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Alessandro Tassoni (1565-1635)

Metamorphosen des Epos

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Stephanie Neu

Alessandro Tassonis heroisch-komisches Epos La secchia rapita (1622) scheint auf den ersten Blick recht einfach strukturiert zu sein: In zwölf Gesängen wird der Krieg zwischen den norditalienischen mittelalterlichen Städten Modena und Bologna um einen Holzeimer geschildert. Was zunächst «nur» wie eine Epos-Parodie klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als vielschichtiges, oft widersprüchliches Spannungsfeld literarischer und wissenschaftlicher Diskurse. Die hier vorgestellte erzähl- und diskurstheoretische Analyse bringt entsprechend die vielfältigen Gattungsbezüge ans Licht und bindet Tassonis poema eroicomico in den zeitgenössischen poetologischen und politischen Kontext ein.

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1. Einleitung

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1.1 Einführung: Begründung und Zielsetzung Ein ortsunkundiger Besucher, der in Modena die Stufen des Glockenturms Ghir- landina hinaufsteigt, wird sich fragen, warum in einem der Zwischenstockwerke ein alter Holzeimer hängt. Das Geheimnis lüftet sich nach einem Blick in das zwölf Gesänge umfassende heroisch-komische Epos La secchia rapita (SR) Alessandro Tassonis (Modena 1565-1635). Mit seinem poema eroicomico scheint er auf den ersten Blick die Re- naissance-Tradition der romanzi cavallereschi und poemi eroici weiterzuführen, in denen sich tapfere Helden im Namen der Liebe, der Ehre oder des Glaubens blutige Schlachten und Duelle liefern.1 Der Modeneser Autor erzählt ebenfalls die Geschichte eines Krieges. Allerdings treffen hier nicht Sarazenen und Chris- ten aufeinander, sondern die Bewohner der Städte Modena und Bologna in Norditalien. Sie eignen sich nicht als moralische Vorbilder, denn sie denken vor allem an ihr körperliches Wohl, benehmen sich intrigant, feige und eitel. Ebenso provinziell wie der Schauplatz ist auch der Anlass für die Kämpfe: Die Bologne- ser fordern Genugtuung für einen Holzeimer, den die Modeneser ihnen gestoh- len haben – jener Holzeimer, an den heute eine Replik im Glockenturm erinnert, während das vermeintliche Original im Palazzo Comunale in Modena ausge- stellt ist. Tassonis Werk ist zwar als epische Dichtung angelegt,2 verfremdet jedoch durch die Wahl offensichtlich „unpassender“ Figuren und eines größtenteils ko- misch-burlesken, oft satirischen Stils wesentliche Topoi. Und doch wäre es falsch, von einer reinen Parodie zu sprechen: Immer wieder erfährt der Leser...

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