Umbrüche – Krisen – Katastrophen: Perspektiven zu Leiderfahrungen in der deutschsprachigen Literatur
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Abdeckung
- Titelseite
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- I. Einleitung
- Die Wahrnehmung von Leid – Leid erfahren
- Leid als kulturelle Produktion?
- Leid als Provokation? – Zur Darstellbarkeit von Leid
- Leid und Literatur
- Ausgangspunkt und methodische Herangehensweise der Untersuchung
- II. Theoretische Grundlagen: Gegenstand – Perspektiven – Problematik
- Ein theologischer (Voraus-)Blick
- Ein philosophischer (Über-)Blick
- Ein philosophisch-psychoanalytischer Blick
- Ein (human)medizinischer Blick
- Ein (emotions-)psychologischer Blick
- Vorhaben der Forschungsarbeit
- III. Eine weitreichende Zäsur: Das Erdbeben von Lissabon 1755 und der literaturhistorische Ausgangspunkt um 1800
- 1. Leid als Provokation oder eine Frage der Daseinsberechtigung? – Theodizee
- 2. Ein schmaler Grat zwischen Theorie und Praxis – Das Erdbeben von Lissabon und der philosophische Streit
- 3. Ein Exkurs: Krisen, Katastrophen und das Erzeugen von Leid
- IV. Thematisierungen von Leiderfahrungen in der Literatur: Eine Spurensuche
- 1. Die gewalt(ät)ige Erschütterung bisherigen Denkens und die Frage nach dem Warum von Leid – Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili (1807)
- 1.1. Zwischen Verantwortung und Versagen, zwischen Naturgewalt und menschlichen Gewaltexzessen: Das Erdbeben als Naturkatastrophe oder Strafgericht Gottes?
- Die Zeit bis zum Einsetzen des Erdbebens
- Das Erdbeben
- Das Wiederfinden im Tal von Eden
- Die Kirche als wankende Institution
- Gesellschaftliche und moralische Eskalation: die Lynchjustiz
- 1.2. Eine Leidende/ein Leidender – viele zuschauende Augen: Von der Multiperspektivität auf Leid
- 1.3. Ein abschließender Blick: Naturkatastrophe und Mensch – Die Spur des Unabgeschlossenen
- 2. Vom omnipräsenten und (un-)überwindbaren Störfaktor im Leben – Georg Büchner: Danton’s Tod (1835)
- 2.1. Leid – Natur der Sache oder notwendige Tugend?
- 2.2. Ein Drama im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Gewissen
- 2.3. Warum leide ich oder die Sache mit dem Fels und dem Atheismus
- 2.3.1. Leid ist der Fels des Atheismus
- 2.3.2. „Ein Lumpen thut’s auch“ – Zur sozialen Dimension des Dramas
- 2.4. Ein abschließender Blick: Die Spur der Revolution und der bemitleidenswerten Kreatur ‚Mensch‘
- 3. Subjekt und Krise: Innerliches und äußerliches Leiden, individuelle und kollektive Krise(n) – Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel (1888)
- 3.1. Das Individuum und der „leidende Widerstand“ – Ein innerliches Dilemma
- 3.2. Technischer Fortschritt und menschlicher Rückschritt – Ein äußerliches Dilemma
- 3.3. Ein abschließender Blick: Die Spur von Leid als Zustand der ‚kranken Seele‘ im Kontext einer neuen Risikowahrnehmung
- 4. Gerechtes Leid – ungerechtes Leben? Die kafkaeske Abrechnung mit dem menschlichen Dasein in Zeiten des deutschen Kolonialismus – Franz Kafka: In der Strafkolonie (1919)
- 4.1. Die zweifellose Justiz und ihre zweifellose Macht: Wie „Gerechtigkeit“ mehr Leid erzeugt (in Zeiten des deutschen Kolonialismus)
- 4.2. Die Mechanik und Systematik des Leids: Quälen, Foltern, Hinrichten
- 4.3. Gibt es einen (gerechten) Ausweg aus dem Stadium des Leids? – Zum Suizid und dem ewigen Fluchtversuch vor dem Leben
- 4.4. Ein abschließender Blick: Die blutige Spur der Herrschaft im existenziellen Daseinskampf und Leid als Marker der Peinlichkeit
- 5. Vom Sinn des Leids: Auch Leid hat (s)einen Platz im Leben – Viktor E. Frankl: Synchronisation in Birkenwald. Eine metaphysische Conférence (1948)
- 5.1. Sinn in der Sinnlosigkeit suchen: Frankls „Bühnenexperiment“ Synchronisation in Birkenwald
- 5.2. Euthanasie, Holocaust, Shoah – Eine neue Dimension des Leids oder nur noch nicht bekannt?
