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Pflege im Hospital

Die Aufwärter und Aufwärterinnen von Merxhausen (16. – Anfang 19. Jh.)

von Natascha Noll (Autor:in)
Dissertation 369 Seiten

Zusammenfassung

Die Autorin befasst sich mit dem Thema Pflege in der Frühen Neuzeit. Krankenpflege in dieser Zeit wird vor allem mit religiösen Orden und Gemeinschaften in Verbindung gebracht. Über die weltliche Krankenpflege ist hingegen wenig bekannt, noch weniger über die Personen, die pflegten. Das Buch untersucht diesen Themenkomplex anhand des Hospitals Merxhausen. Im Zentrum stehen die Personen der Aufwärter und Aufwärterinnen, ihre Arbeitsverrichtung sowie ihr Verhältnis zu den Hospitalsinsassen. Darauf aufbauend werden grundlegende Fragen zu Hygiene und Medizin, aber auch zu Gewaltanwendung und Einsperrung in einem Hospital der Frühen Neuzeit behandelt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Aufwärter und Aufwärterinnen
  • 1.2 Forschungsstand und Forschungsgeschichte
  • 1.2.1 Schwerpunkte der Forschung
  • 1.2.2 Bewertung des Wartpersonals in der Forschung
  • 1.3 Methodik und Zielsetzung der Arbeit
  • 1.4 Quellen
  • 2. Das Hospital Merxhausen
  • 2.1 Die Gründung des Hospitals und die wirtschaftliche Ausstattung
  • 2.2 Die Entwicklung des Hospitals bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
  • 2.3 Siebenjähriger Krieg, Hungerkrise und das Königreich Westfalen – das Hospital Merxhausen im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
  • 2.4 Verwaltungsaufbau und Bedienstete im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
  • 2.4.1 Die Samtverwaltung der Hohen Hospitäler
  • 2.4.2 Die Bediensteten des Hospitals Merxhausen und ihre Aufgaben
  • 2.4.3 Chirurgen, Bader und Ärzte im Dienst des Hospitals
  • 3. Die Hospitalitinnen
  • 3.1 Der Weg in das Hospital und aus dem Hospital
  • 3.2 Die Anzahl der Hospitalitinnen
  • 3.3 Die Problematik historischer Krankheitsbezeichnungen und das Krankheitsspektrum der Hospitalitinnen von Merxhausen
  • 3.4 Altersstruktur der Hospitalitinnen
  • 4. Merxhausen im Kontext der frühneuzeitlichen Hospitalslandschaft
  • 5. Die ersten Aufwärter und Aufwärterinnen in Merxhausen – eine Spurensuche
  • 5.1 Von der Wartung durch andere Hospitalsinsassen zu besoldetem Wartpersonal
  • 5.2 Aufwärterehepaar und Hospitalitinnen am Ende des 17. Jahrhunderts – ein Verhörprotokoll
  • 6. Das Wartpersonal in der zweiten Hälfte des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
  • 6.1 Lebensläufe
  • 6.1.1 Eine kinderreiche Familie im Hospital – das Aufwärterehepaar Lomp (Wartdienst 1756–1786)
  • 6.1.2 »Karrieren« von Familien im Hospital
  • 6.1.2.1 Das Aufwärterehepaar Johann Jost und Anna Gerdruth (Catharina) Icke (Wartdienst 1778–1792 bzw. 1778–1800)
  • 6.1.2.2 Das Aufwärterehepaar Johann Ludwig (Henrich) und Anna Elisabeth Israel (Wartdienst 1805–1817 bzw. 1805–1830)
  • 6.1.3 Schlechte Dienstversehung und Alkoholproblem – Johann Balthasar Butzbach (Wartdienst 1794–1801)
  • 6.1.4 Ehemalige Hospitalitinnen als Aufwärterinnen
  • 6.1.4.1 Anna Magdalena Hainin (Wartdienst 1767–1791)
  • 6.1.4.2 Anna Elisabeth Holzapfel (Wartdienst 1780–1788)
  • 6.1.5 Verwitwet und mittellos – Maria Magdalena Fißler (Wartdienst 1796–1815)
  • 6.2 Das Wartpersonal im Gefüge der Hospitalsbediensteten
  • 6.2.1 Soziale Stellung und Besoldung
  • 6.2.2 Stellenbesetzung, Karrierewege und Verwandtschaft im Hospital
  • 6.2.3 Diensteinsetzung und schriftliche Instruktion
  • 6.2.4 »Qualifizierung« und Bildungsstand des Wartpersonals
  • 6.2.5 Lebenszeit und Dienstzeit
  • 6.2.6 Das Leben mit der Familie im Hospital
  • 7. Unterbringung und Ausstattung des Wartpersonals und der Hospitalitinnen
  • 7.1 Gebäude
  • 7.1.1 Weberhaus und Krankenhaus
  • 7.1.2 Stuben für Hospitalitinnen von Stande
  • 7.1.3 Das ehemalige Schusterhäuschen
  • 7.1.4 Außenanlagen
  • 7.2 Die Nutzung und Ausstattung der Räume
  • 7.2.1 Die Unterkünfte der Hospitalitinnen
  • 7.2.1.1 Allgemein
  • 7.2.1.2 Die Unterbringung der »Tollen« und »Rasenden«
  • 7.2.1.3 Stuben für die Gebrechlichen
  • 7.2.1.4 Die Stuben für Hospitalitinnen von Stande
  • 7.2.2 Die Kammern der Aufwärter und Aufwärterinnen
  • 7.2.3 Krankenstube und Apotheke
  • 7.2.4 Die Lagerung von Gegenständen und das Trocknen von Wäsche
  • 7.3 Differenzierung in der Unterbringung und der Ausstattung der Hospitalitinnen
  • 8. Aufgaben der Aufwärter und Aufwärterinnen
  • 8.1 Sauberkeit im Hospital: Körperpflege, Wäsche waschen und Reinigung der Zimmer und Aborte
  • 8.2 Aufgaben im Kleiderwesen
  • 8.3 Ausgabe von Nahrung und Geld an die Hospitalitinnen
  • 8.4 Beheizung der Räume
  • 8.5 Nebentätigkeiten
  • 8.6 Aufsicht über die Hospitalitinnen und das Streben nach einem sittlichen Lebenswandel im Hospital
  • 8.7 Einsperrung und Bestrafung
  • 8.8 Medizinische Aufgaben
  • 8.9 Geschlechtsspezifische Tätigkeitsfelder in der Aufwartung
  • 9. Dienstversehung und Dienstvergehen
  • 9.1 Hospitalitinnen und Wartpersonal in der gegenseitigen Wahrnehmung
  • 9.2 Die Perspektive von Hospitalsbeamten und Ärzten
  • 9.2.1 Die Art der Dienstvergehen und gute Dienstversehung
  • 9.2.2 Kontrollmechanismen durch das Hospital – Bestrafung und Belohnung
  • 10. Der Einfluss von Gesundheitsdiskursen auf die Aufwartung in Merxhausen
  • 11. Fazit
  • Abkürzungen
  • Tabellenverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Quellen- und Literaturverzeichnis

1.  Einleitung

1.1  Aufwärter und Aufwärterinnen

Aufwärter und Aufwärterinnen waren in der Frühen Neuzeit in zahlreichen Hospitälern und verwandten Einrichtungen, wie zum Beispiel Tollhäusern, tätig, wo sie für die direkte Versorgung der Insassen zuständig waren. Aufwartung umfasste pflegerische Tätigkeiten, wie Körperpflege und Füttern, aber auch stärker haushälterische Tätigkeiten, wie die Reinigung von Unterkünften und das Waschen der Wäsche. Zusätzlich nahmen Aufwärter und Aufwärterinnen häufig Aufgaben im Wirtschaftsbereich von Hospitälern wahr, indem sie zum Beispiel Garten- und Feldarbeit verrichteten. Im Gegensatz zu Hospitälern von Orden und geistlichen Gemeinschaften, in denen die Krankenpflege zum großen Teil von Angehörigen derselben wahrgenommen wurde, verrichteten sie ihre Tätigkeit in der Regel als Lohnarbeit, gelegentlich erhielten sie aber auch nur Kost und Logis, vor allem wenn Hospitalsinsassen fest in dieser Funktion eingesetzt wurden.

Die Entwicklung von Aufwartung als Lohnarbeit stand in engem Zusammenhang mit der Entstehung von städtischen Hospitälern seit dem hohen Mittelalter, für die sich nicht mehr die Kirche, sondern die städtische Kommune verantwortlich zeigte. Auch in der Frühen Neuzeit waren Aufwärter und Aufwärterinnen vor allem in Hospitälern und verwandten Einrichtungen tätig, die in kommunaler und landesherrlicher Trägerschaft standen.

Ein einheitlicher Begriff für diese Bediensteten existierte nicht, so dass zahlreiche Bezeichnungen in Gebrauch waren, neben »Aufwärter/-in« zum Beispiel auch »Krankenwärter/-in«, »Wärter/-in«, »Krankendiener/-in«, »Siechenknecht/-magd«, »Wartweib«, »Narrenmagd«, »Siechenmutter«. Als zusammenfassende Begriffe finden sich auch »Wartleute«, »Wartpersonen« und vor allem im 19. Jahrhundert auch »Wartpersonal«. Da die Begriffe »Aufwärter« und »Aufwärterin« im Hospital Merxhausen, das im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht, am häufigsten vertreten sind, werden diese im Folgenden vornehmlich verwendet.1 Ergänzend wird der Begriff »Wartpersonal« gebraucht, da dieser weniger sperrig ist als das Begriffspaar Aufwärter und Aufwärterinnen. ← 9 | 10 →

Ein Missverständnis besteht auch in neueren Forschungen gelegentlich wegen der Bezeichnungen als »Wärter« und »Wärterin«, die heute vor allem im Kontext von Bewachung und Einsperrung in Gefängnissen gebraucht werden. Damit wird fälschlicherweise assoziiert, dass das Wartpersonal die Insassen von Hospitälern lediglich kontrollierte und bewachte.2 »Wärter« leitet sich aber vom Verb »warten« ab, das zwar schon in der Frühen Neuzeit in der Bedeutung von »bewachen« verwendet wurde, aber jemanden »warten« und besonders auch jemandem »aufwarten« bedeutete in erster Linie, ihn zu bedienen oder allgemein für ihn zu sorgen.3 In letzterem Sinne wurde auch der Begriff »pflegen« synonym verwendet.4

