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Gegenwartskultur als methodologische Herausforderung der Kulturwissenschaft(en)

von Jürgen Joachimsthaler (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 304 Seiten

Zusammenfassung

Was ist das überhaupt: Gegenwartskultur? Und wie lässt sie sich erfassen? Mit diesen nur scheinbar einfachen Fragen begegnet eine als interdisziplinäres Projekt begriffene Kulturwissenschaft dem Problem ihrer Gegenstandskonstitution. Auf wechselnder Abstraktions- und Konkretisationsebene fächern die Beiträge dieses Bandes ein Feld auf, das von grundsätzlicher methodologischer Erwägung bis zu detaillierter Deskription einzelner Phänomene reicht, von der Reflexion rechtlicher wie ökonomischer Rahmenbedingungen bis zu gezielten Blicken über die Ränder national eingeschränkter Wahrnehmungsräume hinaus; unterschiedlich tief wird zur Erklärung aktueller Phänomene in Vergangenheiten geblickt, die wiederum als Geschichts- oder Erinnerungskultur selbst Teil der Gegenwartskultur sein können.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorbemerkung
  • Gegenwartsnahe Zeitgeschichte: Zählen der Bäume oder Vermessen des Waldes?
  • (Nicht-)Beobachtbares, epistemologische Krisen und emergente Forschungsfelder. Methodologische Probleme und Perspektiven kulturwissenschaftlicher Erforschung von Gegenwartskultur(en)
  • Medienwissenschaft als Gegenwartskulturwissenschaft
  • Wie frei ist der Schriftsteller heute? Informelle Behinderung und strukturelle Verhinderung von literarischen Texten in unserer Gegenwart
  • Vom Nachdruck zum Internet. Diskursive Interdependenzen zwischen Kultur, Ökonomie und Recht
  • Kulturwissenschaft, Kulturkritik und Metaphysik. Spuren einer Dreiecksbeziehung (in Polen)
  • Geschichtskultur(en): Vergangenheiten in Gegenwarten
  • Auftritt Volk? – Theaterhistorische Überlegungen zur Partizipation von Laien im Theater des frühen 20. und 21. Jahrhunderts
  • Aktuelle Tendenzen in der deutschen Erinnerungsliteratur
  • Bloggen – Zu einem Blog an der Schnittstelle von Journalismus, Literatur und Wissenschaft
  • Was machen die Babelfische in der Gegenwartskultur? Ein Plädoyer für stärkere Sichtbarkeit der (literarischen) Übersetzung
  • Bemerkungen zu Trans- und Posthumanismus – 7 Thesen
  • Die totale Gegenwart. Aktuelle Kultur als methodologisches Problem
  • Reihenübersicht

Vorbemerkung

Die kulturwissenschaftlichen Diskurse der letzten Jahrzehnte bewegen sich, gut sichtbar in zahlreichen Einführungen, meist weit oberhalb konkreter Gegenstände auf der Ebene methodologischer Reflexion. Die zahlreichen „turns“ etwa entwickeln jeweils anders zugespitzte Zugriffsmöglichkeiten auf potenziell jeden Gegenstand, soweit er oder seine Wahrnehmung kulturell überformt ist – und welcher wäre das nicht? Dabei wird zwar immer wieder exemplarisch auf dieses oder jenes Anwendungsbeispiel verwiesen, aber nie wirklich umrissen, was denn nun insgesamt der Objektbereich der neueren Kulturwissenschaft(en) sein soll. Ursache hierfür ist eine expansive Ausweitung des Begriffs „Kultur“, in dessen konstruktivistischer wie kultursemiotischer Variante von innerhalb der Kultur aus nichts rein Außerkulturelles wahrgenommen werden kann. Wie aber lässt sich das damit zum Gegenstandsbereich gewordene, durch innerkulturelle Dispositive gebrochene und verzerrte „Alles“ begrifflich noch umreißen?