- 5.3. „Denn es ist auch niemand von uns von vornherein ein Teufel – auch niemand von der SS“: Die Auflösung der Theodizee als Teil des Leid-Dilemmas
- 5.4. Ein abschließender Blick: Die Spur der Bewältigungsstrategie grenzenlosen Leids
- 6. Das Narrativ der Doppeldeutigkeit: Leid als Zivilisationsprodukt und Leid als Chance – Christa Wolf: Störfall. Nachrichten eines Tages (1987)
- 6.1. Die Angst um den Bruder und die Angst um die Menschheit – Wenn individuelles und kollektives Leid konkurrieren
- 6.2. Leid gestern, heute, morgen. Die Selbstvernichtungstendenz des Menschen und die Forderung nach Veränderung
- 6.3. Ein abschließender Blick: Die Spur von Leid in der Literatur als Teil eines „größeren Dialogs“
- 7. Von der Paradoxie des Fortschritts: Neue Formen von Leid und altbekannte Deutungsmuster – Marc-Uwe Kling: QualityLand (2017)
- 7.1. Digitaler Fortschritt – Analoges Leid: „Die Fallstricke der Digitalisierung“ und Leid als Begleiterscheinung
- 7.2. Der Überwachungskapitalismus und die Abschaffung des Zufalls
- 7.3. Die göttliche und menschliche ‚Er-Schöpfung‘: Zwischen Gottkomplex und Lust am Leid
- 7.4. Ein abschließender Blick: Die Spur des gegenwärtigen Umbruchs und seiner Systemkritik
- V. Resümee: Leid im Netz von Glauben, Macht, Gewalt und Katastrophen
- VI. Ein Ausblick: Wozu Leid in der Literatur?
- VII. Quellenverzeichnis
- 1. Literaturverzeichnis
- Primärliteratur
- Sekundärliteratur
- 2. Siglenverzeichnis
- 3. Abbildungsverzeichnis
- Danksagung
I. Einleitung
Tausende Wissenschaftler warnen vor Klima-Notfall.
Forscher aus 153 Ländern kritisieren das Pariser Klimaabkommen als unzureichend. Ohne ein grundlegendes Umsteuern sei „unsägliches menschliches Leid“ nicht zu verhindern.1
In den gegenwärtigen, medialen Berichterstattungen begegnen uns häufig Nachrichtenmeldungen, in denen die Rede vom Leid der Menschen ist, schicksalhafte Ereignisse werden geschildert und Leiden als deren Folge thematisiert. Die oben angeführte Überschrift des Zeit Online-Beitrags vom 05. November 2019, in welchem auf den in BioScience erschienenen Beitrag „World Scientists Warning of a Climate Emergency“ Bezug genommen wird, ist ein Beispiel der medialen Verwendung des Leidbegriffs. In diesem BioScience-Artikel prognostiziert ein Forscherkollektiv, stellvertretend für insgesamt 11.258 beteiligte Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler, den Verlauf und die katastrophalen Folgen des Klimawandels: „Scientists have a moral obligation to clearly warn humanity of any catastrophic threat and to ‚tell it like it is.‘ […] An immense increase of scale in endeavors to conserve our biosphere is needed to avoid untold suffering due to the climate crisis.“2 Der Begriff Leid findet sich nicht nur im Kontext der Klimakrise wider.
Bezüglich der starken Erdbeben Anfang Februar 2023 in Teilen der Türkei und Syrien überschreiben die Ruhrnachrichten einen Beitrag mit: „Das Leid der Kinder in der Erdbebenzone. ‚Brauchen dringend zusätzliche Unterstützung‘.“3 Nach dem Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 und den damit verbundenen moralischen Gewissenskonflikten wird ein Beitrag in Die Zeit mit der Frage überschrieben: „Darf man Leid aufrechnen? Recht auf Selbstverteidigung, Mitleid für Gaza – Israels Reaktion auf den Terrorangriff stellt nicht nur die eigene Armee vor grauenhafte Dilemmata.“4 Beim Besuch der zerstörten Stadt Charkiw in der Ostukraine charakterisiert die damalige deutsche Bundesaußenministerin Annalena Baerbock die Großstadt als „Sinnbild für den absoluten Irrsinn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und für das unendliche Leid, mit dem die Menschen, ganz besonders hier im Osten des Landes, jeden Tag konfrontiert sind.“5 BR24 berichtet darüber unter dem Titel „‚Unendliches Leid‘: Baerbock besucht ostukrainische Stadt“.6 Alle angeführten Beispiele sind aus der jüngeren Vergangenheit und sie verbindet das darin thematisierte Leid. Ebenjenes Leid aus nationalen und internationalen Krisen und Konflikten erreicht uns in der Gegenwart unmittelbar in unserem Privatraum und das nicht nur in verschriftlichten Beiträgen. In den linearen TV-Nachrichten oder verschiedensten Online-Nachrichtenformaten wird das Leid anderer hör- und sichtbar. Doch was ist für die Rezipientinnen und Rezipienten solcher Nachrichten konkret darunter zu verstehen? Welche menschlichen Reaktionen werden ausgelöst, wenn – wie im Beispiel zu Beginn – von „unendlichem Leid“ die Rede ist?
Zum Verständnis der angeführten Beispiele sollten psychologische Medieneffekte wie der Negativitätsbias nicht außer Acht gelassen werden. Negativitätsbias bedeutet, dass ‚negative‘ Nachrichten beim Publikum grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit generieren als positive. Für die Berichterstattung und die dahinterstehenden Medienanstalten sind folgerichtig „Erfolgsgeschichten […] nur halb so interessant wie Katastrophenmeldungen“ oder anders ausgedrückt: „Bad news is good news.“7 Unter diesem Gesichtspunkt ist die Gewichtung negativer Nachrichtenmeldungen auszumachen, was in der Folge zu einer verzerrten Darstellung von ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Nachrichten führen kann. Nicht zuletzt korreliert auch die subjektive Wahrnehmung mit den Inhalten der Berichterstattungen, sodass sich bei einer Überlagerung negativer Nachrichten das Gefühl einstellen kann, dass im aktuellen Weltgeschehen deutlich mehr schlechte Dinge passieren als positive.
