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Tysk(a) – saksa – vācu – vokiečių – þýska 2020. Teil 2: Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft

Ausgewählte Beiträge zum «XI. Nordisch-Baltischen Germanistentreffen» in Kopenhagen vom 26.–29. Juni 2018

von Mirjam Gebauer (Band-Herausgeber) Maris Saagpakk (Band-Herausgeber)
Konferenzband 220 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • „Unverhofft und unvermutet“. Zu einer Anspielung W. G. Sebalds auf Johann Peter Hebel (Espen Ingebrigtsen (Universität Bergen))
  • Kurländische Polenreisen um 1800 (Anna Gajdis (Universität Wrocław))
  • Ethos, Autorschaft und Politik. Ernst Toller im Urteil der Schriftstellergutachten im Hochverratsprozess, München 1919 (Peter Langemeyer (Hochschule Østfold))
  • Wanderungsbeschreibungen in den Altpreußischen Monatsschriften (Sigita Barniškienė (Vytautas-Magnus-Universität Kaunas))
  • Die Dramabearbeitung als Übersetzung der Theaterkultur? August von Kotzebues Der Wirrwarr, oder der Muthwillige auf Estnisch1 (Maris Saagpakk (Universität Tallinn))
  • „So geht es also weiter.“ Zur Darstellung der Gruppe 47 in Elisabeth Åsbrinks 19471 (Frank Thomas Grub (Universität Uppsala))
  • Weitwandern als Weg zum autonomen Denken. Ein literarisches Motiv von Goethe bis Stifter (Birger Solheim (Universität Bergen))
  • Mörikes Gender Trouble. Subvertierte Geschlechterrollen und -ordnungen in Der Schatz, Das Stuttgarter Hutzelmännlein und Mozart auf der Reise nach Prag (Björn Hayer (Universität Koblenz-Landau))
  • Marlen Haushofers Roman Die Wand als Erzählung des Anthropozäns (Mirjam Gebauer (Universität Aalborg))
  • Poetiken des Fachwissens: Methodische und didaktische Überlegungen zum Themenfeld Literatur und Wirtschaft im Deutschunterricht (Alexander Mionskowski (Universität Vilnius))
  • Die europäische Union des Fernsehkrimis. Anmerkungen zu europäischen Fernsehkrimis (Hans Giessen (Universität Helsinki))
  • Literatur fürs Ohr – Besonderheiten von Audiobooks aus Verlagssicht (Maren Eckart (Högskolan Dalarna))
  • Ode au Sport (1912) und die späteren deutschsprachigen literarischen Beispiele im international-olympischen kulturhistorischen Kontext1 (Ivars Orehovs (Universität Lettland))
  • Autorinnen und Autoren
  • Zeilenübersicht

Einleitung

Die literatur- und kulturwissenschaftlichen Beiträge, welche in vorliegendem Teilband zusammengefasst sind, zeigen die Vielfalt der germanistischen Forschung in diesen Bereichen im europäischen Norden. Die Beiträge dieses Bandes nehmen dabei oft komparatistische Sichtweisen zwischen den deutschsprachigen und anderen Kontexten ein. Betrachtet werden beispielsweise die Rezeption der deutschsprachigen Literatur in anderen Ländern, der Umgang mit Geschichte und Kultur der baltischen oder skandinavischen Länder in deutschsprachigen Texten, aber auch Wechselwirkungen zwischen den diskursiven Räumen. Der Band versammelt historisch orientierte Beiträge, in welchen Texte und literatursoziologische Kontexte der Literatur des 18., 19. und 20. Jahrhunderts untersucht werden sowie Beiträge mit dezidiert kultur- und medienwissenschaftlichen Fragestellungen. Die Leserinnen und Leser dieses Bandes bekommen somit einen umfassenden Einblick in das breite Spektrum literatur- und kulturwissenschaftlicher Themen der Germanistiken in den baltischen und nordischen Ländern.

Den Band eröffnet Espen Ingebrigtsen mit einer intertextuellen Analyse. Sein Artikel analysiert einen Bezug in W. G. Sebalds Erzählung Dr. Henry Selwyn (1992) zu Johann Peter Hebels Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen (1811). Hebels Motiv des toten Bergmanns wird von Sebald aufgenommen und unter Betonung der Verlusterfahrungen des Protagonisten Dr. Henry Selwyn umgedeutet. Ingebrigtsen zeigt, wie Sebald die Literatur als ein privilegiertes Medium der Geschichtsreflexion einsetzt.

Der Beitrag von Anna Gajdis untersucht die Polenreisen der Kurländer gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Aus den umfangreichen Werken der Kurländer Karl Heinrich von Heyking, Elisa von der Recke und Friedrich Joachim Schulz werden die Textpassagen ausgewählt, welche dem Leser die Reflexionen der Reisenden über Warschau, den polnischen König Stanisław August Poniatowski und seinen Hof sowie ihre kritischen Urteile über Polen um 1800 näherbringen.

