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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Yad Vashem. Die Shoah und die historische Verantwortung Deutschlands

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Yad Vashem

Die Shoah und die historische Verantwortung Deutschlands

Dominique TRIMBUR

Anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2015 hielt wie jedes Jahr seit 1996 der Bundespräsident eine Rede. Was mittlerweile zu einem Ritual geworden ist, ist von der Art der Veranstaltung immer noch außergewöhnlich, sei es durch die Persönlichkeit des eingeladenen Zeitzeugen oder durch die Reden. Im Jahre 2015 prägte die Zeremonie eine Aussage von Joachim Gauck: „Ohne Auschwitz, keine deutsche Identität“1. Diese eindrucksvollen Worte kamen zu einem Zeitpunkt, als zwei Umfragen zum deutsch-israelischen Verhältnis veröffentlicht wurden. Eines der Ergebnisse war die These, dass das bevorzugte Land der Israelis Deutschland sei, wohingegen die Deutschen Israel als Bedrohung für den Frieden im Nahen Osten empfinden. Mehr noch, die Deutschen würden sich immer mehr einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit bzw. Auschwitz wünschen2. So drängt sich dem Betrachter der ← 227 | 228 → Eindruck auf, dass es hier eine starke Kluft zwischen der versöhnenden Rede des höchsten Staatsmannes der Bundesrepublik und der Haltung der deutschen Bevölkerung gibt.

Auf den folgenden Seiten soll die Entwicklung beschrieben werden, die zu der Rede von Gauck im Jahre 2015 geführt hat. Dabei soll nicht von der offiziellen, politischen Erinnerung an den Holocaust die Rede sein3, sondern die in- und offiziellen Besuche (bundes-)deutscher Persönlichkeiten in Israel im Mittelpunkt stehen, insbesondere in der Gedenkstätte Yad Vashem...

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