Show Less
Open access

Das anwaltliche Mandantengespräch

Linguistische Ergebnisse zum sprachlichen Handeln von Anwalt und Mandant

Series:

Ina Pick

Diese gesprächslinguistische Studie untersucht das anwaltliche Mandantengespräch auf einer breiten Datengrundlage authentischer Gesprächsaufnahmen aus unterschiedlichen Rechtsgebieten und arbeitet typische kommunikative Formen und Probleme heraus. Mandantengespräche gehören zum beruflichen Alltag der meisten Anwälte und Anwältinnen, die Gesprächsführung gilt zudem als eine juristische Schlüsselqualifikation. Mit einem theoretisch und methodisch mehrdimensionalen Zugang werden Gesprächsphasen, kommunikative Aufgaben und verschiedene zentrale sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert und miteinander in Bezug gesetzt. Fragebögen und Interviews mit den Beteiligten sowie die Auswertung von Praxisliteratur aus Anwaltssicht ergänzen die Analysen im Sinne einer Angewandten Gesprächsforschung. Die Arbeit wurde mit dem «Förderpreis Sprache und Recht 2014 der Universität Regensburg», dem «Dissertationspreis 2014 der TU Dortmund» sowie dem «Peter-Lang-Nachwuchspreis – Geisteswissenschaften» ausgezeichnet.
Show Summary Details
Open access

12 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

| 415 →

12 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

Ziel der vorliegenden Arbeit war es, einen bisher nicht systematisch untersuchten Gesprächstyp, das anwaltliche Erstgespräch, zu erschließen. Dazu wurde ein Korpus von 86 Mandantengesprächen, davon 59 auswertbaren Erstgesprächen, aus verschiedenen Rechtsgebieten, verschieden großen Kanzleien und verschieden stark spezialisierten und erfahrenen Anwälten erstellt. Dieses wurde komplett transkribiert, um für die Analyse zugänglich zu sein. Weiter wurden jeweils zu den Gesprächen Fragebögen von den Beteiligten erhoben, um auch deren Perspektive auf die Gespräche und deren Eindrücke abzufragen und für die Analyse fruchtbar machen zu können. Darüber hinaus wurden in regelmäßigen Abständen Interviews und Feedbackgespräche mit den Anwälten geführt, in denen die Ergebnisse bereits in ihrer Entstehung mit dem Feld diskutiert werden konnten. So konnte einerseits die Betrachtung des sprachlichen Handelns im anwaltlichen Erstgespräch durch die Perspektive der Praxis erweitert werden und zugleich die Anschlussfähigkeit der Ergebnisse an die Praxis sichergestellt werden. Dieses Material wurde methodisch auf der Basis verschiedener Beschreibungsdimensionen erschlossen. So wurden zunächst Gesprächsphasen und ein Ablauf anwaltlicher Mandantengespräche beschrieben, dann kommunikative Aufgaben und das Handlungsschema des anwaltlichen Erstgesprächs rekonstruiert und in der Folge für zentrale kommunikative Aufgaben und Aufgabenkomplexe die sprachliche Realisierung in ihren interaktionalen und mentalen Dimensionen als sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert.

Neben der Deskription des sprachlichen Handelns war von Beginn an auch der Fokus auf eine mögliche Anwendbarkeit der Ergebnisse gelegt, der sich unter anderem in dem methodischen Vorgehen, das in allen Phasen der Entstehung dieser Arbeit die Praxis einbezogen hat, niedergeschlagen hat, der sich aber ebenso an der problemorientierten Analyse zeigt. Denn neben der Beschreibung typischer Formen des anwaltlichen Erstgesprächs wurden immer wieder auch typische kommunikative Probleme herausgestellt und an entsprechender Stelle diskutiert.

In diesem abschließenden Kapitel soll ein Überblick über die Ergebnisse dieser Arbeit gegeben werden. Dazu werde ich zunächst thesenartig die zentralen Aussagen zum anwaltlichen Erstgespräch zusammenfassen. Im nächsten Schritt werde ich den mehrdimensionalen methodischen Zugang zum Material zusammenfassen und reflektieren. Schließlich werde ich auf die Anwendung bzw. Anwendbarkeit der Ergebnisse und Anschlussfähigkeit für die Praxis ← 415 | 416 → eingehen und einige typische kommunikative Schwierigkeiten, die bei der Analyse aufgefallen sind, benennen.

12.1 Anwaltliche Erstgespräche: Thesenartige Zusammenfassung der Ergebnisse

An dieser Stelle soll zunächst eine thesenartige Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit gegeben werden. Da das Ziel eine Beschreibung des sprachlichen Handelns im anwaltlichen Erstgespräch war, kann nicht auf ein zentrales Ergebnis abgestellt werden, sondern es lassen sich vielmehr verschiedene Aussagen über das Gespräch und das sprachliche Handeln der Beteiligten zusammenfassen:

 Anwaltliche Erstgespräche sind ein Typ von Beratungsgesprächen. Dies ist vor allem daran ersichtlich, dass sie die zentralen Handlungskomplexe von Beratungsgesprächen, eine Ermittlung und Redefinition des Sachverhalts in der Sachverhaltsbegutachtung und das Entwickeln von Handlungsoptionen, aufweisen.

 Darüber hinaus weisen anwaltliche Erstgespräche ebenfalls Elemente von Verkaufsgesprächen auf, maßgeblich erkennbar an der Entwicklung eines Angebots und dem Besprechen der Kosten.

 Eine Besonderheit des anwaltlichen Erstgesprächs ist, dass das Entwickeln des Angebots synchron mit dem Entwickeln von Handlungsoptionen verläuft. Beide Handlungsmuster changieren in der Planbildung. Dieses Changieren der Handlungskomplexe Beraten und Verkaufen erweist sich als ein strukturelles Handlungsproblem im anwaltlichen Erstgespräch.

 Folgen des Changierens der Muster können sein: unklare Zuständigkeiten der Beteiligten nach dem Erstgespräch, eine unbemerkte Beauftragung des Anwalts im Erstgespräch, das Ausschlagen eines (erfolgversprechenden) Angebots oder Schleifenbildung im Gespräch.

 Es lässt sich anhand von Gesprächsphasen ein Ablauf anwaltlicher Erstgespräche beschreiben, der über die Phasen hinausgeht, die bislang aus Anwaltssicht beschrieben wurden. Damit zeigt sich, dass das Gesprächsgeschehen, betrachtet man es allein anhand sprachlicher Oberflächenmerkmale, bereits komplexer ist, als weitreichend von Praktikern vermutet.

