Pytheas von Massalia
Geographische, astronomische und handelspolitische Aspekte seines Reiseberichts
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Inhalt
- Vorwort
- 1. Einführung und Aufbau der Arbeit
- Aufbau der Arbeit
- 2. Übersicht über die Fragmentinhalte
- 2.1 Britannien
- 2.2 Iberische Halbinsel
- 2.3 Bretonische Halbinsel
- 2.4 Thule
- 2.5 Die Parokeanitis
- 2.6 Der Schlafplatz der Sonne
- 2.7 Metuonis und die Bernsteininsel Abalus/Basilia
- 2.8 Die „Meerlunge“
- 2.9 Rekonstruktionen der Reise
- 2.10 Zusammenfassung
- 3. Kritik am Reisebericht des Pytheas in der Antike
- 3.1 Urteil des Polybios über den Reisebericht des Pytheas
- 3.2 Die Zeit des Dikaiarchos, Eratosthenes und Pytheas
- 3.3 Polybios’ Beurteilung der „alten Geographen“
- 3.4 Gründe für das Mißtrauen des Polybios und Strabons gegen den Reisebericht des Pytheas
- 3.4.1 Polybios
- 3.4.2 Strabon
- 3.4.2.1 Kritik an der Erdkarte des Eratosthenes
- 3.4.2.1.1 Die Lage der Insel Thule auf dem Polarkreis
- 3.4.2.1.2 Überlegungen zur Ausdehnung der Oikumene
- 3.4.2.1.3 Osismier und Ostidäer. Das Kyrtoma Europas. Die Insel Uxisame
- 3.5 Weitere Kritik am Bericht des Pytheas über Thule
- 3.6 Pytheas und der hellenistische Reiseroman
- 3.6.1 Fabel- und Wundergeschichten in der antiken Literatur
- 3.6.2 Strabons Kritik an der Erzählung des Poseidonios über die Fahrten des Eudoxos von Kyzikos
- 3.6.3 Pytheas von Strabon auf eine Stufe mit Euhemeros und Antiphanes gestellt
- 3.6.3.1 Vergleich mit Euhemeros
- 3.6.3.2 Vergleich mit Antiphanes. Der Thule-Roman des Antonios Diogenes
- 3.6.4 Der Hyperboräerroman des Hekataios von Abdera
- 3.7 Zusammenfassung
- 4. Pytheas und die Frage nach der Herkunft des Zinns in der Antike
- 4.1 Mutmaßungen über die Zinninseln
- 4.2 Kenntnisse des Polybios über spanisches und britannisches Zinn
- 4.3 Exkurs: Poseidonios über den antiken Zinnbergbau in Spanien und die Kassiteriden
- 4.4 Polybios und das galicische Zinn
- 4.5 Scipios Zusammenkunft mit den Kaufleuten aus Corbilo, Narbo und Massalia
- 4.5.1 Die Scipionen als Gesprächsführer
- 4.5.1.1 Pb. Cornelius Scipio
- 4.5.1.2 Pb. Cornelius Scipio Maior
- 4.5.1.3 Scipio Aemilianus
- 4.5.2 Zeitpunkt der Zusammenkunft
- 4.5.2.1 Scipio und Polybios 150/151 in Spanien und Afrika
- 4.5.2.2 Scipio und Polybios vor Numantia
- 4.5.3 Die Atlantikfahrt des Polybios
- 4.5.4 Britannisches Zinn als mögliches Gesprächsthema
- 4.5.5 Zusammenhang mit dem Bericht des Diodorus Siculus
- 4.6 Bericht des Diodorus Siculus über das britannische Zinn
- 4.6.1 Der Zinnabbau in Belerion
- 4.6.2 Verarbeitung des Zinns auf Belerion und Transport auf die Insel Iktis
- 4.6.2.1 Verarbeitung des Zinns
- 4.6.2.2 Die Insel Iktis
- 4.6.2.3 Exkurs: Die Insel Mictis des Timaios
- 4.6.2.4 Gezeiteninseln im Kanal
- 4.6.3 Der Weg des britannischen Zinns von Iktis an das Mittelmeer
- 4.6.4 Poseidonios als Quelle Diodors
- 4.6.4.1 Tolosa, Tectosagen und der Garonneweg
- 4.6.4.2 Kenntnisse über Britannien, Bericht des Priskianos Lydos
- 4.6.4.3 Poseidonios und Pytheas
- 4.6.5 Publius Licinius Crassus als Quelle Diodors
- 4.7 Zusammenfassung
