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Die Ethik der Widersetzlichkeit

Theoretische und literarische Transformationen der Antigone

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Ines Böker

Von der Antike bis in die Gegenwart partizipiert die Antigone an disparaten Denkmodellen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte. Aus literatur-und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, lassen sich die Konstruktionen dieser Konzepte kritisch hinterfragen. Ines Böker untersucht die Entstehungsmöglichkeiten, Wandlungsprozesse und (kritischen) Implikationen von Antigone-Transformationen in dem Spannungsfeld der vielschichtigen theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte. Trotz unterschiedlicher Positionen enthüllen die Untersuchungen der Antigone-Transformationen das, was die Antigone selbst aktiv gestaltet: Die Ethik der Widersetzlichkeit.

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4. Untersuchung der Antigone im Kontext der Forschungsperspektiven

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4.1 Transgressionen in Sophokles’ Antigone

In der Antigone des Sophokles verbindet sich das zentrale Thema des Bestattungsverbots mit der daraus entwickelten ‚Widersetzlichkeit‘ der Antigone.

Sigrid Weigel arbeitet in Topographien der Geschlechter für die Antigone eine spezifische Geschlechtertopographie heraus, die durch Antigones „Konflikt“ und Störung einer „An-Ordnung“, innerhalb derer die „Frau im Sozialen als ‚lebendig Begrabene‘ “ in der doppelten Begrenzung von „Häuserwänden“ und „Stadtmauern“ erscheint, sichtbar wird.276 Antigones Ausbruch erscheint als demonstrative Überschreitung der Demarkationslinien weiblicher Handlungs(un)möglichkeiten und findet, am metaphorisch aufgeladenen Ort des Felsengrabes, eine gewaltsame Rückbindung an die tradierte Spaltung und Manifestation weiblicher und männlicher Raumordnung.

Die widerständige Handlung Antigones kann, so Judith Butler in Antigones Claim, als Handlungsort einer Transgression von geschlechtlicher und verwandtschaftlicher Ordnung gelesen werden. Antigones performativer Akt markiert somit eine geschlechtsspezifische und heterosexuelle Matrix, der mittels ihrer Überschreitung durch subversive Aneignungspraktiken Handlungsmöglichkeiten entgegengesetzt werden.

Zunächst gilt der Blick den aufzuzeigenden Konstruktionen von Geschlecht und Verwandtschaft in der sophokleischen Antigone. Diese Darstellungen werden auf der Folie der historischen Gegebenheiten und vor dem Hintergrund der theoretischen Bezugnahmen reflektiert. Verbunden mit der entsprechenden Kontextanalyse soll eine Untersuchung der Transformationsvorgänge entfaltet werden. Wenn die theoretischen Rezeptionen ihren Gegenstand transformieren, stellt sich zunächst die Frage, wie sie diesen überhaupt vorfinden. Im Folgenden werden dazu vor allem die Konstruktion und Herausbildung der Konzepte im fünften vorchristlichen Jahrhundert und insbesondere in der Antigone, der Nachvollzug ihrer Aufnahme...

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