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«Viel lieber säße ich noch tief im Mohn»

Fremdheitserfahrungen im Werk Christine Lavants

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Sophie Therese Külz

Im Zuge der Aufbereitung des Nachlasses der preisgekrönten Schriftstellerin Christine Lavant steigt das literaturwissenschaftliche Interesse an den bildgewaltigen Gedichten und mehrschichtigen Prosatexten der Kärntnerin. Zentrales Thema im Werk ist die Fremdheitserfahrung des Individuums, die sich in einer bis an die Ich-Dissoziation reichenden Auseinandersetzung mit der eigenen Identität sowie der krisenhaft erlebten Inkompatibilität von Ich und Welt, von Ich und Gott niederschlägt. Dem Rechnung tragend, wird die literarische Inszenierung des Fremdheitsthemas auf intrapersoneller, interpersoneller und metaphysischer Ebene untersucht. Die Fokussierung auf Motivparallelen dient dem Ziel, Kohärenzen zwischen Lyrik und Prosa aufzuzeigen.

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II. Drei Ebenen von Fremdheitserfahrungen

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1. Was ist mit mir geschehen? – Intrapersonelle Fremdheitserfahrungen Vorbemerkung: Dissoziative Phänomene In der Lavant-Forschung wird oftmals auf Motivkomplexe referiert, die eine Auflösung des Ich-Kerns, übersetzt beispielsweise in die Autonomisierung ein- zelner Körperteile oder eine Aufsplittung des lyrischen Ichs in verschiedene Teilidentitäten (respektive die Konstruktion von Alter Egos), zum Ausdruck bringen. Die Beschreibungen dieses sowohl im Lyrik- als auch im Prosawerk wahrgenommenen Phänomens gleichen einander auch dann, wenn von dem üb- licherweise eher vage angewandten172 Begriff der Ich-Dissoziation abgesehen wird. So stellt Wolfgang Nehring fest: „Das Ich in Christine Lavants Gedichten ist keine homogene Einheit. Da sind die Sinne, das Herz, das Hirn, der Wille, der Mut, der Trotz, die Angst, die Demut …, die alle ihren eigenen Haushalt führen können.“173 Christine Wigotschnig, die den Begriff der Selbstauflösung wählt, beschreibt: Die Tendenz zur Identitätsauflösung des lyrischen Ichs ist in vielen Gedichten zu be- legen und kommt oft einer psychischen und physischen Zerstörung gleich: Körper- teile, Sinne und Gemütslagen verselbständigen sich und teilen nicht mehr selbstver- ständlich das Schicksal des Ichs. Dem Ringen um Beziehungen steht dann der Kampf um die Einheit der eigenen Person gegenüber.174 Und Johann Strutz beobachtet eine „Reduktion des Ich als Folge einer Glau- bens- und Existenzkrise“, die sich „im einzelnen an Identifikationsfiguren bzw. -medien oder an figurierten Teilaspekten des Ich sowie an Verfremdungen“175 zeige. Aus der sich mit diesen Ansätzen überschneidenden eigenen Perzeption der Ich-Inszenierung im Werk Christine...

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