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Philosophie der Lebensbejahung

Die platonischen Kardinaltugenden als Grundstruktur seelisch gesunder und spiritueller Selbstverwirklichung

Hans-Arved Willberg

Weil manche Philosophen des 19. Jahrhunderts das Wort „Tugend“ mit Moralismus gleichsetzten und sich die Bedeutung Platons für die Praktische Philosophie erst allmählich erschloss, geriet das platonische System der Kardinaltugenden im 20. Jahrhundert aus dem Blick. Die empirische „Positive Psychologie“ hat sie als Grundstruktur der seelischen Gesundheit wieder entdeckt. Dieses Buch gibt dem empirischen Befund die philosophische Begründung: Die Kardinaltugenden stellen nichts anderes als den logischen Vollzug gelingenden menschlichen Lebens dar, das vernunftbestimmt, selbstbestimmt und auf spirituelle Ideale ausgerichtet ist.

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4. Rezeptionen und Modifikationen der platonischen Kardinaltugenden

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4.Rezeptionen und Modifikationen der platonischen Kardinaltugenden

Platons System der vier Kardinaltugenden blieb bis in die Neuzeit „zum Teil unverändert und unwidersprochen erhalten“,1630 stellt Endres fest, wenn es auch „nach Sinngehalt und Rangstellung doch gewissen Schwankungen unterworfen“ war.1631 Diese Einschätzung ist Konsens in der Literatur über den Werdegang der Kardinaltugenden; worin allerdings die „Schwankungen“ bestanden, lässt sich nur deutlich genug erkennen, wenn man ein genaues Bild davon hat, wie sie aus der Philosophie Platons hervorgehend zu verstehen sind. Maßstab der Schwankungen ist das Original. Nur wenn man von ihrer Einheit als Viergespann ausgeht, hat es überhaupt Sinn, ihre Überlieferung nachzuverfolgen. Als Einzeltugenden finden sie sich davon abgesehen in einem viel weiteren Spektrum, aber entweder ohne verbindende Konsistenz oder als Teil eines anderen übergreifenden Paradigmas. Isokrates zum Beispiel wird wie auch andere Sophisten1632 zwar nicht müde, die Tugend als das pädagogische Ziel schlechthin herauszustellen,1633 und stimmt in seinen konkreten Ausführungen dazu immer wieder mit den platonischen Definitionen der Einzeltugenden überein. Aber mit Platons dialektisch begründetem Anspruch der Einheit des Viergespanns weiß er explizit nichts anzufangen; er stellt diese Theorie in eine Reihe mit allerlei Diskussionsthemen, die „keinerlei Nutzen bringen, ihren Schülern aber Schwierigkeiten bereiten können“,1634 und behauptet ohne nachvollziehbaren Grund, „nur vortreffliche Menschen“ seien „im Besitz von Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung“, während „an der Tapferkeit, der Klugheit und an den anderen Eigenschaften, die allgemein anerkannt sind, auch viele schlechte Menschen Anteil haben“.1635 Tatsächlich ist die...

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