Kriege – das sind inzwischen auch Bilder und Töne, die uns im Wohnzimmer erreichen. Informationen über etwas, das anderswo geschieht, ‚Nachrichten‘ genannt, zeigen Konflikt und Gewalt – ‚If it bleedes, it leads‘ (Blut zieht immer), lautet seit jeher die Faustregel der Massenpresse und Nachrichtenkanäle, die rund um die Uhr ihre Schlagzeilen versenden –, und bei jedem Unheil, das ins Bild kommt, verspürt der Zuschauer Mitleid oder Empörung, Sensationskitzel oder Zustimmung.8
Susan Sonntag beschreibt hier am Beispiel von Kriegsberichterstattungen das direkte Involviertsein der Zuschauerinnen und Zuschauer in ihrem Privatraum durch die Art und die Menge der Informationen. Die Gewalt der gezeigten Konflikte überwindet die Distanz zu dem jeweiligen Schauplatz und wird im Privaten erfahrbar für das Publikum. Auch dieser Effekt korreliert unweigerlich mit der menschlichen Wahrnehmung, der unterschiedlichste Reaktionen (Mitleid – Empörung, Sensationskitzel – Zustimmung) hervorrufen kann, wie es Sontag kritisch pointiert.
Die zunehmende Frequenz der Verwendung des Substantivs ‚Leid‘ in der Berichterstattung belegt auch die Verlaufskurve anhand des DWDS-Zeitungskorpus.9 Seit 2015 (Frequenz (F): 9,83) lässt sich ein signifikanter Anstieg ausmachen, der mittlerweile (202: F: 13,88) sogar den Höchststand der jüngeren Vergangenheit aus dem Jahr 2002 (F: 12,67) übersteigt. Der Begriff Leid prägt folglich das gegenwärtige Bild medialer Berichterstattung. Bei einer ersten Betrachtung sind die Kontexte, in denen auf den Leidbegriff zurückgegriffen wird, inhaltlich nicht an ein konkretes Thema gebunden. Die Klimakrise, der Bürgerkrieg im Jemen, das Erdbeben in der Türkei und Syrien und der Ukrainekrieg auf europäischem Boden sind Nachrichtenthemen, in denen inhaltlich über verschiedene Ereignisse berichtet und dennoch dem Leid eine zentrale Stellung zugewiesen wird. Es lässt sich aber in jedem Fall festhalten, dass Leid ein negativ besetzter Begriff ist. Bei den hier angeführten Beispielen bezieht sich Leid auf Kriege, Gewalt(taten), Naturkatastrophen, Verluste, Tod und Zerstörung als übergeordnete Themenkomplexe, die eine negative Konnotation, im Sinne der persönlichen Wahrnehmung der berichteten Inhalte, nahelegen.
Nun könnte in Bezug zu den angeführten Beispielen fälschlicherweise der Eindruck entstehen, bei der Leidthematik handle es sich um ein rein mediales Phänomen aus der tagesaktuellen Berichterstattung. Dass Leid nicht ausschließlich in Nachrichten Verwendung findet, sondern auch als wiederkehrendes Motiv in literarischen Texten verschiedener Gattungen vorkommt, ist der zentrale Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit und literarischen Analyse. Überträgt man die Aussagen um den medialen Effekt negativer Nachrichten wie ihn Jaster/Lanius mit „Bad news is good news“ beschreiben10 bzw. das von Sontag angeführte Interesse an der Teilhabe bei konfliktreichen und gewalttätigen Ereignissen (‚If it bleedes, it leads‘)11 auf das literarische Feld, stellt sich die Frage, ob Leid dadurch auch in literarischen Texten ein hochfrequentes, inhaltliches Thema sein kann, weil es eine potenzielle Leserschaft eher erreicht als rein positive Erzählungen. Oder sind weitere Faktoren ausschlaggebend für eine literarische Auseinandersetzung mit Leid als Inhalt und wenn ja, worin bestehen diese?
Begreifen wir Leid also nicht als neuzeitliches Phänomen, das ausschließlich an die massenmediale, globale Berichterstattung der Gegenwart gekoppelt ist, müssten im Umkehrschluss literarische Texte der Ort sein, an dem Leid thematisiert, aufgearbeitet und weitererzählt worden ist. Dabei sind folgende Fragen besonders interessant: Was wird in den jeweiligen Texten als Leid wahrgenommen bzw. als solches akzentuiert? Wann, in einem zeitlichen Sinne, tritt Leid thematisch innerhalb der deutschsprachigen Literatur in Erscheinung und wird es von historischen, gesellschaftlichen Einflüssen bestimmt oder vollständig losgelöst davon (fiktional) erzählt? Lassen sich in den Texten z. B. bestimmte Motive, Erzählmuster etc. ausmachen, die für die inhaltliche Auseinandersetzung besonders geeignet erscheinen? Welche Perspektiven werden durch Autorinnen und Autoren zu dem Begriff eröffnet und inwieweit werden unterschiedliche Narrative genutzt und zu welchem Zweck? Diesen zentralen Fragen wird im Verlauf der Arbeit nachgegangen. Hierzu wird der Leidbegriff im zweiten Kapitel hinsichtlich des Aspekts der subjektiven Wahrnehmung zunächst abgegrenzt.