 Es lassen sich drei Typen anwaltlicher Erstberatung auf der Basis der Analyse der Gesprächsphasen sowie ihrer Konstellationen unterscheiden. Diese sind die sachverhaltsbegutachtende Rechtsberatung, die rechtsgestaltende Rechtsberatung und die bearbeitungsverwerfende Rechtsberatung. Diese Typen weisen teilweise verschiedene Spezifika auf, die sie voneinander ← 416 | 417 → abgrenzbar machen, sie sind aber prinzipiell gemeinsam unter dem anwaltlichen Erstgespräch subsummierbar und beschreibbar.

 Es lässt sich ein Bestand an kommunikativen Aufgaben rekonstruieren, die die Beteiligten im anwaltlichen Erstgespräch bearbeiten. Daraus lässt sich ein Handlungsschema für anwaltliche Erstgespräche ableiten, das es ermöglicht, es mit Handlungsschemata anderer Gesprächstypen zu vergleichen.

 Die Gesprächseröffnung zeigt vor allem die vorgreifende Thematisierung als typischen Einstieg in anwaltliche Erstgespräche, die die Eröffnungsinitiative ergänzen oder ersetzen kann. Darüber hinaus fällt besonders eine meist fehlende globale Orientierung durch die Anwälte auf.

 Bei der Sachverhaltsklärung besteht im anwaltlichen Erstgespräch die Besonderheit, dass bereits vorliegende Unterlagen in das Gespräch integriert werden müssen. Darüber hinaus müssen vom Anwalt Beweise gesichert und/oder angefordert werden, was Mandanten oft schwer verständlich zu machen ist.

 Die Sachverhaltsdarstellung der Mandanten ist weder so ungeordnet und ausschweifend wie von Praktikern angenommen noch ist sie besonders von emotionalen Elementen geprägt. Vielmehr werden systematisch bestimmte und bestimmbare Wissensbestände verbalisiert. Hier scheint sowohl die Erfahrung der Mandanten mit Anwälten als auch die gegenseitige Bekanntheit eine Einflussgröße auf die Sachverhaltsdarstellung zu haben.

 Frühe Unterbrechungen der Sachverhaltsdarstellung durch den Anwalt führen dazu, dass das Muster nicht durchlaufen und sein Zweck nicht erfüllt werden kann. Darüber hinaus kann eine frühe Unterbrechung den weiteren Gesprächsverlauf verlängern.

 Die Form der mandantenseitigen Sachverhaltsdarstellung kann als Bericht mit Bewertungshinweisen bezeichnet werden.

 Ziel und Auftrag werden selten von Mandanten explizit genannt, was vor allem dann zu Folgeschwierigkeiten führen kann, wenn diese im weiteren Gesprächsverlauf nicht geklärt werden, wenn Mandanten Ziele in den Mund gelegt werden oder wenn Ziele zwar erfragt, aber vom Mandanten daraufhin nicht genannt werden.

 Eine anwaltliche Sachverhaltsbegutachtung findet in jedem Gespräch statt, kann aber auch als Schätzung bei fehlendem Sachverhalts- oder Rechtswissen ausgeführt werden. Hier findet der Transformationsprozess eines lebensweltlichen Sachverhalts in die Rechtswelt statt. Begutachtungen werden häufig sehr kurz bzw. zu Teilen ausschließlich mental vom Anwalt entwickelt und die Entwicklung von Handlungsoptionen unmittelbar angeschlossen. Teilweise wird die Begutachtung dann erst anhand der Handlungsoptionen ersichtlich. ← 417 | 418 →

 Die Einschätzungen von Anwalt und Mandant divergieren: a) in den verschiedenen Gründen und Bewertungen einer (vermeintlich) gleichen Einschätzung, b) in der Bewertungsgrundlage des Sachverhalts (vergangene Ereignisse (M) vs. antizipierte zukünftige Entwicklungen (A)) und der der Bewertung zugrunde liegenden Problemkategorisierung. Dabei zeigt sich auch die Funktion der anwaltlichen Einschätzung, die der Transformation des lebensweltlichen Sachverhalts dient.

 In der anwaltlichen Sachverhaltsbegutachtung findet sich auch ein Zusammenhang mit der Orientierung am Richterberuf in der anwaltlichen Ausbildung. Denn die Einschätzung des Anwalts basiert maßgeblich auf der Einschätzung der potenziellen gerichtlichen Durchsetzbarkeit von Ansprüchen (egal, ob eine gerichtliche oder außergerichtliche Problemlösung angestrebt wird).

 Neben der individuellen Beurteilung des Falles wird systematisch juristisches Fachwissen (Wissen über das Recht, rechtliche Vorgänge und Zusammenhänge oder beteiligte Agenten) vermittelt. Hier spielt nicht nur die Wahl der relevanten Wissenselemente, sondern vor allem die richtige Einschätzung des vorhandenen Wissens beim Mandanten eine wesentliche Rolle, da der Laienstatus des Mandanten ein gradueller ist.

 Im anwaltlichen Erstgespräch werden, wie für Beratungsgespräche typisch, Handlungsoptionen mit dem Mandanten entwickelt. Konstitutiv ist dabei deren juristische Bewertung durch den Anwalt. Alle Optionen werden zunächst von ihm vor dem Hintergrund seines professionellen Wissens, aber auch seiner Antizipation der lebensweltlichen Lage des Mandanten gefiltert.

 Auch Mandanten bewerten die vom Anwalt vorbewerteten Handlungsoptionen und entscheiden auf der Grundlage ihres übergeordneten Handlungsprozesses über die Annahme und Ausführung der Handlungsmöglichkeiten. Erst bei Übernahme durch die Mandanten wird aus einem Handlungslayout ein umsetzungsfähiger Handlungsplan.

 Bei der Entwicklung von Handlungsoptionen ist häufig zu beobachten, dass Anwälte Pläne ziehen. Dies kann dazu führen, dass Pläne nur bruchstückhaft verbalisiert werden und damit dem Planen das kollektive Moment entzogen wird. Mandanten wird dann die Entscheidungsgrundlage entzogen, weil sie nur unzureichend über das mögliche weitere Vorgehen informiert werden.

 Vor allem bei der Entwicklung von Handlungsoptionen lassen sich Unterschiede zwischen den drei Typen anwaltlicher Erstgespräche aufzeigen.