Offenbar wurde der Begriff »pflegen« in der Frühen Neuzeit noch seltener benutzt, setzte sich gegenüber »warten« im 19. Jahrhundert aber mehr und mehr durch.5 Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts galt letzterer dann als veraltet und wurde dann stärker im engeren Sinne von beaufsichtigen gebraucht, während sich »pflegen« – sowie auch »Pflege« gegenüber »Wartung« – im Bereich der Krankenversorgung durchsetzte.6 Damit einher ging vermutlich auch, dass der Begriff »Wärter« schließlich nur noch in der Bedeutung von Bewacher gebraucht wurde. Entsprechende Forschungen zu Begriffsfeldern der Krankenpflege und den Hintergründen solcher Bedeutungsverschiebungen stehen aber ← 10 | 11 → insgesamt noch aus. Festzuhalten bleibt, dass der Wärter oder die Wärterin eben nicht (ausschließlich) Wärter und Wärterin im heutigen Sinne waren, sondern mit diesen Begriffen schlicht diejenigen bezeichnet wurden, die andere Menschen versorgten.

Die bisherige Forschung zu Aufwärtern und Aufwärterinnen ist in besonderem Maße von Entwicklungen beeinflusst, die die Krankenpflege seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kennzeichnen. Diese sind 1. das gestiegene Interesse und die damit verbundene Kritik, welche der Aufwartung von der Bildungsschicht und besonders von Ärzten seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entgegengebracht wurden; 2. die daraus erwachsenen Versuche, eine Ausbildung von Wartpersonal zu etablieren; 3. schließlich die Professionalisierung der Krankenpflege und ihre Etablierung als Beruf seit dem 19. Jahrhundert und 4. im Besonderen die Entwicklung zu einem Beruf, der vor allem von Frauen ausgeübt wird.

Zunächst folgt hier ein Überblick über diese grundlegenden Entwicklungen, um vor diesem Hintergrund sowohl den Forschungsstand zu charakterisieren als auch die Zielsetzung und das methodische Vorgehen der vorliegenden Arbeit zu erläutern.

Die Zeit um 1800 gilt in der Hospitals- und Krankenhausgeschichte im Allgemeinen als Umbruchszeit, in der die Grundlagen für das moderne Krankenhauswesen gelegt wurden.7 Das Bild eines gradlinigen Fortschritts vom frühneuzeitlichen Hospital mit reinem Versorgungscharakter zum modernen Krankenhaus als Zentrum der medizinischen Heilbehandlung hat mittlerweile vielfach Risse bekommen.8 Wenig umstritten ist jedoch, dass seit dem 18. Jahrhundert ein beschleunigter Prozess stattfand, in dem Hospitäler und neu gegründete Krankenhäuser mehr und mehr zu Orten der akademischen Medizin wurden, deren Organisation sich entsprechend an medizinischen Kriterien ausrichtete; und in dem die Ärzte mehr und mehr die medizinische Deutungsmacht und Vorrangstellung vor anderen in der Heilkunde tätigen Personen einforderten und größtenteils schließlich auch erlangten.

Kaum ist zu erwarten, dass das Wartpersonal von diesen Veränderungen völlig unberührt blieb. Tatsächlich ist zu beobachten, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Aufwärter und Aufwärterinnen sowie ihre Dienstversehung verstärkt in den Blick der aufgeklärten Bildungsschicht und besonders von Ärzten rückten. Den Hintergrund bildete der allgemeine Reformwille im Zuge ← 11 | 12 → der Gesundheitsaufklärung in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen, der auch eine zunehmende Kritik am bestehenden Hospitalswesen mit sich brachte, das als Teil der öffentlichen Gesundheitsfürsorge begriffen wurde.9 Eine Flut von Schriften prangerte die desolaten Zustände, vor allem die schlechten hygienischen Bedingungen, die schlechte Versorgung und unmenschliche Behandlung nicht nur in Hospitälern, sondern auch in Irrenhäusern, Arbeitshäusern und Gefängnissen an. Auch wenn viele der vorgebrachten Kritikpunkte zutreffend waren, sollte solchen Schilderungen zugleich mit einer gewissen Skepsis begegnet werden.10 Die Schriften waren von einem Fortschrittsglauben beflügelt, der das angestrebte Neue in hellem Licht erstrahlen ließ, während das zu überwindende Alte in den dunkelsten Farben gezeichnet wurde. Zu Letzterem gehörten zunehmend auch die Aufwärter und Aufwärterinnen als Mitverantwortliche für die schlechten Zustände bzw. als Teil der Probleme.

Entsprechend dem allgemeinen Reformwillen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die kritische Sicht auf Aufwärter und Aufwärterinnen auch damit verbunden, die Verhältnisse jetzt ändern zu wollen. Besonders aufschlussreich sind in dieser Hinsicht natürlich Abhandlungen, die die Problematik des Wartpersonals und der Aufwartung nicht nur als Teilaspekt behandeln, sondern sie in das Zentrum der Betrachtung rücken. Dabei handelt es sich vor allem um Lehrbücher, die von Ärzten verfasst wurden und die sich gezielt an Aufwärter und Aufwärterinnen wandten, wobei mehr oder weniger vorausgesetzt wurde, dass diese das Buch nur bedingt selbst lesen konnten oder würden und die Vermittlung der Inhalte vor allem durch Ärzte stattfinden würde.

