende Positionen
- 2.2.1.1 Oberkonsistorialpräsident, Kirchenpräsident und Landesbischof
- 2.2.1.2 Oberkonsistorium, Landeskirchenrat und Konsistorien
- 2.2.1.3 Synode
- 2.2.2 Positionen in der Kirchengemeinde und Lehre
- 2.2.2.1 Predigtamts- und Pfarramtskandidaten, Pfarrer
- 2.2.2.2 Professoren, Lehrerinnen und Lehrer
- 2.2.2.3 Hauptamtliche Gemeindehelfer und Diakone
- 2.2.2.4 Kirchenmusiker
- 2.2.3 Andere kirchliche Stellen und Institutionen
- 2.3 Zusammenfassung
- Kapitel 3 Kapitalien
- 3.1 Kulturelles Kapital: Bildung und Ausbildung
- 3.1.1 Rahmenbedingungen
- 3.1.2 Bildung für den Beruf und darüber hinaus
- 3.1.2.1 Der Erwerb formeller Bildungspatente
- 3.1.2.2 Berufsbezogene Bildung
- 3.1.2.3 Weitere Fähigkeiten und Fertigkeiten
- 3.1.3 Zusammenfassung
- 3.2 Soziales Kapital: Die Bedeutung von Familie und Tradition
- 3.2.1 Rahmenbedingungen
- 3.2.2 Tradition und Familie: Das soziale Kapital der Untersuchungsgruppe
- 3.2.2.1 Vertikales und horizontales Familienbewusstsein
- 3.2.2.2 Herkunft und Tradition
- 3.2.3 Zusammenfassung
- 3.3 Ökonomisches Kapital
- 3.3.1 Rahmenbedingungen
- 3.3.2 Die finanziellen Aspekte des geistlichen Amtes
- 3.3.3 Zusammenfassung
- 3.4 Symbolisches Kapital
- 3.4.1 Rahmenbedingungen
- 3.4.2 Bildung, Erziehung und wirtschaftliche Lage: Das symbolische Kapital
- 3.4.3 Zusammenfassung
- Kapitel 4 Amtsauffassung
- 4.1 Der Weg in das geistliche Amt
- 4.1.1 Rahmenbedingungen
- 4.1.2 Der Weg Adliger in das geistliche Amt
- 4.1.2.1 Zwischen zielgerichteter Ausbildung und breitem Studium
- 4.1.2.2 Die Attraktivität des geistlichen Amtes
- 4.1.2.3 Das geistliche Amt als Alternative
- 4.1.2.4 Akademische Grade und das geistliche Amt
- 4.1.3 Zusammenfassung
- 4.2 Verständnis vom Dienst als Pfarrer
- 4.2.1 Rahmenbedingungen
- 4.2.2 Die Amtsführung adliger Pfarrer
- 4.2.2.1 Der Alltag: Predigtdienst, Glaube und aktive Amtsführung
- 4.2.2.2 Das geistliche Amt als Dienst
- 4.2.2.3 Die repräsentative Wirkung adliger Amtsträger
- 4.2.2.4 Die Stellung der Pfarrer in der Kirchengemeinde
- 4.2.2.5 Die Ökumene und andere Religionen
- 4.2.3 Zusammenfassung
- Kapitel 5 Praxis
- 5.1 Agieren in Gemeinde und Kirchenhierarchie
- 5.1.1 Rahmenbedingungen
- 5.1.2 Adlige als Amtsträger in der Gemeinde
- 5.1.3 Zusammenfassung
- 5.2 Adlige Amtsträger und der Staat
- 5.2.1 Rahmenbedingungen
- 5.2.2 Adlige Amtsträger und der Staat
- 5.2.2.1 Adlige Pfarrer und das Militär
- 5.2.2.2 Zugehörigkeit zu Organisationen und Parteien
- 5.2.2.3 Antisemitismus
- 5.2.2.4 Kritik, Repressionen und „Kirchenkampf“
- 5.2.2.5 Aufarbeitung der NS-Zeit
- 5.2.3 Zusammenfassung
- Kapitel 6 Schlussbetrachtung: Adel und evangelische Kirche
- 6.1 Welche Personen adliger Herkunft wählen den Kirchendienst?
- 6.2 Wie verstehen adlige Geistliche ihr Amt?
- 6.3 Wie agieren adlige Geistliche?
- 6.4 Adeligkeit und das geistliche Amt: Ein Widerspruch?
- Quellen und Literatur
- Ungedruckte Quellen
- Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv, Freiburg im Breisgau
- Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde
- Deutsche Forschungsgemeinschaft
- Divers
- NSDAP-Mitgliederkartei
- Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof
- Personalakten des Reichsjustizministeriums
- Sammlung Berlin Document Center
- Deutsches Adelsarchiv, Marburg
- Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Nürnberg
- Divers
- Nachlässe
- Personalakten
- Gedruckte Quellen und Literatur
- Anhang: Kirchliche Einrichtungen ohne Adelsanteil
- Ortsregister
- Namensregister
Tabellen
Tabelle 1: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Oberkonsistorialräten
Tabelle 2: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Mitgliedern des Landeskirchenrates mit Kirchenpräsident (1923–1930) und Landesbischof (ab 1934)
Tabelle 3: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Mitgliedern des Kirchenregiments (bis 1937) und des Landeskirchenrates (ab 1948) im Ruhestand
Tabelle 4: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an diversen Positionen in der Landeskirchenstelle Ansbach
Tabelle 5: Potenzieller Adelsanteil für den Vorstand des Konsistoriums in Ansbach
Tabelle 6: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Konsistorialräten in Ansbach
Tabelle 7: Potenzieller Adelsanteil für den Vorstand des Konsistoriums in Bayreuth
Tabelle 8: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil am Präsidium der Landessynode
Tabelle 9: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil am Landessynodalausschuss
Tabelle 10: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Predigtamts- und Pfarramtskandidaten
Tabelle 11: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an der Pfarrerschaft im aktiven Dienst
Tabelle 12: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Amtsaushilfen
Tabelle 13: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil im Bereich Geistliche im Dienst der Inneren und/oder Äußeren Mission sowie in sonstiger Verwendung
Tabelle 14: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil im Amt des Landesjugendpfarrers
Tabelle 15: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den fortgeführten Geistlichen
Tabelle 16: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den emeritierten und pensionierten Pfarrern sowie den Pfarrern im dauerhaften und zeitlichen Ruhestand
Tabelle 17: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Personen im Wartestand
Tabelle 18: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Kriegsvermissten
Tabelle 19: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Professoren/Dozenten der Universität Erlangen(-Nürnberg)
Tabelle 20: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Religionslehrern geistlichen Standes
Tabelle 21: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Katecheten
Tabelle 22: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den katechetischen Kräften auf Dienstvertrag
Tabelle 23: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den hauptamtlichen Gemeindehelfern und Diakonen
Tabelle 24: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den hauptamtlichen Kirchenmusikern
Tabelle 25: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil im Predigerseminar Nürnberg/Erlangen/Bayreuth
Tabelle 26: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Hilfsreferenten
Tabelle 27: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil „Beamte sowie Angestellte mit gehobener Dienstesaufgabe oder längerer Dienstzeit“ (1948–1955)/„Angestellte mit gehobener Dienstaufgabe oder längerer Dienstzeit“ (1958–1964)
Tabelle 28: Potenzieller/verifizierter Adelsanteil an den Mitarbeitenden des Amtes für Gemeindedienst
Tabelle 29: Positionen im Personalstand der bayerischen Landeskirche ohne Adelsanteil
Vorwort und Danksagungen
Die Grundlage dieses Buches bildet meine Dissertation, die im September 2024 durch den Fachbereich 07 Geschichts- und Kulturwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als Promotionsleistung angenommen wurde. Für die Publikation wurde sie geringfügig gekürzt und überarbeitet.
Diese wissenschaftliche Arbeit trägt zwar den Namen einer einzelnen Person als Verfasser auf dem Titel, ohne die Unterstützung vieler weiterer Menschen wäre sie jedoch nicht in dieser Form entstanden.