Die hochspezialisierten Fächer, die sich im kulturwissenschaftlichen Austausch begegnen, finden zur Zusammenarbeit am leichtesten dann, wenn sie Gegenstandsbereiche behandeln, in denen ihre Zuständigkeitsgebiete sich überschneiden. Nicht umsonst gibt es zahlreiche interdisziplinäre Projekte, in denen Wissenschaftler verschiedener Fächer sich mit ein und demselben Phänomen aus unterschiedlicher disziplinärer Sicht beschäftigen. Doch kann dies den eigenartigen Eindruck einer generellen Unbestimmtheit des Gegenstandsbereiches der Kulturwissenschaft(en) insgesamt schon deshalb nicht beseitigen, weil es bisher keine Versuche gibt, den Apparat der Theorien und Methoden an einem für sich selbst untersuchten größeren Gegenstandsbereich, z. B. der Kultur eines bestimmten Sprachraumes oder einer bestimmten Zeit, vollständig und systematisch zu erproben. Die in der Regel auf kleinere Objekte konzentrierte konkrete Zusammenführung grundsätzlicher Reflexion potenzieller Herangehensweisen mit einem konkreten Anwendungsbeispiel wirkt dadurch oft etwas arbiträr. Das heißt nicht, dass es nicht auch hervorragende interdisziplinäre Epochen- oder Kulturdarstellungen gäbe, doch bleiben diese ihrerseits wiederum in der Re ← 7 | 8 → gel so sehr dem Gegenstandsbereich verhaftet, dass es nun auch von diesem aus zu einer systematischen Begegnung mit der Theorie eben nicht kommt.

Der Eindruck einer gewissen Ermüdung des kulturwissenschaftlichen Diskurses ist hierauf zurückzuführen: Theorie ohne eine dem theoretischen Aufwand angemessene Anwendung wirkt leicht überzogen und leer. Theoretische Blindheit im Gegenstandsbereich lässt sich dagegen leichter durch Faktenfülle überdecken. Die derzeitige Tendenz zurück zu den Gegenständen, wie sie etwa im Schlagwort der Rephilologisierung sichtbar wird, unterstellt den Kulturwissenschaften eine vorangegangene Entphilologisierung im Sinne einer Verabschiedung bewährter Gegenstände und Methoden, was zwar von der Intention her nicht unbedingt richtig sein muss, als Eindruck aber erklärbar ist durch die bis heute nicht überwundene Gegenstandsferne vieler Diskurse. Das interdisziplinäre Projekt der Kulturwissenschaft(en) befindet sich dadurch in einer – ebenso notwendigen wie produktiven − Bewährungskrise: Es muss sich, will es Bedeutung behalten, in detaillierter Auseinandersetzung an der Sachebene und den traditionellen Methoden zu deren analytischer Bewältigung abarbeiten.

Lösbar wird diese Aufgabe nur in einem größeren Projektzusammenhang sein. Der vorliegende Band kann lediglich versuchen, zu ihrer Begründung beizutragen, indem er sich gezielt einem Objekt zuwendet, an dem die Problematik jeder kulturwissenschaftlichen Gegenstandskonstitution evident wird: dem der noch nicht abgeschlossenen Gegenwartskultur. Die Beschäftigung mit ihr verweist nicht nur auf die Unabschließbarkeit jeder Bestimmung von „Kultur“, sondern auch auf die Interferenzen zwischen dem kulturwissenschaftlichem Beobachter und dem Feld seiner Beobachtung. Die Beiträge in diesem Band spiegeln vor diesem Hintergrund die Vielfältigkeit kulturwissenschaftlicher Herangehensweisen wider. Auf unterschiedlicher Abstraktions- oder Konkretisationsebene versuchen sie, sich dem Bestimmungsproblem von „Gegenwartskultur“ grundsätzlich oder exemplarisch zu nähern und fächern ein Feld auf, das von methodologischer Erwägung bis zu detaillierter Deskription einzelner Phänomene reicht, von der Reflexion rechtlicher wie ökonomischer Rahmenbedingungen von Gegenwartskultur bis zu gezielten Blicken über die Ränder national eingeschränkter Wahrnehmungsräume hinaus; unterschiedlich tief wird zur Erklärung aktueller Phänomene in Vergangenheiten geblickt, die wiederum als Geschichts- oder Erinnerungskultur selbst Teil der Gegenwartskultur ← 8 | 9 → sein können. Das so entstehende Mosaik kann und will nicht beanspruchen, die hier nur grob angedeuteten Probleme abschließend zu bewältigen (oder auch nur umfassend darzustellen), versucht aber doch, durch die Entscheidung für den methodologisch besonders brisanten Gegenstand „Gegenwartskultur“ beizutragen zur wechselseitigen Durchdringung kulturwissenschaftlichen Denkens und eines Objektbereichs, in dessen Unfertigkeit es seiner eigenen Problematizität begegnet.

