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Sinnkonstruktion im Fremdsprachenunterricht

Rekonstruktive Fremdsprachenforschung mit der Dokumentarischen Methode

Bernd Tesch

Das Buch führt in die rekonstruktive Fremdsprachenforschung mit Hilfe der Dokumentarischen Methode ein. Dabei betrachtet der Autor den Fremdsprachenunterricht praxeologisch, d.h. nicht wie er idealerweise sein sollte oder könnte, sondern im Hinblick darauf, welche Sinnkonstruktionen in der Alltagspraxis stattfinden. Es werden dazu Unterrichtsbeobachtungen in natürlicher Lernumgebung, aber auch Gruppengespräche mit Lehrenden und Lernenden sowie Einzelinterviews genutzt. Im Ergebnis stellt sich der Fremdsprachenunterricht als Konstruktionsprozess auf verschiedenen Ebenen dar.

Der Autor illustriert das Verfahren an konkreten Beispielen aus der ‚Fallwerkstatt‘, so dass das Buch auch als methodisch-methodologisches Lehr- und Arbeitsbuch verwendet werden kann.

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5  Ausblick

Verschiedene Forschungen zum Fremdsprachenunterricht mit der Dokumentarischen Methode haben gezeigt, dass sie relevante Beiträge zum fachlichen Verstehen im bilingualen Sachfachunterricht Englisch (Bonnet 2004), zum Umgang mit komplexen Lernaufgaben im Französischunterricht (Tesch 2010) sowie zur literarischen Anschlusskommunikation im Englischunterricht (Bracker 2015) liefern kann. Sie scheint ein angemessener methodisch-methodologischer Referenzrahmen zu sein, um auch die Theorie des fremdsprachlichen Klassenzimmers (s. Breen 1985; Esteve 2010; Legutke 2006) insgesamt zu befruchten. Um diese Theorie und ihre Elemente etwas näher zu beschreiben, sei an dieser Stelle Legutke zitiert:

[…] gilt es, ausgehend von den bekannten Ansätzen der handlungs- und Erfahrungsorientierung das fremdsprachliche Klassenzimmer als eigene Kultur zu konfigurieren und die darin gestalteten Diskurse zu bestimmen. Dabei sind die dynamischen und wandelbaren Beziehungen ebenso zu berücksichtigen, die Lernende und Lehrende im Prozess des Sprachenlernens eingehen, wie die Themen und Texte, mit denen sich die Beteiligten auseinandersetzen und dabei gemeinsam die Lernumgebung und die Lerngemeinschaft gestalten. Entscheidungsspielräume und Aushandlungsprozesse werden dabei ebenso ins Blickfeld kommen müssen wie die unterschiedlichen Dimensionen kooperativen Lernens. Der Begriff des classroom discourse ist aus einer solchen Perspektive neu zu bestimmen und aus seiner eingeschränkten Bedeutung, die lediglich unterrichtsorganisatorische Handlungen bezeichnet, zu befreien. Die Theorie wird ferner angesichts der neuen Möglichkeiten, welche die digitalen Medien bereitstellen, den Handlungsraum aber auch die neuen Möglichkeiten multimedialer Textproduktion ausloten.

(Legutke 2006: 144)

Alle genannten Komponenten – Lehrende, Lernende, Themen, Texte, Medien, Interaktion und Diskurse – laden zu ihrer rekonstruktiven Erforschung mit der Dokumentarischen Methode ein. Eine sie alle umfassende Theorie fußt auf einem Verständnis des Fremdsprachenunterrichts als konjunktivem Erfahrungsraum, der institutionell eingerichtet ist, um zielorientiert und aufgabengeleitet Lernhandlungen zu initiieren. Diese Lernhandlungen generieren fachspezifische bzw. für den Fremdsprachenunterricht typische Wissensstrukturen, die als Lernersprache eine explizite bzw. direkt beobachtbare Ebene der Verständigung und als sozial geteilte Orientierungen eine implizite, aber rekonstruierbare Verständigungsebene darstellen.

