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Die tiefenpsychologische Krankengeschichte zwischen Wissenschafts- und Weltanschauungsliteratur (1905–1952)

Eine gattungstheoretische und -historische Untersuchung

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Simone Holz

Der Band stellt erstmals eine Gattungstheorie und -historie der «tiefenpsychologischen Krankengeschichte» bereit. Konkret leistet er viererlei: Erstens liefert er durch die Darreichung eines Gattungsmodells ebenjener Untergattung der Großgattung «Krankengeschichte» einen Beitrag zur Gattungstheorie. Zweitens gewinnt er dadurch einen unkonventionellen Zugang zur Literaturgeschichtsschreibung, dass er eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen beleuchtet, die als solche gewiss nicht zum klassischen Literaturkanon gehören. Drittens versteht er sich insofern als wissenschaftshistorische Untersuchung, als er die Historie der tiefenpsychologischen Krankengeschichte als «literarisch-soziale Institution» in eine Art Dialog mit der Historie der Tiefenpsychologie als «außerliterarisch-soziale Institution» treten lässt. Und viertens schließlich stellt er einen Beitrag zur Wissenschaftsrhetorik dar.
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6 Die daseinsanalytische Abnabelung des Ludwig Binswanger: »Der Fall Ellen West_ Eine anthropologisch-klinische Studie« (1944/45)

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Die nächsten vier Briefe aus dem Jahre 1909 beziehen sich auf meinen »Versuch einer Hysterieanalyse«. Sie sind nicht nur in sachlicher Hinsicht von Interesse, sondern werfen bereits Licht auf die sich durch Jahrzehnte gleich bleibende Art unserer Freundschaft, eine Freundschaft, in der von seiten Freuds schonungslose Kritik und Aufrichtigkeit, von meiner Seite die Bemühung um die Bewahrung eines eigenen Urteils und das Ausbleiben von Empfindlichkeit oder Beleidigtsein zusammentrafen.521

Vorstehende Zeilen aus Ludwig Binswangers Erinnerungen an Sigmund Freud (1956)522 wurden der Öffentlichkeit etwa ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen ← 301 | 302 → seines ›psychoanalytischen Gesellenstücks‹ und mehr als eineinhalb Dezennien nach Freuds Tod vorgelegt. Zweifelsohne zeichnet das textinterne Ich mit diesen wenigen Pinselstrichen das Bild einer eher bemerkenswerten »Freundschaft«: Während es Freud die Rolle des überaus strengen, doch geradlinigen Lehrmeisters zuweist, glänzt es selbst in derjenigen des ungewöhnlich langmütigen Schülers, der sich von Anbeginn Autarkie auf die Fahnen geschrieben hat. Tatsächlich kann mit Blick auf die weiter oben in aller Kürze vorgestellten Krankengeschichten »Versuch einer Hysterieanalyse« und »Analyse einer hysterischen Phobie« aber nur sehr eingeschränkt von der »Bewahrung eines eigenen Urteils« gesprochen werden.

Der in eine Psychiater-Dynastie hineingeborene Ludwig Binswanger (1881–1966) absolvierte nach seinem Medizinstudium ein Assistenzjahr an der von Bleuler geleiteten Zürcher Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli. Sein Doktorvater war deren Oberarzt C.G. Jung, mit dem er anno 1907 nach Wien reiste, um Freud einen Besuch abzustatten, im Zuge dessen er erstmalig einem Treffen...

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