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Norm als Zwang, Pflicht und Traum

Normierende versus individualisierende Bestrebungen in der Medizin – Festschrift zum 60. Geburtstag von Heinz-Peter Schmiedebach

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Eva Brinkschulte and Mariacarla Gadebusch Bondio

Erklärte Ziele der Medizin sind Wiederherstellung, Erhaltung sowie Förderung der psychischen und physischen Gesundheit. Dabei wird in der alltäglichen Praxis oft die Grenzziehung zwischen dem «Normalen» und dem «Pathologischen» unreflektiert vorgenommen. Der Band ist der interdisziplinären Aufarbeitung von medizinischen Normierungsdiskursen und -praktiken vom 19. bis 21. Jahrhundert gewidmet. In den Beiträgen werden die Bestrebungen, normale bzw. durchschnittliche medizinische Werte zu definieren, ausgelotet: Von der gesundheitspolitischen Normierung der Gesundheit bis zu den Visionen einer anzustrebenden gesunden «Normalität», deren Grenzen heute durch die Optimierungspraktiken der wunscherfüllenden Medizin verwischt sind.
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„Das Individuum – eine Abweichung“ … und das Unbehagen der Wissenschaft

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Abstract Individuelle Varianten stellen für die Medizin ein altes Problem dar. Ausgehend von der aristotelischen Definition von Wissenschaft war für die Medizin – die sich immer mit dem einzelnen Patienten befasst – nicht möglich, einen wissenschaftlichen Status zu erhalten. Trotzdem gelang es der antiken Medizin die Grundlagen für den wissenschaftlichen Umgang mit dem Einzelnen zu legen. In dieser Tradition eingebettet sah sich die „Wissenschaft des Individuellen“ in den 1920er Jahren. Personalisierungsbestrebungen in der Medizin waren darum bemüht, eine neue ärztliche Haltung und eine bahnbrechende wissenschaftliche Methode zu etablieren. Dafür musste aber der Normgedanke neu verhandelt werden.*

Die Aussage „everyone a deviate“ stammt von dem Biochemiker Roger Williams (1893–1988). In seinem kleinen aber bedeutenden Buch Biochemical Individuality hatte Williams 1956 ein Plädoyer für die biochemische Variabilität verfasst und die Grundlage für den so genannten genetotrophic approach gelegt. Erst 1998, gut vierzig Jahre nach dem ersten Erscheinen, wird sein Werk wiederentdeckt und neu aufgelegt: Ein Zeichen für das inzwischen in der Medizin ernst gewordene Interesse für Individualität und Variationen. Denn Williams hatte im Vorwort zu seinem Buch mit einer leichten Bitternis bemerkt: ← 19 | 20 →

„[…] an interest in variation and individuality has often been considered a hobby and has not led to serious publications. This field of interest has not gained the respectability that it deserved.“1

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