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Die substantivierten Infinitiv-Konstruktionen im Deutschen

Eine Untersuchung im Rahmen der Konstruktionsgrammatik

von Jiwon Kim (Autor:in)
Dissertation 187 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch befasst sich mit der Frage, wie sich die substantivierten Infinitiv-Konstruktionen («am-», «beim-», «im-», «zum-» und Absentiv-Konstruktionen) beschreiben lassen, die mit den herkömmlichen Beschreibungsmustern nicht zu erklären sind. Anhand einer korpuslinguistischen Methode stellt es dar, wie man solche Konstruktionen aus Sicht der Konstruktionsgrammatik als eigenständige sprachliche Einheiten betrachten kann. Die Untersuchung zeigt, inwiefern Konzepte der Konstruktionsgrammatik einen sinnvollen theoretischen Rahmen für die Beschreibung der substantivierten Infinitiv-Konstruktionen bieten können.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Konstruktionen aus konstruktionsgrammatischer Perspektive
  • 1.2 Untersuchungsgegenstand
  • 1.3 Abgrenzung des Gegenstands
  • 1.4 Fragestellung und Aufbau der Arbeit
  • 2 Bisheriger Forschungsstand
  • 2.1 Morphologisch orientierte Ansätze
  • 2.1.1 Fleischer (1975), Fleischer/Barz (2012)
  • 2.1.2 Sandberg (1976)
  • 2.1.3 Toman (1983)
  • 2.2 Syntaktisch orientierte Ansätze
  • 2.2.1 Esau (1973)
  • 2.2.2 Ullmer-Ehrich (1977)
  • 2.3 Progressiv als Aspekt
  • 2.3.1 Ebert (1996, 2000)
  • 2.3.2 Krause (2002)
  • 2.3.3 Van Pottelberge (2004, 2005)
  • 2.3.4 Rödel (2004)
  • 2.3.5 Gárgyán (2014)
  • 2.4 Zusammenfassung
  • 3 Status des substantivierten Infinitivs in der Konstruktion
  • 3.1 Substantivierter Infinitiv in der Wortbildung
  • 3.2 Substantivierter Infinitiv in den progressiven Konstruktionen
  • 3.2.1 Verbnah
  • 3.2.2 Quasi-Verb
  • 3.3 Substantivierter Infinitiv in Infinitivkonstruktionen
  • 3.4 Zusammenfassung
  • 4 Konstruktionsgrammatik
  • 4.1 Kognitive Linguistik
  • 4.2 Konstruktionsgrammatik
  • 4.3 Konstruktionen als Einheit
  • 4.3.1 Kontinuum
  • 4.3.2 Zeichen als Symbol
  • 4.3.3 Nicht-Kompositionalität
  • 4.3.4 Netzwerk
  • 4.4 Die verschiedenen Konstruktionsgrammatiken
  • 4.5 Zusammenfassung
  • 5 Korpusanalyse der substantivierten Infinitiv-Konstruktionen
  • 5.1 Methode der Korpusanalyse
  • 5.2 Aktionsarteinteilung der substantivierten Infinitive
  • 5.2.1 Aktionsarten
  • 5.2.2 Kriterium für Aktionsarten
  • 5.2.3 Time Schemata
  • 5.2.4 Korrelation zwischen Aktionsart und Perfektbildung
  • 5.2.5 Profilierung in Aktionsarten
  • 5.3 Zusammenfassung
  • 6 Merkmale der substantivierten Infinitiv-Konstruktionen
  • 6.1 am-Konstruktion
  • 6.2 beim- und im-Konstruktionen
  • 6.2.1 Gemeinsamkeit der beim- und im-Konstruktionen
  • 6.2.2 Unterschied zwischen beim- und im-Konstruktionen
  • 6.3 Absentiv-Konstruktion
  • 6.4 Verhältnis zwischen den am-, beim-, im- und Absentiv-Konstruktionen
  • 6.5 zum-Konstruktion
  • 6.5.1 zum-Konstruktion als Phrasem-Konstruktion
  • 6.5.2 Korpusanalyse der zum-Konstruktion
  • 6.5.3 Semantische Analyse der Verben
  • 6.5.4 Morpho-syntaktische Analyse der Verben
  • 6.6 Zusammenfassung
  • 7 Interaktion in der Konstruktion [Subjekt + sein-V + P + NInf]
  • 7.1 Aktionsarten der substantivierten Infinitive
  • 7.2 sein-Verb
  • 7.3 Präpositionen und substantivierte Infinitive
  • 7.3.1 Präpositionen
  • 7.3.2 Verhältnis zwischen Verschmelzungsform und Substantivierung
  • 7.4 Zusammenfassung
  • 8 Kognitive Analyse
  • 8.1 Konzeptualisierung
  • 8.2 Kategorisierung
  • 8.2.1 Prototypentheorie
  • 8.2.2 Aktionsarten als Prototyp
  • 8.2.3 Prototypische Kategorie der Konstruktionen
  • 8.2.4 Selektionsrestriktionen
  • 8.3 Profilierung
  • 8.3.1 Profil
  • 8.3.2 Unterschiedliche Profile der Konstruktionen
  • 8.4 zum-Konstruktion (Phrasem-Konstruktion)
  • 8.4.1 Kategorisierung
  • 8.4.2 Coercion
  • 8.4.3 Profilierung
  • 8.5 Zusammenfassung
  • 9 Zusammenfassung
  • Literaturverzeichnis

