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Robert Musil und Amos Gitaï: Die Ethik des Möglichkeitssinns

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Bernadette Appel

Die literaturwissenschaftliche Studie widmet sich den Werken des österreichischen Schriftstellers Robert Musil (1880–1942) und des israelischen Filmemachers Amos Gitaï (*1950). Die Analyse erbringt erstmalig den Nachweis, dass sich Gitaï in seinen Filmen mit dem berühmten Musilschen Möglichkeitsdenken auseinandersetzt. Vor dem aktuellen Hintergrund des Israel-Palästina-Konfliktes wird der Möglichkeitssinn dabei als innovatives und visionäres Modell erkennbar, das sich sowohl in ethischer, in medienphilosophischer und letztlich auch in aktuell-politischer Hinsicht als Transmedium einer beweglichen kritischen Praxis auszeichnet.

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III Analyse

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III Analyse

4 Tod des ‚Wirklichkeitssinns‘: Erstarrung und Lösen

4.1 Abschied von der Welt des ‚Seinesgleichen‘

Die in Orientierungs- und Ideenlosigkeit erstarrte Welt des ‚Seinesgleichen‘, die Gegenstand der nachfolgenden Kapitel sein wird, ist von einer tiefen inneren Zerrissenheit geprägt, die sich bei Musil in Form der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie Österreich-Ungarns als „linguistische[ ] Schizophrenie einer Bindestrich-Beziehung“1 darstellt. Genau genommen findet sich die kakanische Gesellschaft in einem „Nationalitätendilemma“ wieder, bei dem „sich die grenznahen Nationalitäten in einen Kampf gegen ihre eigenen nationalkulturellen Zugehörigkeiten hineingezogen“2 sehen. Die Schnittstellen mit der ebenso gespaltenen israelisch-palästinensischen Gesellschaft sind unübersehbar und werden von Gitaï in vielfältiger Form aufgegriffen und weitergedacht. Als besonders folgenreich erweist sich „das zerfallende Kakanien als Waste Land“3 für das eigene Ichbewusstsein, das sich als fragmentiert wahrnimmt und von „ein[em] um sich greifende[n], dabei aber weitgehend unbestimmt bleibende[n] Gefühl der existentiellen Bedrohung“4 heimgesucht wird. Musil setzt diesem Zeitgefühl das berühmte Konzept der ‚Eigenschaftslosigkeit‘ entgegen und damit die Vorstellung einer Person, die es „gleich nah und weit zu allen Eigenschaften“5 hat. Ein ‚Mann ohne Eigenschaften‘ verkörpert damit die an Nietzsches Moral angelehnte Vorstellung eines Menschen, der zu jeder Eigenschaft die „schattenhaft angelegte oder unterdrückte Gegeneigenschaft“6 in sich trage, ein Gedanke, der auch im Folgenden für die Musilsche Ethik von fundamentaler Bedeutung sein wird und auch für das ‚Möglichkeitsdenken‘ eine wichtige Rolle spielt. Die...

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