Peter Langemeyer beschreibt den Standgerichtsprozess, in dem Ernst Toller sich im Sommer 1919 wegen seiner Beteiligung an der Münchner Räterepublik zu verantworten hatte. Der Beitrag analysiert die bisher unveröffentlichten Gutachten der Schriftsteller zum Prozess gegen Toller und zeigt, worin die Experten das Ethos der Dichtung Tollers sehen und worauf sich die Urteile der Sachverständigen in literaturwissenschaftlicher Hinsicht stützen.

Sigita Barniškienė untersucht zwei Reiseberichte aus den Altpreußischen Monatsschriften im Hinblick auf ihre Beschreibungsarten und -objekte sowie ←11 | 12→ textsortenrelevante Merkmale. Im Fokus der Analyse stehen die Realisierung von Vertextungsstrategien, die Funktionen der Wanderungsbeschreibungen sowie Formen thematischer Entfaltung in den ausgewählten Texten. Barniškienė zeigt zudem, wie die Reisenden ihre Einstellungen zu den beschriebenen Objekten präsentieren.

Maris Saagpakk befasst sich mit den Bearbeitungen von August von Kotzebues Werken auf Estnisch, die ein wichtiges Kapitel der frühen estnischen Theatergeschichte bilden. Im Mittelpunkt der Analyse steht die estnische Bearbeitung von Kotzebues Der Wirrwarr, oder der Muthwillige (1803) durch den estnischen Schriftsteller August Kitzberg und die Unterschiede zwischen dem Original und der Bearbeitung.

Frank Thomas Grub analysiert das Buch der Journalistin Elisabeth Åsbrink 1947 (2016), in dem die Geschichte der Gruppe 47 eine Rolle spielt. Er schlägt vor, Åsbrinks Schreiben als „vernetztes Erzählen“ zu beschreiben und auf der Grundlage eines kurzen Exkurses über literaturgeschichtliche Darstellungen der Gruppe 47 aus Schweden als alternative – literarische – Form der Geschichtsschreibung zu deuten.

Birger Solheim unternimmt in seinem Beitrag einen kleinen Streifzug durch literarische Texte von Goethe, Seume, Eichendorff, Heine, Nietzsche sowie Stifter und fragt, welche Spuren die Praxis des Zufußgehens dort hinterlassen hat. Dabei steht nicht nur die mittlerweile weithin erkannte heilende Wirkung des Gehens im Mittelpunkt der Untersuchung, sondern Solheims Aufmerksamkeit gilt den längeren, anstrengenden Extremwanderungen als Voraussetzung für Denk- und somit auch Schreibprozesse.

Björn Hayer fördert durch eine Analyse von Gender-Perspektiven die lange Zeit versteckte Modernität von Eduard Mörike hervor, dessen Werk bisher vor allem unter dem Gesichtspunkt des Biedermeiers und der Restauration aufgefasst wurde. Hayers Beitrag zeigt, wie klassische Männlichkeits- und Weiblichkeitsstereotype in der Prosa Mörikes dekonstruiert werden. Eine Untersuchung der Märchen Der Schatz (1835) und Das Stuttgarter Hutzelmännlein (1853) sowie der Novelle Mozart auf der Reise nach Prag (1855) lässt deutlich werden, dass Frauen bei Mörike weniger als Opfer des Patriachats erscheinen, sondern vielmehr als Lenkerinnen und Beschützerinnen der ‚schwächeren‘ männlichen Helden.

Aus einer ökokritischen Perspektive betrachtet Mirjam Gebauer den Roman Die Wand (1963) der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Der Text durchlief eine wechselvolle Rezeptionsgeschichte, wurde 2012 von Julian Pölsler verfilmt und im Frühling 2019 durch eine junge französische Bloggerin gehypt und auf Instagram einem neuen Publikum erschlossen. Der Beitrag ←12 | 13→ prüft, ob der Begriff einer anthropozänen Poetik die Universalität und Aktualität von Haushofers Roman erschließen kann.

Alexander Mionskowski macht deutlich, wie die Konzepte von Oikos (Haushalt) und Ökonomie (Wirtschaft) für den Unterricht des Deutschen als Fremdsprache fruchtbar gemacht werden können. Anhand von Textauszügen ausgewählter Autoren, darunter Goethe und Rainald Goetz, entwirft er am Beispiel eines Seminars an der Universität Vilnius einen Unterrichtsverlauf, in dessen Rahmen sachfachliches Wissen und Vokabular vermittelt wird. Durch die Lebensnähe der gewählten Thematik kann die Lernmotivation der Studierenden gesteigert werden. Somit vereint der Ansatz Fachsprachen- und Literaturvermittlung mit Wirtschaftskommunikation und Wissenspoetologie.

Maren Eckart wendet sich der Tatsache zu, dass in den letzten Jahren der Verkauf an gedruckter belletristischer Literatur zurückgeht, zugleich aber der Vertrieb digitaler Hörbücher ansteigt. Sie zeigt, wie unter den Bedingungen eines neuen digitalen literarischen Schreibens ein Netzliteraturbetrieb entsteht. Anhand von Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern des schwedischen Verlags Bonnier Bookery und des deutschen Verlags Lübbe audio wird die Perspektive der Verlage auf diese Entwicklung nachgezeichnet.