Mein herzlicher Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den von mir konsultierten Archiven und Bibliotheken, die mich stets kompetent, engagiert und geduldig beraten haben – und die mir dabei halfen, im Dschungel der Informationen die Orientierung nicht zu verlieren. Stellvertretend hierfür möchte ich Dr. Daniel Schönwald (Landeskirchliches Archiv Nürnberg) und Gottfried Graf Finck von Finckenstein sowie Dr. Marion Stein (beide Deutsches Adelsarchiv Marburg) nennen. Das Adelsarchiv in Marburg mit seinen Beständen und seiner Bibliothek und insbesondere die freundlichen Auskünfte und Hinweise Frau Dr. Steins waren instruktiv für meine genealogischen Recherchen.
Ich bin meinem Doktorvater Prof. Dr. Markus Raasch zu großem Dank verpflichtet. Er hat mein Forschungsvorhaben engagiert, beständig, mit Empathie und Sachverstand begleitet und so meinen wissenschaftlichen Horizont erweitert. Ich danke ihm darüber hinaus für die Förderung der Publikation dieser Arbeit.
Es freut mich sehr, dass Prof. Dr. Michael Kißener und Prof. Dr. Andreas Rödder das zweite und dritte Gutachten übernommen haben. Ihnen verdanke ich wertvolle Hinweise und Anregungen im persönlichen Austausch.
Die Möglichkeit, die Thesen der eigenen Arbeit im Kontext eines Oberseminars, Kolloquiums oder Kandidatenseminars erproben und schärfen zu können, war sehr hilfreich für mich. Ich danke PD Dr. Bernhard Dietz (Universität Mainz), Prof. Dr. Philipp Gassert (Universität Mannheim), Prof. Dr. Michael Kißener (Universität Mainz), Prof. Dr. Ferdinand Kramer (LMU München), Prof. Dr. Markus Raasch (Universität Mainz), Prof. Dr. Joachim Scholtyseck (Universität Bonn), Prof. Dr. Matthias Stickler (Universität Würzburg) und Prof. Daniel Ziblatt, Ph. D. (Harvard University) für diese Gelegenheit.
Außerdem erinnere ich mich gerne an die regelmäßigen Treffen mit den anderen Doktorandinnen und Doktoranden von Prof. Raasch. Diese boten ein ausgesprochen inspirierendes, motivierendes und kollegiales Umfeld, das ich sehr geschätzt habe.
Für das Interesse an meinem Thema und die freundliche Unterstützung danke ich Prof. Dr. Sabine Ullmann (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) und Prof. Dr. Britta Kägler (Universität Passau).
Der Eichstätter Universitätsstiftung möchte ich für die Gewährung eines großzügigen Abschlussstipendiums danken, das die Fertigstellung dieser Arbeit wesentlich erleichtert hat.
Für die freundliche Aufnahme meiner Studie in ihre Publikationsreihe gilt mein herzlicher Dank den Professoren Dr. Michael Kißener, Dr. Jan Kusber, Dr. Andreas Rödder und Dr. Matthias Schnettger.
Mein besonderer Dank richtet sich an meine Frau Imke und an meine Eltern. Durch ihre Unterstützung und Ermutigung war es mir möglich, meine wissenschaftlichen Interessen zu verfolgen. Ihnen ist deshalb dieses Buch gewidmet.
Johannes Erich Schweigardt
Gunzenhausen, im November 2025
Liste der Abkürzungen
a. A.= an der Aisch
a. D.= außer Dienst
a. M.= am Main
Art.= Artikel
B. K.= Bekennende Kirche
bayr.= bayerisch
Bd.= Band
BDM= Bund Deutscher Mädel
bzw.= beziehungsweise
ca.= zirka
CSU= Christlich-Soziale Union
CVJM= Christlicher Verein Junger Männer
d. h.= das heißt
DAG= Deutsche Adelsgenossenschaft
DC= Deutsche Christen
Ders.= Derselbe
Diss.= Dissertation
Dr.= Doktor
ds. Js.= dieses Jahres
e. V.= eingetragener Verein
ebd.= ebenda
Ev.-luth.= Evangelisch-lutherisch
FKK= Freikörperkultur
Frhrn.= Freiherren
geb.= geborene
hg.= herausgegeben
HJ= Hitlerjugend
i. B.= in Bayern
i. Opf.= in der Oberpfalz
Jg.= Jahrgang
Jh.= Jahrhundert
Lic. theol.= Lizentiat der Theologie
LKR= Landeskirchenrat
lt.= laut
NN-Sache= Nacht-und-Nebel-Sache
NS= Nationalsozialismus
NSDAP= Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
o. J.= ohne Jahr
Obb.= Oberbayern
Opf.= Oberpfalz
Patr.= Patronat
PoW= Prisoner of War
Prof.= Professor
S.= Seite
SA= Sturmabteilung
SD= Sicherheitsdienst
Sp.= Spalte
SS= Schutzstaffel
u.= und
u. ä.= und Ähnliches
u. a.= unter anderem
übs.= übersetzt
v.= von
VELKD= Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands
vgl.= vergleiche
z. B.= zum Beispiel
z. T.= zum Teil
Einleitung
1.1 Erkenntnisinteresse
Was ist die Essenz des Adels in der Moderne? Für den Feuilletonisten Jens Jessen stellt der europäische Adel „eine Art genetisches Weltkulturerbe“1 dar. Er hat auch mentale Spuren hinterlassen: „Geblieben vom Adel ist […] die Sehnsucht nach ihm – nach einem Rang, der weder mühevoll errungen werden muss noch jederzeit wieder verloren werden kann.“2 Er begann „der Gesellschaft zu fehlen […], kaum dass er abgetreten war.“3 Es bleibe damit ein Platz in der Gesellschaft der Moderne vakant. Jessens Urteil wirft die Frage auf, wie sich der Adel in der Moderne noch definieren lässt, nachdem die gewohnten Privilegien sukzessiv verschwanden. Für den ostelbischen Adel nach 1945 hat Michael Seelig diesen Zustand pointiert zusammengefasst: „Seine Adeligkeit war unsicher geworden“.4 Damit beschreibt er eine Entwicklung, die bereits lange vor dem Jahr 1945 einsetzt, und von welcher nicht nur der ostelbische Adel betroffen war.
Diese Verunsicherung zeigt sich auch an den medial, juristisch und fachwissenschaftlich geführten Debatten und Auseinandersetzungen um Entschädigungsforderungen von Nachkommen des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. gegenüber dem Staat. Stephan Malinowski beschreibt prägnant die Vehemenz, mit der dieser Diskurs bisweilen geführt wurde: „Wie eine Raumkapsel im Rückflug trat im Juli 2019 das in der Öffentlichkeit bislang fast unsichtbare ‚Haus‘ Hohenzollern plötzlich in die publizistische Atmosphäre ein, begann dort stark zu glühen und schlug hart auf republikanischem Boden auf.“5 Offensichtlich sind Fragen nach der Geschichte des Adels und seiner heutigen Rolle immer noch relevant, dabei sehr umstritten, und ihre vielfältigen Implikationen prägen weiterhin die Gegenwart.
Weniger publikumsträchtig, aber aufschlussreich ist in diesem Sinne die Frage nach den Adligen im Kirchendienst. Dabei war die Kirche über die Jahrhunderte eine wichtige Möglichkeit für den Adel, um Einfluss auszuüben. Auch waren Konfession und Adel stets eng verbunden. Welche Rolle spielte der Adel im Kirchendienst in einer Zeit, die von zunehmendem Wandel geprägt war? Stellte die Kirche nach 1871 noch einen attraktiven Rahmen für den Adel dar, um sich zu engagieren? Wie viele Adlige gab es noch im hauptamtlichen Kirchendienst? Über welche Ausgangsbedingungen verfügten sie? Wie verstanden sie ihr Amt und wie handelten sie? Letztlich: Waren Adeligkeit und ein geistliches Amt noch vereinbar? Solche Fragen möchte diese Arbeit beantworten und auf diese Weise einen instruktiven Beitrag sowohl zur Adels- als auch zur Kirchengeschichte der Moderne leisten.