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1 Einleitung

Die Substantivierung ist ein produktives syntaktisches Verfahren im Deutschen und auch jeder Infinitiv kann im Prinzip substantiviert werden. Man kann die folgenden Konstruktionen im gegenwärtigen Deutschen leicht finden, z.B. Ich bin am Arbeiten, Ich bin beim Spülen, Diese Schule ist im Aufblühen, Ich bin Baden, Es ist zum Verzweifeln etc. Solche Konstruktionen enthalten typischerweise durch Präpositionen angeschlossene substantivierte Infinitive. Es fällt auch auf, dass substantivierte Infinitive heutzutage oft auf verschiedene Weise verwendet werden.

Durch die steigende Produktivität der substantivierten Infinitiv-Konstruktionen befassen sich immer mehr Linguisten mit theoretischen Fragestellungen dazu. Aus diesem Grunde kann man annehmen, dass sich eine theoretische Beschreibungsbasis für die substantivierten Infinitiv-Konstruktionen erstellen lässt. Sie sind relativ junge Bildungen, die noch nicht vollständig in der Grammatik etabliert sind.

Bereits in den 1970er Jahren gab es auch einige Untersuchungen von substantivierten Infinitiven, die meistens nach den Chomsky’schen Ansätzen analysiert wurden. In dieser Richtung diskutiert man oft, wovon substantivierte Infinitive abgeleitet werden können, oder durch welches Verfahren sie im Lexikon entstanden oder entwickelt wurden. Die substantivierten Infinitive können also auf der jeweiligen Ebene, d.h. auf syntaktischer, morphologischer oder semantischer Ebene im Rahmen der traditionellen Grammatiken behandelt werden (vgl. Esau 1973, Ullmer-Ehrich 1977, Fleischer 1975, Fleischer/Barz 2012 und Sandberg 1976).

Seitdem haben viele Linguisten begonnen, substantivierte Infinitiv-Konstruktionen unter anderen Gesichtspunkten zu betrachten. Substantivierte Infinitive mit am-Präposition wurden häufig als eine eigenständige grammatische Kategorie, z.B. als Aspektmarkierung, analysiert. Die am-Konstruktion (der sogenannte am-Progressiv) ist in umgangssprachlichen Varianten und Dialekten des Deutschen schon weit verbreitet. Ebert (1996, 2002), Krause (2002) und Van Pottelberge (2004, 2005) haben diese Konstruktionen im Rahmen des progressiven Aspekts untersucht, wobei die im- und beim-Konstruktionen als Konkurrenzform der am-Konstruktion aufgefasst werden. ← 9 | 10 →

Außerdem haben Vogel (2007) und König (2009) sich mit dem Absentiv, einer weiteren substantivierten Infinitiv-Konstruktion, befasst (z.B. wir waren schwimmen, Ich bin einkaufen etc.). Des Weiteren gibt es noch eine Reihe idiomatischer Konstruktionen, beispielsweise die sogenannten Phrasem-Konstruktion Es ist zum Verrücktwerden/Verzweifeln/Lachen, die Kim (2014) aus konstruktionsgrammatischer Sicht analysiert hat. Diesbezüglich hat Kim (2014) versucht, solche Konstruktionen hinsichtlich der jeweiligen zugrunde liegenden Konzeptualisierungen zu beschreiben. Dabei hat sich gezeigt, dass die Phrasem-Konstruktionen, i.e. die zum-Konstruktion mit der Konstruktionsbedeutung, negative Emotionen als eine Konstruktion im konstruktionsgrammatischen Sinne betrachtet werden können.

1.1 Konstruktionen aus konstruktionsgrammatischer Perspektive

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zeigen, dass die oben genannten substantivierten Infinitiv-Konstruktionen (am-, beim-, im-, und Absentiv-Konstruktionen), einschließlich der zum-Konstruktion, als eigenständige sprachliche Einheiten im Rahmen der Konstruktionsgrammatik anzusehen sind.

Um von einer Konstruktion als einem Form- und Bedeutungspaar sprechen zu können, muss man zeigen, dass sich die substantivierten Infinitiv-Konstruktionen jeweils auf eine konstruktionsspezifische Weise verhalten können. Ferner weisen die konstruktionsgrammatischen Ansätze darauf hin, dass die substantivierten Infinitiv-Konstruktionen insofern einen konstruktionsspezifischen Status haben, als dass sie zwar miteinander verwandt sind, jede einzelne Konstruktion aber ihre eigenen Beschränkungen mitbringt, die sich nicht mit kerngrammatischen Regeln explizieren lassen. Daher ist es wichtig, dass man für eine adäquate Beschreibung solcher Konstruktionen davon ausgeht, dass Konstruktionen ein Kontinuum zwischen den jeweiligen Ebenen (Syntax, Semantik, Lexikon und Pragmatik) bilden (vgl. Fillmore 1989, Langacker 1987 und Goldberg 1995).

Das Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit ist eine möglichst genaue Beschreibung der substantivierten Infinitiv-Konstruktionen. Dabei werden diese auf Basis der Grundannahmen der Konstruktionsgrammatik analysiert. Da Konstruktionen sich in authentischen sprachlichen Äußerungen ← 10 | 11 → manifestieren, werden korpuslinguistische Verfahren für die konstruktionsgrammatischen Analysen eingesetzt. Vor allem liefert dies Evidenz für das Zusammenspiel von syntaktischem, lexikalischem, morphologischem, semantischem und pragmatischem Wissen bei diesen Konstruktionen. Es wird also dargestellt, wie der Status solcher Konstruktionen im Rahmen der Konstruktionsgrammatik gut erfasst werden kann.

In bestimmten Bereichen dieser Infinitiv-Konstruktionen, wie z.B. beim am-Progressiv, ist eine konstruktionsgrammatische Herangehensweise nützlich und notwendig. Dazu zählen vor allem die substantivierten Infinitiv-Konstruktionen, die sowohl konstante schematische Formen als auch offene Leerstellen aufweisen, wobei die Sättigung dieser Leerstellen meistens einigen schwer vorhersagbaren Restriktionen unterliegt.

1.2 Untersuchungsgegenstand

Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind substantivierte Infinitiv-Konstruktionen, die im Folgenden durch einige Beispiele illustriert werden:

<am-Konstruktion>

(1a) […] Dass die Wahlpolitik von Rot/Grün/CVP bereits jetzt schon nicht aufgegangen ist, zeigt der enorme Mitgliederzuwachs der SVP, die innert 24 Stunden seit den Wahlen 2500 Neumitglieder verzeichnen konnte. Die Zahl ist am Steigen.

(St. Galler Tagblatt, 15.12.2007)

(1b) […] Zaghaft beginnen Füsse zu wippen, Schultern zu zucken, Köpfe zu wackeln, die zahlreichen Backpfeifen werden rhythmischer geschmaucht, zeitweise die Musik mit Klatschen begleitet. Der Funken ist am Springen.

(St. Galler Tagblatt, 07.05.1998)

(1c) «Zuerst habe ich mich richtig gefreut, doch immer wurde ich enttäuscht. Das stresst. Ich war am Aufsteigen. Mit einer Lehre wäre mehr möglich. Nun habe ich Angst, dass es nicht klappt.»

(Zürcher Tagesanzeiger, 17.07.1996)

<beim-Konstruktion>

(2a) Paul Kofler aus Lana: Ich bin beim Sparen. Ich kauf’ mir keine Vignette. Die paar Mal, die ich von Südtirol nach Innsbruck raufkomme, fahre ich lieber auf der Bundesstraße als auf der Autobahn.

(Neue Kronen-Zeitung, 30.01.1997) ← 11 | 12 →

(2b) […] Nach nur drei Minuten war Horst Bucher (57), Pensionist aus Rinn, mit seinem Boot mit Elektromotor beim Verunglückten: Ich war beim Fischen. Natürlich habe ich den Absturz voll mitgekriegt […].

(Neue Kronen-Zeitung, 23.05.1995)

(2c) Staatsanwaltschaft und Polizei sind von diesem Vorgehen nicht gerade sehr erbaut. Leitender Oberstaatsanwalt Jung weist die Vorwürfe der Staufenbiels zurück. Der in dem Flugblatt dargestellte Sachverhalt stimme so nicht. Wir sind beim Ermitteln

(Rhein-Zeitung, 22.06.2002)

<im-Konstruktion>

(3a) […] Seit Anfang 1989 kann der Wohnungsbestand nach der Volkszählung von einer realistischen Basis aus fortgeschrieben werden, und er ist im Steigen.

(Rhein-Zeitung, 30.07.1996)

(3b) NÖ wird mit der Landesgartenschau einen großen Schritt weiter in Richtung „Land der Gärten“ gehen und für die Besitzer der über 300.000 Gärten in NÖ, innovative Ideen zum naturnahen Garten liefern. Ein neues, touristisches Ausflugsziel im Umland von Wien ist im Aufblühen. Kommen Sie „VGärten schauen“!

(Niederösterreichische Nachrichten, 30.04.2008)

Biographische Angaben

Jiwon Kim (Autor:in)

Jiwon Kim studierte Germanistik an der Sookmyung Women’s University in Seoul sowie der Seoul National University und wurde an der Universität Bochum promoviert. Sie war Stipendiatin des DAAD und ist als Dozentin für Germanistik an der Seoul National University tätig.

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Titel: Die substantivierten Infinitiv-Konstruktionen im Deutschen