Denn bei genauerer Betrachtung ebenjenes Begriffs und der vielfältigen Inhalte, auf die er referiert, fällt auf, dass womöglich eine klare Abgrenzung von Leid und was unter Leid verstanden wird, nicht so deutlich ist, wie es die Häufigkeit der Verwendung des Ausdrucks anmuten lässt. Gleichzeitig verweist die hohe Frequenz des Begriffs in der aktuellen Medienlandschaft allerdings auch darauf, dass das, was unter eine Beschreibung und Wahrnehmung von Leid fällt, vermutlich den jeweiligen Zeitgeist widerspiegelt. Dies führt wiederum zu der Überlegung, dass unter Leid keine starre, feststehende Begrifflichkeit zu verstehen ist, die zu jeder Zeit auf denselben Bezugsrahmen referiert, sondern sich dahinter ein äußerst dynamischer Begriff verbirgt, dessen Verwendung durch die Wahrnehmung des Individuums, aber auch den des umgebenen sozialen Milieus geprägt ist.
In seinem Artikel Unsere unsichtbaren Toten fragt der Politikredakteur Lenz Jacobsen nach den Bildern des konkreten Leids zu Beginn der COVID-19-Pandemie und nimmt damit Bezug auf die ambivalente Wahrnehmung der Bevölkerung im Sinne einer Bewusstwerdung, die teilweise erst durch die Sichtbarkeit der Folgen und Opfer der Pandemie eintrete.12 Jacobsen gibt damit einen ersten Einblick, dass die Wahrnehmung von Leid selbst in einer derart prägenden Erfahrung der gegenwärtigen Gesellschaft – wie die einer virulenten, globalen Pandemie – keinesfalls allgemeingültig sei, sondern sehr wohl von subjektiver Natur sein könne. Folglich müsste dann die Verwendung des Terminus Leid auf divergierende Auffassungen stoßen bzw. könnte der Begriff in verschiedenen Kontexten höchst unterschiedlich ausgelegt werden.
Die Wahrnehmung von Leid – Leid erfahren
Wenn wir heute im Alltag von Leid sprechen, kann das Wort als Substantiv (‚Leid‘; ‚Leiden‘), als Verb (‚leiden‘) und Adjektiv (‚leidend‘) im gegenwärtigen Sprachgebrauch auf verschiedene Kontexte referieren. Der Mensch kann Leid ertragen oder erfahren, Leid kann ihm widerfahren, Leid kann jemandem angetan werden oder auch beklagt werden. Man kann etwas Leid sein, im Sinne von überdrüssig und folglich genug von einer bestimmten Sache haben. Leid kann großen Kummer, seelischen Schmerz; auch Unglück, Übel und (folgenschweren) Schaden meinen.13 Leiden an/unter etwas lässt sich in einem pathologischen Kontext verorten, als Entfremdung vom gesunden Zustand, wenn es beispielsweise um anhaltende Krankheiten geht; meint damit aber ebenso häufig einhergehenden Kummer und Schmerz und kann letztlich auch verallgemeinernd etwas anhaltend Unangenehmes beschreiben. Ebenso wird häufig Elend (oder auch das Adj. ‚elend‘) synonym für Leid verwendet und referiert dann auf einen Unglückszustand, kann aber auch spezifischer auf einen Zustand der Armut oder Not hinweisen.14 Der Mensch kann ‚mit-leiden‘ bzw. ‚Mit-leid‘ aufbringen, was sich auf das empathische Verhalten, das In-sich-Hineinversetzen und Mitempfinden der inneren Gefühlswelt des Gegenübers oder einer bestimmten Personengruppe in einer schwierigen Lebenssituation bezieht. Mitleid meint die Anteilnahme am Leid der Betroffenen.
Um die unterschiedlichen Kontexte einordnen und erschließen zu können, in denen der Leidbegriff Verwendung findet, und um sich dem Ausdruck und seiner Begriffsgeschichte daraufhin selbst annähern zu können, ist zu Beginn der Blick in ein Universallexikon hilfreich. Im Großen Brockhaus aus dem Jahr 1955 wird Leid wie folgt beschrieben: „Mit dem menschl. Leben unabwendbar verbunden, ist L[eid] als Gegenbegriff zu Lust und Glück Gegenstand aller ethischen Besinnung.“15 Ohne eine weitere Vertiefung dieses dargestellten Antonyms zu Glück wird unmittelbar auf religionsgeschichtliche Antwortversuche verwiesen und Leid als zentraler Terminus ethischer Fragen und dem (Nach-)Denken über jene Fragen bestimmt: „Die Religionsgeschichte kennt verschiedene Versuche zu seiner Sinndeutung, Rechtfertigung und Überwindung.“16 Die Betonung hierbei liegt auf dem Ausdruck der Versuche, die unternommen wurden, und auf die an späterer Stelle in Kapitel III noch detailliert eingegangen wird. Über 50 Jahre später ist in einer der zahlreichen neu bearbeiteten Auflagen des gleichnamigen Lexikons von einem direkten religiösen bzw. ethischen Verweis in den ersten Zeilen keine Spur mehr. Der Mensch wird ins Zentrum des Interesses gerückt und Leid als „Sammelbegriff für alles, was den Menschen körperlich und seelisch belastet, Schmerzempfindungen in ihm hervorruft und ihm den (unwiederbringl.) Verlust von für sein Leben wesentl. Personen, Beziehungen und Dingen bewusst werden lässt“17 definiert. Umrahmt wird diese Deutung von Begrifflichkeiten wie der „Nichterfüllung oder der Verletzung wesentlicher Bedürfnisse, Erwartungen und Hoffnungen des Menschen.“18 Der Einfluss von Leid auf das Individuum scheint hier auf den ersten Blick an Priorität zugelegt zu haben, während erst danach die religiösen Aspekte in diesem Zusammenhang erläutert werden. Allein an der Betrachtung zweier Lexikoneinträge lässt sich ein Bedeutungswandel bzw. eher eine Bedeutungsverschiebung jedoch nicht eindeutig festmachen. Wohl aber bestätigt es die erste Vermutung hinsichtlich der Dynamik des Begriffs, wenn wir von dem Leid sprechen oder darauf Bezug nehmen und schließlich dessen religiöser Kontextualisierung.
