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Soziale Medien in Schule und Hochschule: Linguistische, sprach- und mediendidaktische Perspektiven

von Michael Beißwenger (Band-Herausgeber:in) Matthias Knopp (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 374 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Soziale Medien fordern die Didaktik unter zweierlei Perspektive heraus: Als Instrumente didaktischen Handelns können sie Unterricht bei der Erreichung seiner Vermittlungs- und Förderziele bereichern. Als Reflexionsgegenstand müssen sie hinsichtlich ihrer Effekte auf Sprache, Kommunikation, Individuum und Gesellschaft analysiert werden, um Lernenden Kompetenzen für die Orientierung in der digitalen Welt zu vermitteln. Dieser Band präsentiert zehn Arbeiten von 17 Autorinnen und Autoren aus Linguistik, Sprach- und Mediendidaktik, die anhand von Praxisbeispielen und Unterrichtsanregungen aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen in Bezug auf das Lehren und Lernen mit sozialen Medien und über soziale Medien reflektieren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Michael Beißwenger und Matthias Knopp: Soziale Medien in Schule und Hochschule. Zur Einführung
  • Gerd Antos und Matthias Ballod: Web und Wahrheit. Vorbemerkungen zu einer Didaktik informationeller Verlässlichkeit
  • Michael Beißwenger, Veronika Burovikhina und Lena Meyer: Förderung von Sprach- und Textkompetenzen mit sozialen Medien: Kooperative Konzepte für den Inverted Classroom
  • Michael Beißwenger und Steffen Pappert: Face work mit Emojis. Was linguistische Analysen zum Verständnis sprachlichen Handelns in digitalen Lernumgebungen beitragen können
  • Larissa Bonderer und Christa Dürscheid: „What’s up, students?“ Beschäftigung mit WhatsApp im Deutschunterricht – Pro und Contra
  • Eva Gredel: Wikipedia als Reflexionsgegenstand in sprach- und mediendidaktischen Kontexten: Die diskursanalytische und multimodale Dimension der Wikipedaktik
  • Laura Herzberg und Angelika Storrer: Wiki-Wörterbücher im Deutschunterricht: Konzepte und Erfahrungen aus dem Projekt „Schüler machen Wörterbücher – Wörterbücher machen Schule“
  • Matthias Knopp und Kirsten Schindler: Kooperative Textproduktion in sozialen Medien: medientheoretische Überlegungen und schreibdidaktische Arrangements
  • Konstanze Marx: Werkstattbericht über ein Hochschulseminar (Lehramt) zur Ausgestaltung einer Unterrichtseinheit im Fach Deutsch zum Thema „Verbale Gewalt 2.0“
  • Christine Ott und Derya Gür-Şeker: Rechtspopulismus und Social Media: Wie Wortgebräuche in Social Media sprachkritisch betrachtet werden können
  • Ziko van Dijk: Wikis im Unterricht reflektieren und bearbeiten
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis

Michael Beißwenger und Matthias Knopp

Soziale Medien in Schule und Hochschule. Zur Einführung

Soziale Medien fordern die Didaktik unter zweierlei Perspektive heraus – einerseits als Instrumente der Initiierung, Organisation und Begleitung von fachlichen Lernprozessen und andererseits als Lern- und Reflexionsgegenstände im Rahmen der fächerspezifischen Unterrichtsgegenstände und Kompetenzziele. Mit den beiden Perspektiven verbinden sich unterschiedliche Potenziale und Anforderungen:

1) Als Instrumente didaktischen Handelns können soziale Medien den Unterricht an Schulen und Hochschulen bei der Erreichung seiner Vermittlungs- und Förderziele bereichern: Die Verbindung von aufgabenbezogener Kooperation und Kommunikation mit den Potenzialen der digitalen Speicherung und Organisation von Inhalten, die Möglichkeiten hypertextueller Vernetzung, die Integration unterschiedlicher Medien- und Zeichentypen sowie internetbasierte Formen interpersonaler Kommunikation erweitern das Repertoire unterrichtlich bewährter Arbeits- und Vermittlungsformen um neue didaktische Handlungsmöglichkeiten. Lehr- und Lernaktivitäten können dabei über den Präsenzunterricht hinausgreifen und Online-Aktivitäten, die individuell oder in der Gruppe im Klassenraum oder zu Hause bearbeitet werden, als festen Bestandteil didaktischer Settings einbeziehen, wie es etwa in Konzepten des ,Blended Learning‘ und des ,Inverted Classroom‘ der Fall ist (vgl. u.a. Petko 2010; Handke 2012). Die über Lernplattformen und einzelne Technologien bereitgestellten Funktionen laden dazu ein, Lernen (und Lehren) neu zu denken. Das bedeutet einerseits, die technisch offerierten Möglichkeiten in konkreten Lehr-/Lernszenarien auch tatsächlich als lernförderliche Potenziale zu erschließen und in ihrer Wirkung und Wirksamkeit zu überprüfen, und andererseits, den Medieneinsatz systematisch den Vermittlungszielen des Unterrichts unterzuordnen. „Eine Situation bestimmt den Wert eines Mediums, und nicht das Medium selbst“, haben Kerres/de Witt (2002: 19) als einen zentralen Grundsatz ←9 | 10→ihrer ‚Gestaltungsorientierten Mediendidaktik‘ formuliert, und dieser Anspruch hat in Zeiten, in denen das Thema Digitalisierung in der Bildung breit und ambitioniert diskutiert wird, nichts von seiner Aktualität verloren. Der Einsatz digitaler Lernumgebungen im Unterricht – so betont es die Kultusministerkonferenz in ihrem Strategiepapier zur „Bildung in der digitalen Welt“ – ist dann sinnvoll, wenn er „entsprechend curricularer Vorgaben dem Primat des Pädagogischen folgend“ (KMK 2017: 7) erfolgt.

2) Als Reflexionsgegenstand müssen soziale Medien im Unterricht hinsichtlich ihrer Effekte auf Sprache, Kommunikation, Individuum und Gesellschaft analysiert werden, um Lernenden Kompetenzen für die Orientierung in der digitalen Welt zu vermitteln: Mit Blick auf den Unterricht im Fach Deutsch und anderen philologischen Fächern sind hier u.a. die folgenden Themen von Interesse: die Analyse von Hypermedia-Angeboten und von neuen medialen Formaten wie Blogs, YouTube, Twitter, Podcasts, Wikis; die Reflexion über Sprachwandel und sprachliche Variation durch internetbasierte Kommunikation; die Analyse der Interaktion in sozialen Netzwerken sowie die Sensibilisierung für Formen ihres Missbrauchs (,Cybermobbing‘, ,Hate Speech‘, ,Fake News‘); die Beschäftigung mit Formen digitaler Literatur (‚Netzliteratur‘, ,Hyperfiction‘) und mit Computerspielen; die Einübung von Techniken für die Online-Recherche sowie für die Bewertung der Qualität von Suchergebnissen und der Verlässlichkeit von Information; die Nutzung digitaler Ressourcen (von Online-Nachschlagewerken, digitalen Sammlungen und Korpora) für die selbstgesteuerte Erarbeitung von Wissen und für Konzepte des „Forschenden Lernens“. Die Reflexion über diese und weitere Phänomene unter den spezifischen Zugängen des Fachs leistet einen Beitrag zur Vermittlung „grundlegende[r]; (fach-)spezifische[r] Ausprägungen der Kompetenzen für die digitale Welt“ (KMK 2017: 7); zugleich erfahren die Gegenstände des Fachs eine Erweiterung, für die geeignete Unterrichtsmodelle und Vermittlungskonzepte vielfach erst noch zu entwickeln sind.