1.1.1 Forschungsüberblick
Die Forschung zum Adel in der Moderne prosperiert.6 Dies erscheint zunächst paradox: Begrenzt man die Sichtweise allein auf seine politische Macht, so geriete die Adelsgeschichte der Moderne in eine Legitimationskrise. Denn: Das Interesse der Forschung zu Mittelalter und Früher Neuzeit an der Gruppe des Adels ist leicht begründbar – traten Macht und Herrschaftsstruktur in den Mittelpunkt, so galt es stets, die Rolle des Adels zu untersuchen, da dieser zur Struktur der Herrschaft gehörte.7 Seit etwa 1800 war der Adel aber mit einem drastischen Verlust seiner althergebrachten Privilegien konfrontiert. Als „distinkte, ständische Kultur“8 blieb er präsent. Ewald Frie schätzt die Kontinuitäten adligen Lebens, die über die Schwelle von 1800 hinaus reichen, entgegen dem ersten Anschein als signifikant ein.9 Die ältere geschichtswissenschaftliche Forschung befasste sich dennoch für die Zeit ab 1800 bevorzugt mit der Arbeiterbewegung und dem Bürgertum, da der Adel als bloßer Verlierer der Modernisierungsprozesse erschien.10
Die Adelsforschung für das 20. Jahrhundert sieht ihre Protagonisten nicht mehr primär als politische Entscheidungsträger, sondern sie fokussiert auf „andere soziale Räume, lokale Handlungszusammenhänge, familiale Strategien und die individuelle Verarbeitung von Erfahrungen“.11 Michael Seelig kontrastiert dies wie folgt: Definierte sich der Adel in Deutschland vor 1945 noch durch „Anspruch auf Herrschaft und Führung“, so sei für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts „eine zunehmende Innenleitung von Adel oder Adligsein“ im Selbstverständnis des Adels und in seiner Praxis eingetreten. Der ostelbische Adel habe nach 1945 keine Eigenschaften mehr für sich in Anspruch genommen, die mit einer herausragenden gesellschaftlichen Wirkung verbunden waren. Er sah sich vielmehr „als eine Art Alltagselite, als […] Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen, die sich in ihrem alltäglichen Leben durch herausragende Qualitäten auszeichneten.“ Im privaten Alltag konnte damit die adlige Lebenswelt ungeachtet gesellschaftlicher Zweifel fortbestehen.12 Es wird zu zeigen sein, ob auch bei der Untersuchungsgruppe der adligen Pfarrer in dieser Arbeit eine zunehmende Innenleitung des Adligseins festzustellen ist – oder ob dies im Kontext eines ganzheitlichen Amtsverständnisses für die Protagonisten gar nicht vorstellbar war und ihr Adligsein deshalb mit anderen Begriffen beschrieben werden muss.
Der Nationalökonom Werner Sombart und der Historiker Rudolf Braun prägten den Begriff vom „Obenbleiben“13 des Adels, der als Kernkompetenz des Adels seit der Frühen Neuzeit gesehen wurde.14 Heinz Reif verweist auf „die vielfältigen Möglichkeiten des Adels“ für „restabilisierende Defensivbündnisse“ mit den Kirchen, Bauern oder dem alten Mittelstand, da auch diese durch den Modernisierungsprozess herausgefordert wurden.15 Allerdings, wie Eckart Conze bilanziert, fokussiert sich die jüngere Adelsforschung auf die „Gleichzeitigkeit von Niedergangsphänomenen und adeligen Erfolgen im Ringen um das ‚Obenbleiben‘“, da sich Erfolge oder Misserfolge auf unterschiedliche Bereiche beziehen können.16 So diagnostiziert Michael Seelig, dass die „These vom Niedergang des gesamten Adels in der Moderne“ nicht haltbar wäre, pauschal ein „Obenbleiben“ des ostelbischen Adels nach 1945 festzustellen jedoch ebenso, auch wenn dieser als gesellschaftliche Gruppe weiterhin bestand. Einzelne Adlige würden weiterhin reüssieren, allerdings zumeist nicht (nur) aufgrund ihrer Adeligkeit. Kollektiv bleibe die Gruppe „Adel“ aufgrund ihrer Qualitäten damit nicht oben.17 Dies wirft die Frage auf: Was könnte ein „Obenbleiben“ für den Adel in der evangelischen Kirche bedeuten? Erfolg als Pfarrer in Form gut besuchter Gottesdienste, hervorragender dienstlicher Beurteilungen oder die Bekleidung einer herausgehobenen kirchlichen Stellung? Oder überhaupt eine relevante Zahl Adliger, die ein geistliches Amt bekleideten? War das „Obenbleiben“ in diesem Bereich individuell zu verstehen oder profitierte damit „der“ Adel kollektiv als Sozialformation in Form größerer Sichtbarkeit oder mit höherem Einfluss?
Mittlerweile liegen zur Erforschung des Adels in der Moderne einschlägige Überblicksdarstellungen und Handbücher vor.18 Die bislang zu konstatierenden Forschungsschwerpunkte offerieren eine große Bandbreite, die Fragen zu Adel und Politik ebenso berücksichtigen wie das adlige Selbstverständnis oder das Zusammenspiel von Adel und der übrigen Gesellschaft in Form von Niedergang und „Obenbleiben“.19 Heinz Reif stellte 2012 fest: „Die Forschung zur Adelsgeschichte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hat in den vergangenen zwei Dekaden solide Wissensgrundlagen erarbeitet und eine Reihe neuer Forschungsfragen aufgeworfen.“20 Auch in der bayerischen Landesgeschichte hat die Adelsforschung ihren Niederschlag gefunden.21 Grundlegende Fragen zur Struktur der bayerischen Adelslandschaft wurden bereits beantwortet und sind deshalb eine wichtige Ausgangsbasis.22
Schon vereinzelt findet sich in der Forschung die Verbindung von Katholizismus und Adel repräsentiert, so etwa in dem Band „Adeligkeit, Katholizismus, Mythos“.23 Dieser zeigt in seinen Beiträgen einige Facetten des Titels auf, die sich indes primär auf lebensweltliche Aspekte konzentrieren. Empirisch-statistische Fragestellungen sind kaum von Bedeutung.24 Das Vorhandensein eines spezifisch katholischen Milieus25 und der politische Katholizismus26 dürften das Interesse der Forschung bereits früher auf den katholischen Adel gelenkt haben. Insgesamt ist davon auszugehen, dass die stärkere Zersplitterung der evangelischen Kirche eine Erforschung der Rolle des Adels auf kirchlichem Gebiet bislang gehemmt hat.27 Die evangelische Kirche war damit bislang noch kein relevanter Untersuchungsgegenstand der Adelsforschung. Darüber hinaus ist der Zusammenhang zwischen Adeligkeit, Konfession und Lebenswelt kaum in der Literatur thematisiert worden. Wie Markus Raasch bemängelt, liegt bislang eine dezidierte Würdigung des Zusammenspiels von Adel und Religion noch nicht vor. Bereits vorliegende Beiträge, etwa in Lexika, wären inhaltlich unzureichend ausdifferenziert angelegt bei einem fehlenden Fokus auf die tatsächlich gelebte Religiosität.28 So liegt etwa ein Artikel zu dem Lemma „Kirche“ im Kleinen Lexikon des Adels vor, in dem der Autor feststellt, dass die Zeit der funktionalen Einbindung von Religion und Kirche, etwa für die Stabilisierung der Sozialhierarchie, in der Moderne vorbei sei. Religion wäre als Privatsache anzusehen. Lediglich christlich motivierter karitativer Arbeit spricht er gesellschaftliche Relevanz zu.29 Der aktuellen adelsgeschichtlichen Forschung entspricht das nicht unbedingt. Stephan Malinowski etwa führt im Theorieteil seiner Dissertation „Vom König zum Führer“ ganz selbstverständlich unter den verschiedenen Analysekategorien an dritter Stelle die Position „Konfession“ auf und konstatiert, dass sich der katholische Adel anders gegenüber dem Nationalsozialismus verhalten habe als die preußisch-protestantische Mehrheit.30 Sowohl Malinowski als auch Conze warnen allerdings davor, die Konfession als kausales Erklärmodell für politisches Verhalten heranzuziehen, einfache „Passepartout-Qualitäten“31 (Eckart Conze) kommen ihr nicht zu. Wie indes zu beobachten ist, wird die religiöse Ausrichtung Adliger oftmals lediglich als Hilfsmittel herangezogen, um anders gelagerte Fragestellungen, etwa die nach politischem Engagement oder der ökonomischen Situation, zu klären.32 Gleichzeitig ist dieses Forschungsfeld vernachlässigt worden. Noch 2007 forderte Monika Wienfort weiterführende Untersuchungen, um die Rolle der Konfession in Bezug auf das Verhältnis Adliger zum Nationalsozialismus trennschärfer definieren zu können.33 Im Jahr 2014 konstatierte Christiane Schwarz zu dem gleichen Thema: „Der Zusammenhang von Adeligsein und Konfession ist bisher völlig außen vor geblieben.