Ob Europa als kulturelle Einheit in europäischen Fernsehkrimis existiert, untersucht Hans Giessen in seinem Beitrag. Die Analyse von Fernsehkrimis aus Deutschland und verschiedenen europäischen Ländern zeigt neben augenscheinlichen Unterschieden wie Sprache, Kleidung der Akteure und anderen Realia sowie der Tatsache, dass die wenigsten Krimis eines Landes in anderen Ländern zu sehen sind, doch überraschende Gemeinsamkeiten. Strategien der Personencharakterisierung, Nutzung von Settings für die Dramaturgie sowie die gezeigten Werte sind so ähnlich, dass von einem gemeinsamen „Narrationsraum“ gesprochen werden kann.

Eine internationale Perspektive kennzeichnet auch den Beitrag von Ivars Orehovs, der sich mit Literatur im Kontext der frühen Olympischen Spiele in der Neuzeit beschäftigt. Von 1912 bis 1948 traten neben Sportlern auch Künstler im olympischen Wettbewerb gegeneinander an. Im Zentrum der Untersuchung steht neben anderen künstlerischen Darstellungen die Ode an den Sport, die in deutscher und französischer Sprache 1912 anlässlich der fünften modernen Spiele in Stockholm veröffentlicht wurde und als Siegerin des Wettbewerbs hervorging.

Espen Ingebrigtsen (Universität Bergen)

„Unverhofft und unvermutet“. Zu einer Anspielung W. G. Sebalds auf Johann Peter Hebel

Zusammenfassung: Der Artikel analysiert einen Bezug in W. G. Sebalds Erzählung Dr. Henry Selwyn (1992) zu Johann Peter Hebels Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen (1811). Sebald greift Hebels Motiv des toten Bergmanns auf und deutet es unter Betonung der Verlusterfahrungen des Protagonisten Dr. Henry Selwyn um. Die Anspielung zeigt, wie Sebald sich produktiv mit kanonisierten literarischen Texten auseinandersetzt und Zitate in eine Reflexion über die als katastrophal begriffene Entwicklung des 20. Jahrhunderts einbettet. Die Anspielung zeigt aber auch, wie Sebald die Literatur als ein privilegiertes Medium der Geschichtsreflexion einsetzt. Die Literatur stellt ein Reservoir an Motiven und Themen zur Verfügung, das bei der Geschichtsreflexion ein sinnstiftendes Potential hat. Im Hinblick auf Walter Benjamins Ausführungen zur Geschichtsphilosophie und zur Literatur kann Sebalds Hebel-Anspielung als eine Art symbolische Rettung im Symbolsystem der Literatur interpretiert werden. In Sebalds intertextuellen Bezügen verbinden sich somit Geschichtsreflexion, literarische Reflexion und symbolische Restitution.

Schlüsselbegriffe: W. G. Sebald, Johann Peter Hebel, Walter Benjamin, Intertextualität, kulturelles Gedächtnis

Abstract: The article analyzes a reference to Johann Peter Hebel’s Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen (1811) found in W. G. Sebald’s story Dr. Henry Selwyn (1992). Sebald interprets Hebel’s motif of the dead miner with emphasis on existential crisis of the protagonist Dr. Henry Selwyn. The allusion shows how Sebald productively deals with canonized literary texts, embedding quotations in his reflections on the historical catastrophies of the twentieth century. The same allusion also points out Sebald’s notion of literature as a privileged medium of historical reflection. In Sebald’s works, literature provides a deep reservoir of motifs and topics that can generate new potential meanings for enhancing the historical reflection. With reference to Walter Benjamin’s comments on the philosophy of history and literature, Sebald’s allusion to Hebel can be interpreted as a kind of symbolic salvation in the medium of literature. Sebald’s intertextual references thus combine historical reflection and literary reflection with a notion of symbolic restitution.

Keywords: W. G. Sebald, Johann Peter Hebel, Walter Benjamin, intertextuality, cultural memory

Details

Seiten
220
ISBN (PDF)
9783631836941
ISBN (ePUB)
9783631836958
ISBN (MOBI)
9783631836965
ISBN (Buch)
9783631799611
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
Nordisch-baltische Germanistik Literaturwissenschaft Kulturwissenschaft Vergleichende Literaturwissenschaft Literaturwissenschaftliche Didaktik
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 220 S., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Mirjam Gebauer (Band-Herausgeber) Maris Saagpakk (Band-Herausgeber)

Mirjam Gebauer ist Associate Professor für deutsche Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Aalborg. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind das Anthropozän, die Postmigration, die kulturelle Hybridität sowie Konzepte der Mehrsprachigkeit in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Maris Saagpakk ist Associate Professor für deutsche Literatur und Kultur an der Universität Tallinn. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unterschiedliche Aspekte der baltisch-deutschen Literaturbeziehungen, darunter der Postkolonialismus, die Mehrsprachigkeit, der Kulturtransfer und die Soziolinguistik.

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Titel: Tysk(a) – saksa – vācu – vokiečių – þýska 2020. Teil 2: Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft