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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Kniefall vor der Geschichte. Willy Brandt in Warschau 1970

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Kniefall vor der Geschichte

Willy Brandt in Warschau 1970

Andreas WILKENS

„[…] hält geduldig ne starke Minute lang hin und kommt dann wieder nicht etwa auf die sichere Tour – erst das eine, dann das andere Bein – ‚ sondern mit einem Ruck hoch, als hätte er das trainiert, tagelang vorm Spiegel, zack hoch, steht nun und guckt, als wär ihm der heilige Geist persönlich erschienen, über uns alle weg, als müßt er nicht nur den Polen, nein der ganzen Welt beweisen, wie fotogen man Abbitte leisten kann“1.

Die eindrucksvolle Ausführung wurde bereits von Günter Grass persifliert, der, obwohl Mitglied der deutschen Delegation in Warschau, nicht selbst Augenzeuge des Vorgangs war. Niemand hatte im Vorfeld von dieser Kranzniederlegung am 7. Dezember 1970 etwas anderes erwartet als das traditionelle Zeremoniell, für das im offiziellen Programm nicht mehr als sieben Minuten vorgesehen waren. Jenseits der ironischen Brechung hält Grass in seiner Szene Sicherheit und Entschlossenheit Brandts fest. Darüber hinaus die Einheit von Person und Geste und somit das, was wesentlich ihre unmittelbare wie langfristige Wirkung ausmachen sollte: ihre Glaubwürdigkeit.

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