Die Gemeinsamkeit beider Definitionen liegt in der Wahrnehmung bzw. – besser gesagt – in der Empfindung von Leid. Der Begriff wird damit in die Nähe subjektiver, menschlicher Gefühle gerückt. Einmal geschieht diese durch das In-Beziehung-Setzen zu Lust und Glück, im jüngeren Artikel durch Betonung der Bewusstwerdung menschlicher Bedürfnisse. Inwieweit der Leid-Begriff durch das Empfinden in einem Zusammenhang mit Gefühlen gedacht werden sollte (oder eben auch nicht), wird noch zu klären sein. Um die Bedeutung und sich daraus ergebende mögliche Veränderungen in unserem Sprachgebrauch bzw. in den differenten Gebrauchskontexten nachvollziehen zu können, ist eine Betrachtung der etymologischen Herkunft des Wortes sinnvoll.
Leid hat seine Wortherkunft im ahd. leid bzw. mhd. leit (Erstbezeugung 9. Jh.) und die negative Bedeutung „Beleidigung, Unrecht“ inne. Das Verb ‚leiden‘ ist hervorgegangen aus dem ahd. lîdan und mhd. lîden (Erstbezeugung 8. Jh.), welche die Bewegungsabläufe „gehen, weggehen, vergehen“ beschrieben und ursprünglich nichts mit dem Substantiv gemein hatten:
Durch nachträgliche Attraktion ist das starke Verb leiden im Deutschen mit Leid verbunden worden und hat seine Bedeutung ‚gehen‘ zu ‚leiden‘ gewandelt (ursprünglich ist es nicht verwandt). Dabei mag auch die Bedeutungsentwicklung von erleiden ‚erfahren‘ eine Rolle gespielt haben. Substantiv und Adjektiv Leid, leid sind sonst nur schlecht vergleichbar.19
Erst im Nachhinein entwickelte sich vermutlich zusätzlich unter Einfluss des präfigierten Wortes ‚erleiden‘ der Aspekt des Erfahrens heraus.20 Dieses Erfahren suggeriert aber bereits differente Perspektiven auf ein und denselben Begriff. Damit ist nicht ausschließlich eine subjektive Wahrnehmung im Sinne einer Erfahrung der oder des Einzelnen gemeint, sondern die Multiperspektivität auf ein und dieselbe Begrifflichkeit, die dadurch eröffnet wird. Im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wird die Diskrepanz in der Etymologie des Verbs ‚leiden‘ deutlich, indem das Wort bereits in altgermanischen Dialekten „für gehen, reisen und namentlich zu schiffe fahren goth. ga-leiþan, alts. ags. lîđan, altnord. Lîđa [vorkommt], welches auch im ahd. als lîdan, aber mit der völlig anderen bedeutung dulden bezeugt ist“21:
dasz in der that dasselbe wort, und nicht ein verschiedenes mit nur formeller gleichheit vorliegt, ergeben nicht weniger die ahd. zusammensetzungen ga-lîdan, welches peregrinari, exire, cedere, abscedere u. ähnl. übersetzt (Graff 2, 179), und besonders ar-lîdan, welches sowol transire als pati heiszt (ebenda 178), als die natürlichkeit und das nahe liegende des begriffsüberganges nach germanischer vorstellung: wie das subst. elend (theil 3, 406 fg.) von dem begriffe des wohnens in der fremde in den des unglücks und der not übertrat, so gewann das verbum lîdan von der bedeutung des ziehens in ferne lande und über see die des übelbefindens, ertragens und duldens […].22
Der Aspekt des Ertragens bzw. des Erduldens wird zuallererst in einem Kontext mit eine „not, pein, plage durchmachen“ gesehen und steht in unmittelbarer Verwendung zu der „[M]arter Christi“.23 Einerseits wird hiermit die starke negative Ausrichtung der Wortbedeutung deutlich. Andererseits wird die religiöse Kontextualisierung eines Leid Ertragenden oder einer Situation, die durchlitten werden müsse, hierbei durch den Sprachgebrauch offensichtlich und markiert den Leidbegriff als religiös konnotierten Terminus. Der Stellenwert des Leidens für die christliche Theologie lässt sich anhand dessen bereits erahnen und wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch eingehend erörtert werden. Ebenso lässt sich das Ertragen/Erdulden für die Beschreibung des Zustands eines Seelenschmerzes, aber auch innerhalb des pathologischen Kontextes von Krankheit und Schmerz ausmachen.24 Somit ergeben sich Fragen, wie Leid in verschiedenen Kontexten, z. B. in Fachwissenschaften wie Medizin, Psychologie, Philosophie und Theologie erfahren bzw. ‚gelesen‘ wird; wie der Begriff in Kunst und ästhetischer Hinsicht einbezogen und gestaltet wird, aber auch inwieweit Leid soziokulturell bedingt ist und welche Art des Umgangs daraus resultiert. Folglich müssten innerhalb der Literatur solche verschriftlichten Erfahrungsräume zu finden sein, die das Empfinden von Leid als menschliche Erfahrung ausweisen und den Begriff Leid in seinem jeweiligen Kontext beschreiben.