Dieser Band geht zurück auf eine Tagung des Netzwerkes „Kulturwissenschaft(en) als interdisziplinäres Projekt“, das, im Kern getragen von ehemaligen DAAD-LektorInnen (und ihren kulturelle wie disziplinäre Grenzen überschreitenden Erfahrungen), seit Jahren großzügig gefördert wird vom DAAD. Das gilt auch für die vom 13.-15.11.2014 an der Philipps-Universität Marburg veranstaltete Tagung „Gegenwartskultur als methodologische Herausforderung der Kulturwissenschaft(en)“. Sie wäre (wie auch dieses Buch) nicht möglich gewesen ohne die bewährte Unterstützung des DAAD, namentlich Frau Friederike Schomaker. Daneben ist zu danken der Philipps-Universität und für engagierte Mitarbeit und Hilfe bei Durchführung und Organisation der Tagung Frau Verena Thinnes, M.A., Frau Yvonne Bierek (jetzt Baumann), Frau Romy Traeber und Herrn Cedric Piette. An der Redaktion des Bandes beteiligten sich maßgeblich Frau Verena Thinnes, M.A., und Frau Romy Traeber; für Hilfe bei der Endkorrektur ist außerdem zu danken Frau Simone Hain, M.A., Frau Rebecca Ruth, Frau Daphne Tokas und Herrn Philipp Meine.

Jürgen Joachimsthaler ← 9 | 10 → ← 10 | 11 →

Edgar Wolfrum

Gegenwartsnahe Zeitgeschichte: Zählen der Bäume oder Vermessen des Waldes?

Es ist eine wunderbare Anekdote, oft erzählt, und viele haben sie vermutlich schon einmal gehört und kennen sie: Ob die Französische Revolution denn nach seinem Dafürhalten ein Erfolg gewesen sei, erkundigte sich der amerikanische Außenminister Henry Kissinger einmal bei Chinas kommunistischem Premierminister Zhou Enlai. Die berühmte Antwort des Chinesen lautete: „Zu früh, um das zu beurteilen“.1

Zu diesem Zeitpunkt war das Ereignis „Französische Revolution“ bereits 200 Jahre her. Nun wäre es billig zu sagen, chinesische Kommunisten verstünden sowieso nichts von der Geschichte. Solche Urteile, die Zeitgeschichte betreffend, sind ja auch bei uns gang und gäbe. Ohne einen gehörigen zeitlichen Abstand, so hört man immer wieder, lasse sich die Vergangenheit gar nicht deuten, verstehen, interpretieren. Aber wann ist es dann so weit? Wann ist ein gebührender zeitlicher Abstand erreicht? Nach 200 Jahren, 500 oder tausend? Müssen alle Akteure lange tot sein, damit Geschichte beginnt? Und wem soll dann bis dahin Forschung und Erkenntnisgewinn überlassen bleiben?

Geschichte, ob weit oder nah zurückliegend, ist immer revisionsanfällig, dies gehört zu ihrem Wissenschaftscharakter, und wann Vergangenheiten abgeschlossen oder noch nicht abgeschlossen sind, lässt sich nicht leicht entscheiden. Wenn jedoch der Zeitgeschichte als „Epoche der Mitlebenden“ und ihrer wissenschaftlichen Behandlung auch die Aufgabe zufällt, „fortlaufende Orientierung“ zu liefern und den Streit darüber zu generieren, wie es der Nestor der Disziplin in Deutschland, Hans Rothfels, bereits 1953 ← 11 | 12 → formuliert hat2, dann müssen wir uns, dann muss sich die Forschung auch der jüngsten, der gegenwartsnahen Zeitgeschichte zuwenden. Sie kann als eine Problemgeschichte der Gegenwart konzipiert werden3, geht aber darin keineswegs auf, da Geschichte zwar immer Gegenwart ist, aber immer auch mehr ist als Gegenwart. Zeitgeschichte legitimiert sich nicht in erster Linie durch ihren Gegenwartsbezug, sondern trotz ihres Gegenwartsbezugs. Sie ist natürlich immer reichhaltiger als nur die Vorgeschichte der Gegenwart, denn sonst kämen nicht verwirklichte oder gescheiterte Vorstellungen, Alternativen und so manche Weggabelung ja überhaupt nicht in unseren Blick. Außerdem müsste man sich fragen, was mit einer Geschichte passieren würde, die nicht mehr an der Gegenwart ausgerichtet ist, etwa die DDR-Vergangenheit; sie würde über kurz oder lang verschwinden. Auch der Begriff „Problemgeschichte“ birgt seinerseits Probleme. Denn welches sind die Kriterien zur Definition von „Problem“, und würde eine Geschichte, die keine Probleme verursacht hat, nicht mehr berücksichtigt? Insgesamt scheint also „Problemgeschichte“ zu sehr am Krisennarrativ der 1970er Jahre ausgerichtet zu sein und vermag die Komplexität der gegenwartsnahen Vergangenheit nicht hinreichend einzufangen.