Verglichen mit der Anzahl medizinischer Schriften ist die Zahl der Lehrbücher zur Krankenwartung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts relativ gering. Zu nennen sind vor allem die Bücher der Ärzte Johann Storch (1756), Franz Anton Mai (1782), Johann Georg Reyher (1801) und Franz Christian Karl Krügelstein (1807).11 Dass zum Ende des 18. Jahrhunderts hin ein gestiegenes Interesse an der Thematik im deutschsprachigen Raum bestand, zeigen auch zwei Übersetzungen aus dem Französischen, die 1787 herausgegeben wurden.12 ← 12 | 13 →

Trotz des zeitlichen Abstands und Unterschieden im Detail zwischen den einzelnen Veröffentlichungen stimmen sie in ihrem Grundtenor überein. Alle betonen die besondere Bedeutung, die einer guten Aufwartung im Heilungsprozess zukommt, bzw. dass schlechte Aufwartung im schlimmsten Fall für den Tod eines Kranken verantwortlich sein kann. Mit dieser Feststellung begründen die Autoren sowohl, dass sie sich überhaupt mit diesem Thema befassen, was ihrer Meinung nach Ärzte bisher zu wenig getan haben, als auch, dass es sehr wichtig ist, gute Aufwärter und Aufwärterinnen zu haben. Letzteres zu erreichen ist denn auch die eigentliche Zielsetzung ihrer Bücher. Hierbei geht es nicht nur um die Vermittlung von bestimmten Kenntnissen und Fähigkeiten, die die Lehrbücher ausführlich behandeln, sondern in der Regel werden im Vorwort oder im ersten Kapitel auch die Eigenschaften erläutert, die ein Aufwärter oder eine Aufwärterin mitbringen muss. Genannt werden in diesem Zusammenhang vor allem körperliche Stärke, Gesundheit, Verschwiegenheit, Geduld, Mäßigkeit, sittliches Verhalten und ein »höheres« Interesse an der Arbeit, das über den reinen Broterwerb hinausgeht.

In allen Lehrbüchern wird zudem besonderer Wert darauf gelegt, die Stellung der Aufwärter und Aufwärterinnen innerhalb der ansonsten medizinisch tätigen Personen zu verorten.13 Äußerst kritisch wird eigenmächtiges Verhalten von Aufwärtern und Aufwärterinnen in medizinischen Belangen bewertet, sei es nun, dass sie selbst Behandlungen bei Kranken vornahmen, also in den Augen der Ärzte Pfuscherei und Quacksalberei, oftmals geleitet von Aberglauben und veralteten Vorstellungen, betrieben, oder die Anweisungen von Ärzten eigenmächtig abänderten oder gar nicht befolgten.14 Gefordert wird stattdessen die völlige Unterordnung unter den Arzt und seine Anweisungen. Die Ärzte sind insgesamt bestrebt, Aufgabenfelder und Zuständigkeiten klar zu definieren und gegeneinander abzugrenzen, wobei sie sich selbst die oberste medizinische Kompetenz zuschreiben. Darin ist eine allgemeine Strategie von Ärzten im ← 13 | 14 → 18. Jahrhundert gegenüber anderen in der Medizin tätigen Personen wie Badern, Barbieren und Hebammen zu erkennen.15

Die Parallele zu den Hebammen ziehen einige Autoren der Lehrbücher auch selbst, allerdings in anderer Hinsicht. Für Hebammen setzte sich im 18. Jahrhundert, wie für die anderen medizinisch tätigen Personen – Ärzte, Wundärzte, Bader und Apotheker –, die staatliche Vereidigung zunehmend durch.16 Damit einher ging eine Hierarchisierung innerhalb dieser Gruppen, an deren Spitze dem Anspruch nach die akademischen Ärzte standen, die auch die Prüfungen für die medizinischen Handwerksberufe abhielten. Mit der Abgrenzung von Aufgabenfeldern und Zuständigkeiten wurde der Bereich der Medizin zwischen den verschiedenen Personen aufgeteilt und von diesen abgedeckt.17 Die Aufwärter und Aufwärterinnen kamen in diesem Kanon jedoch nicht vor, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Tätigkeit – darauf weisen einzelne Autoren der Lehrbücher auch hin – von vielen eher als Haushaltstätigkeit wahrgenommen wurde, deren Aufgabenspektrum mit dem von Mägden oder Knechten vergleichbar war. Genau hier setzten aber die Autoren der Lehrbücher an, indem sie betonten, wie wichtig die Aufwartung für den Heilungsprozess sei. Und in der Folge plädierten sie dafür, Aufwärtern und Aufwärterinnen einen ähnlichen Status zukommen zu lassen wie den Hebammen. Damit einher ging die Forderung nach einer stärkeren Unterweisung sowie einer offiziellen Vereidigung. Dies hätte durchaus eine Höherbewertung der Stellung von Aufwärtern und Aufwärterinnen bedeutet, die aber letztendlich nicht stattfand.