Die Adaption von sozialen Medien für die unterrichtliche Vermittlung sprachlicher Kompetenzen wird in einer zunehmenden Zahl von Publikationen reflektiert. Als Beispiele der letzten Jahre aus dem Bereich der ←10 | 11→Deutschdidaktik seien genannt der Band „Digitale Medien im Deutschunterricht“ in der Reihe „Deutschunterricht in Theorie und Praxis“ (Frederking et al. 2015), die Sammelbände „Deutsch digital: Theorie/Praxis“ (Abraham/Knopf 2016a, 2016b) und „Deutschunterricht in einer digitalisierten Gesellschaft“ (Gailberger/Wietzke 2018), die Zeitschriften-Themenhefte „Sprache und Kommunikation im Web 2.0“ (Der Deutschunterricht, Schlobinski/Siever 2012), „Texte online“ (Deutschunterricht, Grafe 2013), „Digitale Literatur und elektronisches Lesen“ (Der Deutschunterricht, Staiger 2016), „Deutsch per Smartphone“ (Praxis Deutsch, Knopf/von Brand 2017) und „YouTube & Co. – Mit Webvideos arbeiten“ (Deutschunterricht, Franken/Pertzel 2018), der Sammelband von Beißwenger/Anskeit/Storrer (2012) zum Einsatz von Wikis in Schule und Hochschule sowie die Monographie von Philippe Wampfler „Digitaler Deutschunterricht“ (Wampfler 2017). Auch die jüngste, dritte Auflage der erfolgreichen Einführung „Mediendidaktik Deutsch“ (Frederking et al. 2018) rückt digitale Medien noch stärker als bisher in den Fokus und hat die Auswahl der dazu vorgestellten Praxisbeispiele gegenüber der Vorgängerauflage noch einmal deutlich erweitert. Daneben finden sich Beiträge zu digital gestütztem Lernen und zur Vermittlung digitalisierungsbezogener Kompetenzen zunehmend auch in Sammelbandpublikationen mit allgemein deutschdidaktischem Fokus, was zeigt, dass die Relevanz des Themas in der Breite des Fachs erkannt und „angekommen“ ist. Für eine generelle Konturierung der deutschdidaktischen Herausforderungen und Potenziale in Bezug auf das Thema Digitale Bildung sei auf Gailberger (2018), Topalović et al. (2018) sowie die bereits erwähnte Einführung von Frederking et al. (2018) verwiesen.

Für den Bereich der Hochschulbildung gelten Herausforderungen und Potenziale mutatis mutandis: Auch hier bieten soziale Medien innovative Möglichkeiten für die Gestaltung von Lernprozessen; auch hier ist die Vermittlung von Kompetenzen für die Orientierung in einer durch Digitalisierung geprägten Gesellschaft – in geistes- und kulturwissenschaftlichen Studienfächern mit dem Fokus auf Sprache, Kommunikation, Literatur, Medien und Kultur – eine Aufgabe, die bei der Weiterentwicklung von Curricula berücksichtigt werden muss. In den Lehramtsstudiengängen mit Deutsch und anderen philologischen Fächern müssen Studierende mit didaktischen Konzepten und mediendidaktischen Kompetenzen ←11 | 12→ausgestattet werden, die es ihnen erlauben, im Sinne der KMK-Strategie digitale Medien kompetenzförderlich als Instrumente im Fachunterricht einzusetzen und die Effekte sozialer Medien unterrichtlich zu reflektieren. Für die Lehrerinnen und Lehrer der Zukunft bilden Kompetenzen dieser Art einen wichtigen Professionalisierungsbaustein.

