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Die soufflierte Stimme: Text, Theater, Medien

Aufsätze 1979-2012

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Helga Finter

Ist die Stimme nur Toninstrument für Sprache oder ist ihr Klang selbst signifikant? Wer spricht, was singt in einer Stimme? Welche Rolle spielt ihre Theatralisierung für Subjekt-, Körper- und Sprachkonzepte? Wie schafft Stimme Präsenz? Wie eine Signatur? Wie wird ein Ursprung der Stimme, wie Audiovision dramatisiert? Welchen Einfluss hat der Einsatz von Mikrofon, Lautsprecher, Sound-Design? Was bewirken Aufzeichnungstechnologien? Welche Rolle haben akusmatische Stimmen? Was kennzeichnet eine Ethik der Stimme, eine Stimm-Politik? Wie verhält sich die poetische zur Autorenstimme? Auf solche Fragen antwortet dieser Band mit Analysen der Praxis von (experimentellem) Theater, Oper, Tanz, Medien, wie auch von poetisch strukturierten Texten, die performativ eine Ästhetik der Stimme entwerfen.
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Der imaginäre Körper: Text, Klang und Stimme in Heiner Goebbels Theater

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Das deutsche Theater der Nachkriegszeit, insbesondere seit den sechziger Jahren, ist gegenüber dem rezitierten und deklamierten Text misstrauisch. Ein Dichterwort, das sich ausdrücklich als ausgestelltes Wort des Theaters in Differenz zur Alltagssprache vernehmen lässt, steht seither auf deutschen Bühnen unter Verdacht. Wir kennen die Gründe: einerseits die Glätte eines bis in die Adenauerzeit fortwirkenden sogenannten Reichkanzleistils, andererseits der Diebstahl, den die Usurpation der Theaterstimmen auf der politischen Bühne während der Hitlerzeit bedeutete. Denn nicht nur Chaplins Schnurrbart war von Hitler geklaut worden, mit ihm und Joseph Goebbels waren auch charakteristische Stimmstile des deutschen Theaters – die expressionistischen Affektexplosionen Fritz Kortners oder der distanzierte melodische Wohlklang Gustaf Gründgens zum Beispiel – zur Karikatur verkommen, während langer Jahre auf der politischen Bühne präsent.

Nach 1945 lebte zwar mit Gründgens der Schönklang fort, doch der Verdacht gegen jede deklamatorische Theaterkunst war nicht nur am schwierigen Comeback des Emigranten Kortner abzulesen, sondern auch an den skandalösen Reaktionen mancher Schriftstellerkollegen in den fünfziger Jahren gegenüber dem Vortragsstil eines Dichters wie Paul Celan; seine Sprechweise galt manchen als „längst überholt“, wurde gar mit Goebbels amalgamiert oder als „Synagogenstil“ diffamiert.1

Dem deutschen Theater wurde die gestohlene Stimme durch vereinzelte große Schauspieler wiedergegeben, seit den sechziger Jahren auch durch Regisseure wie Klaus Michael Grüber und Peter Stein, der bei Kortner gelernt hatte. Hier sind auch die Filmemacher Jean-Marie Straub und Danièle Huillet zu nennen, die...

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