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Theorie und Praxis des Chors in der Moderne

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Jae Min Lee

Die neueren Zeiten kennen den Chor kaum mehr als Bestandteil der Festkultur, deswegen ist seine Umsetzung im Theater ein großes Problem. Für Regisseure und Schauspieler wie auch für die Zuschauer war der Chor der fremdartigste Teil. Allerdings haben seit der deutschen Klassik Theatermacher dem Chor intensive Aufmerksamkeit geschenkt. Der Chor ist dabei nicht nur ein dramaturgisches Mittel, um eine Distanz zwischen Bühne und Zuschauer zu wahren, sondern auch ein wichtiges Mittel zur Herstellung einer neuen Theater- und Zuschauerkunst. Der Rekurs auf das antike Vorbild zielt somit nicht auf die Wiederbelebung dieses Vorbilds um seiner selbst willen, sondern auf die Eröffnung neuer Möglichkeiten für das moderne Theater im Ringen um ein neues Theaterkonzept. Unter diesem Gesichtspunkt analysiert die vorliegende Studie die höchst differenzierten Chorkonzepte der Moderne.

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2. Der Chor und das antike Theater

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Im Kapitel 2 will ich versuchen, den Theaterraum der Antike als Chorraum zu definieren. Der Chor und sein Ort im Theater, die orchestra, ermöglichen durch die Öffnung des Bühnenraumes auf den Zuschauerraum die physische Einbezie- hung der Zuschauer in den theatralen Gesamtraum. Dazu garantiert er in seiner Raumstruktur die Öffentlichkeit des Bühnengeschehens und behauptet dann Theater als gesellschaftlichen Raum. Das Kapitel 2 wird diesen Gedanken in Zu- sammenhang mit der Funktion des Chors vertiefen. 2.1 Theaterraum als Chorraum In der Bewertung des Chors schwankte man bisher häufig zwischen zwei Ex- trempositionen: entweder verstand man ihn als reinen Mitspieler13 oder als ein lyrisches „Sprachrohr des Dichters“.14 Dieser communis opinio stelle ich ein dy- namisches, offenes Modell entgegen. Der Chor kann aus dem inneren Plot heraus auf die äußere Kommunikationsebene übergreifen, ohne die Dimension des Fik- tionalen ganz aufzugeben. Umgekehrt ist der Chor in der Handlung der Dramen 13 Diese Meinung stützt sich auf Aristoteles und Horaz. Aristoteles schreibt im 18. Kap. seiner Poetik folgendes: „Den Chor muss man ebenso einbeziehen wie einen der Schauspieler, er muss Teil des Ganzen sein und sich an der Handlung beteiligen – nicht wie bei Euripides, sondern wie bei Sophokles.“ [Aristoteles, Poetik, übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1994, S. 61.] Horaz schreibt in Ars Poetica folgendes: „Die Rolle einer handelnden Person muss der Chor spielen und voll beteiligt seinen Mann stehen; nicht darf er beliebig ein Lied zwischen den Akten einlegen, nichts anderes, als was der Entwicklung dienlich...

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