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Häusliche und institutionelle Pflege älterer Menschen als kriminologisches Problem

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Tina Drescher

Die Autorin geht in ihrem Buch davon aus, dass die Probleme in der Altenpflege nicht als feststehende Wirklichkeit zu begreifen sind, sondern ihrerseits gesellschaftlich hergestellt werden. Aus diesem Blickwinkel erscheint die Pflegegewalt als ein Problem, das wegen seines kriminologischen Bezugs gerade auch durch kriminologische Theorie aufgebaut wird. Tina Drescher analysiert die Problemgeschichte im Lichte des viktimologischen, des situationsbezogenen und des auf Kriminalitätskontrolle abstellenden Diskurses, präventive Aspekte inbegriffen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Gestalt des Problems der Pflegegewalt in vielerlei Hinsicht als Auswirkung der neueren theoretischen Ausrichtung in der kriminologischen Wissenschaft begreifen lässt.
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B. Entwicklung neuerer theoretischer Ansätze in der kriminologischen Wissenschaft

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B. Entwicklung neuerer theoretischer Ansätze in der kriminologischen Wissenschaft

Als – zumindest geistiger – Begründer der „Klassischen Schule“ und damit des Wissenschaftszweiges Kriminologie gilt der Mailänder Jurist und Philosoph Beccaria35. Er steht für die Anfänge einer theoretisch ausgerichteten und kriminalpolitisch verstandenen Kriminologie.36

Beccaria verkörperte den Rationalismus und Mut des Zeitalters der Aufklärung. Mit seinem 1764 veröffentlichten Werk „Dei delitti e delle pene“ („Über Verbrechen und Strafen“) übte er als Utilitarist scharfe Kritik am menschenunwürdigen Justizwesen seiner Zeit, vor allem an Inquisition, Folter und Todesstrafe.37 Das Übermaß an Züchtigungen kritisierte er weniger als Missbrauch, mehr als Regellosigkeit und fehlende Ökonomie des Strafens. Beccaria betrachtete das Verbrechen als eine allgegenwärtige Versuchung für alle Menschen und verneinte individuelle Ursachen des Straffälligwerdens jenseits der freien Entscheidung des Täters. Für den Mailänder Juristen waren die Ursachen des Verbrechens im Kriminaljustizsystem selbst angelegt, in seiner unvernünftigen und ungerechten Struktur. Zum Zwecke einer erfolgreichen Verbrechensvorbeugung forderte er daher ein für alle gleiches gesetzlich bestimmtes Strafrecht, das sich an der Sozialschädlichkeit von unter Strafe gestellten Handlungen ausrichtet und von einem unabhängigen gesetzlichen Richter vollzogen wird.38

Beccarias bald ins Französische und ins Deutsche übersetzte Schrift löste in nur wenigen Jahren europaweit eine hitzige Debatte über Strafgesetzgebung und Kriminalpolitik aus.39 So verfasste beispielsweise Voltaire im Jahre 1766 einen Kommentar zu diesem Buch, der folgendermaßen beginnt: ← 13 | 14 →

„Ich stand mitten in...

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