 Bei der Entwicklung von Handlungsoptionen finden (emotional) verarbeitende Handlungen der Mandanten statt. Diese werden von Anwälten nicht immer als verarbeitende Handlung erkannt, weshalb es hier zu einer Schleifenbildung im Gespräch kommen kann. ← 418 | 419 →

 Neben beratendem Handeln findet im anwaltlichen Erstgespräch ebenfalls verkaufendes Handeln statt. Hier ist das (Ver-)Kaufen der Handlungsumsetzung mit dem Verhandeln der Kosten eine wichtige Komponente.

 Das Verhandeln der Kosten wird von den Beteiligten mit hohem kommunikativem Aufwand eingeführt, was auf eine Dispräferenz hinweist. Auf Seiten der Anwälte sind vor allem Relevanz herabstufende Formulierungen zu beobachten, die zeigen, dass ein Verhandeln über die Höhe der Kosten antizipiert wird.

 Im Gegensatz zur anwaltlichen Erwartung nehmen Mandanten selten die Möglichkeit einer Verhandlung wahr. Dieses Verhandeln ist im Handlungsmuster aber dennoch als Handlungspotenzial vorhanden.

 Insgesamt weist die kommunikative Bearbeitung des Verhandelns der Kosten eine große Varianz auf. Hier kann ein Spektrum vom impliziten Bearbeiten bis zum Verhandeln beobachtet werden, je nachdem ob Musterphasen übersprungen oder das Muster komplett durchlaufen wird.

 Anwälte interpretieren Rückfragen oder Schweigen der Mandanten häufig bereits als Einwand gegen die Höhe der Kosten (Prä-E), was sie nicht selten selbst zur Bearbeitung von Musterpositionen aus verhandelnden Musterphasen veranlasst.

Zu den Ergebnissen dieser Arbeit, die hier stichwortartig im Überblick dargestellt wurden, können in verschiedener Hinsicht weitere Forschungsfragen anschließen. So wäre eine weitere Untersuchung anwaltlicher Folgegespräche ergänzend und kontrastiv lohnenswert, die auch Fallgeschichten und Fallentwicklungen aufzeigen kann. Ebenfalls könnten vergleichende Analysen mit anderen medialen Formen anwaltlicher Erstberatungen wie der telefonischen Beratung oder der Beratung im Internet aufschlussreiche Ergebnisse liefern und den Blick auf die anwaltliche Erstberatung erweitern. Darüber hinaus wäre auch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Bezug von Texten und Diskursen in der Institution ein interessantes Vorhaben. Hier wären vor allem die vielfältigen Transformationsprozesse zwischen Texten und Diskursen, ihr Zusammenspiel und ihre Bezüge sowie die Verhältnisse verschiedener Text- und Diskurstypen zu untersuchen. Weiter könnten auch gesprächsexterne Daten wie Fragebögen und Interviews noch systematischer mit Gesprächsdaten verglichen werden, als dies in der vorliegenden Arbeit möglich war. Dazu könnten gezielt gemeinsam mit der Praxis in Interviews und Fragebögen und auf der Basis der vorliegenden Ergebnisse Forschungsdesiderata entwickelt werden. Daneben sind die Ergebnisse anschlussfähig an andere bestehende oder folgende Untersuchungen zu Beratungsgesprächen und können zu einer weiteren Ausdifferenzierung und ← 419 | 420 → Typologisierung von Beratung und Beratungsgesprächen beitragen. Nicht zuletzt eröffnen die vorliegenden Ergebnisse auch Möglichkeiten der Anwendung und Rückbindung in die Praxis, die systematisch und gemeinsam mit der Praxis ausgeschöpft werden könnten (vgl. dazu Kapitel 12.3).

12.2 Zusammenführung der Beschreibungsdimensionen: wichtige theoretische und methodische Ergebnisse

Neben den Ergebnissen, die im Rahmen dieser Arbeit inhaltlich zum anwaltlichen Mandantengespräch entwickelt werden konnten, sollen auch methodische und theoretische Ergebnisse zusammengefasst und diskutiert werden. Dazu beschreibe ich zunächst das gewählte methodische Vorgehen und stelle in der Folge die methodischen und theoretischen Erträge dieser Arbeit dar. Gleichzeitig wird so ein Überblick über die verwendeten Beschreibungskategorien und deren Zusammenhänge gegeben.

Die vorliegende Arbeit hat sich dem anwaltlichen Erstgespräch methodisch entlang verschiedener Beschreibungsdimensionen genähert, indem gesprächsphasenorientierte, aufgabenorientierte und musterorientierte Analysen des Gesprächsmaterials vorgenommen wurden. Mit einer Beschreibung entlang dieser verschiedenen Dimensionen wurden jeweils verschiedene Ziele verfolgt, so dient die Beschreibung der Phasen der Entwicklung eines Ablaufs anwaltlicher Erstgespräche, während kommunikative Aufgaben und Handlungsmuster die funktionale Dimension des sprachlichen Handelns fokussieren. Dazu werden mit den Beschreibungsdimensionen jeweils bestimmte Gesprächsabschnitte, sprachliche Handlungen oder Handlungskomplexe im Mandantengespräch auf eine bestimmte Weise fokussiert. Diese verschiedenen Dimensionen sind aber nicht nebeneinander, sondern aufeinander aufbauend und aufeinander bezogen bearbeitet worden, sodass erst in ihrer Verbindung das sprachliche Handeln im anwaltlichen Erstgespräch umfassend erschlossen werden kann.

Zunächst wurde der Ablauf anwaltlicher Erstgespräche anhand von Gesprächsphasen generalisiert, dazu wurde eine Beschreibung auf der sprachlichen Oberfläche vorgenommen (anhand von Gliederungssignalen, Pausen, Sprecher- und Themenwechsel etc.). Dabei wurden die Kategorien bewusst mit möglichst weiten Bezeichnungen benannt, um alle vorliegenden Gespräche damit erfassen und so einen strukturellen Überblick über das Korpus und die Gespräche geben zu können. Entlang der Gesprächsphasen und ihrer Konstellationen konnten drei Typen anwaltlicher Mandantengespräche extrahiert werden.

Im nächsten Schritt wurden die kommunikativen Aufgaben der Beteiligten ermittelt und zu einem Handlungsschema zusammengeführt. Die Entwicklung ← 420 | 421 → eines Handlungsschemas dient, wie die Beschreibung der Gesprächsphasen, dazu, das gesamte Gespräch erfassen und beschreiben zu können. Dieses Beschreibungsinstrumentarium zeigt nicht den linearen Verlauf der Gespräche, sondern beschreibt funktional und dynamisch das Handeln der Beteiligten, indem es von den Beteiligten selbst und deren kommunikativen Aufgaben für das anwaltliche Erstgespräch ausgeht und diese in einem Aufgabenkatalog, dem Handlungsschema, zusammenfasst.

