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Seesturm im Mittelalter

Ein literarisches Motiv im Spannungsfeld zwischen Topik, Erfahrungswissen und Naturkunde

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Carola Fern

Schilderungen von stürmischem Meer sind in der Literatur des Mittelalters weit verbreitet, bislang aber von der Forschung stark vernachlässigt worden. Diese Arbeit erschließt der Mediävistik ein neues Motiv und mit diesem einen neuen Blickwinkel auf die Forschung zur Naturwahrnehmung im Mittelalter. Das geschieht durch einen kommentierten Katalog literarischer Seesturmschilderungen und durch Analysen einer Stichprobenauswahl aus dem 9. bis zum 16. Jahrhundert. Alle Seesturmschilderungen werden im Hinblick auf die Topik des Motives, auf die Verarbeitung naturphilosophischer und technischer Entwicklungen der jeweiligen Entstehungszeit, auf den Realitätsgehalt der Schilderung und die Funktion des Motivs für die Gesamtkomposition und Deutung des jeweiligen Werkes hin untersucht. Der interdisziplinäre Ansatz kommt zu neuen Ergebnissen, die die bisherige Sicht auf Naturwahrnehmung im Mittelalter modifiziert.

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XII. Schlussbemerkungen und Ausblicke

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An dieser Arbeit hat sich bestätigt, dass gerade die Untersuchung von Naturkata- strophenmotiven Aufschluss über die Art der Naturwahrnehmung vergangener Zeiten gibt. Diese Erkenntnisse bereichern sowohl die Philologie des Mittelalters in vielerlei Hinsicht als auch die aktuelle Diskussion über unsere heutige Art der Naturwahrnehmung. Trotz der Wertung der Seestürme als schrecklich fällt die immer gleichbleibende Deutung des Naturereignisses als schicksalhafte Lenkung und Eingriff Gottes in die Handlung auf. Der Katastrophe wird so ein tieferer Sinn gegeben. Die Toten sind nicht sinnlos gestorben. Wie bereits festgestellt wurde, stimmt diese Art der Deu- tung mit der im Mittelalter allgemeinen Art, Natur wahrzunehmen, überein. Natur- ereignisse waren immer auch Symbole. Allerdings hat sich dieses symbolische Deu- ten von Natur, dieses Unterlegen mit einem tieferen Sinn für katastrophale Erschei- nungsformen von Natur länger, weit über das Mittelalter hinaus, gehalten als für andere, friedlichere Naturbereiche. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Sturmfluten als Gottesstrafe und Aufforderung zur Buße gedeutet.696 Sogar noch 1962 wurde die Flutkatastrophe an der Nordsee als eine Art Strafe für die Überheblichkeit der Men- schen, die vor allem in ihrem Vertrauen auf die Leistungen der Technik gesehen wurde, gedeutet. Die Katastrophe zeige, so die damalige Meinung, dass der Mensch in der Gewalt höherer Mächte stehe.697 Nach Groh, Kempe und Mauelshagen sei diese Deutung als Strafe so hartnäckig, dass es sie heute noch gäbe. Nun sei es nicht mehr der strafende Gott, sondern die personifizierte Natur, die die Sünden der menschlichen...

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