- 5. Das Britannien des Pytheas und die antike Geographie
- 5.1 Mutmaßungen über Existenz, Größe und Inselnatur
- 5.2 Geographische Angaben
- 5.2.1 Küstenlänge bei Eratosthenes
- 5.2.2 Umfang nach Polybios
- 5.2.3 Gestalt, Lage und Küstenlänge nach Diodorus Siculus
- 5.2.4 Umfang bei Plinius und Isidor von Charax
- 5.3 Pytheas in Britannien
- 5.3.1 Die Lesarten ἐμβατόν und ἐμβαδόν
- 5.3.1.1 ἐμβατόν
- 5.3.1.2 ἐμβαδόν
- 5.3.2 Pytheas’ Fahrt längs der Küste Britanniens
- 5.4 Die Länder oberhalb von Britannien
- 5.4.1 Fluthöhen
- 5.4.2 Der Schlafplatz der Sonne
- 5.4.2.1 Bericht des Geminos
- 5.4.2.2 Bericht des Kosmas Indikopleustes
- 5.5 Wege nach Britannien
- 5.5.1 Seeweg um die iberische Halbinsel
- 5.5.1.1 Kritik des Artemidoros
- 5.5.1.1.1 Entfernung Gadeira-Heiliges Vorgebirge
- 5.5.1.1.2 Verschwinden der Gezeiten
- 5.5.1.1.3 Wege an der atlantischen Nordküste Spaniens
- 5.5.1.2 Pytheas und die Ora Maritima des Rufus Festus Avienus
- 5.5.2 Sperrung der Straße von Gibraltar
- 5.5.3 Die Römisch-Karthagischen Verträge
- 5.5.3.1 Erster Vertrag
- 5.5.3.2 Zweiter Vertrag
- 5.5.4 Landweg versus Seeweg
- 5.6 Zusammenfassung
- 6. Pytheas und die Breitentafel des Hipparchos
- 6.1 Strabons Kritik an den Vorstellungen des Hipparchos und Deïmachos hinsichtlich der Lage Indiens
- 6.2 Strabons Beweise gegen Hipparchos als Reductio ad Absurdum
- 6.2.1 Erste Absurdität: Skythien viel weiter nördlich als Ierne gelegen
- 6.2.2 Zweite Absurdität: Britannien und Baktrien auf demselben Parallelkreis gelegen
- 6.2.2.1 Tageslängen und Sonnenhöhen in Britannien
- 6.2.2.2 Herleitung des Widerspruchs
- 6.3 Das Breitenverzeichnis des Hipparchos
- 6.3.1 Der Auszug Strabons aus dem Breitenverzeichnis des Hipparchos
- 6.3.2 Strabons Gebrauch des Verzeichnisses für seinen Beweis
- 6.3.3 Vergleich der Breitentabelle des Hipparchos mit der des Ptolemaios
- 6.3.4 Hipparchos’ Breitentabelle und die Insel Thule
- 6.4 Mögliche Standortbestimmungen durch Pytheas
- 6.4.1 Reisezeit und Reisedauer
- 6.4.2 Pytheas und die Lehre von der Kugelgestalt der Erde
- 6.4.2.1 Das geozentrische Weltsystem
- 6.4.2.2 Bestimmung der Lage des Himmelspoles
- 6.4.2.3 Breitenmessung mit Hilfe des Gnomons
- 6.4.2.4 Messung der Tageslängen
- 6.5 Zusammenfassung
- 7. Mutmaßungen über Pytheas’ Thule
- 7.1 Island und die Färöer
- 7.2 Shetland Inseln
- 7.3 Norwegen
- 7.4 Zusammenfassung
- 8. Pytheas und die Bernsteininsel Abalus
- 8.1 Bernsteininseln bei Plinius und Diodorus Siculus
- 8.2 Lokalisierung von Abalus
- 8.2.1 Gutonen, Guionen, Inguaeonen und Teutonen
- 8.2.2 Abalus-Helgoland als „Port of Trade“ für den Bernsteinhandel
- 8.3 Seeverbindungen von Abalus nach Britannien und Rückreise
- 8.4 Zusammenfassung
- 9. Résumé
- 10. Anhang: Die Arktischen Kreise und der Polarkreis
- 10.1 Arktische Kreise
- 10.2 Polarkreis
- 11. Bibliographie
- Abkürzungen
- Textausgaben und Übersetzungen
- Ailianos
- Aristoteles
- Arrianos
- Apollonios Rhodios
- Appianos
- Athenaios
- Avienus
- Cassius Dio
- Caesar
- Dicuil
- Diodorus Siculus
- Geminos
- Hipparchos
- Homer
- Johannes Philoponos
- Kleomedes
- Kosmas Indikopleustes
- Livius
- Pausanias
- Plinius d. Ä.
