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Kriminalisierung des ambulanten Gewerbes

Zigeuner- und Wandergewerbepolitik im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik

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Juliane Tatarinov

Das Buch behandelt aus akteurszentrierter Sicht Zigeuner- und Wandergewerbepolitik im Kaiserreich und in der Weimarer Republik im Raum Trier und Koblenz. Wer wurde unter dem Begriff «Zigeuner» verfolgt? Welche Antriebskräfte waren für die Verfolgung von «Zigeunern» vor dem Nationalsozialismus maßgebend? Nicht nur Konflikte und Schwierigkeiten der Verwaltung bei der Ausführung der sogenannten «Bekämpfung des Zigeunerunwesens» werden ausführlich behandelt, sondern die Betroffenen selbst als Akteure in den Blick genommen. Besonderes Augenmerk legt die Autorin darauf, dass die Zuschreibung weder an der Staatsangehörigkeit noch am äußeren Erscheinungsbild von Personen festgemacht wurde, sondern vielmehr Personen betraf, die prekären ambulanten Erwerbsformen nachgingen.
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4. Die Suche nach den Nischen: Lebenswelten ambulanter Familien

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Das politisch und wirtschaftlich konstruierte Zigeunerproblem stieß auf lokaler Ebene auf die Lebenswirklichkeit der ländlichen Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt durch ambulanten Handel bestritt, sowie auf den Alltag der lokalen Polizeibeamten.

Aussagen zum Lebenskontext der als Zigeuner eingestuften Familien lassen sich nur durch das über sie angelegte Aktenmaterial herleiten. Natürlich ist dieses aus Behördenperspektive gefiltert, spiegelt jedoch nicht nur einseitig behördliche Wahrnehmung und Intention, sondern gibt auch Hinweise auf die Situation der ‚Anderen‘ und verdeutlicht Prozesse des Reagierens und der Interaktion.780 Für das Kenntlichmachen solcher Prozesse bieten sich neben dem Blick ‚zwischen die Zeilen‘ in der Polizeikorrespondenz zwischen verschiedenen Instanzen zwei weitere Quellengattungen an, die in unterschiedlichen Verwaltungsabläufen entstanden und ursprünglich gänzlich verschiedene Zwecke verfolgten. Die Auflistung von Zigeunern durch Landjäger in den Landkreisen war zum einen der internen Registrierung von angeblich verdächtigen und die öffentliche Ordnung störenden Personen dienlich, und zum anderen der behördeninternen Kontrolle der Landjäger selbst. Die Listen waren nicht öffentlich, wurden jedoch zunehmend vervielfältigt bzw. zusammengefasst und höheren Polizeidienststellen weitergeleitet, die sie wiederum an Untergeordnete verteilten.

Ganz anders hingegen stellten die Bittgesuche und Rekursschreiben von Gewerbetreibenden an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz ein in der Gewerbeverordnung verankertes Rechtsmittel im Antragsverfahren um einen Wandergewerbeschein dar. Die Behörden mussten jedes fristgerechte Schreiben bearbeiten, beantworten und schließlich archivieren.

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