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denken, schreiben, tun

Politische Handlungsfähigkeit in Theorie, Literatur und Medien

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Edited By Amália Kerekes, Marion Löffler, Georg Spitaler and Sabine Zelger

Die Leitfrage des Bandes bezieht sich auf das interpretatorische Potenzial des Begriffs agency, verstanden als individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit, wie sie in der politischen Theorie zentral ist. Möglichkeit und Effektivität demokratischer Praxis wurde im Zuge politischer Krisendiagnosen westlicher Gesellschaften infrage gestellt, so zum Beispiel in der Debatte um »Postdemokratie«. Vor dem Hintergrund dieser gegenwärtigen Problematik, nehmen die Beiträge des Bandes auch historische Tiefenbohrungen vor und erkunden, wie im Lauf des 20. Jahrhunderts und aktuell politische Denk- und Handlungsräume an den Schnittstellen von Theorie, Literatur und Medien bearbeitet und erschlossen wurden und werden.

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Zur Wahrnehmung von (lost) causes: Vom Paradox zur Politik in Siegfried Kracauers Geschichts-Denken

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Drehli Robnik

Am 21. Dezember 1930 erscheint in der Frankfurter Zeitung Kracauers Essay »Abschied von der Lindenpassage«. Dieser Text ist später prominent platziert in beiden Aufsatzsammlungen, die Kracauer 1963 noch selbst zusammengestellt hat; in dem Band Das Ornament der Masse bildet er den Abschluss-Text.1 Und so endet die Aufsatzsammlung mit diesen Schlusssätzen über eine vom Fortschritt überholte Berliner Einkaufspassage: Die Architektur, in der die Reste der Passage verbleiben, »[verhält] sich einstweilen völlig neutral und [wird] später einmal wer weiß was ausbrüten – vielleicht den Fascismus oder auch gar nichts. Was sollte noch eine Passage in einer Gesellschaft, die selber nur eine Passage ist?«2

Wie einige andere Stadt-Raum-Essays von Kracauer mündet »Abschied von der Lindenpassage« in ein Denkbild dessen, was Gesellschaft ist. Dieses Denkbild läuft auf ein paradoxes Verständnis hinaus. Zum einen ist darin die Einkaufspassage als Gesellschaft definiert: als Versammlung heruntergekommener Dinge. Es ist ein dingpolitischer Text. Im Unterschied aber zu Bruno Latours Ding-Soziologie, die beansprucht, eine Politik verteilter Handlungsmacht zu konzipieren, hat er nicht die Anmutung von Labor oder fröhlichem Netzwerk, sondern von der Gewalt eines Bürgerkriegs.3 Kracauer schreibt davon, dass Waren-Objekte in der Passage Unterdrückung, Verbannung, Frontverlagerung und Protestaktionen erfahren.4 Es scheint, als würde da die Politik von Vokabeln des Krieges überlagert; allerdings ist die Überlagerung von Politik durch Krieg – Straßenkämpfe, totalitäre Gewaltandrohung – etwas, das Kracauer zu dieser Zeit erlebt und bedenkt. Die Passage ist also eine konfliktgeladene...

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