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Texte und Medien

Linguistische Zugänge zu Textmanifestationen in medialen Spielräumen

von Dorota Kaczmarek (Band-Herausgeber:in) Marcin Michoń (Band-Herausgeber:in) Dariusz Prasalski (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 204 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • I. Textsorten im online-medialen Raum
  • Deutsche Restaurantkritiken im Internet. Der Gebrauch von Authentizitätsstrategien zur sprachlichen Realisierung des Sprachhandlungsmusters des BEWERTENS (Nadine Rentel)
  • Videorezension – ein neues Mitglied in der Textsortenfamilie (Józef Jarosz)
  • Einige Bemerkungen zur Form und zur Sprache der deutschen Internetwitze über Medizin (Katarzyna Sikorska-Bujnowicz)
  • II. Kommunikationsformen und Online-Plattformen im gesellschaftspolitischen Kontext
  • Selbstdarstellung von Medizinern im hypertextuellen Rahmen – eine Analyse von Ärzte-Profilen auf Arztbewertungsportalen (Marcelina Kałasznik)
  • Soziale Medien und sich wandelnde Realität am Beispiel des Hashtags #bleibgesund auf Twitter (Anna Kapuścińska)
  • Hassrede im Wahlkampfdiskurs – Analyse der Kommentare auf Facebook-Profilen von Andrzej Duda und Rafał Trzaskowski (Michał Smułczyński)
  • Wer bin ich: Strategie oder Zufall? Medienlinguistische Analyse von Karikaturen und Memes über den Präsidenten Zelensky (Orest Semotiuk)
  • III. Zu semiotischen Dimensionen des interkulturellen Transfers
  • Personenbeschreibung in der Audiodeskription von Dokumentarfilmen. Eine exemplarische Analyse am Beispiel der Sendereihe „Der Krieg und ich“ (Agnieszka Stawikowska-Marcinkowska)
  • Klangfiguren als eine translatorische Herausforderung bei der Übersetzung der Kindergedichte von Julian Tuwim (Maria Migodzińska)
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Dank der Entwicklung und der stets stattfindenden Wandlungsprozesse der Medien und in den Medien werden auf der Seite der Produzenten wie auch der Rezipienten bewährte bzw. bisher bekannte Spielräume für Textmanifestationen modifiziert und neue Spielräume eröffnet. Man könnte zwar denken, dass die medialen Angebote in diesem Bereich wenig Neues bringen, aber wie die Kommunikation im Internet zeigt, sind technologische Möglichkeiten für Textmanifestationen alles andere als erschöpft. Die sich vollziehenden Modifikationen betreffen einerseits die funktionale Ebene, auf der textsortenspezifische und -kennzeichnende Funktionen um neue erweitert werden, die sich aus der Verlagerung der bspw. primär printmedialen Texte ins Internet ergeben. Hinzu kommen vertikale und horizontale Relationen zwischen Produzenten und Rezipienten, die mittels verschiedener medialer Distributionskanäle in den Texten zum Vorschein kommen. Die in den Texten zu realisierenden Funktionen evozieren darüber hinaus neue Partizipationsmöglichkeiten, die über die traditionellen Formen und tradierten Spielarten hinausreichen und zu sozial relevanten Interaktionen motivieren. Damit geht die im Internet omnipräsente Tendenz zur Verschiebung des Privaten in das Öffentliche (eine gewisse Form des medialen ‚Exhibitionismus‘) einher, was selbstverständlich nicht nur die beruflichen, sondern vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft. Und um sich dabei möglichst überzeugend, interessant oder suggestiv zu profilieren, nutzen User*innen verschiedene Methoden und Strategien der Selbstdarstellung.

Andererseits darf man nicht übersehen, dass die genannten Veränderungen die strukturelle Ebene der Texte tangieren, wenn bspw. von dem klassischen zum hypertextuellen Format übergegangen wird oder das geltende Format um weitere medienbedingte Aufbaukomponenten erweitert wird. An dieser Stelle soll man sich also fragen, ob derartige Modifikationen dem Muster noch folgen, d. h. mit ihm genetisch noch verwandt sind, oder zu neuen Formaten und Textsorten führen.