Der Arzt und Hebammenlehrer Franz Anton Mai versuchte im Gegensatz zu den übrigen Autoren der genannten Lehrbücher seine Ideen auch in die Praxis ← 14 | 15 → umzusetzen.18 1782 gründete er eine Wartschule in Mannheim, die auch der Anlass dafür war, sein Lehrbuch zu verfassen. Als Vorbild dienten Mai wohl die bereits erfolgten Gründungen von Hebammenschulen.19 Die Wartschule in Mannheim bestand bis zum Wechsel Mais 1797 an die Universität Heidelberg, wo er fortan auch Vorlesungen über die Krankenwartung zunächst für Studenten der Medizin abhielt. Von 1801 bis 1806 unterrichtete er ebenfalls Frauen in der Krankenwartung. Die Gründung einer zweiten Krankenwärterschule in Karlsruhe 1784 ging ebenfalls auf Mai zurück. Hier wurde vermutlich mit einer Unterbrechung zwischen 1786 und 1790 bis 1811 unterrichtet.

Gegen die Initiativen Mais regte sich durchaus Widerstand unter Ärzten, die die theoretische Ausbildung von Wartpersonal, zumal im universitären Umfeld, für unangemessen hielten und den Verdacht äußerten, dass hier »medizinische Pfuscherei« gefördert werde, anstatt sie zu beheben.20 Über die Unterrichtung von Wartpersonal, mit der auch implizit die Anerkennung desselben als medizinisch Tätige einherging, herrschte somit unter Ärzten keineswegs ein Konsens.

Dennoch gab es durchaus auch positive Reaktionen auf die Krankenwartschulen und das Lehrbuch von Mai. Ein anonymer Rezensent besprach es schon kurz nach der Veröffentlichung positiv und begrüßte die Initiative Mais, für die er auf viele Nachahmer hoffte.21 Krünitz widmete den Wartschulen einen längeren wohlwollenden Abschnitt in seiner Enzyklopädie.22 Und an der Charité in Berlin sollte 1800 ebenfalls eine Krankenwartschule nach dem Vorbild von Mai eingerichtet werden, was aber zunächst nicht geschah.23 Unklar ist bisher, inwieweit noch weiterer Unterricht von Wartpersonal und Gründungsversuche von Wartschulen um 1800 stattfanden.24 ← 15 | 16 →

Im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Vorstellung durch, dass Krankenpflege einer besonderen Unterrichtung bedurfte. Weitere Wartschulen bzw. Unterricht für Wartpersonal wurden eingerichtet, so 1814 in Magdeburg, 1818 am Allgemeinen Krankenhaus in Berlin, 1832 an der Charité in Berlin, 1836 in Göttingen.25 Auch für das 19. Jahrhundert ist bisher unklar, wie weit verbreitet solche Initiativen insgesamt waren oder ob sie eher vereinzelt stattfanden. Sicher ist, dass eine Unterrichtung des Wartpersonals immer nur punktuell stattfand. Selbst an Orten, an denen Wartschulen existierten, wurde keineswegs das gesamte dort vorhandene Wartpersonal unterrichtet. Eine allgemeine und verbindliche Ausbildung wurde auch im weiteren Verlauf des Jahrhunderts nicht annähernd etabliert.26

Im 19. Jahrhundert ist außerdem eine zunehmende ideelle Verknüpfung von Frauen mit der Pflegetätigkeit zu erkennen, die im Zusammenhang mit der Konstruktion des bürgerlichen Frauenbilds steht. Vorstellungen von »natürlichen« weiblichen Eigenschaften sowie Tugenden, die Frauen besonders kultivieren sollten und die sie besonders geeignet für die Krankenpflege machten, finden sich schon im 18. Jahrhundert. Heraufbeschworen werden Sanftmut, Geduld, die Fähigkeit zum Mitleid; insgesamt das Sich-Sorgen um andere. Trotzdem wurde bis weit in das 19. Jahrhundert die Frage, ob Frauen besonders geeignet für die Krankenpflege seien, weiterhin kontrovers diskutiert.27 Dennoch entwickelten gerade Frauen aus bürgerlichen, teilweise auch aus adeligen Kreisen ein besonderes Interesse an der Krankenpflege. Sie engagierten sich nicht nur als Geldgeberinnen und Organisatorinnen, sondern verrichteten auch eigenhändig die bisher wenig angesehenen Tätigkeiten bei der Pflege von Kranken. Damit einher ging eine ideelle Aufwertung der Krankenpflege als »Liebestätigkeit«. Dies war gerade aus Sicht des Christentums alles andere als neu, wurde nun aber in Abgrenzung zur Krankenpflege als reiner Lohnarbeit, die damit deklassiert wurde, ← 16 | 17 → gesehen. Krankenpflege wurde auch außerhalb der religiösen Krankenpflege zu einer Berufung erklärt.28

In den Frauenvereinen, die im Zusammenhang mit den Befreiungskriegen (1813–1815) entstanden, zeigt sich zum ersten Mal das verstärkte Interesse bürgerlicher Frauen an der Krankenpflege. Frauen riefen zu Spendenaktionen vor allem für verwundete und kriegsversehrte Soldaten auf und setzten es sich zum Ziel, die Situation in den Lazaretten zu verbessern. Einige dieser Frauen wurden auch selbst pflegerisch tätig.29 Die meisten dieser Frauenvereine überdauerten jedoch das Ende der Befreiungskriege nicht lange und lösten sich in der Folgezeit wieder auf. Die konfessionelle Krankenpflege, in der ebenfalls bürgerliche Frauen die bestimmende Kraft waren, erlebte hingegen seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen beständigeren Aufschwung.30

Zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts waren es auch außerhalb der konfessionellen Bewegungen vor allem bürgerliche Frauen, die eine bessere Ausbildung und Organisation der Krankenpflege vorantrieben und die vor allem bestrebt waren, weitere Frauen für diese Tätigkeit zu gewinnen. Die bekannteste Protagonistin ist in diesem Zusammenhang sicherlich Florence Nightingale (1820–1910), die schon während ihres Lebens internationale Bekanntheit erlangte.

In Deutschland erhöhte sich der Organisationsgrad der weltlichen Pflege zunehmend. Mit den Rot-Kreuz-Schwesternschaften, die seit 1866 entstanden und in Deutschland das Mutterhausprinzip der konfessionellen Pflege adaptierten, und mit der Gründung der »Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands« (B. O. K. D.) durch Agnes Karll 1902 als Zusammenschluss von »freien« Schwestern entstanden große, überregionale Frauenverbände für die Krankenpflege. Auch der Begriff der »Schwester« wurde aus der konfessionellen Krankenpflege übernommen und diente nicht zuletzt der Abgrenzung vom weiterhin kaum ausgebildeten Wartpersonal.

Wartpersonal war noch um 1900 in zahlreichen Einrichtungen tätig, es wurde aber durch die Konkurrenz der konfessionellen und der weltlichen Schwestern ← 17 | 18 → zunehmend verdrängt. Diese waren in der Regel besser ausgebildet und erhielten vor allem im Vergleich zum männlichen Wartpersonal oftmals eine geringere Entlohnung. 1909 gehörten in Preußen noch etwa 17 % des statistisch erfassten Pflegepersonals keinem konfessionellen oder weltlichen Verband an. Vor allem in dieser Gruppe ist das mittlerweile dem Proletariat zuzurechnende Wartpersonal zu suchen. Während die konfessionelle und die bürgerliche Krankenpflege mit großer Mehrheit von Frauen getragen wurden, war der Männeranteil beim Wartpersonal weiterhin hoch. Aber hierbei scheint es regional sowie von Einrichtung zu Einrichtung große Unterschiede gegeben zu haben. Auch beim Wartpersonal wurde der Frauenanteil tendenziell immer größer.31

Trotz einiger Ansätze gelang es dem Wartpersonal nicht, sich in Verbänden oder Gewerkschaften überregional zu organisieren. Versuche von sozialdemokratischer Seite, die Arbeitsbedingungen des Wartpersonals zu verbessern und eine einheitliche Ausbildung und staatliche Anerkennung für die Krankenpflege insgesamt zu etablieren, wurden auf Reichsebene Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst abgeblockt. 1907 wurde zwar das Krankenpflegeexamen als staatliche Prüfung im Deutschen Reich eingeführt, jedoch gab es keine reichsweite, alle Länder umfassende einheitliche Regelung. Zudem wurde das Examen zunächst auf freiwilliger Basis abgenommen, was ein Zugeständnis an die konfessionellen Verbände darstellte. Eine flächendeckende Ausbildung gerade des Wartpersonals wurde weiterhin nicht erreicht, da auch die neuen Krankenpflegeschulen vor allem auf Schwestern eingestellt waren.32 Damit einher ging, dass immer weniger Männer in der Pflege tätig waren. Lediglich in der Psychiatrie waren Männer weiterhin umfangreicher tätig. Hier waren die Schwesternschaften von Anfang an weniger vertreten, da die größere körperliche Stärke von Männern als notwendig für den Umgang mit psychisch Kranken angesehen wurde.33 Weiterhin ← 18 | 19 → waren Männer in größerem Umfang in der Kriegskrankenpflege tätig. Abgesehen von diesen Sonderbereichen wurde die Krankenpflege nicht nur ideell, sondern auch in der Praxis zu einer Tätigkeit, die vor allem von Frauen ausgeübt wurde. Der Begriff Wartpersonal verschwand im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts ebenso wie die Aufwärter und Aufwärterinnen selbst.

1.2  Forschungsstand und Forschungsgeschichte

1.2.1  Schwerpunkte der Forschung

Der Forschungsstand zum Wartpersonal zeigt deutliche Schwerpunkte. Bislang spielt der Zeitraum vor dem Ende des 18. Jahrhunderts kaum eine Rolle, und in der Zeit danach wird das Wartpersonal vor allem im Zusammenhang mit Reformen in der Krankenpflege behandelt.

Allgemein lässt sich ein gewisses Desinteresse gegenüber Aufwärtern und Aufwärterinnen in der Frühen Neuzeit beobachten. Insgesamt scheinen diese durch das Raster der Forschungsdisziplinen zu fallen, die am ehesten eine Beschäftigung mit dem Themenbereich Aufwartung erwarten ließen. In der Geschichtswissenschaft und der Medizingeschichte sind Hospitäler und Krankenhäuser ein gut untersuchtes Gebiet. Zahlreiche Studien beschäftigen sich mit der Verwaltung und Wirtschaftsführung, mit Reformen, der Entstehung des modernen Krankenhauses, der medizinischen Behandlung, der Etablierung der studierten Ärzte usw. Die Aufwartung kommt dabei aber, wenn überhaupt, nur am Rande vor. Nicht institutionalisierte Krankenpflege, zum Beispiel in der Familie oder der Gemeinde, aber auch durch die private Anstellung von Wartpersonal, sind insgesamt noch kaum untersuchte Themenfelder, im Übrigen auch in der neueren Geschichte.

