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Kommentare

Interdisziplinäre Perspektiven auf eine wissenschaftliche Praxis

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Edited By Thomas Wabel and Michael Weichenhan

Texte, die zu den geistigen Grundlagen einer Gesellschaft gehören, mögen heute nicht mehr oft gelesen werden, aber sie werden kommentiert. Längst scheint es, als sei der Kommentar an die Stelle des Textes getreten. Kommentierung gehört zur Grundlage geisteswissenschaftlichen Arbeitens. Die Beiträge dieses Bandes reflektieren die eigene wissenschaftliche Praxis des Kommentierens aus der Sicht von Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und Religionswissenschaft. Die interdisziplinäre Verständigung über diese Praxis gibt zugleich Hinweise auf die gesellschaftlichen und kulturellen Vollzüge, in denen sich Kommentierung als Aktualisierung fundierender Texte ereignet.

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Vom Verschwinden des Textes in seiner Kommentierung – oder: Wie der Text in seinem Verschwinden zur Geltung kommt 163

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VomVerschwindendesTextesinseinerKommentierung oder: WiederTextinseinemVerschwindenzurGeltungkommt THOMASWABEL I.Kanon,KommentarundkulturellesGedächtnis DieTexte,diegelesenwerden,verleihenAufschlussüberdasSelbstbild einer Gesellschaft.Mehr noch gilt dies für die Texte, die kommentiert werden. Denn kommentiertwerden zumeist solche Texte, die für eine Gesellschaft fundierendeBedeutungerlangenunddamitzuder identi tätsstiftendenWirkungdeskollektivenundkonnektivenGedächtnissesdie serGesellschaftbeitragen.1DieseFundierungvollziehtsichnormativwie formativ–normativalsKodifizierungvonRecht,BrauchundVerhalten, formativinderErzeugungdesSelbstbildeseinerGruppeodereinerGe sellschaft.2Texte,deneneinesolchermaßen„gesteigerteVerbindlichkeit“ zukommt,zählenzudenkulturellenTexteneinerGesellschaft.3 1 J.Assmann,TextundKommentar.Einführung,in:TextundKommentar.Archäo logie der literarischen Kommunikation IV, hgg. v. J. Assmann/ B. Gladigow, München 1995, 9–33, hier:10.WährendMauriceHalbwachs das kollektive Ge dächtnisindemsozialen„Rahmen“verortet,indenIndividuenundGruppenin unterschiedlichen Konstellationen in „Kommunikation und Interaktion“ hi neingestellt sind (M.Halbwachs,DasGedächtnisund seine sozialenBedingungen [frz.1925].Frankfurt/M.1985,364–zit.nachJ.Assmann,DaskulturelleGedäch tnis.Schrift,Erinnerungundpolitische Identität in frühenHochkulturen,München (1999) 52005, 36), betont das konnektive Gedächtnis oder „Bindungsgedächtnis“ dasmenschlicheStreben,„dazuzugehörenundeinesoziale Identitätauszubil den“ (J. Assmann, Religion und kulturelles Gedächtnis. Zehn Studien, München 2000,17). 2 Assmann,TextundKommentar,10. 3 Assmann, Text und Kommentar, 22. „Kulturelle Texte beanspruchen eine ge samtgesellschaftliche Verbindlichkeit, sie bestimmen Identität und Kohärenz einerGesellschaft. SiestrukturierendieSinnwelt, innerhalbderer sie sichver ständigt, und [ihr] Bewußtsein von Einheit, Zusammengehörigkeit und Eige nart“(ebd.). 164ThomasWabel DieTradierungsolchkulturellerTexteunterliegtbesonderenBedingun gen.Konstitutivhierfürsinddieineiner‚zerdehnten‘Kommunikations Situation wiederaufgenommene Mitteilung sowie die vorangegangene Speicherung.4 Inder „Institutionalisierungsform der zerdehnten Situa tion“ unterscheiden sichmündliche und schriftliche Überlieferung.5 In schriftlosenGesellschaftenwirdnurdas „[i]mGedächtnisbewahrt [...],wassich imHinblickaufkünftigeWiede raufnahmen verwenden lässt. Das kulturelle Gedächtnis deckt sich dann weitestgehendmitdem,wasinnerhalbderGruppeanSinnzirkuliert“.6 DagegenkönnenineinerSchriftkulturgegenwärtignichtinstrumentali sierbareElementedeskulturellenGedächtnissesinskulturelleSpeicherge dächtnis ausgelagert werden.7 Diese Speicherung undAuslagerung hat dennochnichtdenCharaktereinerEndlagerstätte,sonderneinesReser voirs,...

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