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Die Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof

Die nationalsozialistische "Euthanasie</I> in Polen während des Zweiten Weltkrieges

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Enno Schwanke

Die Studie beleuchtet in ihrer Analyse die Geschehnisse an der einstigen polnischen Anstalt Dziekanka, die ab 1939 mit der Einnahme durch die deutsche Wehrmacht in Tiegenhof umbenannt und zunehmend zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert wurde. Auf Grundlage von Zeugenaussagen und Strafermittlungsakten aus dem Bundesarchiv Ludwigsburg werden die Geschehnisse in Tiegenhof von 1939 bis 1945 rekonstruiert und gleichzeitig ein Schlaglicht auf die Anfänge der nationalsozialistischen Euthanasie geworfen. Die Studie weist nach, dass der frühe Patientenmord im Reichsgau Wartheland wesentlich durch das gaueigene SS-Sonderkommando Lange, eine eigene Euthanasie-Zentrale und den überzeugten Nationalsozialisten und Reichsstatthalter Arthur Greiser bedingt war.
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4. Das Sterben beginnt – Die Heil- und Pflegeanstalt Tiegenhof bis Herbst 1941

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4. Das Sterben beginnt – Die Heil- und Pflegeanstalt Tiegenhof bis Herbst 1941

4.1 Historischer Abriss und Abtransporte im Dezember 1939

Im Zuge des Ausbaus der psychiatrischen Krankenhäuser Preußens wurde die Anstalt Dziekanka in den Jahren 1891 bis 1894 in Form eines Pavillon-Systems errichtet. Die Anstalt lag knapp 2,5 Kilometer von Gnesen entfernt, direkt an der Straße nach Posen.231 Das Einzugsgebiet erstreckte sich daher über den Regierungsbezirk Bromberg und sieben weitere Kreise des Regierungsbezirkes Posen.232 Bereits 1897 behandelte die Anstalt knapp 600 Patienten und Patientinnen, eine Zahl, die bis 1919 konstant blieb.233 Das Anstaltswesen inklusive Namen wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch die polnische öffentliche Hand übernommen und weitergeführt. Neuer Anstaltsdirektor wurde Aleksander Pietrowski unter dessen Leitung Dziekanka zu einer der fortschrittlichsten Anstalten Polens im Bereich der Heil- und Pflegetherapie geisteskranker Menschen wurde. So wurden fortan die Gitter von den Fenstern entfernt, auf die Anwendung repressiver Methoden verzichtet und eine breit angewandte Beschäftigungstherapie implementiert.234 Hinzu kam, dass die Sterblichkeitsrate bis 1939 gerade einmal bei 1–2% der gesamten Patientenzahl lag. Damit besaß Dziekanka nicht nur die niedrigste Sterblichkeitsziffer Polens, sondern eine der niedrigsten weltweit.235 Vergleicht man diese Situation mit der eingangs geschilderten Lage der Psychiatrien in Deutschland lassen sich eklatante Unterschiede feststellen. Nach dem Tod Pietrowskis 1934 übernahm der Schlesier Dr. Viktor Ratka die Leitung der Anstalt. Ratka studierte Medizin in Freiburg und promovierte 1922. Nach mehreren Aufenthalten als praktizierender Arzt in Deutschland, war er ← 63 | 64 → von 1928 bis 1934...

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