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Gewaltdarstellungen in der Gegenwartsliteratur

Martin Becker

Physische Gewalt ist ein häufiges Motiv in der Literatur. Diese Publikation untersucht die wichtigsten Elemente von Gewaltdarstellungen in der Gegenwartsliteratur und ordnet sie im ersten Teil typologisch. Der zweite Teil widmet sich emotionalen Wirkungspotenzialen von Gewaltdarstellungen und untersucht, wie Gewaltdarstellungen Sympathie, Ekel, Spannung und Komik erzeugen. Der dritte Teil identifiziert an vier Beispielromanen wichtige Themen, die mit den Gewaltdarstellungen verbunden werden. Anhand von Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin, Cormack McCarthys Blood Meridian, Bret Easton Ellis‘ American Psycho und Roberto Bolaños 2666 wird gezeigt, dass zeitgenössische Gewaltdarstellungen die Kritik von Gesellschaftsstrukturen und Kontexten von Gewalt mit Sprachreflexion verbinden.

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6 Sympathie

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Sympathie für eine Figur zu haben ist ein Lektüreerlebnis, das jeder Leser kennt. Sigmund Freud beschreibt in seinem Vortrag Der Dichter und das Phantasieren Sympathie als den gemeinsamen Nenner der zeitgenössischen Unterhaltungsliteratur. Diese Erzählungen zeichnen sich für ihn dadurch aus, dass sie über einen Helden verfügen, „der im Mittelpunkt des Interesses steht, für den der Dichter unsere Sympathie mit allen Mitteln zu gewinnen sucht und den er wie mit einer besonderen Vorsehung zu beschützen scheint.“172

Was hat nun Gewalt mit Sympathie zu tun? Zwischen Gewalt und Sympathie gibt es einen doppelten Zusammenhang. Zum einen bewertet der Leser die Ausübung oder das Erleiden von Gewalt und findet die betreffende Figur je nach Kontext der Gewalthandlung sympathisch oder antipathisch. Die Bewertung der Figur lässt darüber hinaus aber auch Rückschlüsse auf die Bewertung der Gewalt an sich zu. So geht beispielsweise Mitleid mit dem Opfer von Gewalthandlungen oft mit einer Verurteilung der erlittenen Gewalt einher.

In Anlehnung an Claudia Hillebrandt haben Simone Winko und Katharina Prinz ein wertungsanalytisches Instrumentarium entwickelt, das sich eignet, um Textstrukturen zu beschreiben.173 Analog zu ihren Überlegungen soll im Folgenden zunächst der Zusammenhang zwischen Sympathie und Empathie sowie zwischen Wertungen und Sympathie verdeutlicht werden, um dann das Verfahren für die Analyse von Sympathielenkung nach Winko und Prinz zu beschreiben. Da Sympathie sich immer auf eine Figur bezieht, ist es sinnvoll, für die Typologisierung im Anschluss von...

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