- Plutarchos
- Polybios
- Pomponius Mela
- Proklos Diadochos
- Ptolemaios
- Almagest
- Geographike Hyphegesis
- Solinus
- Strabon
- Tacitus
- Sammelwerke
- Photios
- Stephanos von Byzanz
- Stobaios
- Suda
- Literaturverzeichnis
- 12. Abbildungsverzeichnis, Liste der Tabellen
- Index
Vorwort
Die vorliegende Arbeit wurde im Dezember 2021 von der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als Dissertation angenommen.
Mein herzlicher Dank gilt Herrn Prof. Dr. Michael Reichel, der die Arbeit angeregt und mit wertvollem Rat und stetem Interesse gefördert und begleitet hat.
Ferner danke ich Herrn Prof. Dr. Bruno Bleckmann für die Übernahme des Korreferats und für anregende und ergänzende Hinweise zu einigen Punkten der Arbeit. Ihm und den anderen Herausgebern gilt auch mein Dank für die Aufnahme in die Reihe „Prismata. Beiträge zur Altertumswissenschaft“.
Zu Dank verpflichtet bin ich auch den Bibliothekarinnen der Hochschule Düsseldorf (HSD) für ihren unermüdlichen Einsatz bei der Beschaffung der weit verstreuten Literatur zum Thema.
Unvergessen bleibt auch das große Engagement, mit dem mich meine Freunde Ankatrin und Alberto Giussani und ferner auch meine Schwester Ulrike samt Familie auf weiten Reisen auf den Spuren des Pytheas begleitet haben.
Nach Abschluss des Promotionsverfahrens erschien die umfangreiche und sehr kenntnisreich kommentierte Fragmentsammlung von Lionel Scott.1 Sie kommt allerdings bezüglich des Zwecks und des zeitlichen Verlaufs der Reise sowie hinsichtlich der Lokalisierung der von Pytheas im Norden aufgesuchten Regionen zu anderen Ergebnissen als die vorliegende Monographie.
Kürzlich erschien eine weitere Arbeit zum Reisebericht.2 Es handelt sich um ein Werk von François Herbaux, das einen knapp gefassten Überblick über den gesamten Themenkomplex „Pytheas“ von den antiken Zeugnissen bis hin zu modernen literarischen Bearbeitungen des Reiseberichts in Romanform bietet.
Düsseldorf, im April 2025
Peter Braun-Angott
1. Einführung und Aufbau der Arbeit
Pytheas war ein aus dem griechischen Massalia, dem heutigen Marseille, stammender Reisender, Astronom und Geograph, der vermutlich im letzten Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. ausgedehnte Reisen in den der antiken Welt noch weitgehend unbekannten europäischen Norden unternommen hat, die ihn bis zu der in der Nähe des Polarkreises gelegenen legendären Insel Thule und zur Bernsteininsel Abalus geführt haben sollen. Pytheas hat seine Fahrt in einer Schrift dokumentiert, die verloren gegangen ist, doch sind einige wichtige Beobachtungen, die er auf seiner Expedition in den Norden gemacht haben will, verstreut in den Werken späterer Autoren der Antike überliefert worden. In der Hauptsache stammen die erhaltenen Quellentexte zum einen aus dem geographischen Werk Strabons, zu dessen namentlich genannten Gewährsleuten Eratosthenes von Kyrene, Artemidoros von Ephesos, Polybios von Megalopolis sowie der Astronom Hipparchos von Nikaia gehören, der unabhängig von Strabon noch eine Sonderquelle liefert, und zum anderen – in minderem Umfang – aus der Naturalis Historia des Plinius, der sich u. a. auf den Historiker Timaios von Tauromenion und den Geographen Isidor von Charax stützt. Zu diesen Fragmenten treten noch vereinzelt Stellen aus den Schriften anderer antiker Autoren, von denen die wichtigsten der Mathematiker und Astronom Geminos von Rhodos sowie der Astronom Kleomedes sind. Die letzten aus der Spätantike stammenden Belegstellen finden sich bei Markianos von Herakleia, Stobaios, Stephanos von Byzanz und Kosmas Indikopleustes (siehe Abb. 1).
Abb. 1: Quellenautoren.