Die Beschreibung sprachlicher Handlungsmuster zeigt im Detail, in welchen sprachlichen und interaktiven Formen bestimmte zentrale kommunikative Aufgaben interaktional realisiert werden, welche Aufgaben dabei eng verzahnt miteinander innerhalb eines sprachlichen Handlungsmusters bearbeitet werden und wie sich die Realisierungen auf die Aktanten verteilen. Darüber hinaus integrieren die Handlungsmuster die Rekonstruktion der mentalen Handlungen der Beteiligten. Handlungstheoretisch wurde das anwaltliche Mandantengespräch dabei als gemeinsamer Planbildungsprozess rekonstruiert, dessen Stadien in dieser Übersicht ebenfalls aufgeführt sind.

Die Ergebnisse aus allen Beschreibungsdimensionen sollen nachfolgend tabellarisch in einem Überblick dargestellt und zusammengefasst werden. Dieser soll auch zeigen, dass sich aus der Zusammenschau der Beschreibungsdimensionen weitere Einblicke in das sprachliche Handeln im anwaltlichen Erstgespräch generieren lassen.

Abb. 20: Tabellarischer Überblick über die Beschreibungsdimensionen und verwendeten Kategorien (grau unterlegt = keine Handlungsmuster untersucht)

Illustration

← 421 | 422 →

Illustration

← 422 | 423 →

Illustration

← 423 | 424 →

Diese tabellarische Übersicht zeigt die in der Arbeit gewählten Beschreibungsdimensionen des anwaltlichen Erstgesprächs nebeneinander. Hier werden Gesprächsphasen, kommunikative Aufgaben und Handlungsmuster parallel dargestellt, das Auftreten in einer Tabellenzeile besagt, dass typischerweise eine Realisierung z. B. einer bestimmten Aufgabe bzw. Schemakomponente in der ihr zugeordneten Phase zu beobachten ist. Ebenso zeigt sich durch sich nur teilweise überschneidende Phasen und Schemakomponenten auch der entgegengesetzte Fall, eine nicht eindeutige Zuordenbarkeit.

Grundsätzlich ist bei der linearen Darstellung von Handlungsschemata darauf hinzuweisen, dass die einzelnen kommunikativen Aufgaben und Schemakomponenten an verschiedenen Positionen im Gespräch bearbeitet werden können, dass sie mehrfach durchlaufen oder mit anderen Aufgaben im Wechsel realisiert werden. Entsprechend soll diese tabellarische Art der Darstellung nicht dazu verleiten, auch beim Handlungsschema einen ähnlich linearen Verlauf anzunehmen, wie dies bei den Gesprächsphasen der Fall ist. Dennoch orientiert sich die Darstellung des Handlungsschemas an einer logischen Abfolgereihung der Komponenten, die den prototypischen Verlauf der Bearbeitung der Schemakomponenten aufzeigt.

Da allen Beschreibungsdimensionen jeweils anwaltliche Erstgespräche zugrunde liegen, decken sich die Kategorien, deren Anordnung und Benennung im direkten Vergleich teilweise, überschneiden sich oder weisen Parallelen auf (in Abb. 20 sichtbar durch die Anordnung in der gleichen Tabellenzeile). Dies ist das erwartete Ergebnis. Besonders interessant sind daher jene Stellen im Vergleich der Kategoriensysteme in den verschiedenen Beschreibungsdimensionen, die ähnliche Handlungen beschreiben, wo sich aber die Kategorisierungen nur teilweise überlappen (sichtbar durch die Anordnung in verschiedenen Tabellenzeilen).

Betrachtet man die tabellarische Darstellung zunächst im Überblick, zeigen sich vier Gesprächsabschnitte, die eine Synchronizität aller Beschreibungsdimensionen aufweisen (in Abb. 20 sichtbar gemacht durch die drei schmalen, grau unterlegten Trennzeilen). Diese sind zum einen die Gesprächseröffnung und der Gesprächsabschluss, was ein erwartbares Resultat ist. Zum anderen zeigt sich im Mittelteil der Tabelle und damit im Kernteil der Gespräche eine weitere Untergliederung, die in allen Beschreibungsdimensionen übereinstimmend ermittelt wurde: Das Erschließen und die Einschätzung des Sachverhalts sowie das Entwickeln von Handlungsoptionen. Damit kristallisieren sich auch in der tabellarischen Darstellung die beiden für Beratungsgespräche typischen Handlungskomplexe heraus. Insgesamt zeigt also bereits diese erste globale Betrachtungsweise im Vergleich der Beschreibungsdimensionen ein wichtiges Ergebnis. ← 424 | 425 →

Die folgende genauere Betrachtung der Kategorien innerhalb dieser Abschnitte bringt weitere Ergebnisse. Beim Vergleich zwischen Schemakomponenten und Gesprächsphasen zeigt sich, dass nicht für jede Schemakomponente eine Parallele zu einer Gesprächsphase besteht. Es verlaufen also teilweise mehrere Schemakomponenten parallel mit einer einzelnen Phase, was zeigt, dass sie typischerweise in dieser Phase bearbeitet werden.

Vergleicht man die Beschreibungsdimension Schemakomponenten und ihre jeweiligen sprachlichen Realisierungen als Handlungsmuster, fällt zunächst auf, dass sich ebenfalls kommunikative Aufgaben und Mustergrenzen nicht immer decken, da Muster zum einen das Handeln beider Beteiligten parallel abbilden, also dessen Ineinandergreifen deutlich wird, und zum anderen verschiedene kommunikative Aufgaben eng miteinander verwoben sind und entsprechend zusammenhängend realisiert werden. Daher beinhalten sprachliche Handlungsmuster in der Regel je mehrere kommunikative Aufgaben. Eine genaue Zuordnung der entsprechenden Aufgabenkomplexe zu einzelnen sprachlichen Handlungsmustern kann diese Tabelle nicht leisten, vgl. dazu aber die Ergebnisse der einzelnen Kapitel in C3.

Besonders auffällig sind jene Stellen in der tabellarischen Übersicht, an denen sich Beschreibungsdimensionen nur überlappen, sich also keine Anhaltspunkte für typischerweise erwartbare parallele Realisierungen zeigen, sie aber dennoch eine Nähe zueinander aufweisen. Dies betrifft die Phase Themenexploration und -zuspitzung, in der typischerweise die Ziel- und Auftragsklärung sowie Teile der Sachverhaltsklärung stattfinden.