Bei der Pflegegeschichte, deren genuines Interesse die Erforschung von Pflege und Pflegepersonal in der Vergangenheit ist, überrascht es vielleicht am meisten, dass Aufwärter und Aufwärterinnen kaum eine Rolle spielen. Aber Pflegegeschichte versteht sich traditionell vor allem als Berufsgeschichte, was nicht zuletzt damit zu erklären ist, dass es nach wie vor heute in der Pflege tätige Personen sind, die Pflegegeschichte betreiben. Eine Identifikation findet hier vor allem mit der modernen Krankenpflege statt, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert entstand, während die Zeit davor kaum beachtet wird. Dieses Phänomen findet sich nicht nur in der deutschsprachigen, sondern auch in der angloamerikanischen Pflegegeschichtsforschung. Barbara Mortimer stellte in ihrer Bestandsaufnahme der englischsprachigen Pflegeforschung 2005 die »virtual exclusion ← 19 | 20 → of consideration of nursing prior to the nineteenth century« fest.34 Tatsächlich ist die Tendenz zu erkennen, die Tätigkeit von Aufwärtern und Aufwärterinnen nicht als »richtige« Pflege einzustufen, die vor dem 19. Jahrhundert eher im Umfeld der Orden und Pflegegemeinschaften angesiedelt wird.35 Die Aufwärter und Aufwärterinnen mit ihrer geringen sozialen Stellung und einem Tätigkeitsfeld, das noch wenig medizinische Aufgaben beinhaltete, dafür aber einen großen Anteil an haushälterischen Tätigkeiten umfasste, bieten hier offenbar wenig Identifikationsfläche.

Am ehesten werden Aufwärter und Aufwärterinnen bis zum 18. Jahrhundert in Abhandlungen zur Geschichte einzelner Hospitäler behandelt, meist im Rahmen eines Überblicks über die Bediensteten des Hospitals und deren jeweilige Aufgaben.36 Nur selten gehen die entsprechenden Abschnitte über einige Seiten hinaus. Gelegentlich wird eine Dienstinstruktion abgedruckt, um das Aufgabenspektrum zu verdeutlichen. Teilweise liegt diese knappe Abhandlung an der Quellenlage in den einzelnen Hospitälern, die zu den unteren Bediensteten nur wenige Informationen bietet. Nicht zufällig nehmen Wirtschaftsführung und Verwaltung in Darstellungen zu frühneuzeitlichen Hospitälern einen großen Raum ein. Aber nur die Quellenlage allein erklärt nicht, warum Aufwärter und Aufwärterinnen in der Frühen Neuzeit wenig untersucht sind. Die Hinweise auf Wartpersonal in verschiedenen Arbeiten zur Hospitalsgeschichte zeigen zumindest, dass diese Art von Bediensteten ein fester Bestandteil der frühneuzeitlichen Hospitals- und Versorgungslandschaft war. Bisher sind jedoch kaum Aussagen möglich, wie viele Personen zum Beispiel in einer Stadt oder Region als Wartpersonal in Institutionen und vor allem auch in Privathaushalten tätig waren. Stärker vergleichend angelegt sind für den Zeitraum der frühen Neuzeit bisher nur zwei Aufsätze von Christina Vanja.37

Erst den Reformversuchen am Ende des 18. und im Verlauf des 19. Jahrhunderts brachte die Forschung bisher mehr Interesse entgegen. In dem Maße, in dem Aufwartung in den Blick der aufgeklärten Zeitgenossen kam, gewinnt sie offensichtlich auch an Bedeutung für die Forschenden. Zu den Krankenpflegebüchern und den ersten Wartschulen von Franz Anton Mai liegen Arbeiten vor.38 Auch Studien, die sich mit der Krankenpflege in einer Stadt oder bestimmten ← 20 | 21 → Einrichtung befassen, legen den Schwerpunkt vor allem auf die Reformen in der Krankenpflege. Dabei ist das 19. Jahrhundert grundsätzlich besser erforscht. Zu betonen ist dennoch, dass Krankenpflegegeschichte in der historischen und medizingeschichtlichen Forschungslandschaft allgemein ein randständiges Gebiet ist.39 Noch mehr gilt dies für die Erforschung des Wartpersonals. Zum 19. und beginnenden 20. Jahrhundert liegen eher Arbeiten zur konfessionellen Krankenpflege und zu den Schwesternschaften vor.40 Das Wartpersonal wird hier nur gelegentlich am Rande erwähnt.