Vor zu großem Präsentismus darf somit gewarnt werden. Als Beispiel dafür sei ein kleiner akademischer Schlagabtausch in Erinnerung gerufen: Geschichte, so äußerte sich Kurt Sontheimer auf einem Kolloquium über den – seinerzeit viel diskutierten – negativen deutschen Sonderweg4 im Jahre 1981, wirke nicht unvermittelt auf das politische Bewusstsein, sondern „wird wirksam, wenn sich mit ihrer Hilfe ein sinnvoller Zusammenhang mit den als vordinglich empfundenen Gegenwartsproblemen herstellen lässt“. Die Funktion der Sonderwegsthese habe neben der Erklärung von Nationalsozialismus und Holocaust darin bestanden, ein demokratisches und friedliebendes öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Eine Relativierung der Sonderwegsthese müsse daher zwangsläufig eine Änderung des politischen ← 12 | 13 → Bewusstseins und somit eine Gefährdung der Demokratie nach sich ziehen. In der anschließenden Diskussion kritisierte Thomas Nipperdey diese Position scharf: Die Sonderwegsthese erfülle eine rein politisch-ideologische Funktion und sei mit wissenschaftlichen Ansprüchen völlig unvereinbar. Bezeichnenderweise räumte Sontheimer daraufhin ein, diesen Appell nicht als Wissenschaftler, sondern als besorgter Demokrat ausgesprochen zu haben.5

Unzweifelhaft: Manches in der Geschichte ist erst nach gebührendem Abstand deutlich erkennbar, wenn sich der Pulverdampf verzogen hat. Zeitgeschichte ist nach einem bekannten Diktum eine „Geschichte, die noch qualmt“.6 Aber Vorsicht gegenüber diesem Argument scheint gleichwohl angebracht: Denn die immer wieder angeführte und auf den ersten Blick bestechende Behauptung, dass mit wachsendem zeitlichen Abstand auch die Klarheit des Urteils zunimmt, ist keineswegs zwingend richtig. Trifft nicht sogar das Gegenteil zu? Genauso gut ließe sich doch argumentieren, nur die Zeitzeugenschaft befähige zu jener Empathie, die nötig ist, das Bewusstsein und Handeln, die Lebenswelten und Sinnhorizonte der Zeitgenossen zu erfassen, zu verstehen und zu erklären. Und auch dies trifft zu: Zeitliche Nähe wirft ein härteres Licht auf die Ereignisse und Personen, als es in der Milde des Abstandes oft geschieht.

Das „Zeitalter der Extreme“, wie Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert nannte, hat die Geschichtswissenschaft geprägt.7 Historiker haben sich von den großen Strömungen des Zeitalters beeinflussen lassen, haben ideologische Grundannahmen in Themen der Forschung und Theorien der Geschichte umformuliert und sich das eine um das andere Mal von den Machthabern instrumentalisieren lassen. Sie haben Politik und Herrschaft legitimiert und Diktaturen wie Demokratien historischen Sinn gestiftet. Sie haben Politik mit der Geschichte, sie haben Geschichtspolitik betrieben. ← 13 | 14 →

Zäsuren in der Geschichte

Dies beginnt bereits mit der Setzung von Zäsuren. Geschichte und Erinnerung sind immer Konstrukte. Die „Konstruktion der Vergangenheit“8 ist die ureigenste und ursprünglichste Aufgabe des Historikers. Historiker sind Baumeister am historischen Gedächtnis. Auch jene sich der Postmoderne zurechnenden übrigens, die sich auf die Fahnen schreiben, alle Vergangenheit kritisch zu dekonstruieren. Denn wie man es auch dreht und wendet, in jeder Dekonstruktion steckt – als List der Geschichte – auch zugleich eine Konstruktion, es kann gar nicht anders sein.

