Show Less
Restricted access

Subjekt und Liminalität in der Gegenwartsliteratur

Band 8.2: Schwellenzeit – Gattungstransitionen – Grenzerfahrungen; Sergej Birjukov zum 70. Geburtstag

Series:

Edited By Matthias Fechner and Henrieke Stahl

Liminalität ist ein Signum der Gegenwart. Die neuere Literatur, insbesondere die Lyrik, nimmt seismographisch liminale Phänomene der Gegenwart wahr und bildet vielfältige liminale Formen und Funktionen aus. Zentral betroffen ist das sprechende Subjekt, das in Transition versetzt wird: Zersetzung, Auflösung, Fluidität, aber auch Transparenz und Transformation öffnen seine Grenzen zum Anderen: zu den Mitmenschen, der Natur oder auch der Transzendenz. Der vorliegende Band vereint Aufsätze, die Liminalität in Bezug auf Schwellenzeit als conditio historiae der Gegenwart, auf Gattungstransitionen und auf Grenzerfahrungen des Subjekts behandeln. Der Schwerpunkt liegt auf russisch- und deutschsprachigen Gedichten. Darüber hinaus werden weitere slavische und ostasiatische Literaturen einzeln und komparatistisch behandelt sowie andere Gattungen, intermediale Formen und philosophische Perspektiven einbezogen.

Show Summary Details
Restricted access

Vom Selbstverlust erzählen. Die Schwellenerfahrung der Alzheimerdemenz als poesiologische Herausforderung für die Literatur der Jahrtausendwende

Vom Selbstverlust erzählen. Die Schwellenerfahrung der Alzheimerdemenz als poesiologische Herausforderung für die Literatur der Jahrtausendwende

Extract

Claudia Hillebrandt (Jena)

Die Schwellenerfahrung des Älterwerdens und Altseins bildet ein traditionsreiches Motiv- und Themenfeld der Literatur.1 Alte Charaktere wie Nestor, Philemon und Baucis oder Abraham finden sich schon in den für die moderne europäische Literatur wichtigen Traditionssträngen der antiken oder der jüdischen und frühchristlichen literarischen Überlieferung und einige literarische Figuren wie King Lear oder der Stechlin sind vor allem als symbolische Repräsentationen des Alters kanonisiert worden. Literarische Texte haben damit schon immer zur Herausbildung kulturell bedingter Vorstellungen vom Alter beigetragen.

Die Alzheimerdemenz als eine besonders dramatische Konsequenz des Alterungsprozesses stellt allerdings eine weitgehend neue und für die Selbsterfahrung des Subjekts besonders bedrohliche Alters- und Liminalitätserfahrung dar, die vor allen Dingen Industriegesellschaften und nachindustrielle Gesellschaften mit hoher Lebenserwartung trifft. Die Literatur (wie auch der Film) hat sich diesem Phänomen verstärkt seit den 2000er Jahren zugewandt – und zwar insbesondere in narrativen Medienformaten. Für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wären etwa Romane und Erzählungen von Arno Geiger,2 Gerhard Köpf3 oder Annette Pehnt4 anzuführen, für die internationale Literatur Texte von Sawako Ariyoshi,5 J. Bernlef,6 Jonathan Franzen7, Alice Munro8 oder Kyung-sook Shin.9 Zumeist bildet die Schwellenerfahrung der Alzheimerdemenz in diesen Texten deren Thema oder ein zent←113 | 114→rales Motiv. Bedenkt man allerdings, dass die Krankheit in letzter Konsequenz den Verlust des eigenen Selbst herbeiführt und dass die Wahrnehmung des Ich-selbst-Seins – der These von der narrativen Selbstrepräsentation folgend – eng mit der...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.