Ebenso können innerhalb der Realisierung einer Schemakomponente mehrere Phasen erkennbar werden, was bei der Schemakomponente (Ver-)Kaufen der Handlungsumsetzung in Verbindung mit den Phasen Kosten (-übernahme) besprechen und Formalitäten abwickeln der Fall ist (im Gegensatz jeweils zu den Phasen Aufklären über die Rechtslage und Besprechen von (juristischen) Handlungsmöglichkeiten, bei denen mehrere Schemakomponenten in einer Gesprächsphase typischerweise inkorporiert sind). In der Folge soll gezeigt werden, dass sich hier vor allem Hinweise auf kommunikative Schwierigkeiten finden lassen.

Dazu sollen zunächst die sich überlappenden Tabellenzeilen betrachtet werden, bei denen die sprachlichen Handlungen in keiner der Beschreibungsdimensionen eine Überschneidung (im Sinne eines gemeinsamen Startpunktes in der Tabelle) aufweisen. Das sind die Phase Themenexploration und -zuspitzung und die Schemakomponente (Ver-)Kaufen der Handlungsumsetzung mit den jeweils dazu gehörenden Schemakomponenten bzw. Phasen. Diese Überlappungen können verschiedene Ursachen haben: Entweder wird eine kommunikative ← 425 | 426 → Aufgabe nicht explizit als solche kenntlich gemacht und bearbeitet oder Schemakomponenten mit zusammenhängenden kommunikativen Aufgaben werden sprachlich als verschiedene Phasen markiert.

Interessanterweise zeigen sich genau dort überlappende Beschreibungsdimensionen, wo es typischerweise zu besonders folgenreichen Schwierigkeiten auch für den weiteren Mandatsverlauf kommt. Das ist zum einen der Fall, wenn eine Ziel- und Auftragsklärung nicht expliziert verbalisiert und entsprechend der Sachverhalt unzutreffend zugespitzt wird (vgl. die Kapitel 5.4, 6 und 7), zum anderen betrifft dies das Entwickeln eines Angebots, das typischerweise in changierender Form mit dem Entwickeln von Handlungsoptionen realisiert wird (vgl. Kapitel 11). Beide Stellen sind im Gespräch insofern kritisch, als Probleme, die hier entstehen, globale Folgen beinhalten, die häufig erst im Verlauf der Mandatsbearbeitung manifest werden, aber bereits wie gezeigt im anwaltlichen Erstgespräch angelegt werden.

Unter Hinzunahme der sprachlichen Handlungsmuster können für die Überlappungen und so auch für die kommunikativen Schwierigkeiten Erklärungen gefunden werden. Bezogen auf die Zielbildung stellt sich in der vergleichenden Betrachtung der Dimensionen heraus, dass diese in den Prozess der Sachverhaltsbegutachtung zumindest als mentale Handlung des Anwalts integriert ist (vgl. das sprachliche Handlungsmuster Sachverhaltsbegutachtung, Kapitel 8.3). Die Einschätzung der Situation beginnt bereits während der Sachverhaltsdarstellung des Mandanten mental und verdichtet sich mit zunehmender Sachverhaltsklärung. Damit verdichten sich ebenfalls juristisch mögliche Ziele, die aber häufig nicht verbal expliziert, sondern lediglich mental ausgebildet werden. Dies zeigt sich umso deutlicher, weil die Zuspitzung verbal über das Thema vollzogen wird, wie an den Gesprächsphasen (Themeneinführung sowie Themenexploration und -zuspitzung) ersichtlich wird. Eine Zuspitzung des Sachverhaltes bezogen auf das Ziel kann also auch lediglich mental mitlaufen. Entsprechend wird das Ziel nicht immer so weit expliziert und geklärt, dass eine solide Weiterbearbeitung damit möglich ist.

In Bezug auf die Planbildung bzw. das (Ver-)Kaufen der Handlungsumsetzung ist eine andere Ursache für die asynchronen Überlappungen mit Hilfe der Handlungsmuster zu finden. Hier zeigen sich vor allem Musterüberlagerungen bei der Entwicklung von Handlungsoptionen und der Entwicklung des Angebots (vgl. Kapitel 11). Da das Angebot typischerweise nicht explizit verbalisiert, sondern changierend mit dem Entwickeln von Handlungsoptionen bearbeitet wird, erscheint es nicht als eigene Phase, was die Überlappungen zwischen Gesprächsphasen und Schemakomponenten erklärt. Das Besprechen der Kosten (-übernahme) hingegen, das mit dem Angebot und vor allem seiner Annahme ← 426 | 427 → (theoretisch) eng verknüpft ist, wird als Phase manifest, obwohl es nur ein Teil der Schemakomponente (Ver-)Kaufen der Handlungsumsetzung darstellt. Diese Besonderheit, dass das Verhandeln der Kosten sowohl als Phase als auch als sprachliches Handlungsmuster auf der Basis nur einer kommunikativen Aufgabe beschrieben werden kann, ist dem Umstand geschuldet, dass es von den Beteiligten kommunikativ als eigenständige Gesprächskomponente benannt und bearbeitet wird. So wird das Kostenverhandeln stellvertretend für alle Verkaufshandlungen als eigene Gesprächsphase manifest und aus den anderen kommunikativen Aufgaben der Schemakomponente herausgehoben. Es ist auch als Handlungsmuster beschrieben.

Andere Stellen in der tabellarischen Übersicht weisen in Gesprächsphasen inkorporierte Schemakomponenten auf (vgl. Aufklären über die Rechtslage und Besprechen von (juristischen) Handlungsmöglichkeiten). Dies ist vor allem ein Hinweis darauf, dass einzelne Schemakomponenten und die ihnen zugeordneten kommunikativen Aufgaben nicht gesondert als eigene zu bearbeitende Aufgaben von den Gesprächsbeteiligten wahrgenommen werden bzw. zumindest als solche nicht kommunikativ kenntlich gemacht werden, was sowohl bei den Schemakomponenten Wissens(v)ermittlung als auch bei der Verarbeitung der Lage der Fall ist. Das kann insgesamt zu einer Vernachlässigung ihrer Bearbeitung führen. Dies zeigt sich zum einen daran, dass nicht systematisch der juristische Wissensstand des Mandanten ermittelt und das Fachwissen darauf bezogen vermittelt wird. Auch die Verarbeitung wird von Anwälten nicht immer als solche erkannt, was zu Schleifenbildung im Gespräch führen kann.