Die Kommunikation mittels traditioneller und moderner Medien erfordert im grenzüberschreitenden Transfer mannigfaltige Manipulationsformen, die als wohlgesinntes Einschreiten der Übersetzenden in die sonst unmögliche Interaktion zu verstehen sind. Der Fächer dieser Interaktionsformen, deren Methoden und Techniken in zahlreichen Studien untersucht werden, wird in den zwei Texten letzten Kapitels auf Implikaturen intersemiotischen Transfers ←7 | 8→beschränkt. Dabei liegt der Fokus auf Verbalisierungstechniken und spezifischen Bedürfnissen ausgewählter Empfängergruppen.

Die hier vorliegenden Untersuchungen spiegeln einerseits die Entwicklungsdynamik und Heterogenität von internet-basierten Texten wider. Andererseits ist zu beobachten, dass sich auch im Online-Raum solche wiederkehrenden Handlungsmuster aufspüren lassen, aufgrund deren die Textsorten beschreibbar sind.

Zu den Beiträgen

Im Fokus des Beitrags von Nadine Rentel steht die Frage nach den Realisationsmöglichkeiten der Handlung BEWERTEN in den Online-Restaurantkritiken, die von aktiven und in diesem Bereich bereits erfahrenen, ggf. halbprofessionellen Autor*innen stammen. Ziel der Veröffentlichung der Restaurantkritiken im Internet (hier: auf der Webseite www.sternefresser.de) ist es, einerseits möglichst wirksam die Rezipienten vom Restaurantbesuch zu überzeugen. Andererseits tendieren die Autor*innen dazu, sich selbst als besonders glaubwürdig darzustellen. Zu diesem Zweck verwenden sie in ihren Texten unterschiedliche Authentizitätsstrategien, wie etwa phraseologische Einheiten, umgangssprachliche Formulierungen oder metaphorische Ausdrücke, ferner auch Inszenierungen einer fiktiven Interaktion usw., um den Attraktivitätseffekt und die Überzeugungskraft ihrer Rezension zu steigern.

Die Frage nach den online etablierten, ggf. sich etablierenden Formen der bekannten Printformate erhebt in seinem Beitrag Józef Jarosz, indem er textexterne (v. a. Textproduzent-Textempfänger-Relation, Textfunktion) und textinterne (u. a. Textstruktur, Thema und Themenentfaltung, Sprachstil) Textualitätsmerkmale der Videorezension einem intermedialen Vergleich unterzieht. Als Videorezension werden exemplarisch die auf dem YouTube-Kanal BookTube veröffentlichten Videobeiträge untersucht, die Buchpräsentationen, -empfehlungen oder -rezensionen darstellen. Das besondere Augenmerk gilt im Beitrag den Relationen zwischen Printrezension und Videorezension (im Hinblick auf sich zeigende Differenzen und Ähnlichkeiten in den untersuchten Textualitätsmerkmalen) sowie den Relationen zwischen Videorezension und anderen multimodalen funktionsäquivalenten Varianten (bspw. Radiorezension, Blogrezension, Kundenrezension u. Ä.) in der Textsortenfamilie ‘Rezension’ (vgl. Holly 2011).

Der Aufsatz von Katarzyna Sikorska-Bujnowicz verfolgt vor allem das Ziel, die für die deutschen Witze aus dem Bereich Medizin charakteristischen Motive / Themen zu beschreiben. Darüber hinaus wird der Frage nach den typischen ←8 | 9→Kommunikationsformen, in welchen die Witze dargeboten werden, nachgegangen. Ein weiteres Anliegen der Arbeit besteht in der Identifizierung von sprachlichen Strategien, die zur Schaffung des humoristischen Effekts eingesetzt werden. Die Grundlage für die Untersuchung bilden 35 Witze, die verschiedenen deutschsprachigen Internetseiten entstammen.