“34 Dies zeigt sich verschiedentlich in der Literatur. So berücksichtigt Anne von Kamp die protestantische Religion in ihrer Studie über die Freiherren von Erffa durchaus, die Ergebnisse finden ihren Niederschlag aber lediglich auf wenigen Seiten im Großkapitel „Adelige Selbstsicht und das Auftreten nach außen“.35 Conzes Arbeit zu den Grafen von Bernstorff hingegen widmet sich ebenfalls in einem Abschnitt der Religion, jedoch nur dem Kirchenpatronat im Kontext der Rechte des grundbesitzenden Adels.36 In beiden Fällen wird die Rolle der Konfession selbst kaum beachtet. Vice versa spielt der Adel im kirchenhistorischen Bereich kaum eine Rolle.37 Im Handbuch der Geschichte der evangelischen Kirche in Bayern38 liegt kein einschlägiger Beitrag dazu vor, obwohl das adlige Engagement zumindest peripher gewürdigt wird. Werner K. Blessing stellt fest, dass durch die guts- und standesherrlichen Patronatsrechte der Einfluss des Adels, gerade im „Adelsland Franken“, im 19. Jahrhundert hoch blieb. Die Standesherren Castell und Öttingen behielten ihren Platz im Kirchengebet, die Fürsten Löwenstein-Wertheim und die Grafen Giech hatten zunächst eigene Mediatkonsistorien.39 Die Beschäftigung mit dem adligen Einfluss in der Kirche bleibt damit fragmentarisch. Einige Facetten der Thematik fanden einstweilen das Interesse der Forschung, etwa zu den adligen Patronatsrechten.40 Damit wird auch die institutionelle Einbindung der Kirchenbehörden in den Staat deutlich, die Auseinandersetzungen um kirchliche Angelegenheiten stets zu einer öffentlichen Angelegenheit machte. Einzelne Adlige sind bereits in wissenschaftlichen Beiträgen gewürdigt worden41, und auch das adlige kirchliche Engagement wurde bereits in Ansätzen quantitativ vermessen.42 Abseits dieser Aspekte, die sich vor allem auf rechtliche und politische Fragen konzentrieren, hat die kirchenhistorische Forschung allerdings den Adel in der Moderne kaum beachtet.
Die Konfession war bis in die Moderne hinein für den Adel ein wichtiges, identitätsbildendes Merkmal.43 Systematische Studien auf empirischer Basis bieten deshalb die Chance, durch die Beachtung der Konfession den Adel selbst und seinen Fortbestand in der Moderne besser zu verstehen: Wie reagierte der Adel auf den gesellschaftlichen Wandel und auf den Einfluss von Säkularisierung oder Konfessionalisierung?44 Wurden diese Parameter in eine Strategie eingebunden, um als Adel sozial distinkt zu bleiben? Änderte sich unter diesem Eindruck die Bedeutung der Konfession für die einzelnen Adligen? Was sagt dies über das Selbstverständnis des Adels in der Moderne aus? Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Lebenswelt und Konfession offeriert zudem ein wichtiges Korrektiv zu einer möglicherweise verzerrten und voreingenommenen Selbststilisierung Adliger. Für alle diese Aspekte ist es wichtig, einen längeren Zeitraum zu betrachten, da nur so langfristige Prozesse erkannt werden können.
Die vorliegende Studie fokussiert auf institutioneller Ebene auf die evangelische Kirche in Bayern. Diese bildete die kirchliche Heimat für die meisten nichtkatholischen Christen in Bayern, wie Wilhelm Volkert betont. Dieser hat das in Bayern vorfindbare kirchliche System als „Staatskirchentum“ beschrieben, was nicht zuletzt darin seinen Ausdruck fand, dass der König ihm zu Beginn des Untersuchungszeitraumes als summus episcopus vorstand.45 Institutionell ist die Fokussierung auf Bayern auch nach der Gründung des Kaiserreichs sinnvoll: Werner Blessing schreibt, dass trotz der Gründung des Kaiserreichs „die Einzelstaaten den maßgeblichen Rechtsraum“ für die Kirchen darstellten und ihnen „den politischen Rahmen“ setzten.46 Die Konzentration auf die bayerische Landeskirche bietet noch einen weiteren Vorteil: Die ungleiche Verteilung der protestantischen Bevölkerung in Bayern47 erlaubt dabei am Beispiel von nur einer Landeskirche den Vergleich adligen Engagements in stärker katholisch wie in stärker evangelisch geprägten Gebieten: Über den Raum des heutigen Bayerns lassen sich so typologische Vergleiche ziehen, die das Gesamtbild differenzieren und vertiefen. Die bereits aus adelshistorischer und kirchenhistorischer Perspektive vorliegenden Arbeiten sind außerdem für den Anschluss einer systematischen empirischen Studie gut geeignet. Christoph Franke konstatiert, dass für den bayerischen Adel kaum Familiengeschichten vorliegen, die eine solide Studie auf der strukturellen Grundlage des Familienverbandes erlauben.48 Deshalb erscheint die Wahl der Landeskirche als Institution mit breiter Quellenbasis auch aus der Perspektive der Adelsforschung vorteilhaft. Überdies scheint aus adelshistorischer Perspektive ein Blick auf den evangelischen Adel abseits von Preußen ohnehin ratsam, um neue Perspektiven zu erschließen.49
1.1.2 Untersuchungszeitraum
Der Untersuchungszeitraum umfasst die Zeit von 1871 bis 1964 und überschreitet damit verschiedene politikgeschichtliche Zäsuren: Er umfasst sowohl die Zeit des Kaiserreichs und der Monarchie in Bayern als auch die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und die frühe Bundesrepublik. Dieser Umstand bietet neue Perspektiven und nimmt Anregungen aus der Forschung auf. Dazu zählt beispielsweise eine Feststellung aus einem Sammelband zu Aristokratismus und Moderne: „Kulturgeschichtliche Betrachtungsweisen verlangen geradezu nach einer Aufweichung etablierter Epochenzuordnungen, zumal wenn diese an politischen Zäsuren wie 1871, 1918 und 1933 festgemacht werden.“50 Die Betrachtung des 20. Jahrhunderts unter Einbeziehung der „Entfaltung der Hochmoderne“ in den späten 1880er Jahren51 könne dazu beitragen, die Perspektiven einer Adelsgeschichte in der Moderne zu erweitern, indem sie eine zu starke Fokussierung auf rein politikhistorisch determinierte Zäsuren vermeidet. Eckart Conze sieht eine „historische Kleinteiligkeit des 20. Jahrhunderts“52 in dessen erster Hälfte. Bei einer Begrenzung des Untersuchungszeitraumes einer Studie etwa auf die Weimarer Republik oder das „Dritte Reich“ bestehe die Gefahr, längerfristige Entwicklungen, die politikhistorische Zäsuren überschreiten, auszublenden. Adelsgeschichte sei dabei nicht isoliert zu sehen, sondern mit der jeweils umgebenden Gesellschaft verbunden. Sie ist stets auch „die Geschichte jener politischen Ordnungen, sozialen Bedingungen und kulturellen Räume, in denen der Adel existierte, in denen er ‚obenblieb‘, niederging, sich behauptete, mit anderen sozialen Gruppen rivalisierte“53, wie Conze weiter erklärt. Die lange Dauer adliger Existenz ermögliche damit Aussagen zum Verhältnis von Kontinuität und Wandel54 und leiste einen Beitrag zur Erforschung der allgemeinen Geschichte. Georg Wagner-Kyora sieht die Vorteile eines langen Untersuchungszeitraumes in Bezug auf kollektivbiografische Untersuchungen darin, dass so langfristig wirksame Mentalitäten und Identitätskonstruktionen analysiert werden können.55
Ein breit angelegter Untersuchungszeitraum ermöglicht Aussagen zur kontrovers diskutierten Frage, ob Moderne und Säkularisierung gleichzusetzen sind. Bereits Thomas Nipperdey sprach sich dafür aus, die Religion in der Moderne als Gegenstand historischer Forschung stärker zu berücksichtigen. Er plädierte für eine Sicht auf die „Religion als ein Stück Deutungskultur, die die ganze Wirklichkeit der Lebenswelt konstituiert“. Sie bietet damit „eine Perspektive auf die allgemeine Geschichte“, da sie sowohl das Leben von Menschen beeinflusste als auch gesellschaftliche Strukturen und Prozesse sowie den Bereich der Politik prägte.56 Nipperdey verweist darauf, dass die „ungeheure Schärfe des konfessionellen Antagonismus“ offenbar größere gesellschaftliche Bedeutung im Kaiserreich hatte als der Gegensatz zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen. Trotz der Kooperation in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen charakterisiert er die konfessionelle Spaltung als „eine der fundamentalen alltäglichen und vitalen Grundtatsachen des deutschen Lebens“, sie zeitigte als „entscheidende Wirklichkeit des deutschen Lebens, des Denkens, des Selbstverständnisses“ großen Einfluss, auch auf die Politik.57 Einen linearen Niedergang des Religiösen sieht auch Jürgen Osterhammel für die Zeit nach 1800 in Westeuropa nicht, trotz einer „verhaltene[n]“ Säkularisierung ab ungefähr 1850. In Deutschland blieb der kirchliche Einfluss auf das Wohlfahrtwesen und das Erziehungswesen groß, der konfessionelle Gegensatz stark und die Volkskultur religiös geprägt. Den bürgerlichen Habitus beschreibt er ebenfalls als christlich grundiert, was sich in der Frömmigkeitspraxis und den Moralvorstellungen ausdrückte.58 Mit Osterhammel kann der Begriff der „Säkularisierung“ als „De-Christianisierung“ verstanden werden, der sich etwa auf den persönlichen Glauben, die Partizipation an religiösen Praktiken oder auch die Rolle der Religion in Öffentlichkeit und Gesellschaft auswirkt.59 Hans Joas weist darauf hin, dass allerdings bereits vor dem Beginn möglicher Säkularisierungsprozesse nicht von einer homogenen Religiosität ausgegangen werden kann, und es damit nicht nur Phasen hoher Glaubensintensität gab: So sei zeitweise das Glaubenswissen selbst im Klerus mangelhaft gewesen oder der Gottesdienstbesuch aus Sicht der Kirchenleitung wenig zufriedenstellend, weshalb zu seiner Hebung rechtliche Vorschriften erlassen wurden. In der Summe: „Das Bild von einer braven und einfältigen Volksfrömmigkeit ist eine romantische Vergangenheitsidealisierung.“60 Olaf Blaschke und Frank-Michael Kuhlemann sehen es zwar als eine Wirkung der Säkularisierung an, dass sich im Schulwesen, der Sozialpolitik und Wissenschaft Institutionen aus der kirchlichen Bindung lösten, dieser Prozess sei indes nicht mit einer vollständigen Entchristlichung gleichzusetzen. Für die persönliche Lebensführung, als Deutungskultur und Orientierungsmacht bleibt die Religion aus ihrer Sicht im Kaiserreich damit weiterhin wichtig.61
Die Periode zwischen 1830 und 1970 bezeichnet Olaf Blaschke als ein „Zweites Konfessionelles Zeitalter“. Für ihn folgt die Visualisierung verschiedener Intensitätsgrade der Konfessionalisierung in diesem Zeitraum der Form einer Parabel: einem „großen Bogen von rund 150 Jahren“62. Blaschke kritisiert mit seinem Ansatz die seiner Ansicht nach falsche Blickrichtung der Forschung: Unter anderem aus dem im Rückgang begriffenen Kirchenbesuch werde gefolgert, dass die Religion seit 1800 einem kontinuierlichen Niedergang ausgesetzt war. Dem gegenüber sieht er eine „eindrucksvolle Renaissance von Religion und konfessionellen Verhaltensmustern“ im fraglichen Zeitraum.63 Zwar wären Kirchenbesuchszahlen, Priesterweihen oder Klosterbeitritte bereits vor 1900 und besonders in den 1960er Jahren tatsächlich im Rückgang gewesen. Allerdings: „Zur Fallkurve der Frömmigkeit im 20. Jahrhundert gehört jedoch ihre Aufstiegsgeschichte im frühen 19. Jahrhundert.“64 Dabei sei ein wachsender Konfessionalismus zu beobachten gewesen, der neue Konfliktlinien in der Gesellschaft aufwarf. Berücksichtige man diese Entwicklung nicht, so erschienen viele historische Entwicklungen unverständlich. Dennoch sehe die Sozialgeschichte bislang die Religion lediglich vor allem als bloßen Widerpart gegen Staat und Moderne. Durch das Überschreiten gewohnter Zäsuren sieht er die Chance für neue Erkenntnisse der Forschung. Indem Religion und Konfession als Gegenstände der Sozialgeschichte ernstgenommen würden, könne gesellschaftlicher Wandel besser erklärt werden – Blaschke sieht die Konfessionalisierung im 19. Jahrhundert als „Basisprozeß mit massiven Auswirkungen“ an. Die damit einhergehende Makroperspektive schärfe den Blick für politische und gesellschaftliche Prozesse, die damit besser erklärt werden könnten.65
Als Alternative zu der Form einer Parabel geht Hans Joas von einem Wellenmodell der europäischen Geschichte der Säkularisierung aus: Von Frankreich ausgehend habe sich ab 1791 bis ungefähr 1803 die erste Welle ausgebreitet, die dritte Welle in Westeuropa schließlich von 1969 bis 1973. Joas sieht beide Wellen als transnationale Phänomene an. Die zweite, zeitlich ausgedehntere Welle hingegen verortet er zu jeweils verschiedenen Zeitpunkten in Europa und sieht sie mit den Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozessen des 19. Jahrhunderts verbunden, die tiefgreifende Änderungen der sozialen Struktur verursachten. Für Joas sind diese Prozesse jedoch keine einfachen Auslöser der Säkularisierung, er sieht sie vielmehr als Herausforderungen für die christlichen Kirchen, auf die diese Antworten finden mussten.66
Blaschke wiederum negiert säkulare Tendenzen ebenfalls nicht. Vielmehr spricht er sich dafür aus, dass Religion und Konfession gleichrangig zu diesen in der Betrachtung stehen sollten.67 Der Autor sieht sein Konzept als „Alternativperspektive“ und ruft dazu auf, weitere Daten zu sammeln, um seine These „der langen Flugkurve“ zu überprüfen.68 Thomas Brechenmacher sieht zwar die Säkularisierung als große Tendenz der westlichen Moderne, wenngleich das Schlagwort selbst und die damit verbundenen Prognosen nach dem weitgehenden Verschwinden des Religiösen Kritik und Differenzierung erfahren haben, wie er schreibt.69
