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Die Ethik der Widersetzlichkeit

Theoretische und literarische Transformationen der Antigone

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Ines Böker

Von der Antike bis in die Gegenwart partizipiert die Antigone an disparaten Denkmodellen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte. Aus literatur-und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, lassen sich die Konstruktionen dieser Konzepte kritisch hinterfragen. Ines Böker untersucht die Entstehungsmöglichkeiten, Wandlungsprozesse und (kritischen) Implikationen von Antigone-Transformationen in dem Spannungsfeld der vielschichtigen theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte. Trotz unterschiedlicher Positionen enthüllen die Untersuchungen der Antigone-Transformationen das, was die Antigone selbst aktiv gestaltet: Die Ethik der Widersetzlichkeit.

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Einleitung: Antigone „in offner Widersetzlichkeit ergriffen“

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Voll Abscheu aber laß nun einer Feindin gleich,

dies Mädchen sich im Hades gatten irgendwem!

Denn da ich sie in offner Widersetzlichkeit

ergriffen hab’ als einzige aus der ganzen Stadt,

will ich nicht als ein Lügner vor den Bürgern stehn.

Sie sterbe!

(Sophokles: Antigone V. 653f.)1

Die Antigone des Sophokles verhandelt das Thema der Widersetzlichkeit, welche die mythologische Figur Antigone – Tochter aus der prominenten inzestuösen Verbindung von Ödipus und seiner Mutter Jokaste – ihrem Onkel Kreon – dem neu eingesetzten Herrscher von Theben – entgegenbringt. Widersetzlich erscheint jedoch nicht nur die Figur Antigone innerhalb der gleichnamigen sophokleischen Tragödie. Es ist zudem das Signum der langen, umfangreichen, diskursiv breit gefächerten und mitunter bemerkenswert disparaten theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte der berühmten sophokleischen Antigone, dass diese sich ihren Interpretationen immer wieder entzieht und widersetzt, jedoch unentwegt herangezogen, neu gedeutet und entsprechend transformiert wird. Changierend bis paradox bewegt sich die Antigone durch ihre Rezeptionsgeschichte und wird vor dem Hintergrund des Spannungsfeldes abweichender Erkenntnisinteressen über große historische Zeiträume hinweg in diversen Disziplinen und Diskursen erforscht und (neu) bearbeitet.2 Als ein ←9 | 10→gemeinsamer Nenner für die unterschiedlichsten theoretischen und literarischen Rezeptionen der Antigone erscheint jedoch zumeist eine enge Verbindung zu ethisch-moralischen Fragestellungen.

Pointiert nimmt Jacques Lacan in seinem ausführlichen Kommentar zur sophokleischen Antigone in „Der Glanz Antigones“ im Rahmen seines Seminars Die Ethik der Psychoanalyse in den Jahren...

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