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Steiner neu lesen

Perspektiven für den Umgang mit Grundlagentexten der Waldorfpädagogik

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Ernst-Christian Demisch, Christa Greshake-Ebding and Johannes Kiersch

Die Anthroposophie Rudolf Steiners wird gegenwärtig neu erforscht, als historisches Phänomen ebenso wie als Impulsgeber für aktuelle Projekte in vielen Lebensfeldern. Dabei geht es auch um ein sachgemäßes Verstehen der zugrunde liegenden Quellentexte. Dieses Buch beleuchtet die dabei zu lösenden, bisher übersehenen hermeneutischen Probleme. Es diskutiert die besonderen Ausdrucksmittel, die Steiner in seinen Schriften und Vorträgen verwendet, revidiert die verbreitete Ansicht, dass es sich bei anthroposophischen Einsichten um ein Faktenwissen im Sinne empirischer Forschung der üblichen Art handle, und eröffnet damit Perspektiven für einen undogmatischen, offenen Umgang mit dem bis heute umstrittenen Werk des Pädagogen und Lebensreformers.
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Wirken und Schweigen. Das Dilemma des Eingeweihten.

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Wirken und Schweigen. Das Dilemma des Eingeweihten

Robin Schmidt

Der spirituelle Meister, der bedingungslos für seine Mitmenschen da sein möchte, um deren geistige Selbständigkeit zu fördern, steht in einem kaum zu lösenden Paradox. Jede Tat, die er unternimmt, wird den Schülern zum Vorbild, das zur Nachahmung aufruft, jedes Wort, das er spricht, droht Dogma zu werden. Andererseits hieße Tatenlosigkeit und Schweigen für den Meister, seine Fähigkeiten denen zu entziehen, denen er sein Leben gewidmet hat. Der Meister steht so in dem dauernden Problem, dass er treue Gefolgschaft hervorruft oder, wenn er schweigt, an den Folgen der Unvollkommenheit der Handlungen der Schüler leidet, weil er sieht, wie es besser ginge. So wie der Spielende zwischen Selbstbestimmung und Empfänglichkeit balanciert, so der Meister zwischen Wirken und Schweigen.

Ab 1911, mit Anfang 50, hatte Rudolf Steiner vor, sich aus der Rolle des Lehrers zu verabschieden. Anthroposophie sollte nicht seine Lehre sein, sondern von ihm unabhängig werden. So wie die Naturwissenschaft zuerst die Lehre einzelner Pioniere war, die neue Paradigmen setzten, sich dann aber als eine eigene Kulturform verselbständigte, so sollte auch Anthroposophie ein offen in der Welt stehendes Lebens- und Kulturelement werden, das zwischen Menschen erscheinen kann, die in diesem Geist zusammen sind. Und Steiner sehnte sich nach Kollegen, nach Partnern, mit denen er eine solche Anthroposophie verwirklichen konnte. Doch der Abschied aus der Rolle des Lehrers wurde nicht leicht, denn...

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