Selbstdarstellung als produzentenstützende und rezipientensteuernde, suggestiv wirkende Strategie wird von Marcelina Kałasznik in ihrem Beitrag zu Arztprofilen auf hypertextuell organisierten Arztbewertungsportalen aufgegriffen. Exemplarisch geht es um Profile, die auf dem Portal jameda.de veröffentlicht wurden. Als zentral erweist sich im Beitrag das Wechselspiel zwischen der strukturellen Vorgeprägtheit solcher Profile (grobe Gliederung in Vorstellungs-, Selbstdarstellungs- und Bewertungsteil) und den Auswahlmöglichkeiten der Mittel, die den sich dort präsentierenden Medizinern zur Verfügung stehen und über deren Einsatz jedes Mal individuell entschieden wird. Der Gebrauch der Selbstdarstellungsmittel wird auf der verbalen (die überwiegende Gruppe), visuellen und audiovisuellen Ebene (die kleinere Gruppe) untersucht.

Im Beitrag von Anna Kapuścińska wird die Verwendung des Hashtags #bleibgesund auf der Plattform Twitter während der Coronavirus-Pandemie untersucht. Im Fokus stehen die Ermittlung der Vorkommenshäufigkeit des Schlagwortes sowie die Analyse seiner neuen Gebrauchskonventionen. Unter Heranziehung von vielen Beispielen zeigt die Autorin, wie sich kontextuelle und thematische Merkmale der mit #bleibgesund versehenen Nachrichten sowie der kommunikative Sinn des Hashtags von März bis November 2020 veränderten.

Der verbale Schlagabtausch in den Online-Medien gehört heute zum Alltag und eine Abschwächung der Radikalisierung im politischen Mediendiskurs ist nicht in Sicht. Michał Smułczyński setzt sich mit den Kommentaren auf den Facebook-Profilen von Politikern in Polen auseinander und findet zahlreiche Belege für die These, dass die Kommunikation in den sozialen Medien von Hassrede geprägt ist. Die computergestützte Analyse von Beiträgen in der Zeit unmittelbar vor den Präsidentschaftswahlen 2020 veranschaulicht die Tendenzen in der Gestaltung der Kommunikation in den sozialen Medien in Polen.

Im Beitrag von Orest Semotiuk, der sich politischen Karikaturen und Memes über den ukrainischen Präsidenten Zelensky zuwendet, wird gezeigt, wie multimodale Texte mittels einer Kombination von quantitativen und qualitativen Methoden objektiv zu erforschen sind. Analysekriterien sind dabei sozialer ←9 | 10→Kontext, Witztechniken und Kommunikationsebenen. Aus der Untersuchung geht hervor, dass die computergestützte Inhaltsanalyse und die multimodale Diskursanalyse Aufschluss über das Potenzial von Texten zur Entfaltung der soziokulturellen Wirkung und zur Abbildung der politischen Realität geben können.

Die Audiodeskription ist eine Methode des Transfers, mit der visuelle Inhalte über den verbalen, auditiven Kanal zu den hörbehinderten Empfängern gelangen. Es ist ebenfalls ein Maßstab dessen, wie ernst die Integration in einem Kulturkreis genommen wird und ein Paradebespiel für die intersemiotische Umsetzung der Bedürfnisse potenzieller Adressaten. Agnieszka Stawikowska-Marcinkowska führt in die Richtlinien und Entwicklung der Methode ein und analysiert die sprachlichen Bilder in der Audiodeskription zur Dokumentarserie „Der Krieg und ich“. Das Kapitel zeigt dabei die Handlungsmöglichkeiten der Audiodeskriptor*innen zur Überwindung kommunikativer Barrieren jugendlicher Adressaten.