Leid als kulturelle Produktion?
Vor dem Hintergrund, Leid im Sinne seines etymologischen Ursprungs als Erfahrungswert festzulegen, werden weitere Fragen bei der diskursiven Betrachtung aufgeworfen. Zum einen stellt sich die Frage der Veränderung des Begriffs Leid durch die jeweilige Haltung zu ihm. Konkret meint dies, inwiefern sich in den literarischen Narrationen von Leid Veränderungen feststellen lassen, die möglicherweise in Korrelation zu gesellschaftlichen Prozessen stehen. Wenn die Gegenwart in kulturwissenschaftlicher Hinsicht als ein sich (mit Blick auf Vergangenheit und Zukunft) kontinuierlich komplexer werdendes Gebilde aufgefasst wird, stellt sich die Frage, ob auch Leid als Begrifflichkeit ausdifferenzierter bzw. komplexifiziert werden müsste. Hinsichtlich des technologischen Fortschritts, der Verantwortung gegenüber dem Planeten Erde, der Subjektivität und Individualität, Macht- und Gewaltgefüge sowie dem Wissen und Denken stellt Hans Ulrich Gumbrecht fest: „Zwischen dieser uns überflutenden Vergangenheit und jener bedrohenden Zukunft ist […] die Gegenwart zu einer sich verbreiternden Dimension der Simultaneitäten geworden.“25
Zum anderen wird die Frage des religiösen und damit des christlich-kulturellen Einflusses aufkommen. Für die christliche Religionsgemeinschaft steht die zentrale Ausrichtung am Leiden (Leid als Folge der Ursünde und Verbannung aus dem Paradies, Leidensweg Jesu, das Durchleiden im Heiligen- und Märtyrerkult, der Umgang mit Leid der Gläubigen zu Lebzeiten und die Hoffnung auf Errettung im Reich Gottes) daher in einem besonderen Verhältnis der Kollektivität.
Kulturelle Gemeinschaften teilen nach innen eine kollektive Identität, die positiv affizierend wirkt: Das Individuum versteht sich als Teil eines „Wir“. Vor allem drei Ebenen der Identitätsstiftung sind für spätmoderne Kulturkommunitarismen von Bedeutung: Geschichte, Raum und Ethik.26
Die Betrachtung des Verhältnisses von kulturellem Einfluss auf kollektive, aber auch individuelle Identitäten ist für die Analyse dieser Arbeit besonders interessant, insofern Leid innerhalb der Literatur als Auswirkung auf bzw. Katalysator für den Wandel von (individuellen und kollektiven) Identitäten gesehen und formuliert wird. Welche Narrationsmuster werden in Texten etabliert, um eine mögliche Verzahnung von Leiderfahrung und Identität für die Rezipientinnen und Rezipienten verständlich zu machen und welche Kontexte werden dazu genutzt?
In der Summe muss der Leidbegriff in dieser Form der Veränderbarkeit ernst genommen werden, was sich auf den behandelten Diskurs selbst auswirkt. Möglicherweise erfährt der Begriff keine Engführung dadurch, sondern eine Bestätigung der Komplexität, die ihre gewaltige Masse aus der Dynamik gewinnt, die der Begriff in den unterschiedlichsten (inhaltlichen) Kontexten erfährt:
Die Wahrheiten, die Denksysteme und die betroffenen Subjekte unterliegen einem ständigen Wandel, der umgekehrt auch den Diskurs selbst betrifft. Die Veränderung der Denksysteme in der Geschichte verweist dabei auf den Umstand, dass sich in sinnvoller Art und Weise nur von Diskursen sprechen lässt, die in bestimmten historischen Formationen den besagten Wahrheiten Ausdruck verleihen.27
In Anlehnung an Foucault ließe die sich abzeichnende Dynamik als ebenjene Eigenheit begreifen, weshalb der Diskurs „selbst zu seiner produktiven Erweiterung in der Lage“28 ist. Innerhalb des hier geführten Diskurses wird vor allem die Darstellbarkeit von Leid in literarischen Textbeispielen hinterfragt und Ergebnisse exemplarisch aufgezeigt.
Leid als Provokation? – Zur Darstellbarkeit von Leid
Wie lässt sich Leid literarisch darstellen, wenn der Ausdruck durch den Bedeutungsaspekt des subjektiven Erfahrens äußerst heterogene Perspektiven zulässt? Gotthold Ephraim Lessing versucht beispielsweise in seiner Auseinandersetzung mit dem Todeskampf Laokoons in Form der antiken Marmorskulptur die Ambivalenz von bildender Kunst gegenüber dichtender Kunst zu verdeutlichen und wechselseitig einzugrenzen.29 Es ist dabei der Ausdruck des Leidens, den Lessing in einen Wortkontext mit Leid – Mitleid – Schmerz – Ekel setzt und in ästhetischer Hinsicht diskutiert. Zudem hinterfragt er die Darstellbarkeit und das sichtbare Ergebnis eines Künstlers hinsichtlich der realen Gegebenheiten und Ausdrucksweisen leidvoller Zustände:
Die Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdecket, und den man ganz allein, ohne das Gesicht zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden glaubt; dieser Schmerz, sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung.30
Für die Literatur ergeben sich ähnliche Fragen daran, wie das Erfahren von Leid literarisch verarbeitet werden kann. Welche Möglichkeiten bieten literarische Texte, um Leid adäquat zu präsentieren, welche (unterschiedlichen) Darstellungsformen oder Erzählstrategien bergen sie in sich und welche Arten von Erfahrungen erzwingen geradezu eine literarische Auseinandersetzung mit Leid?
Leid im Sinne von Pathos31 (= Leidenschaft, überzogener Gefühlsausdruck) ist nicht zuletzt durch die antike Tragödientheorie insbesondere unter ästhetischen Gesichtspunkten literatur- und theaterwissenschaftlich interessant und birgt in der Art der Inszenierung ebenfalls provokatives Potenzial. Diese ästhetische Dimension des Leidbegriffs würde allerdings im Rahmen dieser Arbeit zu weit vom ursprünglichen Untersuchungsgegenstand wegführen.
In dieser Arbeit liegt der Fokus deshalb auf den literarischen Darstellungen von Leid. Darüber hinaus ist es ein Ziel aus dem Inhalt dieser Darstellungen mögliche Rückschlüsse zu gesellschaftsrelevanten Diskursen zu ziehen und Parallelen zu realen Gesellschaftsthemen, Missständen und Ereignissen (von individuellen Krisen bis zu kollektiven Katastrophen) zu eruieren. Auch ist dabei die Frage der Außenwirkung von Interesse. Ähnlich wie bei Lessings Laokoon ist bei der Leidthematik in der Literatur zu fragen, welche Wirkung das Geschriebene auf die Leserinnen und Leser hat und welche Reaktionen womöglich evoziert werden sollen. In Bezug auf die bildhafte Darstellung von Leid, etwa in Form von Kriegsberichterstattung durch entsprechende Bilder, schlussfolgert Sontag nur eine partielle Nachvollziehbarkeit, was im Umkehrschluss für die übrigen interessierten Zuseherinnen und Zuseher ihrer Meinung nach mit einer Freude am Voyeurismus gleichzusetzen ist:
Aber in der Erschütterung beim Betrachten der Nahaufnahme eines wirklichen Schreckens mischt sich Beschämung. Vielleicht haben nur jene Menschen das Recht, Bilder eines so extremen Leidens zu betrachten, die für seine Linderung etwas tun können – etwa Chirurgen in Militärhospitals, in dem die Aufnahme gemacht wurde, oder Menschen, die aus ihr etwas lernen könnten. Wir anderen sind, ob wir wollen oder nicht, Voyeure.32
Ausgehend davon wird die These geprüft, inwiefern die Thematik von Leid innerhalb der deutschsprachigen Literatur durch ihren Erfahrungscharakter und die damit höchst disparate (subjektive) Auslegung, aber auch durch die womöglich gezielte Textintentionen, eine provokante Funktion (in doppelter Weise) erfüllt. Lässt sich Leid also als besonders streitbare Thematik in der Literaturwissenschaft feststellen?
Leid und Literatur
Bereits bei den ersten Vorüberlegungen zur Leidthematik innerhalb der Literatur lässt sich ausmachen, dass Leid (in Anlehnung an den erwähnten Sammelbegriff für körperliche und seelische Belastungen des Menschen33) in literarischen Texten einen der dominierenden Inhalte darstellt, ob in individueller (der oder die Einzelne leidet) oder kollektiver (Gruppen oder ganze Gesellschaften leiden) Hinsicht. Leidende Protagonistinnen und Protagonisten, leidvolle Zustände, die den Erzählkontext bestimmen, persönliche Krisen und gesellschaftliche Katastrophen, die Leid evozieren, oder aber auch das Mitleid, das ebenjenen literarischen Figuren entgegengebracht werden kann, sind omnipräsent vertreten, mal offenkundig – mal subtil. Man denke an Klassiker aus dem Literaturkanon wie Goethes Die Leiden des jungen Werthers (1774), das den Begriff bereits im Titel trägt. In einem Wechselspiel zwischen Leid und Leidenschaft wird die Seelenverwandtschaft des Protagonisten im Kontext unerfüllter Erwartungen und Bedürfnisbefriedigung gelesen, die im Briefroman schließlich zum Suizid führen. Dabei wird auch offen die Frage des menschlich Ertragbaren gestellt: „Die menschliche Natur […] hat ihre Grenzen: Sie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen.“34 Leid koexistiert hier neben Freude und Schmerz und wird als herausfordernd, wenn nicht sogar als Gegenspieler zur ‚menschlichen Natur‘ gesehen. Ähnlich ergeht es Gustav Aschenbach, dem Protagonisten in Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig (1911/1913). „[D]er Fühlende leidet“35 von Anbeginn der Erzählung, da der Charakter Aschenbachs eng an die Vorstellung von Leidenschaft gebunden ist, die ihn in ein Abhängigkeitsverhältnis treibt, das jedes rationale Denken verwehrt und in den Gassen Venedigs seinen Tod herbeiführt. Innerhalb der Literatur wird auch gelitten, ohne dass Leid explizit ausgesprochen oder erwähnt wird. Büchners Woyzeck, der im gleichnamigen Dramenfragment (1836/37; 1878) über sich selbst sagt: „Herr Hauptmann, ich bin ein arm Teufel, – und hab sonst nichts auf der Welt […]“36 bittet hierbei um Mäßigung in Bezug auf das ihm gegenüber angewandte, quälende Verhalten der sozialen Oberschicht. Die Flucht bzw. der Fluchtversuch aus dem Zustand des Leidens durch den Protagonisten Woyzeck prägt die Handlung von Büchners Drama. Vor allem durch Gotthold Ephraim Lessings Aristotelesrezeption der Tragödientheorie hin zu Mitleid als inhaltlichen Bestandteil, besteht die Absicht darin, dass die Zuschauenden daran partizipieren können, um schließlich einen kathartischen Effekt im Sinne einer Wirkungsästhetik zu erzielen.37 Es sind nur einige prominente Literaturbeispiele, die aber die facettenreiche Verwendung in den Inhalten belegt und die im Brockhaus beschriebene unabwendbare Verbundenheit des Leids mit dem menschlichen Dasein (zunächst) bestätigt.38