Um die Integration sozialer Medien als didaktische Instrumente im sprachbezogenen Fachunterricht systematisch weiterzuentwickeln und die Beschäftigung mit den Effekten sozialer Medien unter den Perspektiven Sprache, Kommunikation, Individuum und Gesellschaft als Unterrichtsgegenstand zu etablieren, bedarf es zum einen fachwissenschaftlich fundierter Problemaufrisse zu einzelnen Aspekten des gesellschaftlichen und sprachlichen Umgangs mit sozialen Medien sowie andererseits fachdidaktisch fundierter Unterrichtsanregungen und Praxisbeispiele, die demonstrieren, wie digitale Medien Unterricht bereichern und wie die auf sie bezogenen Praktiken in Unterrichtskontexten thematisiert und analysiert werden können. Der Bezug auf Forschungsfelder, die sich unter fachwissenschaftlicher Perspektive mit der Analyse von digitalen Lernumgebungen und Social-Media-Phänomenen befassen, ist dabei unabdingbar. Die Medienlinguistik (Schmitz 2015, Journal für Medienlinguistik; Klug/Stöckl 2016), die allgemeine Mediendidaktik (Kerres 2013), die interaktionale Linguistik (Imo 2013; Imo/Lanwer 2019), die Schreibforschung (Jakobs/Lehnen/Schindler 2010; Becker-Mrotzek/Grabowski/Steinhoff 2017), die Analyse internetbasierter Kommunikation (Beißwenger 2016, 2017; Beißwenger/Pappert 2018; Dürscheid/Frick 2016; Marx 2017; Marx/Weidacher 2014; Storrer 2014, 2018 u.a.), die Wikipedistik (Gredel/Herzberg/Storrer 2018), Arbeiten zur Netzliteratur (Simanowski 2002; Heibach 2003) sowie zur Nutzung digitaler Methoden und Infrastrukturen in den Geisteswissenschaften (‚Digital Humanities‘, Jannidis/Kohle/Rehbein 2017; Lobin et al. 2018) stellen theoretische Modelle, empirische Befunde und Ressourcen bereit, auf deren Basis fachlich fundierte Unterrichtsmodelle und -materialien entwickelt werden können. Zugleich ist die Linguistik mit ihren theoretischen Konzepten und Methoden zur Modellierung und Analyse interpersonaler Kommunikation bestens aufgestellt, um wertvolle Begleitforschung zur Analyse der Kommunikation in digitalen Lehr-Lern-Settings und damit zur Evaluation von Konzepten des digital gestützten Lernens und zur Weiterentwicklung von Lerntechnologien anzubieten.

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Der vorliegende Band möchte einen Beitrag zur Weiterentwicklung fachdidaktisch fundierter Konzepte für den Einsatz von und die Reflexion über soziale Medien im sprachbezogenen Unterricht an Schulen und Hochschulen leisten. Er präsentiert zehn Arbeiten von 17 Autorinnen und Autoren, die anhand von Praxisbeispielen die eingangs skizzierten Perspektiven für einzelne Unterrichtsgegenstände konkretisieren und aus fachdidaktischer, mediendidaktischer und linguistischer Perspektive Herausforderungen für das Lehren und Lernen mit sozialen Medien und über soziale Medien reflektieren.

Die Beiträge des Bandes gehen zurück auf zwei Veranstaltungen der Sektion „Mediendidaktik und Medienkompetenz“ in der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL e.V.) im Rahmen der GAL-Sektionentagungen 2015 in Frankfurt/Oder (Thema „Medienspezifische sprachliche Kompetenzen in Schule, Hochschule und Beruf“) und 2017 in Basel (Thema „Soziale Medien als didaktische Instrumente und Reflexionsgegenstand in Schule, Hochschule und beruflicher Bildung“) sowie auf einen offenen Call for Papers, der im Oktober 2017 über einschlägige Kanäle zirkuliert wurde. Für den Band wurden 16 Beiträge eingereicht. Die Beiträge wurden von den Herausgebern und zudem zweifach durch Kolleginnen und Kollegen begutachtet. Zur Publikation angenommen wurden als Ergebnis des Begutachtungsprozesses und einer anschließenden Überarbeitungsrunde insgesamt zehn Beiträge. Anregungen aus den Gutachten sind in die hier publizierten Versionen der Beiträge eingeflossen.

