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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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„Lieber nützlich leben als heroisch sterben“ Brechts Märtyrerphobie 83

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83 „Lieber nützlich leben als heroisch sterben“ Brechts Märtyrerphobie Brechts Verhältnis zum Tod hat viele Aspekte. Die unzähligen Menschenopfer in den zwei Weltkriegen, das Morden und Töten im revolutionären Kampf gegen feudalabsolutistische, pseudodemokratische oder faschistische Diktaturen, die Angst vor dem alles Leben auslöschenden Einsatz US-amerikanischer Atombomben, die Entlarvung der geschickt instrumentalisierten Todesfurcht innerhalb vieler Religionen, vor allem der des Christentums, aber auch die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen oder gar die Einsicht in das eigene Sterben als des unausweichlichen Endes eines jeden Lebens: all das (und noch wesentlich mehr) hat in seinen literarischen Werken sowie anderen von ihm hinterlassenen Lebenszeugnissen – ob nun in Briefen, dem Arbeitsjournal, den Aufzeichnungen von Gesprächen oder in jenen Anekdoten, die später in seinem Umkreis kursierten – einen eindrucksvollen, ja zum Teil unvergeßlichen Niederschlag gefunden. Aus der Fülle dieser Themen sollen im Folgenden lediglich Brechts Äußerungen über die Kämpfe um die Durchsetzung des Sozialismus herausgegriffen werden, die ihn zwangsläufig mit der in solchen Situationen auftauchenden Gewaltfrage und damit dem Problem des Tötens oder Getötetwerdens konfrontierten. Eine „konkrete“ Basis erhielten die meisten dieser Fragestellungen für Brecht erst nach dem Beginn seiner marxistischen Studien, dem Schock, den ihm im Mai 1929 der Berliner Blutsonntag versetzte, bei dem die Polizei über 20 demonstrierende Arbeiter niederschoß, dem Beginn der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 sowie den berühmt-berüchtigten Septemberwahlen des Jahres 1930, als – nach einem brutal geführten Wahlkampf – die Zahl der...

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