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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Der kaukasische Kreidekreis (1944). Brechts utopischer Ort zwischen Partei und Volk 119

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119 Der kaukasische Kreidekreis (1944) Brechts utopischer Ort zwischen Partei und Volk In Brechts Werken nach Fingerzeichen auf ein utopisch erhofftes Morgen zu suchen, scheint auf den ersten Blick nicht besonders vielversprechend. Gilt nicht dieser Dichter als ein absolut im Hier und Jetzt verankerter Materialist, der jede über die konkrete Weltlage hinausgehende Spekulation als bloße Phantasterei oder sinnlosen Idealismus verworfen hat? Und war er nicht in der zweiten Hälfte seines Lebens ein relativ konsequenter Sozialist, der sehr wohl wußte, wie geringschätzig die Klassiker des Marxismus über das Trügerische aller utopischen Hoffnungen gedacht haben? Lohnt sich daher eine solche Frage- stellung überhaupt? Oder wird hier etwas völlig Fremdes an Brecht heran- getragen, für das er weder Verständnis noch Interesse aufbrachte? Hat sich nicht dieser Mann in all seinen großen Dramen stets auf die Kritik vergangener oder noch bestehender Ausbeutergesellschaften beschränkt und die befreite, klassen- lose, menschenwürdige Gesellschaft nur indirekt, als implizites Gegenbild anvisiert, anstatt sich auch den Verführungen einer Vorschein-Ästhetik hin- zugeben?1 Wenn sich Brecht überhaupt auf das Phänomen der „Veränderung“ einließ, tat er das meist in recht chinesisch-chimesischer oder krypto- hegelianischer Manier, indem er auf die Widersprüche im ständigen „Fluß der Dinge“ verwies, deren Resultat eine unaufhörliche Bewegung sei. Auf diese Weise evozierte er ein Weltbild, in dem alles gleitend, übergänglich, prozeßhaft ist, wo es nichts Festes gibt und sich die Gegensätze zwischen Alt und Neu in geradezu...

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