Die zehn Beiträge beschäftigen sich mit dem Thema unter den folgenden Fragestellungen und Schwerpunktsetzungen:

Gerd Antos und Matthias Ballod widmen sich in ihrem Beitrag Web und Wahrheit. Vorbemerkungen zu einer Didaktik informationeller Verlässlichkeit der Frage, auf welche Weise die Schule der Zukunft Kriterien und Praktiken für die Bestimmung der Verlässlichkeit von Informationen und Wissen vermitteln kann. Die Autoren plädieren dafür, das Thema ‚informationelle Verlässlichkeit‘ zu einem schulischen Kernthema zu machen. Ausgehend von einem Projekt an der Universität Halle entwickeln sie eine Konzeption von ‚Informationskompetenz‘ sowie Aufgaben einer ‚Informationsdidaktik‘ in Zeiten von Web 2.0 sowie erste Vorschläge für deren Umsetzung im Rahmen der curricularen Vorgaben des Unterrichtsfachs Deutsch.

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Michael Beißwenger, Veronika Burovikhina und Lena Meyer präsentieren unter dem Titel Förderung von Sprach- und Textkompetenzen mit digitalen Medien: Kooperative Konzepte für den Inverted Classroom zwei Praxisbeispiele, in denen Social-Media-Technologien für neuartige Erarbeitungs- und Vermittlungsformen eingesetzt wurden: (1) das Konzept TEXTLABOR, das digitale Annotations- und Kommentierungsfunktionen für die kooperative Erschließung von Fachtexten nutzt, (2) das virtuelle Planspiel ORTHO & GRAF, mit dem eine mehrperspektivische und lernendenzentrierte Auseinandersetzung mit den Schreibregularitäten des Deutschen angeregt wird. Ausgehend von Erfahrungen mit dem Einsatz der beiden Konzepte im Rahmen eines Inverted-Classroom-Ansatzes werden Potenziale digital gestützter Arbeits- und Vermittlungsformen für die Erweiterung des Präsenzunterrichts diskutiert.

Michael Beißwenger und Steffen Pappert zeigen in ihrer Studie Face work mit Emojis, auf welche Weise linguistische Analysen zum Verständnis sprachlichen Handelns in digitalen Lernumgebungen beitragen können. Ausgehend von der linguistischen Höflichkeitstheorie nach Goffman (1967) und Brown/Levinson (1987) untersuchen die Autoren Höflichkeitsmuster in Emoji-Verwendungen von Studierenden, die als Teil eines Game-based-Learning-Szenarios Peer-Feedback zu Arbeitsergebnissen anderer Studierender formulieren sollten. Die Befunde sind sowohl für die Analyse von Praktiken in der Social-Media-Kommunikation als auch für die Weiterentwicklung mediendidaktischer Konzepte für das digital gestützte Lernen verwertbar.

Larissa Bonderer und Christa Dürscheid fragen unter dem Titel What’s up, students? nach Potenzialen und Widerständen in Bezug auf die Beschäftigung mit WhatsApp-Protokollen als prominentem Beispiel digital-schriftlicher Alltagskommunikation im Deutschunterricht. Ausgehend von aktuellen deutschdidaktischen Positionen zum Thema und einer curricularen Einordnung zeigen die beiden Autorinnen anhand von Unterrichtsvorschlägen, dass die Beschäftigung mit WhatsApp nicht lediglich ein Modethema ist, sondern mit der daran möglichen Reflexion über medial bedingte Veränderungen im Bereich der schriftsprachlichen Variation einen Kernbereich des Deutschunterrichts berührt.

Eva Gredel beschäftigt sich mit Wikipedia als Reflexionsgegenstand in sprach- und mediendidaktischen Kontexten und zeigt, welche Potenziale ←14 | 15→die Online-Enzyklopädie als eine der größten und erfolgreichsten Social-Media-Anwendungen und Wissensplattformen des World Wide Web für Analysen zu Online-Diskursen und zu Aspekten der multimodalen Informationsaufbereitung in Hochschulseminaren bietet. Auf der Grundlage eines Überblicks zur Relevanz der Wikipedia als Reflexionsgegenstand in sprach- und mediendidaktischen Kontexten werden anhand zweier Fallstudien zu Kontroversen in politischen Diskursen auf Diskussionsseiten und zu semantischen Kämpfen zu Sprachbildern auf Artikelseiten Ansatzpunkte für die Entwicklung von Unterrichtseinheiten rund um die Wikipedia entwickelt.

Laura Herzberg und Angelika Storrer beschreiben die didaktische Konzeption sowie Erfahrungen aus dem Schulprojekt Schüler machen WörterbücherWörterbücher machen Schule, in dem die Software MediaWiki in Verbindung mit digitalen Sprachkorpora als Werkzeug für die unterrichtliche Vermittlung von Einblicken in moderne, empirische Arbeitsweisen der germanistischen Sprachwissenschaft eingesetzt wurde. Schülerinnen und Schüler recherchierten im Rahmen des Projekts Belege für die Verwendung von Lexemen in frei zugänglichen Sprachkorpora, analysierten diese und bereiteten die Ergebnisse ihrer Analysen zu Artikeln für ein kooperativ erarbeitetes Online-Wörterbuch auf. Das Projekt demonstriert, wie Social-Media-Technologien und digitale Forschungsinfrastrukturen gewinnbringend für Szenarien des „Forschenden Lernens“ eingesetzt werden können.

Matthias Knopp und Kirsten Schindler stellen unter dem Titel Kooperative Textproduktion in sozialen Medien: medientheoretische Überlegungen und schreibdidaktische Arrangements zwei seit mehreren Jahren eingesetzte und kontinuierlich weiterentwickelte Seminarkonzepte vor („Virtuelle Schreibkonferenz“, „Computerpraktikum“), die auf kooperatives Schreiben in digitalen sozialen Medien fokussieren. Für die übergeordnete medientheoretische Modellierung wird das 3-Dimensionen-Modell digitaler Interaktion herangezogen (Knopp 2015), in welchem die beiden Schreibarrangements dezidiert lokalisiert und damit in ihrer Spezifik, insbesondere hinsichtlich der medialen und modalen Ressourcen sowie der spezifischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen, beschrieben werden. In beiden Seminaren werden digitale Formate systematisch in die Schreibpraxis einbezogen. Exemplarisch werden im ←15 | 16→Beitrag die typischen medialen Praktiken der beteiligten Schülerinnen und Schüler dargelegt, etwa die Verwendung von Hyperlinks oder der Einsatz von typographischen Elementen zur textuellen Bedeutungsanreicherung.

Konstanze Marx präsentiert einen Werkstattbericht über ein Hochschulseminar zur Ausgestaltung einer Unterrichtseinheit im Fach Deutsch zum Thema „Verbale Gewalt 2.0“. Den Ausgangspunkt bildet die Beobachtung, dass die schulischen Lehrpläne zwar darauf abzielen, Schülerinnen und Schüler dazu zu befähigen, unterschiedliche Funktionen sprachlichen Handelns zu erfassen und Konfliktverläufe in Texten nachzuvollziehen, die Umsetzung dieser Kompetenzziele aber häufig auf die Arbeit an literarischen oder fiktionalen Texten beschränkt bleibe. Mit Blick auf die Phänomene Cybermobbing und Hate Speech, die für Kinder und Jugendliche zunehmend präsente Phänomene ihres sozialen, durch Web-2.0-Plattformen geprägten Alltags darstellen, zeigt die Autorin an einem Projektseminar mit Lehramtsstudierenden, wie angehende Lehrerinnen und Lehrer für die Behandlung dieser Themen in den Klassenstufen 6–8 vorbereitet werden können.

Christine Ott und Derya Gür-Şeker beschäftigen sich mit der Nutzung von Social-Media-Plattformen durch Rechtspopulisten. Mit dem thematischen Fokus Wie Wortgebräuche in Social Media sprachkritisch betrachtet werden können entwickeln sie eine in Seminaren erprobte Unterrichtseinheit, in der anhand von Korpusbelegen sowie eigenen Belegrecherchen der Lernenden die Verwendung von Hochwertwörtern wie ‚Toleranz‘ und ‚Demokratie‘ durch rechtspopulistische Akteure in über YouTube- und Facebook-Kanäle distribuierten politischen Reden analysiert werden. Die Unterrichtseinheit verbindet Konzepte der kritischen Wortschatzarbeit mit Korpusanalysen. Im Zentrum steht dabei die am Datenmaterial entwickelte Aufdeckung von Verfahren der Umsemantisierung der untersuchten Lexeme, um sie für rechtspopulistische Strategien zu vereinnahmen.

Ziko van Dijk entwirft in seinem Beitrag Wikis im Unterricht reflektieren und bearbeiten zunächst ein Grundmodell für die Beschreibung von sowie, daraus abgeleitet, Vorschläge für eine Typologisierung von Wiki-Projekten entsprechend ihrer Konzeption und der beteiligten Akteure. Zentrale Komponenten im Modell sind Akteur, ←16 | 17→Wiki-als-technisches-Medium, Rechtsrahmen und Inhalt. Wiki-Akteure können verschiedene Rollen einnehmen, sie können als Eigentümer, Rezipienten oder Modifizienten agieren. Insbesondere die letztgenannte Akteur-rolle wird von van Dijk in ihrer Funktion für Lehr-Lern-Prozesse herausgestellt: Kern der Arbeit an einem Wiki ist die Kollaboration der Lernenden bei der Erstellung von Inhalten, was hinsichtlich der drei zuvor eingeführten Beschreibungsdimensionen technische, kulturelle und soziale Dimension je spezifische Anforderungen an das didaktische Konzept nach sich zieht. Im Beitrag wird detailliert ausgeführt, welche Faktoren für den (sinnvollen) Einsatz von Wikis im Unterricht (wie) zu berücksichtigen sind.

Die Realisierung dieses Bandes wäre nicht möglich gewesen ohne engagierte Beiträge verschiedener Personen. Für ihre Mitwirkung als Gutachterinnen und Gutachter danken wir den Kolleginnen und Kollegen Gerd Antos, Matthias Ballod, Markus Bieswanger, Eva Gredel, Steffen Pappert, Ulrich Schmitz, Patrick Voßkamp, Franc Wagner und Eva-Lia Wyss. Für Unterstützung bei der Aufbereitung und Korrektur der Manuskripte danken wir Maren Behrendt und Sarah Steinsiek. Dank einer finanziellen Unterstützung seitens des BMBF-Projekts Förderung von Open-Access-Publikationen in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Monografien (OGeSoMo, https://www.uni-due.de/ogesomo/) an der Universität Duisburg-Essen kann der Band zeitgleich zur Printausgabe in einer Open-Access-Version erscheinen. Den Herausgebern und dem wissenschaftlichen Beirat der Reihe „Forum Angewandte Linguistik“ danken wir für Aufnahme des Bandes in die Reihe, dem Verlag Peter Lang, namentlich Herrn Michael Rücker, für die stets konstruktive Zusammenarbeit bei der Konzeption und Vorbereitung des Publikationsvorhabens.

Die Sprach- und Mediendidaktik ist mit dem Thema soziale Medien noch lange nicht ‚durch‘. Die Potenziale und spezifischen Herausforderungen des Lernens mit sozialen Medien und über soziale Medien sind derzeit kaum systematisch im Unterricht an Schulen und Hochschulen verankert. Die didaktische Erschließung des Themas steckt damit nach wie vor in den Kinderschuhen, i.e. in einer Experimentierphase, auch wenn der bildungspolitische Rahmen das Thema in jüngster Zeit stärker als bisher auf die Agenda gesetzt hat. Dennoch zeigen sich Formen und Perspektiven seiner ←17 | 18→unterrichtlichen Aufbereitung im Bereich der Sprachdidaktik und sprachbezogenen Mediendidaktik nach wie vor eher an Einzelbeispielen. Solche Beispiele und Ideen zu dokumentieren und damit der weiteren Diskussion in Fachdidaktik und Fachwissenschaft sowie in den Praxisfeldern Hochschuldidaktik und Sprachunterricht zugänglich zu machen, betrachten wir zum derzeitigen Stand als ein wichtiges Desiderat. Die Beispiele von heute werden rückblickend in zehn Jahren entweder als naive oder aber als avancierte Pionierarbeiten gelten; das entscheiden die Sprach- und Mediendidaktikerinnen sowie die Schul- und Hochschullehrenden von morgen.

Literatur

Abraham, Ulf/Knopf, Julia (Hrsg.), 2016a: Deutsch digital. Band 1: Theorie. (Deutschdidaktik in der Primarstufe. Klassen 1–6). Schneider Verlag Hohengehren: Baltmannsweiler.

Abraham, Ulf/Knopf, Julia (Hrsg.), 2016b: Deutsch digital. Band 2: Praxis. (Deutschdidaktik in der Primarstufe. Klassen 1–6). Schneider Verlag Hohengehren: Baltmannsweiler.

Becker-Mrotzek, Michael/Grabowski, Joachim/Steinhoff, Torsten (Hrsg.), 2017: Forschungshandbuch empirische Schreibdidaktik. Waxmann: Münster.

Beißwenger, Michael (Hrsg.), 2017: Empirische Erforschung internetbasierter Kommunikation. (Empirische Linguistik/Empirical Linguistics 9). De Gruyter: Berlin/New York.

Beißwenger, Michael, 2016: „Praktiken in der internetbasierten Kommunikation“. In: Deppermann, Arnulf/Feilke, Helmuth/Linke, Angelika (Hrsg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Jahrbuch 2015 des Instituts für Deutsche Sprache. De Gruyter: Berlin/New York, 279–310.

Beißwenger, Michael/Pappert, Steffen, 2018: „Internetbasierte Kommunikation“. In: Liedtke, Frank/Tuchen, Astrid (Hrsg.): Handbuch Pragmatik. Metzler: Stuttgart, 448–459. Open-Access-Publikation: https://link.springer.com/book/10.1007%2F978-3-476-04624-6 (Letzter Zugriff: 14.01.2019).

Beißwenger, Michael/Anskeit, Nadine/Storrer, Angelika (Hrsg.), 2012: Wikis in Schule und Hochschule. (E-Learning). Verlag Werner Hülsbusch: Boizenburg.

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Brown, Penelope/Levinson, Stephen C., 1987: Politeness. Some universals in language usage. University Press: Cambridge.

Dürscheid, Christa/Frick, Karina, 2016: Schreiben digital. Wie das Internet unsere Alltagskommunikation verändert. Kröner: Stuttgart.

Franken, Anna Ulrike/Pertzel, Eva (Hrsg.), 2018: YouTube & Co. – Mit Webvideos arbeiten. Deutschunterricht 04/2018.

Biographische Angaben

Michael Beißwenger (Band-Herausgeber:in) Matthias Knopp (Band-Herausgeber:in)

Michael Beißwenger ist Universitätsprofessor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik an der Universität Duisburg-Essen. Er lehrt und forscht im Bereich der Angewandten Linguistik, der Mediendidaktik Deutsch und der Korpus- und Computerlinguistik. Matthias Knopp ist Akademischer Rat für Sprachwissenschaft/-didaktik am Institut für deutsche Sprache und Literatur II an der Universität zu Köln. Er lehrt und forscht u.a. in den Bereichen Sprache/Kommunikation in digitalen Medien und Mediendidaktik/-kompetenz.

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Titel: Soziale Medien in Schule und Hochschule: Linguistische, sprach- und mediendidaktische Perspektiven