Auf der Basis dieser Testimonien und Fragmente sind schon seit langem in der Forschung zahlreiche Versuche unternommen worden, ein Bild von den Unternehmungen des Pytheas zu gewinnen, doch hat es sich gezeigt, dass die Quellentexte eine Rekonstruktion der Reise nicht oder nur mit großer Unsicherheit gestatten.3 In der Tat sind die in den Fragmenten wiedergegebenen Ortsbeschreibungen, soweit überhaupt vorhanden, zum Teil derart knapp gehalten und zudem auch oft widersprüchlich, dass sie ganz unterschiedlichen Regionen des Nordens zugeordnet werden können. Nach den einen gelangte Pytheas bis zu dem in der Nähe des Polarkreises gelegenen Island, nach anderen erreichte er die norwegische Küste und befuhr sogar die Ostsee bis hoch hinauf in den Finnischen Meerbusen, was K. G. Sallmann zu dem ironischen Kommentar veranlasste, dass die Kühnheit, mit der die Nordlandfahrt rekonstruiert werde und mit der die Lokalitäten wie Abalus oder Thule identifiziert würden, oft der des Pytheas nicht nachstehe.4 Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu, dass in der Mehrzahl der Fälle nicht mehr mit Sicherheit entschieden werden kann, ob Pytheas selbst die Gegenden, von denen die Texte handeln, besucht und in Augenschein genommen hat, oder ob er Nachrichten aus zweiter oder sogar dritter Hand in seinem Reisebericht verarbeitet hat. F. Walbank hat dies sehr prägnant zum Ausdruck gebracht, wenn er schreibt: „Much in the story of Pytheas remains obscure; for this our sources are largely to blame, for far too often we face a situation in which we have to consider what Strabo said about what Polybius said about what Eratosthenes said about what Pytheas said somebody had told him“.5
Von den ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, die Fragmente zu interpretieren, haben auch wieder zwei in jüngerer Zeit erschienene umfangreiche Monographien Zeugnis abgelegt, die zu völlig verschiedenen Ergebnissen bezüglich des gesamten Reiseverlaufs gelangt sind.6
Die vorliegende Arbeit will den bereits vorhandenen Rekonstruktionen des Reiseberichts eine neue nicht hinzufügen. Sie setzt auch nicht die Reihe der kommentierten Fragmentsammlungen fort, nachdem erst in jüngerer Zeit zwei sehr ausführliche Kommentare erschienen sind, die die Fragmentsammlungen älteren Datums von Schmekel (1848) und Mette (1952) ergänzen und ersetzen.7 Sie schlägt vielmehr einen anderen Weg ein und unternimmt es, in einer Reihe von Einzeluntersuchungen ein Bild von Pytheas als einem Geographen und Astronomen am Beginn des Zeitalters der exakten antiken Wissenschaften zu zeichnen und geographische und astronomische sowie handelspolitische Aspekte seines Reiseberichts aufzuzeigen. Dabei soll dem schon verschiedentlich in der Forschungsliteratur geäußerten Gedanken Rechnung getragen werden, dass die Reise des Pytheas weniger der Erkundung unbekannter Länder oder der Erschließung neuer Handelswege für seine Heimatstadt Massalia, sondern in erster Linie wissenschaftlichen Zwecken diente, und zwar insbesondere der empirischen Bestätigung der zu seiner Zeit noch neuartigen Lehre von der Kugelgestalt der Erde.8
Eine der für die Zeitgenossen erstaunlichsten aus diesem Weltmodell theoretisch ableitbaren Folgerungen war die Erkenntnis, dass die sommerlichen Tageslängen nach Norden hin beständig zunehmen mussten und die Sonne jenseits des Polarkreises überhaupt nicht mehr untergehen würde. Der Astronom Pytheas nahm sich deshalb vor, diese Phänomene, von deren Auftreten es bisher keinerlei gesicherte Nachrichten in der antiken Welt gab,9 an Ort und Stelle zu studieren und darüber hinaus zu erkunden, bis in welche Breiten die nördliche Hemisphäre noch bewohnbar war. Das für ihn am einfachsten erreichbare Land des Nordens, in dem derartige Untersuchungen durchgeführt werden konnten, war Britannien, und eine Analyse der Fragmente macht es sehr wahrscheinlich, dass er bis in den äußersten Norden dieser Insel und sogar zu den Orkneys und den Shetlands vorgedrungen ist und dort astronomische Messungen vorgenommen hat. Von diesem Punkt an verliert sich allerdings seine Spur. Es kann sein, dass er auf der Rückreise einen in der südlichen Nordsee gelegenen bronzezeitlichen „Port of Trade“ für den Bernsteinhandel besucht hat, alle Annahmen über darüber hinausgehende Fahrten nach Island, den Färöer Inseln, Grönland, Norwegen oder gar Finnland lassen sich aber aus den Fragmenten nicht sicher belegen und beruhen mehr oder weniger auf Spekulation.
Aufbau der Arbeit
Kapitel 2 – Übersicht über die Fragmentinhalte – bringt einen Überblick über den Inhalt der wichtigsten Testimonien und Fragmente, aus dem bereits die Schwierigkeiten deutlich werden, eine zusammenhängende Reiseroute zu rekonstruieren, die über den Norden Britanniens hinausgeht. Die Übersicht schließt mit zwei typischen Beispielen für die in der Forschung vorgeschlagenen Rekonstruktionen des Reiseverlaufs.
Im Anschluss daran wird im Kapitel 3 – Kritik am Reisebericht des Pytheas in der Antike – ausführlich auf das negative Urteil eingegangen, das Pytheas von Seiten des Polybios und Strabons erfahren hat, die den Reisebericht vielleicht noch im Original und nicht wie spätere Autoren aus zweiter oder dritter Hand kannten. Polybios und Strabon jedenfalls hielten den Reisebericht für erfunden, und in der Forschung wird vielfach die Auffassung vertreten, dass sie dabei von Eifersucht und Missgunst geleitet worden seien und dass es ihnen an mathematisch-astronomischem Verständnis gefehlt habe, um die Ausführungen des Pytheas richtig würdigen zu können. Diese beiden Gelehrten verfügten aber sehr wohl über die einem gebildeten Griechen geläufigen astronomischen Kenntnisse, und sie nahmen Pytheas als Geographen und Astronomen ernst, doch gab es aus ihrer zeitbedingten Sicht sachliche, in der Arbeit ausführlich erläuterte Gründe, den Ausführungen des Pytheas zu misstrauen. Dazu gehörten insbesondere die von Eratosthenes übernommenen Angaben bezüglich der exponierten Lage der Insel Thule, die nach dem Urteil Strabons zu einem verzerrten Kartenbild der Oikumene führten. Im Übrigen lässt keines der Fragmente darauf schließen, dass Pytheas Fabelgeschichten erzählt oder über Dinge berichtet hätte, die dem Leser von vorneherein als unmöglich erscheinen mussten, und es wird dargelegt, dass, obwohl Polybios und Strabon in ihrer Kritik Pytheas in offensichtlich polemischer Übertreibung auf eine Stufe mit Euhemeros von Messene und Antiphanes von Berge stellten, der Bericht des Pytheas charakteristische Elemente der hellenistischen utopischen Romanliteratur sehr wahrscheinlich nicht enthalten hat.
In Kapitel 4 – Pytheas und die Frage nach der Herkunft des Zinns in der Antike – wird die Frage untersucht, welche Rolle der Zinnhandel zwischen Britannien und Massalia im Reisebericht gespielt hat. In der Forschung wird überwiegend angenommen, dass Pytheas über den in Cornwall praktizierten antiken Bergbau auf Zinn berichtet habe, das für die Herstellung von Bronze unentbehrlich war. Zwar findet sich in den Fragmenten kein Hinweis darauf, aber es existiert ein von Diodorus Siculus verfasster, ausführlicher und im 5. Buch seiner Bibliotheke mitgeteilter Bericht über die Gewinnung des britannischen Zinns und dessen Verschiffung über den Kanal und anschließenden Überlandtransport nach Massalia. Diodor nennt seine Quellen nicht, aber zahlreiche Forscher sind der Meinung, dass sein Bericht letztlich auf Pytheas zurückgeht. Bei der Erörterung dieser These wird zunächst dargelegt, dass Polybios, einer der schärfsten Kritiker des Pytheas, vermutlich über keine näheren Informationen bezüglich des Cornischen Zinns verfügte, obwohl er den Reisebericht des Pytheas sehr gut gekannt haben muss und ihn vermutlich sogar selbst zur Hand hatte, sodass es zweifelhaft erscheint, ob darin wirklich vom Zinnabbau in Cornwall die Rede gewesen sein kann. Der zweite Teil der Untersuchung befasst sich mit dem Bericht Diodors selbst und behandelt dann die Frage, ob Diodor, wie in der Forschung vermutet, abhängig ist von Timaios von Tauromenion, der seinerseits den Reisebericht des Pytheas für seine Schriften ausgewertet habe. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass dies nicht der Fall ist und damit ein wichtiges, in der Forschung vorgetragenes Argument für Pytheas als Primärquelle entfällt. Vereinzelt sind auch der Universalgelehrte Poseidonios von Apameia, der den europäischen Westen auf ausgedehnten Reisen kennengelernt hatte, und Publius Licinius Crassus, der Legat Caesars, als Diodors Quelle in Erwägung gezogen worden. In der vorliegenden Arbeit werden diese Zuweisungen diskutiert, und an Hand von literarischen und geographischen Belegen wird aufgezeigt, dass Diodor, obwohl er Poseidonios im erhalten gebliebenen Teil seines Werkes kein einziges Mal namentlich erwähnt, die Vorlage seines Berichts sehr wahrscheinlich in einer von dessen Schriften gefunden hat und dass sogar Poseidonios und nicht Pytheas seine Primärquelle gewesen sein könnte. Dies würde bedeuten, dass Pytheas sich nicht, wie in der Forschung häufig vermutet, im Interesse der im Zinnhandel tätigen Kaufmannschaft Massalias in Britannien aufgehalten hat, sondern seine Reise dorthin vorwiegend zu Forschungszwecken unternommen hat.
Kapitel 5 – Das Britannien des Pytheas und die Geographie der Antike – befasst sich zunächst kurz mit einigen in der Antike gerüchteweise verbreiteten Ansichten über die Existenz und die phantastische Größe Britanniens und geht dann auf die Berichte des Eratosthenes, Polybios, Diodorus Siculus und Plinius über Umfang und Lage der Insel ein. Anschließend werden die näheren Umstände der Erschließung Britanniens durch Pytheas erörtert, die sich je nach Lesart der Codices und Handschriften entweder auf dem Land- oder auf dem Seeweg vollzog. Wahrscheinlicher aber, als dass er die Insel zu Lande durchzog, ist es, dass er auf einheimischen Schiffen längs der Küsten fuhr und gelegentlich Landgänge für seine Messungen einschaltete. Dabei erreichte er vermutlich die Shetland Inseln, und es könnte sein, dass ihm – den Berichten des Astronomen Geminos von Rhodos und des in der Spätantike lebenden Reisenden und späteren Mönchs Kosmas Indikopleustes zufolge – dort der „Schlafplatz der Sonne“ von den Eingeborenen gezeigt wurde. Abschließend wird die Frage diskutiert, auf welchem Wege Pytheas nach Britannien gelangen konnte. Grundsätzlich bestanden für ihn die beiden Möglichkeiten, entweder auf dem Landweg durch Gallien an die Biskaya zu ziehen und sich dort nach Britannien einzuschiffen, oder den Seeweg um die Iberische Halbinsel einzuschlagen. Während sich aber für die Wahl eines Landweges keinerlei Belege in den Quelltexten finden lassen, spricht für den Seeweg, dass der Reisebericht gewisse Detailinformationen über die atlantischen Küsten Spaniens enthalten haben muss. Der Geograph Artemidoros, der diese Gegenden aus eigener Anschauung sehr gut kannte, was u. a. auch durch den vor einigen Jahren editierten sogenannten „Papyrus des Artemidoros“ belegt wird, zog allerdings nach dem Zeugnis Strabons diese von Eratosthenes aus dem Reisebericht überlieferten Angaben in Zweifel und bestritt ihren Wahrheitsgehalt. Es kann aber sein, dass verschiedene Mißverständnisse Eingang in die Überlieferungskette Pytheas-Eratosthenes-Artemidoros-Strabon gefunden haben und dass Pytheas die Verhältnisse hinsichtlich der Schifffahrt längs der atlantischen Küsten Spaniens korrekt dargestellt hat.
Des Weiteren wird untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen dem Reisebericht und der Ora Maritima des spätantiken Dichters Rufus Festus Avienus besteht. Es ist sehr gut möglich, dass Pytheas den als Vorlage für Avienus’ Lehrgedicht dienenden, aber verloren gegangenen Periplus kannte, in dem eine Umsegelung der Iberischen Halbinsel beschrieben worden war. Dagegen ist es jedoch wenig wahrscheinlich, dass, wie in der Forschung vereinzelt angenommen worden ist, Avienus seinerseits Kenntnis vom Reisebericht des Pytheas hatte und Einzelheiten daraus in sein Gedicht hat einfließen lassen, oder dass der Periplus sogar auf Pytheas selbst zurückgeht.
Gegen die Möglichkeit einer Seereise rund um die Iberische Halbinsel ist in der Forschung eingewandt worden, dass die Karthager über Jahrhunderte hinweg eine Sperrung der Straße von Gibraltar für fremde Schiffe verfügt hätten und deshalb Pytheas auf den Landweg durch Gallien hätte ausweichen müssen. In der Arbeit wird dargelegt, dass eine derartige Blockade erst nach Abschluss des 2. Römisch-Karthagischen Vertrags hätte wirksam werden können und dass auch danach in Zeiten politischer und militärischer Schwäche Karthagos die Durchfahrt durch die Meeresenge möglich gewesen wäre. Falls Pytheas, wie es sehr wahrscheinlich ist, als Privatreisender unterwegs war, so wäre er bei einer Fahrt auf einheimischen Schiffen längs der Küsten von einer Sperrung vermutlich gar nicht betroffen worden.
Kapitel 6 – Pytheas und die Breitentafel des Hipparchos – befasst sich mit astronomischen Untersuchungen, die Pytheas vermutlich in Britannien angestellt hat. Dazu wird eine Textstelle aus dem 2. Buch der Geographika Strabons herangezogen (C 75, 2.1.18), in der dieser für einige nördlich von Massalia verlaufende Breitenkreise geographisch relevante, vom Astronomen Hipparchos überlieferte Daten wie Tageslängen und Sonnenhöhen mitgeteilt hat. Die vorliegende Arbeit behandelt die Frage, ob diese Angaben auf Messungen beruhen, die Pytheas auf seiner Nordlandreise vorgenommen hat, oder ob Hipparchos sie unabhängig von Pytheas auf theoretischem Wege durch Rechnung gewonnen hat. Zunächst wird dargelegt, dass Strabon diese Angaben nicht benutzte, um geographisch verwertbare Aussagen über den europäischen Norden zu treffen, sondern um Hipparchos Fehler hinsichtlich der nord-südlichen Erstreckung der Oikumene nachzuweisen. Strabon entnahm dazu die oben erwähnten Angaben einem von Hipparchos erstellten Breitenverzeichnis, in dem diese Breitenkreise ursprünglich auf Byzantion bezogen gewesen sein müssen; für seine Beweise bezog Strabon sie aber auf Massalia. Auf dieses Breitenverzeichnis wird dann näher eingegangen und durch Vergleich mit dem Verzeichnis des Ptolemaios wird dargelegt, dass Hipparchos bei der Erstellung seiner Tabelle wahrscheinlich wie jener solstitiale Tageslängen in Äquinoktialstunden oder Bruchteilen davon nach Norden fortschreitend hypothetisch vorgab und daraus die zugehörigen geographischen Breiten und Sonnenstände sowie weitere astronomische Details berechnete. Die von Strabon mitgeteilten Daten können deshalb keine von Pytheas gewonnenen Messwerte sein. Das heißt jedoch nicht, dass Pytheas, der seine Reise zu wissenschaftlichen Zwecken unternommen hatte, um insbesondere die Lehre von der Kugelgestalt der Erde empirisch zu überprüfen, nicht doch Messungen der Tageslängen und Sonnenstände zur Bestimmung seines jeweiligen Standortes vorgenommen hätte. Es wird dargelegt, welches Instrumentarium und welche Auswertungsmethoden Pytheas für seine Untersuchungen möglicherweise verwendet hat, und festgestellt, dass er unter den zu seiner Zeit herrschenden Bedingungen einer Land- und Seereise nicht zu absolut zuverlässigen und präzisen Messwerten gelangen konnte, und dass er diese auch nicht numerisch genau auswerten konnte, weil er noch nicht wie Hipparchos über den voll entwickelten Apparat der griechischen Mathematik und Astronomie verfügte. Er dürfte sich aber immerhin eine grobe Orientierung darüber verschafft haben, wie weit er sich von Massalia entfernt und dem Polarkreis, seinem vermutlichen Ziel, genähert hatte. Hipparchos konnte dann aus den diesbezüglichen Angaben des Pytheas rechnerisch ermitteln, an welchen Punkten Britanniens sich dieser ungefähr aufgehalten haben musste, und damit belegen, dass im hohen Norden die von ihm bei der Erstellung seiner Breitentabelle konzipierten Zunahmen der sommerlichen Tageslängen tatsächlich beobachtbar waren. Zum Abschluss des Kap. 6 wird noch in einem Exkurs auf die Frage eingegangen, ob das Breitenverzeichnis des Hipparchos, das vermutlich wie das des Ptolemaios bis zum Polarkreis und sogar noch darüber hinaus ging, auch Angaben über die Insel Thule enthielt. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass dies wahrscheinlich nicht der Fall war.
In einer Arbeit, die sich mit Pytheas befasst, darf ein Beitrag zur Diskussion über die Existenz und Lage der Insel Thule nicht fehlen. Kapitel 7 – Mutmaßungen über Thule – geht auf die von Pytheas überlieferte Kunde von Thule ein und setzt sich mit den verschiedenen Lokalisierungen der Insel auseinander. In der Forschung ist sie mit Island, den Färöern, Norwegen sowie den Shetland Inseln gleichgesetzt worden, und für jede dieser Identifikationen lassen sich gute Argumente vorbringen, doch treffen die in den Fragmenten überlieferten Aussagen bezüglich Thules in ihrer Gesamtheit auf keine der in Erwägung gezogenen Gegenden zu, sodass eine eindeutige Festlegung in Hinblick darauf, was Pytheas’ Thule war und wo es lag, nicht möglich ist. Nach Überprüfung und gegenseitiger Abwägung diesbezüglicher alter und neuer Argumente lässt sich nur sagen, dass Thule, falls es ein wirkliches geographisches Objekt und keine Erfindung des Pytheas oder seiner von ihm im Norden angetroffenen Gesprächspartner war, mit größerer Wahrscheinlichkeit in einer der Shetland Inseln gesucht werden muss als in einer der anderen erwähnten Lokalitäten. Diese Auffassung hat übrigens in jüngster Zeit wieder Anhänger gefunden,10 nachdem lange Island und Norwegen in der Forschung die bevorzugten Kandidaten für eine Lokalisierung von Pytheas’ Thule waren.
Kapitel 8 – Pytheas und die Bernsteininsel Abalus – befasst sich mit den von Plinius und Diodorus Siculus überlieferten Berichten über eine im Ozean gelegene Insel, an deren Küsten der in der Antike hochgeschätzte Bernstein angeschwemmt und von den Eingeborenen gesammelt und weiterverkauft wurde. Sehr wahrscheinlich ist die von Plinius im 37. Buch seiner Naturalis Historia unter Berufung auf Pytheas beschriebene Insel, die dieser Abalus, Timaios aber Basilia genannt hatte, identisch mit der von Diodor ohne Quellenangabe im 5. Buch seiner Bibliotheke erwähnten Bernsteininsel, wo sie den Namen Βασίλεια trägt. In der Forschung wird bis heute diskutiert, ob diese Insel im Nordsee- oder im Ostseeraum zu suchen ist. In der Arbeit wird die von D. Detlefsen sehr gut begründete Auffassung vertreten, dass letzteres ausgeschlossen werden kann.11 Abalus lag vielmehr in der südlichen Nordsee, und war wahrscheinlich, wie R. Wenskus vermutet hat, ein auf Helgoland befindlicher bronzezeitlicher „Port of Trade“ für den Handel mit jütländischem Bernstein gewesen.12 In diesem Zusammemhang wird in der Arbeit dargelegt, dass es Seeverbindungen zwischen dem Nordosten Schottlands und Jütland gegeben haben muss und Pytheas auf diesem Weg zur Insel Abalus/Basilia oder in deren Nähe gelangt sein kann. Über seine Rückreise nach Massalia geben die Fragmente keine Auskünfte, aber es kann sein, dass er über eine der von der Nordseeküste ausgehenden Bernsteinstraßen auf dem Landweg in seine Heimatstadt zurückkehrte.
Kapitel 9 – Résumé fasst die wesentlichen Ergebnisse der Studie noch einmal zusammen
Kapitel 10 – Anhang: Die Arktischen Kreise und der Polarkreis erläutert die in der antiken Astronomie und Geographie entwickelten Konzepte der arktischen Kreise und des Polarkreises.
Die in der Arbeit in griechischer Sprache zitierten Texte aus Strabons Geographika wurden, soweit nicht ausdrücklich gekennzeichnet, der Ausgabe von S. Radt entnommen. Texte und Übersetzungen aus Plinius’ Naturalis Historia wurden aus der Ausgabe von G. Winkler und R. König übernommen mit Ausnahme der Textstelle NH 4.104, die aus der Ausgabe von H. Rackham stammt. Soweit es nicht ausdrücklich anderweitig vermerkt ist, sind alle weiteren Übersetzungen griechischer und lateinischer Zitate die des Verfassers der Arbeit.
Details
- Seiten
- XII, 352
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631938027
- ISBN (ePUB)
- 9783631938034
- ISBN (Hardcover)
- 9783631937853
- DOI
- 10.3726/b22909
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (Februar)
- Schlagworte
- Geographie Ekliptik Bronze Bernstein Äquinoktialstunde Atlantik Astronomie Utopischer Reiseroman Zinn Thule Tageslänge Sonnenhöhe antike Seefahrt Solstitium Polarkreis Port of Trade Mathematik Kugelgestalt der Erde Kelten Kassiteriden Gnomon Gezeiten
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. xii, 352 S., 4 farb. Abb., 3 s/w Abb., 2 Tab.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG