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Die soufflierte Stimme: Text, Theater, Medien

Aufsätze 1979-2012

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Helga Finter

Ist die Stimme nur Toninstrument für Sprache oder ist ihr Klang selbst signifikant? Wer spricht, was singt in einer Stimme? Welche Rolle spielt ihre Theatralisierung für Subjekt-, Körper- und Sprachkonzepte? Wie schafft Stimme Präsenz? Wie eine Signatur? Wie wird ein Ursprung der Stimme, wie Audiovision dramatisiert? Welchen Einfluss hat der Einsatz von Mikrofon, Lautsprecher, Sound-Design? Was bewirken Aufzeichnungstechnologien? Welche Rolle haben akusmatische Stimmen? Was kennzeichnet eine Ethik der Stimme, eine Stimm-Politik? Wie verhält sich die poetische zur Autorenstimme? Auf solche Fragen antwortet dieser Band mit Analysen der Praxis von (experimentellem) Theater, Oper, Tanz, Medien, wie auch von poetisch strukturierten Texten, die performativ eine Ästhetik der Stimme entwerfen.
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Ut musica poesis?

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Laut, Klang, Ton und Rhythmus in der (experimentellen) Poesie

Wie die Musik, so auch die Poesie? Diese, ein berühmtes Horaz-Zitat1 abwandelnde Frage, die das Verhältnis von Poesie und Musik seit den Anfängen begleitet hatte, hat seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts neue Aktualität gewonnen. Doch schon Horaz hatte in seiner Poetik einen ersten Hinweis auf eine mögliche Verbindung beider Künste gegeben, als er schrieb: „Auf eine Verssprache werde ich zielen, die ich aus Altbekanntem schaffe […], soviel vermögen Reihung und die Verbindung [series iuncturaque), soviel Würde [honoris] gewinnt, was man doch aus dem Gemeingut geholt hat!“2 Eine erste Antwort wäre so in der besonderen Form dichterischer Sprache zu suchen.

Das 18. Jahrhundert jedoch glaubte, nicht durch die Poesie selbst, sondern durch kulturgeschichtliche Hypothesen über die Genese der Sprachen das Verhältnis von Sprache und Musik erhellen zu können: So ging Jean-Jacques Rousseau von der Annahme aus, die erste Sprache der Menschen sei Ausdruck von Leidenschaften in Form eines Gesangs gewesen; eine Generation zuvor, hatte Giambattista Vico gar die Menschen des heroischen Zeitalters in Versen singend sich verlauten lassen.3 Beide verstanden so Musik und Poesie als originäre Veräußerung eines Inneren, die Wortsprache hingegen als sekundäre und somit uneigentliche Errungenschaft der Zivilisation.

Musik und Dichtung haben in der Tat eine gemeinsame Geschichte –die erste Dichtung wurde gesungen, anfangs im sakralen Kontext. Und noch im 17. Jahrhundert bezeichnete die französische Klassik mit dem...

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