In der Geschichte kommen harte und weiche Zäsuren vor. Es gibt erfahrungsgeschichtliche Ordnungszäsuren einerseits und retrospektivische, historiographische Deutungszäsuren andererseits. Die erste, die erfahrungsgeschichtliche Zäsur, reflektiert das Verhältnis von geschichtlichem Ereignis und persönlicher Wahrnehmung und bietet Orientierung in Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die zweite, die historiographische Zäsur, ergibt sich aus der Festlegung von Zeitgrenzen durch die Wissenschaftler. Sie diskutiert Zugänge zum Umgang mit grundlegenden, verdichteten oder beschleunigten Übergängen sowie Perspektiven auf eine sinnvolle Periodisierung von Geschichte.9

Zeitgeschichte als die „Epoche der Mitlebenden“ und ihre wissenschaftliche Behandlung ist ein fortlaufendes Kontinuum. Karl-Dietrich Bracher schlug 1986 vor, von einer „doppelten Zeitgeschichte“ zu sprechen, geteilt in eine ältere, welche die Zeit von 1917/18 bis 1945 umfasse, und eine jüngere, die die Jahrzehnte seit 1945 umschloss. Natürlich sind beide Epochen nicht wie wasserdichte Schotten voneinander geschieden, sondern konfliktreich miteinander verbunden. Die Debatten nach dem Epochenbruch von 1989 fassten manche in ein Plädoyer für eine „dreifache Zeitgeschichte“, die seither begonnen habe. Dem Vorschlag wurden neue Termini verliehen: ← 14 | 15 → Man sprach von einer älteren (ab 1917), einer jüngeren (ab 1945) und einer jüngsten (ab 1990) Zeitgeschichte.10

Die Vorstellung, die eine Zeitgeschichte aufzulösen und drei sich überlappende Zeitgeschichten zu modellieren, verweist auf eine ganz andere Überlegung: Aus der Krise der liberalen Fortschrittsmoderne zwischen 1890 und 1950 sei eine strukturbasierte Ordnung der „Festen Moderne“ von den dreißiger bis in die sechziger Jahre erwachsen, die ihrerseits in eine netzwerkbasierte Ordnung der „Flüchtigen Moderne“ von den achtziger Jahren bis heute übergegangen sei.11 Ersetzt man die Zäsuren der politischen Geschichte durch ideengeschichtliche Einschnitte, so läuft dieses Modell auf die Konstruktion von „Zeitbögen“ hinaus. Es handelt sich dabei um den Ansatz einer „Gesellschaftsgeschichte handlungssteuernder Ideen“, der das Augenmerk auf Vorstellungen und Ordnungskonzepte richtet, „die im sozialen und politischen Geschehen formende Wirkung entfalten“.12

Dass dies trotz aller transnationalen Verflechtungen nun alles auch national geprägt blieb, sei nur nebenbei gesagt, macht die Probleme aber nicht geringer. Die Briten lassen ihre „contemporary history“ mit der Wahlrechtsreform von 1832 beginnen; die „histoire contemporaine“ in Frankreich ← 15 | 16 → reicht bis zur Revolution von 1789 zurück, Jüngere nennen sie „histoire du temps present“. Martin Sabrow lässt die Zeitgeschichte mit dem Mauerfall 1989 enden und meint: „Die Zeit danach bildet die Phase einer Gegenwartsgeschichte, die in ihren Deutungsangeboten ohne anerkannten Sehe-Punkt auskommen muss, beständig zäsurensuchender Reorganisierung unterliegt und die deswegen ihre amorphe Verfassung und die Zeitbedingtheit ihrer Erkenntnisbildung methodisch in besonderer Weise zu reflektieren hat“.13 Ob 1989 freilich eine Zäsur von globaler Reichweite war – diese Frage darf als durchaus umstritten gelten.14

