Show Less

Die Verfassungsbestrebungen der Tanzimât-Periode

Das «Kanun-i Esasî» – Die osmanische Verfassung von 1876

Series:

Tunay Sürek

Dieses Buch beschäftigt sich mit der Tanzimât-Periode, welche den Zeitraum von 1839 bis 1876 umfasst und den Beginn der Neuordnung von Recht und Gesellschaft in der osmanischen Geschichte darstellt. Tanzimât bedeutet übersetzt «heilsame Neuordnung». Die Neugestaltung und damit die Europäisierung des osmanischen Verfassungsrechts wurde in mehreren Phasen eingeführt. In diesem Kontext stellt sich unter anderem die Frage, inwieweit die Tanzimât-Periode mit ihren gesetzlichen Anordnungen eine Demokratisierung des Rechts (und womöglich der Gesellschaft) im Osmanischen Reich vorangetrieben hat. Mit dem Verfassungstext im Sinne des europäischen Konstitutionalismus des 19. Jahrhunderts kann auch erstmals von Rezeption, Transfer oder (kultureller) Translation ausländischen Verfassungsrechts (Belgiens und Preußens) gesprochen werden.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

Sechstes Kapitel: Die erste osmanische Verfassung vom 23. Dezember 1876

Extract

61 Sechstes Kapitel: Die erste osmanische Verfassung vom 23. Dezember 1876 Das osmanische Grundgesetz408 vom 23.  Dezember  1876 enthielt Bestimmun- gen zur Territorialität des Osmanischen Reiches, zum Staatsorganisationsrecht, zur Regelung der Beziehungen zwischen Bürger und Staat im Sinne eines Über- / Unterordnungs-verhältnisses („Subordination“) und zu den Grundrechten der Osmanen. Da dieses Grundgesetz von Sultan Abdül-Hamid II. dem Volke oktro- yiert wurde, wird es als Beginn der „ersten konstitutionellen Monarchie“ betrach- tet.409 Bis zu diesem Datum hatte nur Tunesien eine Verfassung (1861), die aber schon 1881 wieder aufgehoben wurde.410 I. Das neue und kurzlebige Verfassungsrecht: 23. Dezember 1876 bis 14. Februar 1878 Die Entstehung des osmanischen Grundgesetzes ist in Zusammenhang mit der Großmächte-Konferenz von 1876 und dem Staatsbankrott vom 1. April 1876 zu sehen, deren Anlass die Balkankrise war, in der England, Frankreich und Russ- land immer mehr und drängendere Forderungen an das Osmanische Reich stell- ten.411 So gesehen erfüllte das Verfassungswerk mehrere Zwecke: Die osmanische 408 Artikelangaben ohne Bezeichnung in diesem Abschnitt sind die des osmanischen Grundgesetzes. Alternative Benennungen sind: „Verfassung“, „Verfassungswerk“, „Konstitution“ und „Staatsgrundgesetz“. Die zugrunde gelegten Übersetzungen des osmanischen Grundgesetzes sind die von Ernst E. Hirsch (Die Verfassung der Tür- kischen Republik) und von Kraelitz-Greifenhorst (Verfassungsgesetze), teilweise mit Abwandlungen oder eigenen Übersetzungen. 409 Abadan, S. 357: Abadan bezieht sich hier auf die türkische politische und juristische Literatur; vgl. auch Kılıç, 1876, S. 557; a.A. Gözler, der zumindest feststellt, dass aufgrund der Machtbegrenzung des Sultans nicht mehr...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.