Ähnliches lässt sich für die Sachverhaltsdarstellung zeigen. Hier liegt ein einem anderen Handlungsmuster inkorporiertes Muster vor, denn die Sachverhaltsdarstellung ist in die Sachverhaltsbegutachtung als sprachliches Handlungsmuster eingebettet (hier kenntlich gemacht durch die gestrichelte Abgrenzung zwischen den Mustern in der Tabelle, Abb. 20). Diese Einbettung ist damit zu erklären, dass Anwälte bereits bei der Sachverhaltsdarstellung des Mandanten mental das Muster Sachverhaltsbegutachtung einleiten. Dies führt dazu, dass Anwälte die Sachverhaltsdarstellung schnell unterbrechen und zur Sachverhaltsklärung mittels Anwaltlichen Fragens übergehen. Entsprechend variiert ihre Ausdehnung stark, was sich als problematisch erweisen kann. Denn man sollte die verschiedenen Zwecke der Muster Sachverhaltsdarstellung und Sachverhaltsbegutachtung nicht außer Acht lassen. Die Sachverhaltsdarstellung dient vor allem dem Mandaten der Implementierung seiner Fallgeschichte in die Institution, bei der er seine eigenen Bewertungen und seine Perspektive für die weitere Bearbeitung in der Rechtswelt einbringen kann. Ein frühes Unterbrechen kann damit den Musterzweck der Sachverhaltsdarstellung untergraben. ← 427 | 428 →

Alle Fälle inkorporierter Schemakomponenten bzw. Handlungsmuster scheinen im Gegensatz zu den Fällen überlappender Kategorien keine schwerwiegenden Handlungsprobleme zu beinhalten, vielmehr liegen hier Hinweise darauf vor, dass sprachliche Handlungen nicht explizit eingeleitet, bearbeitet und voneinander abgegrenzt werden, sondern in Verbindung mit anderen Schemakomponenten (oder im Fall der Sachverhaltsdarstellung in einem anderen Muster) in mehr oder weniger knapper Form behandelt werden. Diese knappe oder untergeordnete Bearbeitung kann dann entsprechend zu Problemen führen. Betrachtet man die inkorporierten Komponenten näher, zeigt sich, dass es sich hier vor allem um solche handelt, die maßgeblich die Mandantenzufriedenheit und Mandanteninformiertheit betreffen (Sachverhaltsdarstellung, Wissens(v)ermittlung und Verarbeitung), die für die Zielerreichung im Gespräch aus Anwaltssicht (vermeintlich) unwichtiger sind. Möglicherweise liegt hier der Grund für die knappere und inkorporierte Bearbeitung und möglicherweise könnten gerade mit einer stärkeren Fokussierung von Anwaltsseite auf diese Komponenten und mehr Transparenz die Zufriedenheit und Informiertheit auf Seiten der Mandanten erhöht werden.

Zusammenfassend zeigt dieser tabellarische Überblick zunächst die für das anwaltliche Erstgespräch rekonstruierten Kategorien in ihren verschiedenen Beschreibungsdimensionen. Darüber hinaus zeigt sich in der vergleichenden Übersicht über die Beschreibungsdimensionen, dass sich Aussagen über das beschriebene Material damit verdichten und ergänzen lassen. Zum einen unterstreicht der Verlauf entlang aller Dimensionen eine Kategorisierung des anwaltlichen Erstgesprächs als Beratungsgespräch anhand der dafür typischen Handlungskomplexe. Ebenso zeigt sich, in welchen Gesprächsphasen typischerweise die Bearbeitung welcher kommunikativen Aufgaben stattfindet. Anhand von Überlappungen und Asynchronität der Kategorien aus den verschiedenen Beschreibungsdimensionen lassen sich darüber hinaus die Problemkomplexe im Gespräch herausdestillieren.

Entsprechend zeigt sich die Fruchtbarkeit einer Beschreibung entlang dieser gewählten Beschreibungsdimensionen in verschiedener Hinsicht, auf die sich in der Folge aufbauen lassen könnte. So konnte theoretisch die Anschlussfähigkeit zwischen Beschreibungsdimensionen hergestellt werden, die bislang meist getrennt voneinander verwendet wurden. Hier befindet sich ein noch nicht erschlossenes Potenzial zur weiteren Verknüpfung der verschiedenen theoretischen und methodischen Zugänge zum Gesprächsmaterial, die sich unter dem gemeinsamen Ziel, der Erschließung eines bestimmten Gesprächstyps, sinnvoll in Verbindung bringen lassen.

Es wurde deutlich, dass mit allen Beschreibungsdimensionen in ihrer Verbindung eine genauere und gleichzeitig umfassendere Erschließung des ← 428 | 429 → Datenmaterials möglich wird, als dies mit den Einzeldimensionen der Fall wäre. So kann allein mit der Beschreibung sprachlicher Handlungsmuster das gesamte Gespräch bzw. der Gesprächstyp in seiner Systematik nicht sinnvoll erfasst werden. Werden ausschließlich kommunikative Aufgaben rekonstruiert, fehlt die Beschreibung der konkreten Realisierungen in ihrer interaktionalen und mentalen Form. Auch die Beschreibung entlang der Phasen ist für sich genommen zu oberflächenorientiert, um das gesamte Handeln im Gespräch erfassen zu können. Gerade die Phasen aber erweisen sich in Verbindung mit den anderen Beschreibungsdimensionen als fruchtbar, da vor allem Überlappungen oder Inkorporierungen auf der Folie der Phasen sichtbar werden (Abb. 20).

Nicht zuletzt zeigt auch die Kombination der Beschreibungsdimensionen ein Potenzial zur systematischen Ermittlung von Handlungsproblemen. Inwiefern sich das als Instrumentarium bestätigen und weiterentwickeln lassen würde, müssen andere Arbeiten zeigen. Insgesamt ist in der vorliegenden Arbeit ein methodisches Vorgehen entwickelt worden, das sich für die Anwendung bei der Untersuchung anwaltlicher Erstgespräche als äußert fruchtbar erwiesen hat. Möglicherweise sind so auch weitere Gesprächstypen zu erschließen.