Eine isolierte Untersuchung fachdidaktischer Forschungsgegenstände betrachte ich losgelöst von der sozialen Bedingtheit des fremdsprachlichen Klassenzimmers ← 161 | 162 → bzw. Unterrichts als problematisch. Stattdessen wäre eine Verbindung entsprechender empirischer Forschungen zu diesen Forschungsgegenständen mit Forschungen zur sozialen Interaktion im Unterricht aus meiner Sicht grundsätztlich vorteilhaft, um die für den Fremdsprachenunterricht charakteristische Relation von Sozialität und Individualität abzubilden.

Was aus sprach- oder literaturdidaktischer Sicht wünschenswert erscheint, wird in der Praxis des Unterrichtsalltags auf besondere Weise transformiert und erhält individuelle Ausprägungen. Unter Umständen werden theoretische Konzepte dabei sogar wesentlich verändert, wie sich etwa beim Konzept der Lernaufgabe im Fremdsprachenunterricht zeigte (Tesch 2010). Zur Erläuterung: Lernaufgaben beinhalten – als an reale Sprachverwendungssituationen angelehntes Unterrichtsarrangement – bestimmte intendierte Lernhandlungen. In der praktischen Umsetzung zeigen sich aber derart substantielle Anpassungen, dass diese nahelegen, sie als konzeptionellen Bestandteil einer Lernaufgabe von vornherein mitzudenken. Die individuelle Kreativität und Transformationsfähigkeit der Lernenden kommt damit voll und ganz zu ihrem Recht, befreit didaktische Großkonzepte von ihrer Unverbindlichkeit und eröffnet eine praxeologische Perspektive in der Fachdidaktik. Auch das Lehrerhandeln und die Transformationsleistungen der Lehrpersonen müssten in ihren Wechselwirkungen mit anderen didaktischen Konzepten zwingend mitberücksichtigt werden.

‚Ergebnisse‘ des Fremdsprachenunterrichts werden in dieser Perspektive nicht mehr allein an einer bestimmten Normvorstellung oder an einem bestimmten intendierten Ziel gemessen. Vielmehr besteht nunmehr die Möglichkeit, rekonstruktiv auch das als Ergebnis mit in die Betrachtung des Unterrichts einzubeziehen, was aus normativer Sicht möglicherweise unbedeutend und unerwünscht erscheint: bestimmte implizite Wissensbestände der Lehrenden und Lernenden, das ‚beiläufig’ Gelernte, das Geflüsterte, die Randzeichnung auf dem Arbeitsblatt, das Nebengespräch, die Abweichung vom Thema, ja die ‚Störung’ des Unterrichts als affektive Mitwirkung an der Sinnkonstruktion. Hier liegt der besondere Erkenntnisgewinn der Dokumentarischen Methode im Verbund mit anderen Methoden der Fremdsprachenforschung. Sie erlaubt es, den Unterrichtsalltag und seine Praxis, die sich in sozialen Interaktionsmustern manifestieren, zu analysieren. Einen weiteren Mehrwert sehe ich in der Breite der Foki und Sinnbezüge, die durch die Dokumentarische Methode abgebildet werden können: Der Textsinn und der Aufgabensinn werden mit ihrer Hilfe ebenso einbezogen wie der Aufgabenbearbeitungssinn, sei es direkt im Zuge seines praktischen Vollzugs, sei es post hoc im Rahmen des Metagesprächs über den erlebten Unterricht oder der narrativen Rekonstruktion im Interview. ← 162 | 163 →

