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Der Kölner Lischka-Prozess

NS-Verbrechen und Erinnerungskultur in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich

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Theresa Angenlahr

Im Lischka-Prozess standen von Oktober 1979 bis Februar 1980 drei Mitverantwortliche für die Deportation der jüdischen Bevölkerung Frankreichs während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg vor dem Kölner Landgericht. Die kurze Verhandlungsdauer sowie die Verurteilung der Angeklagten Kurt Lischka, Herbert Hagen und Ernst Heinrichsohn zu mehrjährigen Haftstrafen heben den Prozess von den meisten anderen westdeutschen NS-Strafverfahren ab. Die Studie untersucht den Einfluss der Strafverfolgung auf die öffentliche Debatte um die Shoah in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich. Mithilfe des Ansatzes der Histoire croisée analysiert sie, wie die erinnerungskulturelle Auseinandersetzung um den Lischka-Prozess in beiden Ländern geführt und wechselseitig rezipiert wurde.

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II. Teil

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Gerade zu Beginn des Lischka-Prozesses im Oktober 1979 wurde in der Öffentlichkeit seine aufgezeigte, langwierige Genese häufig moniert.208 Die knapp 35 Jahre, die zwischen Kriegsende und Prozesseröffnung verstrichen waren, wurden über den gesamten Prozessverlauf hinweg vor allem in Frankreich von verschiedenen Seiten so häufig erwähnt, dass sie fast floskelhaft erschienen.209 Das fiel bereits zeitgenössisch der französisch-jüdischen Philosophin Elisabeth de Fontenay auf, die sich nach der Urteilsverkündung in Le Matin echauffierte: „Qu’on cesse alors de nous rebattre les oreilles avec […] les trente-cinq ans de retard de ce procès ! [Auf dass man jetzt aufhöre, uns mit den 35 Jahren Verspätung dieses Prozesses in den Ohren zu liegen!]“210

Laut Bernhard Brunner hatte gerade seine „spektakuläre Vorgeschichte“ besondere Aufmerksamkeit auf den Prozess gezogen;211 ihre juristischen Details waren im Diskurs recht präsent. Die westdeutsche Öffentlichkeit sprach teilweise sehr kritisch über die Rolle der Bundesrepublik im ←65 | 66→ langwierigen Vorlauf des Prozesses. In der SZ erschien am ersten Prozesstag ein Artikel, der sein Zustandekommen detailliert erläuterte und diese Ausführungen mit folgenden Worten einleitete:

„Es fehlte weder an Peinlichem noch an Schaurigem, und das Ganze mag Historikern später einmal als Beleg für die schier unglaubliche Art und Weise dienen, wie in den siebziger Jahren Politiker und Justiz die braune deutsche Vergangenheit am Beispiel des Falles ‚Lischka und andere‘ bewältigten.“212

Die Welt monierte, dass der Bundestag die Ratifizierung des Zusatzabkommens bis...

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