Seit Jahrzehnten werden in Polen mit den Gedichten von Julian Tuwim (1894–1953) verschiedene Zielgruppen angesprochen. Die Erziehungs- und Unterhaltungszwecke überlappen sich in den Texten und bilden gemeinsam eine enorme Herausforderung für die Übersetzer. Tuwim hat mit Sprachspiel, Melodie und Nachahmung des Lautlichen die Grenzen für die Aufnahmefähigkeit des graphischen verbalen Systems im Polnischen gesucht. Maria Migodzińska zeigt im letzten Kapitel des Bandes, mit welchen Techniken Wolfgang von Polenz dem Transfer der Klagfiguren ins Deutsche unter Berücksichtigung der formellen Rahmen der Gedichte gerecht wurde.

Schlusswort

An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen Autor*innen, die zur Entstehung des Bandes beigetragen haben. Wir danken sehr herzlich den Gutachterinnen Prof. Bettina Bock, Prof. Sandra Reimann, Dr. Derya Gür-Şeker, Prof. Anna Hanus, Dr. habil. Joanna Pędzisz und dem Gutachter Prof. Zenon Weigt für Ihr Engagement und Ihre wertvollen Hinweise bei der Begutachtung der Texte.

Unser besonderer Dank gilt Frau Prof. Zofia Berdychowska und Frau Prof. Zofia Bilut-Homplewicz für die Aufnahme der Publikation in die Schriftenreihe Studien zur Text- und Diskursforschung.

Wir möchten der Philologischen Fakultät der Universität Łódź und dem Institut für Germanistik für die Mitfinanzierung dieser Publikation danken.

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Heinrich Hofmann-Psuty sind wir für das Gegenlesen der Texte sehr dankbar.

Zusammenfassung

Die Kommunikationsformen in den alten und insbesondere in den neuen Medien unterliegen einem ständigen Wandel, der sich etwa dadurch manifestiert, dass völlig neue Textsorten entstehen oder die Gebrauchskonventionen einzelner, für die jeweilige Textklasse typischer Sprachzeichen modifiziert werden. Mit der Entwicklung der Medien und ihren neuen Erscheinungsformen gehen auch neue Methoden und technische Lösungen der Überwindung von Barrieren einher. Sie erlauben es, die Kommunikation über kulturelle, sprachliche Grenzen sowie Behinderungen der an ihr Teilnehmenden hinauszutragen.
Ziel dieser Publikation ist es, exemplarisch zu zeigen, welche Formen der Wandel annimmt, wie er funktional zu beschreiben ist und welcher Stellenwert ihm in medialen Spielräumen zukommt. Die Beiträge dieses Bandes geben also vielfältige, theoretische und empirische Einblicke in derartige Veränderungen. Dabei werden solche Aspekte aufgegriffen wie Textsortenmerkmale von Videorezensionen [Textsorten im intermedialen Vergleich], Selbstdarstellung [in Hypertexten], Multimodalität [von Memes und Karikaturen], Verwendung von Hashtags, Witztechniken, Authentizitätsstrategien [in Restaurantkritiken], Hassrede [im Wahlkampfdiskurs], Audiodeskription [von Dokumentarfilmen] und Klangfiguren [in Kindergedichten].

Biographische Angaben

Dorota Kaczmarek (Band-Herausgeber:in) Marcin Michoń (Band-Herausgeber:in) Dariusz Prasalski (Band-Herausgeber:in)

Dorota Kaczmarek, Marcin Michoń und Dariusz Prasalski sind wissenschaftliche Mitarbeiter im Institut für Germanistik, Abteilung für Deutsche Sprachwissenschaft (Universität Łódź / Polen). Die Forschungsschwerpunkte der Herausgeberin und der Herausgeber sind Diskurs-, Text- und Pragmalinguistik, Medienlinguistik, Translationswissenschaft, Translationsprozessforschung, Dolmetschen, Audiovisuelle Übersetzung, Semiotik, Argumentationstheorie sowie Frame-Semantik.

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Titel: Texte und Medien