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Narrative Medizin – Erzählende Medizin

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Edited By Martin Frei-Erb

Evidenzbasierte Medizin ist im klinischen Alltag nicht immer von Nutzen, da vor allem chronisch kranke Patienten oft komplexe Krankheitsbilder mit einer individuellen Mischung aus körperlichen, psychischen und sozialen Problemen zeigen. Wie bewältigen Patienten und ihre Angehörigen den Alltag mit solchen Krankheitssituationen? Antworten auf diese und ähnliche Fragen findet der behandelnde Arzt kaum in Publikationen der quantitativen Forschung. Durch aufmerksames Zuhören erfährt er, wie Patienten ihre Krankheit erleben und empfinden, was für eine Bedeutung sie ihr zumessen und wie sie ihr Leiden in ihrer persönlichen Lebensgeschichte positionieren. Das patientenzentrierte Setting der Narrativen Medizin stärkt das Verhältnis zwischen Patient und Arzt und ermöglicht einen offeneren, persönlicheren Umgang, was dem behandelnden Arzt neue diagnostische und therapeutische Wege eröffnet.
Die Beiträge in diesem Buch stammen aus der interdisziplinären Vortragsreihe zur Narrativen Medizin der Kollegialen Instanz für Komplementärmedizin KIKOM an der Universität Bern im Herbstsemester 2010.

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BENEDIKT HORN Narrative Medizin in Notfallsituationen 11

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Narrative Medizin in Notfallsituationen BENEDIKT HORN1 Einführung Jede Krankengeschichte hat zwei Autoren: Einerseits den Patienten, seine An- gehörigen, Freunde oder Mitarbeiter, die ein Krankheitserleben mit Worten schildern, und andrerseits den Arzt, der aktiv zuhört und diese Geschichte mehr oder weniger professionell interpretiert und dokumentiert. In Notfall- situationen und unter Zeitdruck (vitale Bedrohung) wird die Qualität der Anamnese einer Zerreissprobe unterworfen. Wir wissen es: narrativ hat nichts mit Narren zu tun, es heisst auf deutsch erzählend. Trotzdem kam den Narren und Hofnarren eine damals überaus wichtige Rolle zu, nämlich die des Erzählers am Hofe und in der Öffentlich- keit. Unsere Medizin ist seit Jahrzehnten mehr und mehr bildlastig. In der Tat liefern uns moderne technische Geräte absolut faszinierende Bilder unseres gesunden und kranken Körpers und seiner Funktionen. Am Anfang aber war das Wort. Auch in der schriftlichen Fassung eines Vortrags, der sich aufs Wort beschränkte, müssen sich Leserinnen und Leser2 die Bilder zum Text selbst machen. Man kann ohne Zweifel auch mit Worten Engramme, bleibende Erinnerungen vermitteln. Lesen sie Jeremias Gotthelfs dramatischen Kurz- roman der fünf Mädchen, die jämmerlich im Branntwein umkommen. Es ist unmöglich, diese Geschichte zu vergessen. Da es sich in der Folge um persönliche Erlebnisse handelt, sei erlaubt, die «Ich-Form» und das Präsens zu verwenden, der Text wirkt dadurch lebhafter. Eines der eindrücklichsten Erlebnisse bezüglich narrativer Medizin in Notfall-Situationen erlebte ich als Assistent vor 40 Jahren. Ein 45-jähriger...

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