Die Fragestellung, die sich durch die meisten Veröffentlichungen sowohl zum Wartpersonal als auch zur Krankenpflege bis zum 19. Jahrhundert insgesamt zieht, ist grundsätzlich auf Fortschritte in der Krankenpflege bzw. die Berufsentwicklung gerichtet. Allein in zahlreichen Titeln spiegelt sich das wider, indem sie Begriffe wie »Entwicklung«, »Beruf«, »Professionalisierung« oder »Verberuflichung« enthalten. Dies betrifft die deutschsprachige41 ebenso wie die fremdsprachige Forschung.42

Die Entwicklung der Krankenpflege zu einem Beruf, der seit dem 20. Jahrhundert vor allem von Frauen ausgeübt wird, hat nicht zuletzt dazu beigetragen, dass auch in historischer Perspektive der Schwerpunkt auf der Konstruktion der Krankenpflege als spezifisch weibliche Tätigkeit lag, gelegentlich mit dezidiert feministischem Ansatz.43 Bei letzterem spielte auch die These eine Rolle, dass seit dem Mittelalter Frauen aus Heilkunde und Medizin zunehmend verdrängt wurden. Damit einher geht gelegentlich eine idealisierende Vorstellung ← 21 | 22 → von medizinisch tätigen Ärztinnen, weisen Frauen und Hebammen, deren Tätigkeit zuerst durch die Hexenverfolgung und dann durch die studierten Ärzte ein Ende gesetzt wurde. Die Zuschreibung der Krankenpflege als spezifisch weibliche Tätigkeit sowie die Klassifizierung der Krankenpflege als unselbstständige Hilfstätigkeit des Arztes seit dem 19. Jahrhundert wird darauf aufbauend im größeren Rahmen der Unterdrückung von Frauen interpretiert. In der deutschen Forschung wurde vor allem die Arbeit von Claudia Bischoff, die diesen Ansatz verfolgt, breit rezipiert.44 Wenig problematisiert wird, inwieweit Frauen selbst entsprechende Rollenbilder antizipierten bzw. selbst an deren Konstruktion teilhatten.

Eine geschlechtergeschichtliche Perspektive, die Männer- und Frauenrollen in der Pflege untersucht und den Blick weniger einseitig nicht nur auf Unterdrückung, sondern auf die Entstehung und Verschiebung von Machtverhältnissen sowie die daran beteiligten Prozesse legt, wurde innerhalb der Pflegegeschichte bisher wenig verfolgt.45 Weiterhin dominiert der Blick auf die weibliche Pflege und damit wurde gerade dem männlichen Wartpersonal bisher wenig Interesse entgegengebracht. 1998 wies Hilde Steppe auf die »Verdrängung der proletarischen Wärterinnen und Wärter« aus der Geschichtsschreibung zur Krankenpflege hin, die sich vor allem auf die »Konstruktion des bürgerlichen Frauenberufs Krankenpflege« konzentriere.46 Steppe selbst ging in den darauf folgenden Ausführungen allerdings vor allem auf die Heilgehilfen des 19. Jahrhunderts ein und kaum auf das Wartpersonal.

Besonders hervorzuheben ist die Arbeit von Christoph Schweikardt zur Entwicklung der Krankenpflege im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Preußen. Er verschafft dem Wartpersonal neben der konfessionellen und bürgerlichen Pflege in seiner Darstellung Raum und zeigt Bezüge und Abgrenzungsmechanismen auf.47

Umfassende empirische Untersuchungen zum Wartpersonal fehlen jedoch gerade für die Zeit bis zum beginnenden 19. Jahrhundert fast vollständig. Einzig die Arbeit von Ilsemarie Walter untersucht die Wärter und Wärterinnen vor allem an den Wiener Krankenanstalten seit dem Ende des 18. Jahrhunderts.48 ← 22 | 23 → Die Ausrichtung der Forschung auf Kritik und Reformen in der Krankenpflege um 1800, die von Bildungsschicht und Ärzten getragen wurden, hat zur Folge, dass die eigentlichen Protagonisten, das Wartpersonal selbst, bisher kaum in den Fokus gerückt sind. An diesem Punkt setzt die vorliegende Arbeit an.

1.2.2  Bewertung des Wartpersonals in der Forschung

Mit der Kritik am Wartpersonal seit dem 18. Jahrhundert ging oftmals eine Bewertung desselben einher. Die Ansichten der Kritiker haben zusammen mit weiteren Bewertungsmustern, wie sie vor allem durch die frühe Geschichtsschreibung zur Krankenpflege aufgebracht wurden, großen Einfluss bis in die neueste Forschung. Von zeitgenössischen Kritikern wie von Historikern werden in diesem Zusammenhang grundsätzliche Aussagen über das Wartpersonal getroffen, zu seiner sozialen Herkunft, seinen spezifischen Verhaltensweisen und seinen Arbeitsbedingungen. Auf diese Aussagen wird im Laufe der vorliegenden Arbeit ebenso wie bei der Darstellung der abschließenden Ergebnisse immer wieder Bezug genommen werden. Daher werden diese Bewertungs- und Interpretationsansätze zum Wartpersonal im Folgenden vorgestellt.

Die stereotype Beschreibung des Wartpersonals

Details

Seiten
369
ISBN (PDF)
9783653053791
ISBN (ePUB)
9783653972962
ISBN (MOBI)
9783653972955
ISBN (Hardcover)
9783631659526
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (April)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 369 S., 4 farb. Abb., 11 s/w Abb., 11 Tab.

Biographische Angaben

Natascha Noll (Autor:in)

Natascha Noll studierte Geschichte, Europäische Ethnologie und Religionswissenschaften. Sie ist als Archivarin tätig.

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Titel: Pflege im Hospital