Auch am Ende des Untersuchungszeitraumes war der christliche Glaube in der Gesellschaft präsent: Noch in der frühen Bundesrepublik „gaben die Kirchen die Standards von Verhalten und Moral vor, auch wenn sich diese aus ihren ursprünglich christlichen Bezügen längst gelöst hatten.“70 Für die Zeit unmittelbar nach 1945 sieht Kristian Buchna sogar einen Anstieg des konfessionellen Selbstbewusstseins. Hatte zuvor noch der Nationalsozialismus auf eine umfassende Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens abgezielt, so besannen sich beide christliche Kirchen nun verstärkt auf ihre konfessionelle Identität, die sich nunmehr frei entfalten konnte. Wie Buchna urteilt, ging dies bisweilen auch zulasten des konfessionellen Friedens, wie der Blick auf kirchenleitende Organe, Dorf- und Familiengemeinschaften sowie die Parteienpolitik zeige. Wenn man den breitenwirksamen Faktor der Konfession nicht berücksichtige, so erschienen die sich daran entzündenden Konflikte in Politik, Kirche und Gesellschaft unverständlich, so Buchna weiter, der die 1950er Jahre auch als „konfessionelles Jahrzehnt“ anspricht. Individualisierung, Liberalisierung und Säkularisierung sieht er dafür als ursächlich an, dass Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre seltener auftraten, denn die konfessionellen Gegensätze nivellierten sich.71 Michael Fellner schreibt, dass in den 1950er Jahren noch in ländlichen, katholisch geprägten Regionen der sonntägliche Gottesdienstbesuch, die Pflicht zur Osterbeichte sowie die Teilnahme an Hochfesten zumeist unhinterfragte Selbstverständlichkeit war, die der sozialen Kontrolle unterlag. Insbesondere die Personen, bei denen Modernisierungseffekte eine starke Verunsicherung auslösten, suchten weiterhin die Nähe der Kirche, die damit etwa in Fragen der Lebensführung eine Orientierungsmacht blieb. Damit blieb sie für Fellner weiterhin Ferment zeittypischer konservativer Grundströmungen. Die katholische Kirche konnte damit in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten weiterhin eine positive Frequentierung ihrer Gottesdienste verzeichnen, besaß Ansehen und Einfluss auf die Gesellschaft. Er sieht Anfang der 1950er Jahre aber bereits erste „Risse“ im traditionellen bayerischen Katholizismus, so wurden etwa zunehmend religiöse Vereine oder kirchliches Brauchtum aufgegeben. Damit erscheint die Nachkriegszeit für Fellner in kirchlicher Hinsicht ambivalent.72 Dennoch sieht Thomas Brechenmacher die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bilanzierend als säkulares Zeitalter an, in welchem der „Glaube an Gott optional geworden“ war.73
Mit dem Adel und der Kirche sind damit zwei Bereiche Schwerpunkt dieser Untersuchung, die unter einem besonderen Rechtfertigungsdruck in der modernen Gesellschaft standen.74 Deshalb erscheint es sinnvoll, mit der Betrachtung adliger Amtsträger und -trägerinnen beide Bereiche zu verbinden. Die Betrachtung dieser Verbindung erlaubt eine Antwort darauf, ob Adel und Kirche mit dem Ziel, neue Macht und Einfluss zu generieren, eine Allianz bildeten, womöglich ein „restabilisierendes Defensivbündnis“ (Heinz Reif), oder ob die gesellschaftliche Entwicklung von adligen Pfarrern auf eine ganz andere Weise wahrgenommen wurde. Was bedeuteten adliger Einfluss und adliges Engagement für die Kirche in der Moderne noch? Nahm der Adel, nahmen Adlige wichtigen Einfluss auf die Struktur der Kirche und besetzten sie Schlüsselstellen, oder sind sie eine zu vernachlässigende Größe am Rande der Landeskirche, gar ein Modernisierungshemmnis gegen das Bürgertum und primär mit den eigenen Herausforderungen beschäftigt? Es wird zu zeigen sein, ob sich diese Personen als Angehörige einer ehemaligen Führungsschicht verstanden und der Adel damit als gesellschaftliche Gruppe im Raum der Kirche präsent blieb oder ob das Amtsverständnis als Geistlicher primäre Determinante des dienstlichen Wirkens war. Durch den langen Untersuchungszeitraum ist ferner nicht nur eine Aussage dazu möglich, ob diese Pfarrer eine Konfessionalisierung erlebten oder einen „Sog der Säkularisierung“, sondern auch zu einer möglichen Entwicklung dieser Phänomene. Somit wird durch die angemessene Berücksichtigung der Diskussion um die gesellschaftliche Relevanz der Religion in der Moderne ein besseres Verständnis der Entwicklung der Gesellschaft im Allgemeinen erreicht.
In der Summe ergeben sich für die vorliegende Arbeit vornehmlich drei relevante Kontextbereiche: Es wird erstens um Kontinuität und Diskontinuität im Allgemeinen und um das Verhältnis zwischen Säkularisierung und Konfessionalisierung im Besonderen gehen. Zweitens sind Fragen zu dem Verhältnis von Adeligkeit und Konfession von besonderem Interesse sowie drittens das Verhältnis zwischen dem Adel und dem Bürgertum.
Der Beginn des Untersuchungszeitraumes wird von einer Phase des Übergangs charakterisiert. Wie Werner Blessing schreibt, orientierten sich die bayerischen Protestanten in den 1860er Jahren kulturell zunehmend in Richtung Preußen und nahmen im Gegenzug den Katholizismus in ihrer unmittelbaren Umgebung nur noch am Rande wahr. Ihre Lage besserte sich erheblich mit der Reichsgründung 1871, da sie sich nun nicht mehr als Minderheit in katholisch dominierter Umgebung verstanden, sondern als Teil des protestantisch dominierten Kaiserreiches, dem die Aura des Erfolgs anhaftete. Blessing diagnostiziert außerdem ein Gefühl der kulturellen Hegemonie unter den Protestanten, das durch die Politik des Kulturkampfes75 und das Ende des Kirchenstaates genährt wurde. Die bayerische Landeskirche demonstrierte ihre Loyalität gegenüber den Hohenzollern und nahm den Kaiser in das Kirchengebet auf.76 Auch der evangelische Adel in Bayern orientierte sich nach 1871 stärker an den Hohenzollern, vor allem als Ausgleich zu der starken Verbindung zwischen dem katholischen Adel und dem Haus Wittelsbach.77
Das Ende des Untersuchungszeitraumes78 ist praktisch deckungsgleich mit dem Ende der Adenauerzeit.79 Diese Phase ist durch eine relative Stabilität aus Sicht der Adelsgeschichte charakterisiert, „weil auch das ‚Wirtschaftswunder‘ mit seinen materiellen Möglichkeiten sowie das insgesamt eher konservative Grundgepräge der Ära Adenauer politische, soziale und ökonomische Statuseinbußen zu kompensieren oder wenigstens abzufedern halfen.“80 Adlige Herrschaftsansprüche waren endgültig delegitimiert, Macht und Einfluss nicht mehr an den Besitz von Grund und Boden gebunden. Der Adel hatte sich in die Bundesrepublik integriert.81
Für die Gestaltung des Untersuchungszeitraumes sind außerdem praktische Erwägungen ursächlich: Wie sich gezeigt hat, sind für dessen erste Jahrzehnte deutlich weniger Personalakten greifbar, die zudem einen geringeren Umfang aufweisen als die Akten späterer Jahrgänge. Zum Ende des Untersuchungszeitraumes hin tritt hingegen die Problematik auf, dass die Akten noch nicht im Landeskirchlichen Archiv verwaltet werden, weil entweder die betreffenden Amtsträger oder deren versorgungsberechtigte Angehörige noch am Leben sind und die Akte damit noch in Gebrauch ist. Dies korrespondiert außerdem mit einem allgemeinen Trend, was den primären Quellentyp betrifft: Wie Franz-Werner Kersting bemerkt, wurden Personalakten seit den 1970er Jahren aufgrund von Datenschutzauflagen „dünner“ und „standardisierter“. Aus der Perspektive der zeithistorischen Forschung klassifiziert er dies als problematischen Trend.82 Eine Ausdehnung der Untersuchungszeitraumes auf die Zeit vor 1871 und nach 1964 hätte somit zu dem Problem geführt, dass durch die geringer ausgeprägte Verfügbarkeit von Quellen kaum belastbare Aussagen zur Untersuchungsgruppe möglich gewesen wären.
1.1.3 Begriffsdefinitionen
Für diese Studie sind einige Begriffe von grundlegender Bedeutung, die im Folgenden definiert werden sollen. Dazu zählt insbesondere der Begriff „Adel“. Damit bezeichnet Werner Conze zunächst eine gesellschaftliche Gruppe, nämlich „die durch Vorrang der Rechte und Pflichten vor dem Volk […] hervorgehobene Herrenschicht, deren Stand erblich und demgemäß stets darauf gerichtet war, sich durch geschlossenes Konnubium vom Volk abzuschließen.“83 Eine spezifische Adelskultur gab es ungeachtet des unterschiedlichen sozio-politischen Kontexts bereits in der Antike.84 Die Definition des Adels wandelte sich im Laufe der Zeit. Eckart Conze nennt soziale Exklusivität und gesellschaftlichen Vorrang als allgemeine Merkmale des Phänomens „Adel“. Politische Herrschaftsfunktionen, ökonomische Macht oder Prestige bildeten die Basis hierfür. Im Zuge der Aufklärung veränderte sich jedoch die gesellschaftliche Ordnung, die der Adel nun nicht mehr generell dominieren konnte. Conze schreibt, dass damit politische Herrschaft nicht mehr automatisch mit dem Adel verbunden wurde, auch wenn dieser manche Herrschaftsrechte und Privilegien zunächst verteidigen konnte. Er konstatiert deshalb mit dem Übergang zur Moderne die Notwendigkeit, „Adel“ anders zu definieren: Diesen sieht er nicht mehr von der politischen Herrschaftsfunktion bestimmt, sondern vielmehr von kultureller Distinktion und Exponiertheit geprägt.85 Werner Conze diagnostiziert für die Zeit nach 1919 zwar weiterhin ein hohes Traditionsbewusstsein im Adel, der aber weiterhin kein Begriff des öffentlichen oder privaten Rechts mehr war.86 Gudrun Gersmann hebt hervor, dass der europäische Adel bis heute einen gesellschaftlichen Exklusivitätsanspruch bewahrt habe, der durch vielfältige Faktoren bestimmt ist: Dazu zählt sie spezifische Manieren, Traditionen und Lebensgewohnheiten sowie ein starkes Familien-, Ehr-, Pflicht- und Heimatgefühl. Außerdem werde die memoria durch Familienarchive, Ahnengalerien, Wappenbücher oder Epitaphien in besonderer Weise gepflegt.87 Auch die Adelsforschung zum 20. Jahrhundert interpretiert Adlige nicht mehr vorrangig auf ihre politische Dimension bezogen, sondern orientiert sich beispielsweise an sozialen Räumen, lokalen Handlungszusammenhängen oder familialen Strategien.88 So versteht etwa Barbara Jahn den Adel in der frühen Bundesrepublik als Lebens- und Kulturmodell einer Gruppe Menschen, die sich in Familien organisieren und deren Vorfahren dem Adelsstand angehörten. Diese Personen bemühen sich um bestimmte Traditionen, Werthaltungen, Lebensweisen und Erinnerungstechniken. Dabei zeigen sie eine spezifische Selbstsicht und soziale Praxis und grenzen sich anderen Gruppen gegenüber ab.89 Sowohl bei Barbara Jahn als auch in dieser Arbeit wird der Adel nicht als rechtliche Kategorie definiert. Traditionen und frühere rechtliche Verhältnisse bleiben indes weiterhin implizit relevant für die hier betrachtete Personengruppe: Sie umfasst Personen, die nach dem historischen Adelsrecht als adlig anzusehen sind. Diese Personengruppe wird unter dem Primat kultureller Aspekte analysiert und daraufhin befragt, ob diese Personen Distinktion und Exponiertheit anstrebten, welchen Stellenwert sie der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie beimaßen und ob spezifische Erinnerungstechniken Einfluss auf Selbstsicht und Praxis hatten. Diese Arbeit schließt sich damit dem bisherigen Forschungsbefund an, dass die Reduktion des Adels in der Moderne auf seine politische Funktion nicht zielführend ist und wesentliche Aspekte vernachlässigt.
Dabei werden insbesondere die Personen zur Untersuchungsgruppe gezählt, die nach den Kriterien des Genealogischen Handbuchs des in Bayern immatrikulierten Adels und des Genealogischen Handbuchs des Adels als dem Adel zugehörig verstanden werden. Das Genealogische Handbuch des in Bayern immatrikulierten Adels nennt vor allem die Familien, die nach 1808 in der Adelsmatrikel des Königreichs Bayern immatrikuliert waren. In seiner Darstellung orientiert es sich an dem bis 1919 geltenden historischen Adelsrecht.90 Das Genealogische Handbuch des Adels beruft sich ebenfalls auf das historische Adelsrecht. Eine Vererbung des Adels ist demgemäß nur über die legitime, eheliche Abstammung vom biologischen Vater möglich.91
Grundlegend für die Aufbereitung der statistischen Daten in dieser Arbeit ist der Begriff der Genealogie. Sie ist die „Erforschung und Aufbereitung von Abstammungsverhältnissen und Verwandtschaftsbeziehungen“92. Das Ergebnis dieses Prozesses sind genealogische Tafeln. Wichtig ist dieser für die Herstellung von Familienbewusstsein und Ahnenstolz, indem die verwandtschaftlichen Beziehungen zu besonders herausgehobenen Mitgliedern einer jeweiligen Familie herausgestellt wurden, wie Eckart Conze schreibt. Die Verwandtschaftsstrukturen dachte man in Form eines Stammbaumes. Verstorbene und lebende Mitglieder einer Familie wurden so in eine systematische Ordnung gebracht. Im Genealogischen Handbuch des Adels manifestiert sich dieses Ordnungsprinzip. Der Anspruch auf den Adelsstatus konnte für jeden über die Kette an Vorfahren visualisiert werden. Genealogie konnte damit adlige Identität versichern oder überhaupt erst stiften.93 Unterhalb der Ebene der Gesamtfamilie findet sich das „Haus“ oder die „Linie“. Der zentrale Ort des Grundbesitzes ist oft Namensgeber der verschiedenen Häuser.94 Von Bedeutung waren die Stammbäume auch, um einzelne Personen zu verorten und deren Zugehörigkeit zum Adel zu verifizieren. Der ostelbische Adel definierte sich auch nach 1945 immer noch nach dem Geburtsprinzip. Er wahrte so seine Exklusivität, vor allem da es nach 1919 keine neuen Erhebungen in den Adelsstand mehr geben konnte.95 Die Eheschließung hatte im Adel eine hohe Relevanz, so Monika Wienfort: „Die adlige Familie begreift sich als Kontinuum in der Generationenfolge, entsprechend bedeutungsvoll scheint die Ehe, die für die Legitimität der Nachkommen unverzichtbar ist.“96 Seit dem 19. Jahrhundert sei zwar die Bedeutung der Endogamie im Schwinden begriffen, dennoch gebe es bis in die Gegenwart immer noch die Neigung in vielen Familien, Ehen mit anderen Adligen zu bevorzugen.
Bei der Terminologie der genealogischen Einordnung folgt diese Arbeit dem Sprachgebrauch des jeweiligen genealogischen Handbuches, aus welchem die Informationen stammen. Dabei findet gelegentlich der Begriff „Uradel“ Verwendung. Dieser bezeichnet meist Familien, die spätestens um 1400 als zum ritterbürtigen Landadel zugehörig in Dokumenten greifbar sind und die nicht über einen Adelsbrief in den Adelsstand erhoben wurden.97 Der Briefadel hingegen wurde durch eine Urkunde aufgrund persönlicher Verdienste verliehen. Diese Erhebung war meistens erblich und wurde seit Beginn des 15. Jahrhunderts praktiziert.98
Die Definition des Begriffs „Bürger“ ist anspruchsvoll. Markus Raasch verweist auf „die mannigfaltigen und niemals völlig befriedigenden Bemühungen der Forschung […], die Begriffe Bürgertum oder Bürgerlichkeit mit Inhalt zu füllen.“99 Ernst Bruckmüller definiert den Begriff „Bürger“ im Untersuchungszeitraum folgendermaßen: „Mitglied des z. T. rechtlich hervorgehobenen Besitz- und Bildungsbürgertums des 19. und frühen 20. [Jahrhunderts]“100. Das Bürgertum in Deutschland kann sozial, kulturell oder politisch gedeutet werden, so Andreas Fahrmeir. Er subsumiert Leistungsbereitschaft, Bildungswille, Partizipation in Vereinen, ästhetische Rezeption von Hochkultur, den Respekt vor der Wissenschaft sowie ein besonderes Familienideal unter dem bürgerlichen Wertekanon.101 Darüber hinaus nennt Clemens Albrecht vier Elemente, die für ihn idealtypisch Bürgerlichkeit ausmachen: Autonomie, Gleichheit, Moralität, Perfektibilität.102 Die damit korrespondierende bürgerliche Gesellschaft entfaltete erst spät ihre prägende Wirkung: Wolfgang Schmale sieht diese vor dem späten 19. Jahrhundert nicht als hegemonial an. Bereits im 18. Jahrhundert sei diese zum europäischen Gesellschaftstypus geworden, dort, wo die Voraussetzungen Industrialisierung und Kapitalismus als Grundlage des Wirtschaftssystems gegeben waren. Schmale zählt zu deren sozioökonomischen Kennzeichen Wachstumsorientierung, Migration, individuelle Mobilität und den Konsum von Gütern als Massenphänomene. Eine grundlegende Eigenschaft der bürgerlichen Gesellschaft ist für ihn außerdem die Geselligkeit, die Kunst zählt er zu einem ihrer bedeutenden, identitätsstiftenden Medien.103 Sie entfaltete eine nachhaltige Wirkung, denn: „wer von der Kultur des Bürgertums schrieb und schreibt, der meint damit die Kultur der Moderne, der vom Bürgertum geprägten Zeitspanne zwischen Spätaufklärung und der Nachkriegsgesellschaft des 20. Jahrhunderts.“104 Das Bildungsbürgertum ist in diesem Kontext „ein von der Forschung geprägter Begriff für eine soziale Schicht, die ihr gehobenes Einkommen durch die Anwendung von spezialisiertem Fachwissen erzielte, das in aller Regel durch ein Universitätsstudium erworben und durch Bildungspatente dokumentiert wurde“, expliziert Andreas Fahrmeir.105 Zu diesen Personen zählt er unter anderem Pfarrer, aber auch Richter, Ärzte oder Dozenten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sieht Fahrmeir allerdings ein starkes quantitatives Wachstum des Bildungsbürgertums und die Integration neuer Berufsgruppen wie die der Ingenieure oder Architekten in dieses. Er diagnostiziert deshalb einen relativen sozialen Abstieg im Vergleich zum Wirtschaftsbürgertum, da die wachsende Zahl der Absolventen von Gymnasien und höheren Schulen zu einer höheren Konkurrenz um gut bezahlte berufliche Stellungen führte.106 Der Begriff der Bildung wiederum umfasst eine Fülle an Inhalten. Gerrit Walther weist darauf hin, dass dieser von Epochen, Ländern, Trägergruppen, Traditionen, Mentalitäten, Institutionen, politischen, sozialen und konfessionellen Kontexten abhängig ist. Adlige Standesbildung sei beispielsweise weniger förmlich und institutionalisiert gewesen als die Ausbildung eines Geistlichen. Insgesamt ist Bildung für Walther ein „Formationsprozess, in dessen Verlauf das Individuum durch Erziehung und eigene Anstrengungen zu einer Persönlichkeit werden soll, die den Normen der ihn bestimmenden Gesellschaft möglichst gut entspricht“.107 Walther sieht außerdem Bildung, die universal und nicht standesbezogen war, als spezifisch europäisches Phänomen an. Die Überzeugung, dass Bildung eine von äußeren Zwecken befreite Größe sein müsse, um im emanzipatorischen Sinne befreiend zu wirken, habe sich bis zum 19. Jahrhundert herausgebildet.108
Evangelische Pfarrer sind als herausragende Träger des Bürgertums ein besonderer Untersuchungsgegenstand für die Adelsgeschichte. An ihnen kann besonders gut untersucht werden, welche Bedeutung das Modell der „Adeligkeit“ in einem angeblichen bürgerlichen Kernbereich besitzt. Welche Rolle spielte die „Adeligkeit“ auf diesem Feld? Stellten adlige Pfarrer ihrer Adeligkeit ganz besonders heraus, oder war ihr Denken und Handeln eine explizite Absage an das Kulturmodell der Adeligkeit? Als dritte Möglichkeit wäre es zudem denkbar, dass sich in diesem Bereich vornehmlich Adlige engagierten, für die die Adeligkeit nur eine geringe Bedeutung aufwies. Nicht zuletzt können an adligen Pfarrern die Thesen der Bürgertumsforschung überprüft werden.109
1.2 Methode und Vorgehensweise
1.2.1 Methode
Wie Monika Wienfort fordert, sollte adlige Selbststilisierung nicht isoliert betrachtet werden. Diese Ebene müsse stets mit der gelebten Praxis zusammen betrachtet werden.110 Sie schreibt, dass Stilisierungen von Adeligkeit zwar in der Regel programmatische Aussagen zum Adelsverständnis einschließen, jedoch nicht mit der Beschreibung tatsächlich gelebter sozialer Praktiken gleichzusetzen sind. Schreiben und Sprechen über Adeligkeit müssen folglich etwa mit Ausbildung und Berufsausübung abgeglichen werden, um eine Geschichte des Adels in der Moderne zu schreiben.111 Dieses Ziel könne jedoch nicht über einfache statistische Auswertungen erreicht werden, urteilt Josef Matzerath: „Die frühe sozialhistorische Forschung hat versucht, das Obenbleiben des Adels im späten 19. und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit Positionsanalysen nachzuweisen.“112 Es sei also ausgezählt worden, wie hoch der Adelsanteil im Staatsdienst, dem Militär oder in der Politik war. Aufgrund des vergleichsweise hohen numerischen Anteils in hohen Ämtern habe man auf einen eminenten Einfluss des Adels bis in die Zeit der Weimarer Republik geschlossen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, so konzediert Matzerath, mag das auch zutreffend gewesen sein, da sich noch viele Adlige in wichtigen Ämtern befanden. Er fordert aber darüber hinaus zu fragen, ob der Adel in diesen Positionen auch die Interessen seiner Herkunftsgruppe umsetzen konnte. Für Matzerath ist also der bloße Blick auf die Zahlen nicht ausreichend. Ähnlich sind auch die Aussagen der Forschung bezüglich der gesellschaftlichen Bedeutung der Religion in der Moderne: Um ihre Relevanz sinnvoll bestimmen zu können, sei die bloße Erhebung etwa von Mitgliederzahlen und weiteren Parametern unzureichend, schreibt Thomas Großbölting.113 Etwa für die Zeit nach 1945 könnte dies sogar zu falschen Schlüssen verleiten: Thomas Brechenmacher verweist darauf, dass in dieser Zeit die formale Kirchenzugehörigkeit zwar meist noch nicht aufgegeben wurde, bei vielen jedoch bereits die Identifikation mit der Kirche und dem Christentum im Schwinden begriffen war.114 Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, über die statistischen Daten hinaus weitere Quellen einzubeziehen. Allerdings darf dies eben nicht zu dem Fazit führen, dass diese statistischen Daten selbst nicht von Bedeutung wären: Für eine umfassende Analyse sind sie dennoch eine wichtige Grundlage, und als solche von der bisherigen Adelsforschung nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt worden.
Mittels verschiedener Forschungsansätze wurde versucht, den Adel in der Moderne für die Forschung fassbar zu machen. Heinz Reif versteht den Adel als „Elitenreservoir“ im Zuge eines „Elitenwandels in der Moderne“. Dieser Ansatz fragt
nach den Möglichkeiten einer die politische Kultur in Deutschland prägenden, zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Konservatismus und neurechtem Radikalismus mäßigend vermittelnden composite elite aus Adel und Bürgertum sowie nach den Gründen für deren Scheitern115.
Der Adel ist in dieser Sichtweise nicht identisch mit der Elite, sondern ist lediglich ein Akteur der Elitenbildung, woraus sich wiederum eigene soziale und ökonomische Dynamiken ableiten. Auch für die Elitenforschung hält Heinz Reif fest, dass sie sich für das 20. Jahrhundert in Bezug auf den Adel nicht mehr auf die Politik konzentriert. Sie fokussiert vielmehr auf neue Elitenfunktionen in der Gesellschaft, um einen möglichen Fortbestand des Adels als Elite zu untersuchen – etwa als „Wert-, Deutungs-, Orientierungs- und Repräsentationseliten“.116
Details
- Pages
- 596
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631949108
- ISBN (ePUB)
- 9783631949115
- ISBN (Hardcover)
- 9783631949122
- DOI
- 10.3726/b23561
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (May)
- Keywords
- Adel Kirche Bayern Evangelisch Pfarrer Geistlicher Personalakten Elite Adligkeit Bürgertum Bürger 1871 1964 Moderne soziale Gruppe Säkularisierung Kirchendienst Religion
- Published
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 596 S., 29 Tab.
- Product Safety
- Peter Lang Group AG