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Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität

Übergänge – Graduierungen – Aushandlungen

Edited By Barbara Kuhn and Dietrich Scholler

Traditionell gelten die Begriffe Norm und Hybridität in der Literaturwissenschaft als Gegensatzpaar: Normen, wie sie seit der Antike und bis in die Frühe Neuzeit in Regelpoetiken festgehalten oder anderweitig definiert sind, werden im historischen Prozess mittels Hybridisierungen auf verschiedenen Ebenen aufgeweicht oder gebrochen, so dass sich die Hybridität spätestens in der Epoche der Romantik als neue Norm durchsetzt. Dagegen zeigen die hier versammelten Studien, dass sich die italienische Literatur einer solch eindeutigen Zuordnung entzieht. Es zeichnet sich ein von intrikaten Graduierungen und entsprechenden Aushandlungsprozessen geprägtes Spannungsfeld ab, das auf die grundsätzliche Übergänglichkeit der literarischen Rede weist: Sie ist stets unterwegs zu dem, was sie meint.

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Misslingendes othering. Kolonialismus und Faschismus in Andrea Camilleris Il nipote del Negus (2010): (Karen Struve (Bremen))

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Karen Struve (Bremen)

Misslingendes othering. Kolonialismus undFaschismus in Andrea CamillerisIl nipote del Negus (2010)

Im Spätsommer 1929 steht die sizilianische Stadt Vigàta Kopf: Ein äthiopischer Prinz schreibt sich an der ortsansässigen Königlichen Bergbauschule ein! Der junge Afrikaner nutzt seine Zeit in Vigàta für einige Eskapaden, die die italienischen Funktionäre um eine schöne Stange Geld bringen. Dem lokalen Freudenhaus wird er zum täglichen Gast, im Adelsclub zettelt er einen handfesten Skandal und zwei Duellierungen an, und nicht zuletzt bringt er den homosexuellen Nazi-Sohn und die minderjährige Tochter des ortsansässigen Dichters um den Verstand. Am Schluss setzt sich der Prinz ausgerechnet mit der einzigen ‹Emanze› der Stadt nach Frankreich ab und verschwindet aus dem Verwirrspiel und von der Bildfläche. Polizisten und Parteifunktionäre, Schulleiter und Lehrer, Priester und nicht zuletzt sogar Mussolini selbst ringen um Fassung, denn sie suchen die ganze Zeit nach einer Möglichkeit, jenem Afrikaner einen wohlwollenden Brief an den Onkel abzuringen, auf dass der äthiopische Herrscher dem Kolonialprojekt Italiens nicht im Wege stehen möge. Andrea Camilleri zündet in seinem Roman Il nipote del Negus (2010)1 ein wahres Feuerwerk an Alteritätskonstruktionen, die immer wieder ironisch gebrochen werden und insbesondere für die im vorliegenden Sammelband eingenommene Perspektive auf Hybridität als Aushandlungszone zwischen Normbewahrung und Normverstößen viel Stoff zu liefern vermögen.

Der gesamte Roman ist als Botenbericht inszeniert, der aus sogenannten Frammenti di parlate und...

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