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Das deutsche Kindschafts- und Abstammungsrecht und die Rechtsprechung des EGMR

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Pia Maria Schulze

Im Focus der Weiterentwicklung der deutschen Gesetzgebung und Rechtsprechung in den Bereichen des Sorgerechts, des Umgangsrechts und des Abstammungsrechts stehen die Gleichstellung von ehelichen und nichtehelichen Kindern, die Stärkung der Rechte nichtehelicher Väter und die Hervorhebung der Bedeutung der genetischen Abstammung. Motor bisheriger Reformen war häufig das BVerfG. Doch in den letzten Jahren hat die Einflussnahme der Rechtsprechung des EGMR auf das deutsche Familienrecht durch pressebekannte Entscheidungen erheblich zugenommen. Was hat es auf sich mit diesem in Straßburg beheimateten Gerichtshof, der Deutschland wiederholt Verletzungen der Menschenrechte vorwirft? Beruht die unmittelbar bevorstehende Reformierung des Sorgerechts nichtehelicher Väter auf einer solchen Verurteilung Deutschlands? Stehen Grundtendenzen des EGMR wie die starke Betonung der Rechte leiblicher Eltern nicht im Gegensatz zur Vorrangstellung des Kindeswohls im deutschen Recht? Diese Arbeit dient der Untersuchung der Relevanz der Rechtsprechung des EGMR für das deutsche Familienrecht. Mit Hilfe einer systematischen Betrachtung aktueller Entscheidungen des EGMR werden Grundsätze und Anforderungen seiner Rechtsprechung sowie deren Auswirkungen herausgearbeitet und mit den geltenden Regelungen des deutschen Familienrechts sowie deren Anwendung unter Berücksichtigung humanwissenschaftlicher Beurteilungskriterien in Beziehung gesetzt.

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C Sozialwissenschaftliche Grundlagen

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Es folgt eine kurze Übersicht zu den humanwissenschaftlichen Hintergründen, denen in kindschaftsrechtlichen Verfahren maßgebliche Bedeutung zukommt. I. Die Bindungsforschung 1. Die Bindungstheorie Die Bindungstheorie wurde von dem englischen Psychoanalytiker John Bowlby begründet. Bowlby beschäftigte sich mit den negativen Auswirkungen von Mut- terentbehrung („Deprivation“) auf die seelische Gesundheit und Entwicklung des Kindes.120 Die Bindungstheorie ist als empirisch fundierte Theorie über die psychische Entwicklung des Menschen anerkannt. Als „Bindung“ ist die besondere emotio- nale und lang andauernde Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern oder Perso- nen, die es beständig betreuen, zu verstehen. Hat ein Kind eine derartige Bin- dung zu einer Person aufgebaut, ist diese Person ohne emotionale Belastung des Kindes nicht mehr zu ersetzen. Das Bindungssystem soll als primäres, genetisch verankertes, motivationales System zu verstehen sein.121 Die sichere Bindung zu einer Bezugsperson wird als Hauptursache für Sicherheit, Selbstachtung, Selbst- beherrschung und soziale Kompetenz gesehen. Durch Bindungen lernt ein Kind eigene Gefühle zu erkennen und Gefühle anderer zu deuten.122 Somit behandelt die Bindungstheorie die emotionale Entwicklung des Menschen und die emotio- nalen Folgen unangemessener Bindungserfahrungen. Als Grundprinzip des empirischen Zugangs der modernen Bindungstheorie wird das evolutionsbiologische Konzept der Anpassung, welches in der Psycho- logie übernommen wurde, verstanden. Ein psychologisch angepasstes Kind ent- wickelt im Laufe des Erwachsenwerdens eine „konstruktive internale Kohärenz“. Dies bedeutet, dass das Kind und später der Erwachsene Gefühle sicher organi- 120 Bowlby (1972), S. 11 ff. 121 Brisch (2009), S. 36; Grossmann/Grossmann (2005), S. 29; Balloff (2004)...

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