12.3 Anwendbarkeit der Ergebnisse und Perspektiven für die Praxis

Insgesamt hat die vorliegende Arbeit eine deskriptive Ausrichtung und hat sich zum Ziel gesetzt, einen bisher nicht untersuchten Gesprächstyp zu erschließen. Dennoch war es von Beginn an angelegt, auch den Fokus auf die Anwendung und Anwendbarkeit der Ergebnisse nicht aus den Augen zu verlieren. So wurden am Ende nahezu jedes empirischen Kapitels die Ergebnisse (wenn vorhanden) mit jenen aus anwaltlichen Praxisratgebern konfrontiert, um so auch die Best-Practice-Perspektive aus dem Feld einbeziehen zu können. Darüber hinaus wurde durch die enge Zusammenarbeit mit der Praxis, die im Forschungsdesign angelegt war, immer wieder Bezüge zwischen der Perspektive der Praxis und den Ergebnissen hergestellt, die in der Arbeit an entsprechender Stelle dargestellt und diskutiert wurden. Dazu wurde im Hinblick auf eine spätere Anwendbarkeit darauf geachtet, Beschreibungskategorien und Ergebnisse auch mit der Praxis zu diskutieren, um sicherzustellen, dass Ergebnisse eine Relevanz für die Anwendung mitbringen, und um die Akzeptanz im Feld bereits im Vorfeld zu eruieren. Damit wurde bereits in der Erstellung der Analyseergebnisse eine spätere Möglichkeit zur Anwendung angelegt. Insofern ist allein das methodische Vorgehen ein praxisnahes und entsprechend anwendungsaffines. ← 429 | 430 →

Dennoch kann die Arbeit nicht für sich in Anspruch nehmen, direkt in die Praxis übertragen werden zu können. Denn dazu hätten auf der Basis von Analyseergebnissen Schulungsmaterial und konkrete Handlungsempfehlungen erstellt werden müssen. Dies ist im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich, denn trotz allem Interesse von Seiten der Wissenschaft und der Praxis ist der Weg von der Deskription zur Entwicklung normativer Handlungsanweisungen ein eigenständiger Arbeitsschritt, der sich nicht ohne vertiefte theoretische und methodische Überlegungen bewerkstelligen lässt, wie bereits Hoffmann/Nothdurft feststellen:

Die Ergebnisse können aber auch Perspektiven auf die Überwindung institutioneller Probleme und Widersprüche eröffnen. Dafür allerdings kann die Wissenschaft […] keine allfertige Rezeptur anbieten. Denn der Eingriff in die Kommunikationsverhältnisse schafft neue Verhältnisse, die in ihrer Komplexität so schwer zu überblicken sind wie die alten, die ganz andere Probleme erzeugen können und ihrerseits der Analyse bedürfen (Hoffmann/Nothdurft 1989: 131).

Dazu kommt, dass auch eine Didaktisierung etwaig entwickelter Handlungsempfehlungen ein weiterer Schritt sein müsste, der bis hin zu einer fruchtbaren Anwendung der Ergebnisse gegangen werden müsste. Geplant ist, diese Fragen in anschließenden Projekten zu verfolgen und so konkret an die hier entwickelten Ergebnisse anzuschließen.

Einen Schritt in Richtung Anwendung wurde aber dennoch mit den Analysen gegangen. Denn es haben sich an verschiedenen Stellen bei der Analyse typische Problemstellungen gezeigt, mit denen die Beteiligten im anwaltlichen Erstgespräch konfrontiert sind. Diese wurden an entsprechender Stelle bei der Analyse benannt und belegt sowie in der zusammenfassenden Darstellung der Beschreibungskategorien aufgegriffen. Wenngleich dafür noch keine konkreten Handlungsempfehlungen entwickelt werden konnten, so bieten diese einen direkten Anknüpfungspunkt für die Anwendung.

Besonders das in dieser Arbeit rekonstruierte strukturelle Handlungsproblem zwischen Beraten und Verkaufen, das Anwälte in jedem Erstgespräch begleitet, scheint ein typisches und schwerwiegenderes Problem zu sein, weil es vor allem maßgeblich über eine Beauftragung des Anwalts entscheidet. Dafür scheinen sich nicht direkt Handlungsempfehlungen entwickeln zu lassen. Ein Ansatz zur Lösung könnte in einem interdisziplinären Zugang liegen, wie er in der vorliegenden Arbeit bereits angestoßen wurde, indem Lösungen gemeinsam mit Praktikern gesucht werden. Nicht zuletzt dazu soll die vorliegende Arbeit einladen.

Aber auch weitere kommunikative Probleme sind entdeckt worden, einige relevante sollen hier noch einmal aufgegriffen und entlang des Gesprächsverlaufs benannt werden. ← 430 | 431 →

 In der Gesprächseröffnung lassen sich dysfunktionale vorgreifende Thematisierungen durch den Anwalt beobachten. Dysfunktional werden vorgreifende Thematisierungen vor allem, wenn sie so expandiert werden, dass bereits wichtige inhaltliche Teile des Sachverhalts und seiner Bearbeitung genannt werden, ohne den Mandanten einzubeziehen. Daneben fehlen globale Orientierungen über den Gesprächsablauf, denen in anderen Studien eine Ökonomisierung des Gesprächs insgesamt bescheinigt wird.

 Bei der Sachverhaltsklärung führt eine schnelle Unterbrechung der Sachverhaltsdarstellung durch den Anwalt dazu, dass wichtige Bestandteile des Sachverhalts vom Mandanten nicht verbalisiert werden können, was den Musterzweck untergräbt. Dazu kommt, dass sich bei früher Unterbrechung Schleifenbildungen im weiteren Gesprächsverlauf beobachten lassen und eine zusammenhängende Erschließung des Sachverhalts auch mit den mandantenseitigen Prioritäten nicht mehr oder nur noch erschwert möglich ist. Weiter wird bei der Sachverhaltsklärung, wenn sie durch anwaltliches Fragen vollzogen wird, die lokale Orientierung über den Zweck einer Frage nicht geliefert. Dies führt zu nicht erwünschten Antworten des Mandanten und insgesamt zu einer Verlängerung, da Fragen nachträglich orientiert werden müssen und Mandanten erst dann adäquat antworten. Bei diesem irreführenden Ermitteln von Sachverhaltsbestandteilen kommt es nicht selten dazu, dass Mandanten anwaltliche Fragen als Vorwürfe interpretieren, sodass im Anschluss kommunikativ meist aufwändige Face-Arbeit geleistet werden muss. Ebenfalls bei der Sachverhaltsklärung tritt als problematisch auf, dass Beweise nicht gesichert werden können, weil Mandanten die Relevanz von Beweisen in der Rechtswelt nicht ausreichend vermittelt wurde. Hier besteht ein Zusammenhang mit einem weiteren Problem, einer häufig zu kurz greifenden Vermittlung von Fachwissen und Information des Mandanten, die nicht ausreichend an das beim Mandanten vorhandene Wissen anknüpft.

