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Die Ethik der Widersetzlichkeit

Theoretische und literarische Transformationen der Antigone

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Ines Böker

Von der Antike bis in die Gegenwart partizipiert die Antigone an disparaten Denkmodellen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte. Aus literatur-und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, lassen sich die Konstruktionen dieser Konzepte kritisch hinterfragen. Ines Böker untersucht die Entstehungsmöglichkeiten, Wandlungsprozesse und (kritischen) Implikationen von Antigone-Transformationen in dem Spannungsfeld der vielschichtigen theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte. Trotz unterschiedlicher Positionen enthüllen die Untersuchungen der Antigone-Transformationen das, was die Antigone selbst aktiv gestaltet: Die Ethik der Widersetzlichkeit.

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2. Analysekategorien und Methodik

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2.1 Topographien und Transgressionen im Kontext ethischer Fragestellungen

Diese ganze Gegend heißt der Schleifplatz der Antigone; denn als sie sich bemühte, den Leichnam des Polyneikes aufzuheben, war sie es durchaus nicht im Stande; darauf kam sie auf den Gedanken, ihn zu schleifen, bis sie ihn hingeschleift hatte und auf den brennenden Scheiterhaufen des Eteokles warf.182

Der griechische Schriftsteller, Historiker und Geograph Pausanias Periegeta (ca. 110–180) zeigt in seiner Beschreibung Griechenlands, wie bereits in der Geographie und Geschichtsschreibung des zweiten Jahrhunderts nach unserer Zeitrechnung die ‚imaginäre Spur‘ der mythologischen Figur Antigone in Engführung mit der sophokleischen Tragödie Antigone, also einer der kulturellen und literarischen Einbildungskraft und Überlieferung entspringenden Darstellung der Figur, zum scheinbar materiellen Zeichen für eine konkrete Lokalisierung im Rahmen der populären antiken Reiseliteratur wird.

Was bei Pausanias’ ‚Schleifplatz der Antigone‘ in der tatsächlichen Zuweisung des „topos (Ort/Platz)“ eingeschrieben erscheint, ist Antigones Spur als „graphé (Schrift/Zeichnung)“.183 Die geographische Kontur, die Pausanias dem von ihm beschriebenen und abgesteckten Ort in seiner Beschreibung Griechenlands gibt, verbindet die Geographie und Geschichtsschreibung mit der mythologischen Tradition des Landes und ihrer Überlieferung. Diese wechselseitige Verbindung entspricht dem Unterfangen des Pausanias im Sinne der periegesis, dem literarischen Genre der altgriechischen Beschreibung von Ländern und deren Kunstdenkmälern, denn

[e];s ging Pausanias in erster Linie wohl nicht um eine möglichst exakte Erfassung eines geographisch klar determinierten Raumes. Sein Interesse galt nicht primär Hell...

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