Somit tritt neben den Schlüsselbegriff der Konstruktion (s. Kap. 1) derjenige der Transformation des Wissens. Fachdidaktisches Wissen in Form von Aufgaben wird in der Unterrichtspraxis in Lernendenwissen transformiert. Dieses Lernendenwissen und die vorausgehende Transformation sind sprachlich und inhaltlich sozial konstruiert. Wissenstransformation ist ein Wesensmerkmal des schulischen Lernens, und ohne diese Transformation zu verstehen sind Lernergebnisse nur schwer interpretierbar. Deshalb ist es bedeutsam, diese Erkenntnisse in der Lehrerbildung einzubeziehen. Wenn es gelingt, die Wissenstransformation und -konstruktion als Ergänzung zur Kompetenz- und Aufgabenorientierung in der Lehrerbildung zu implementieren, könnten m. E. einige Ursachen für das berechtigte Unbehagen vieler Unterrichtender an den abstrakten Großkonzepten ausgeräumt werden. Dazu jedoch wäre es erforderlich, auch den Methoden der rekonstruktiven empirischen Forschung stärker zu ihrem Recht zu verhelfen und die Lehrerbildung mit entsprechenden Materialien auszustatten, nämlich mit Lernprozessdokumenten in Form von Audio- und Videomitschnitten, Transkripten und Zwischenprodukten des Lernens, d. h. Schülertexten aller Art. Dies erfordert ein gewisses Umdenken, auch auf der administrativ-rechtlichen Ebene. Die Bereitstellung solcher Dokumente sollte datenschutzrechtlich nicht zu sehr behindert werden. Es erfordert aber zunächst einmal bei allen Akteuren der Lehrerbildung eine Bewusstwerdung für die Bedeutung dieser Dokumente und des mit ihnen verbundenen Lehrerbildungskonzepts.

Auf der Forschungsebene wiederum sind künftig weiterführende Anwendungen der Dokumentarischen Methode insbesondere zu folgenden Themenkomplexen wünschenswert:

  • Lernersprache (Lernertexte) im Zusammenspiel individueller und sozialer Konstruktionsprozesse,
  • das Zusammenspiel der Entwicklung von Lernersprache und sozialer Konstruktion fachlichen Wissens,
  • generell das Verhältnis von Individualität und Sozialität beim fremdsprachlichen Lehren und Lernen,
  • sprachliche und inhaltliche Aushandlungsprozesse in zunehmend multikulturell-mehrsprachigen und inklusiven Klassen,
  • der Einfluss neuer medialer Lernumgebungen auf die Interaktion im fremdsprachlichen Klassenzimmer,
  • die doppelte Transformation der Aufgabe auf den unterschiedlichen Lernniveaus und an unterschiedlichen Lerngegenständen: von der task as a workplan zur task as a process (Ellis 2003) und von der task as a process zur Aufgabe als Wissensstruktur Lernender, ← 163 | 164 →
  • die Kategorisierung ‚typischer‘ Unterrichtsarrangements und eine darauf bezogene rekonstruktive Lehr-Lern-Typologie,
  • eine allgemeine Typologisierung der Aufgabenbearbeitung im Fremdsprachenunterricht,
  • eine Metastudie zu den bisher vorliegenden rekonstruktiven Studien mit der Dokumentarischen Methode.

Eine große methodisch-methodologische Herausforderung weiterer rekonstruktiver Unterrichtsforschungen mit der Dokumentarischen Methode liegt in der adäquaten typologischen Modellierung der individuellen Lernersprachen und der individuellen Sprachbewustheit im Zusammenspiel mit den sozialen Typiken der Aufgabenbearbeitung. Insbesondere im Bereich der weiteren Erforschung der Lernersprachen liegt es nahe, methodische Triangulationen anzustreben (z. B. mit den Verfahren des Lauten Denkens: Ericsson & Simon 1980, und des Lauten Erinnerns: z. B. Gass & Mackey 2000). Sollte es gelingen, Ressourcen und Forschungsinteressen hierhin zu lenken, dürfte es möglich sein, der Antwort auf die Frage „Was ist Fremdsprachenlehren und -lernen“ ein großes Stück näher zu kommen.