Show Less

«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

Series:

Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

„Das Feld muß in seiner historischen Relativität gekennzeichnet werden“ Brechts Verneinung des Tragischen 95

Extract

95 „Das Feld muß in seiner historischen Relativität gekennzeichnet werden“ Brechts Verneinung des Tragischen I Es gibt viele Philosophen, welche das Tragische als eine zentrale Grund- kategorie der Conditio humana hingestellt haben. Nach ihrer Meinung ist jedes menschliche Streben, und möge es noch so erfolgsversprechend erscheinen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ja, es wäre geradezu hybrid, behaupten sie, sich irgendwelchen Hoffnungen auf die Verwirklichung einer absolut perfekten Gesellschaftsordnung oder einer durch nichts zu erschütternden individuellen Glückseligkeit hinzugeben. Gut, wenn man seine Ziele so hoch ansetzt, mag eine solche Sehweise durchaus stimmen. Doch aufgrund derart überspannter Prämissen wird die Frage nach der konkreten Möglichkeit einer nichttragischen Lebensauffassung eher verunklärt als einer sinnvollen Beantwortung zugeführt. Sollte man nicht lieber fragen: gibt es denn jenes schlechthin Tragische überhaupt, das sich als anthropologische Konstante definieren ließe? Oder hat nicht dieser Begriff seit den alten Griechen bis heute einen höchst markanten Bedeutungswandel durchgemacht? Ja, hat es nicht sogar Zeiten gegeben, die ihn überhaupt nicht kannten oder bewußt abgelehnt haben? Wie fragwürdig ist es daher, schlechthin von „Tragik“ oder „Tragödie“ zu sprechen, als ob es sich hierbei um allgemein-menschliche, das heißt unwandelbare Phänomene handele? Daß diese beiden Begriffe in der europäischen Philosophie- und Dichtungstheorie dennoch eine wichtige Rolle gespielt haben und daß sie seit der Renaissance und dann dem 18. Jahrhundert sogar ins gesellschaftliche Alltagsbewußtsein eingedrungen sind, ist allgemein bekannt. Wie es dazu kam, ergab sich weitgehend aus...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.