Ordnungsmuster und Deutungskonkurrenzen

Um historisches Werden und Geschichte zu begreifen, ist ein gemeinsamer Kommunikationsraum unabdingbar. Geschichte ist raumabhängig. Man sieht dies beispielhaft in Europa, dem Kontinent der Einheit in der Vielfalt.15 Es ist doch, jenseits von Sonntagsreden nach wie vor so: Europa ist zwar unsere Gegenwart und unser Alltag, aber unsere Geschichte, die wir erleben, bleibt immer noch im Nationalen verwurzelt. Das hat, ob man es mag oder nicht, seine Berechtigung, „denn persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Traditionen, politische Optionen, kulturelle Orientierung und Alltagsvertrautheit beziehen sich in allen europäischen Ländern, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, nach wie vor zuerst auf das Land, aus dem man kommt und in dem man lebt“.16

Seit dem Millennium mehren sich die Plädoyers für transnationale oder globalgeschichtliche Forschungen, die zusammen mit der Rezeption postkolonialer Ansätze die Konturen nationaler Zeitgeschichte weicher werden lassen, das gilt für Themen und Forschungspraxis gleichermaßen. Wir ste ← 16 | 17 → hen also vor der Aufgabe, Offenheit und Kompetenz für andere Nationalgeschichten und andere historiografische Traditionen zu gewinnen. Wir müssen ein höheres Maß an Sensibilität ausprägen für nationenübergreifende oder transkulturelle, für europäische oder globale Problemlagen. Damit dies gelingt, sollten vermutlich auch Fixierungen auf feste Epochengrenzen aufgegeben werden.

Neue Ordnungsmuster werden derzeit intensiv diskutiert; drei sind dabei zentral.17 Das erste dieser Ordnungsmuster ist die „Multiple Moderne“. Hierbei geht es um die Anerkennung unterschiedlicher historischer Entwicklungen, der Vielfalt von Zukunftsentwürfen sowie der prinzipiellen Gleichberechtigung kulturell-gesellschaftlicher Varianz. Der Prozess der Modernisierung wird nicht mit Verwestlichung gleichgesetzt, sondern als komplexes Verhältnis verstanden von Transfer und Diffusion sowie interner Traditionen. Neuere Ansätze begreifen unter „Modernität“ die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstreflexion.18 Zu diesem Ordnungsmuster der multiplen Moderne gehören als zweite Seite der Medaille die „Postcolonial Studies“. Ihr Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass die moderne Welt auf einer kolonialen Ordnung beruht, die in manchen Regionen bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Diese, so könnte man formulieren, koloniale Formatierung der Welt betraf nicht nur Formen der Herrschaft und der ökonomischen Ausbeutung, sondern schlug sich auch in den Kategorien des Wissens und den Entwürfen von Vergangenheit und Zukunft nieder. Schließlich können zum Ordnungsmuster der multiplen Moderne auch die „Netzwerke“ gezählt werden. Dieser Begriff verdankt seine große Popularität dem verbreiteten Eindruck, dass der gegenwärtige Globalisierungsprozess durch eine grundlegende Rekonfiguration von Macht und Raum gekennzeichnet ist: Die Epoche der Nationalstaaten, die auf eine Kontrolle von Territorien als zusammenhängende Fläche fixiert waren, sei, so die Grundannahme, durch das Zeitalter der Vernetzung abgelöst worden, in ← 17 | 18 → dem Transfer von Waren, Informationen und Menschen zunehmend innerhalb von Netzwerken, also von einem Knotenpunkt zum nächsten verlaufe.

Der veritable Gegenentwurf wirft solchen Deutungen Blauäugigkeit und Machtvergessenheit vor. Konträr dazu steht deshalb in vielfältiger Varianz Samuel Huntingtons militantes Ordnungsmuster vom „Kampf der Kulturen“.19 Das 19. Jahrhundert war demnach das Säkulum der Konflikte der Nationalstaaten, das 20. Jahrhundert das Säkulum der Konflikte der Ideologien, das 21. Jahrhundert wird das der Konflikte der Kulturen sein. Diese sieben bis acht Zivilisationsblöcke stehen sich seltsam starr und ewig fremd und feindlich gegenüber.

Details

Seiten
304
ISBN (PDF)
9783653054170
ISBN (ePUB)
9783653972641
ISBN (MOBI)
9783653972634
ISBN (Hardcover)
9783631659748
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (November)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 304 S., 12 s/w Abb.

Biographische Angaben

Jürgen Joachimsthaler (Band-Herausgeber:in)

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Titel: Gegenwartskultur als methodologische Herausforderung der Kulturwissenschaft(en)