 Bei der Ziel- und Auftragsklärung haben sich verschiedene Probleme beobachten lassen. Probleme entstehen, wenn Ziele nicht oder nicht ausreichend benannt werden. In einigen Fällen werden Ziele gar nicht benannt, häufig zu beobachten ist dann eine Anliegensübertragung, in anderen Fällen wird eine verfahrensbezogene Typisierung, nicht aber eine inhaltliche vorgenommen oder es werden Mandanten Ziele in den Mund gelegt. Ebenfalls ist zu beobachten, dass Ziele erfragt, eine ausweichende Antwort aber akzeptiert wird. Das Klären des Ziels ist aber eine zentrale Aufgabe im anwaltlichen Erstgespräch. Ohne das Handlungsziel kann weder eine Begutachtung noch das Entwickeln von Handlungsmöglichkeiten adäquat und auf die individuelle Situation des Mandanten bezogen vorgenommen werden. Ersetzt der ← 431 | 432 → Anwalt das Ziel des Mandanten durch ein „Standard-Ziel“, so kann er dessen Interesse verfehlen. Dazu kommt, dass das Gespräch nicht gesteuert und evaluiert werden kann, wenn nicht geklärt wird, welches Gesprächsziel vorliegt.

 Die anwaltliche Begutachtung der Lage des Mandanten wird häufig knapp und mit kurzer Begründung und Wissensvermittlung vorgenommen. Dies führt dazu, dass Mandanten die Einschätzung nicht als Einschätzung‘ übernehmen können, was allerdings die Voraussetzung für das Entwickeln und Bewerten von Handlungsoptionen ist. Dazu kommt, dass die anwaltliche Einschätzung auf einer Antizipation einer potenziellen gerichtlichen Entscheidung basiert, während eine mandantenseitige Einschätzung das Resultat der Vorgeschichte ist. Dennoch können die Beteiligten auf diesen verschiedenen Grundlagen zu der gleichen Einschätzung gelangen. Diese vermeintliche Gleichheit der Einschätzung kann für die weitere Handlungsplanung oder die weitere Mandatsentwicklung problematisch werden, wenn sich die verschiedenen Bewertungsgrundlagen als relevant erweisen oder verändern.

 Bei der Entwicklung von Handlungsoptionen ist zu beobachten, dass Anwälte häufig Pläne ziehen. Wenn diese darüber hinaus nur bruchstückhaft ohne das notwendige Wissen und die Handlungsimplikationen verbalisiert werden, wird der Mandant nicht zur Entscheidungsfindung befähigt und nicht ausreichend informiert und einbezogen. Dazu kommt, dass Mandanten im Rahmen des Entwickelns von Handlungsoptionen verarbeitende Handlungen verbalisieren, teilweise auch Emotionen. Darauf sind Anwälte nicht immer vorbereitet, weshalb sie nicht mit Verarbeitungshilfen reagieren, sondern einen erneuten Musterdurchlauf anregen, was zu einer Gesprächsverlängerung bei gleichzeitiger dysfunktionaler Bearbeitung der Mandantenhandlung führt.

 Beim Verhandeln der Kosten erweist sich als problematisch, dass Anwälte häufig selbst das Verhandeln verlängern, indem sie das Herleiten der Kosten kommunikativ so aufwändig gestalten, dass Mandanten suggeriert wird, wieder zur Handlungsplanung zurückzukehren oder indem sie Mandantenäußerungen oder Schweigen als Prä-Es fehlinterpretieren und so selbst ein Verhandeln einleiten bzw. verhandelnde Musterpositionen bearbeiten.

 Für den weiteren Mandatsverlauf und die weitere Zusammenarbeit erweist sich als problematisch, wenn Aktivitäten des Gesprächsabschlusses zu schnell oder gar nicht bearbeitet werden. Dies betrifft fehlendes oder einseitiges (bezogen auf Anwalt oder Mandant) Klären von Aufgaben und Zuständigkeiten oder eine unklare Zuständigkeit, die durch das Changieren der Muster hervorgerufen wird. ← 432 | 433 →

Die hier genannten Probleme sind sicherlich nicht als abschließende Liste zu betrachten, dennoch können sie wichtige Hinweise für die Gesprächspraxis liefern. Wenngleich hier keine konkreten Handlungsanweisungen gegeben werden konnten, so kann allein das Erkennen dieser Probleme Praktiker zur Reflexion ihrer Gespräche und ihres Gesprächsverhaltens anregen.

Auf der Grundlage solcher Ergebnisse setzen typischerweise gesprächsanalytisch basierte Fortbildungen an (vgl. z. B. Fiehler 2012; Fiehler/Schmitt 2011/2004; Becker-Mrotzek/Brünner 2009/2004; Meer/Spiegel 2009; Birkner/Stukenbrock 2009; Koerfer et al. 2008; Brünner et al. 2002/1999; Fiehler/Sucharowski 1992), ebensolche würden sich aus den vorliegenden Ergebnissen entwickeln lassen. Dies kann und soll Anknüpfungspunkt für eine Anwendung der Ergebnisse sein. Hier kann aus den bereits erkannten Problemstellungen im anwaltlichen Erstgespräch Schulungsmaterial erstellt und der Praxis zur Verfügung gestellt werden. Dieses kann sukzessive erweitert werden. Hiervon können sicherlich nicht nur bereits als Anwalt tätige Juristen profitieren, die ihren Erfahrungsschatz unmittelbar mit den Ergebnissen in Bezug bringen können, sondern es kann sicherlich auch die kommunikative anwaltliche Ausbildung weiter fundiert werden.

Die vorliegende Arbeit hat damit auch gezeigt, dass das anwaltliche Erstgespräch weit weniger ein psychologisches oder rhetorisches „Hexenwerk“ ist als häufig vermutet, sondern vielmehr aus systematisch zu beobachtendem und zu beschreibendem sprachlichen Handeln besteht. So ist mit der Beschreibung und Kategorisierung des Handelns im Mandantengespräch bereits ein erster Schritt zum besseren und genaueren Verständnis des Geschehens im anwaltlichen Erstgespräch geleistet worden, womit auch Schwierigkeiten greifbarer und vor allem vermeidbarer werden. Diese Arbeit hat gezeigt, welch ein entscheidender Anteil im anwaltlichen Erstgespräch der kommunikativen Dimension des anwaltlichen Berufes zukommt. Das sind gute Nachrichten, denn gerade kommunikatives Handeln ist lernbar und hier kann angesetzt werden.