Es ist jedoch festzustellen, dass der unbestimmte und frequente Gebrauch des Leidbegriffs (wie auch zu Beginn der Einleitung aufgeführt) vor allem in der Verschriftlichung zu Unschärfen hinsichtlich synonym verwendeter Termini wie Gefühl, Schmerz oder Elend führt. Um sich den verschriftlichten Erfahrungen von Leid eingehend nähern zu können, ist deshalb eine Offenheit für interdisziplinäre Betrachtungsweisen notwendig. Aus diesem Grund halte ich zunächst eine theoretische Annäherung aus verschiedenen Blickwinkeln, beispielhaft in Form von medizinischen, philosophischen und theologischen Standpunkten, an den dynamisch und komplex wirkenden Begriff Leid für sinnvoll. Diese Annäherung ist Bestandteil des folgenden Kapitels und wird unter anderem das Erfahren von Leid als existenziellen Glaubensgegenstand im christlichtheologischen Kontext erörtern, ebenso aber auch in emotionspsychologischer Hinsicht den Negativitätsaspekt von erfahrbarem Leid in den Blick nehmen.
Weitergedacht soll folgende Frage die Analyse leiten: Wenn der etymologische Aspekt des Erfahrens maßgeblich ist für die Narrative von Leid, dann sollten innerhalb der Literatur weitere Erfahrungsräume zu finden sein bzw. Literatur der Gegenstand sein, der menschliche Erfahrungswerte mit Leid bezeugt und womöglich auch Parallelen zu historischen Ereignissen bzw. Epochen zulässt. Die literarischen Texte sind jedoch keineswegs als rein historische Dokumente aufzufassen. Die verschriftlichten Inhalte könnten allerdings über (individuelle und kollektive) Erfahrungen und Beweggründe, die für das Verfassen der jeweiligen Texte Einfluss genommen haben, Aufschluss geben und so Rückschlüsse auf gesellschaftlich relevante Ereignisse, die einer literarischen Aufarbeitung bedurften, zulassen. Ausgewählte Literaturbeispiele könnten also – so die Annahme – derartige Erfahrungsräume zu gewissen Zeitpunkten abbilden und Erkenntnisse über den jeweiligen Umgang mit Leid während der Entstehungszeit der Texte zu Tage fördern und im Gesamtbild mögliche Veränderungen aufzeigen. Zugleich wird Leid als Gegenstand, der integraler Bestandteil des Menschseins (vgl. „Mit dem menschl. Leben unabwendbar verbunden […]“39) und Antonym zu Lust und Glück sein soll, kritisch hinterfragt. Die vom jeweiligen Autor bzw. der jeweiligen Autorin inszenierten Narrationen stehen deshalb im Interessensfokus.
Ausgangspunkt und methodische Herangehensweise der Untersuchung
Das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 stellt im Kontext der Leiderforschung eine markante Zäsur der Neuzeit dar. In der Wahrnehmung Vieler relativierte das real erfahrbare Katastrophenereignis die theoretischen Überlegungen und Glaubensüberzeugungen zum Verhältnis von Mensch, Gott und Leid, die erst wenige Jahrzehnte zuvor noch prominent von Gottfried Wilhelm Leibniz in seinem erschienenen Essay Essais de théodicée sur la bonté de dieu, la liberté de l‘homme et l‘origine du mal40 (1710) vertreten wurden. Im aufklärerischen Denken Mitteleuropas sorgte jenes Erdbebenereignis für heftige Diskussionen in der Zuordnung und Urheberschaft von Leid.
Ausgehend vom Lissaboner Erdbeben wird in dieser Arbeit das Echo dieser Katastrophe untersucht. Anhand ausgewählter Texte wird die literarische Aufarbeitung der Leidthematik analysiert, um Rückschlüsse und Parallelen auf den gesellschaftlichen Umgang und mögliche Veränderungen ab 1800 festzustellen. Die Analyse erfolgt dabei nah am Text, um den Leidbegriff sowohl literaturgeschichtlich zu ergründen als auch seine Charakteristika und Zusammenhänge im jeweiligen Entstehungskontext kritisch-hermeneutisch zu erschließen und zu interpretieren. Das Erschließen der Texte in ihrem Entstehungskontext einerseits und sich stetig aktualisierende Interpretationsperspektiven bis in die Gegenwart anderseits sind vor dem Hintergrund eines fortschreitenden Verstehensprozesses (und dadurch mit der Möglichkeit Korrekturen vornehmen zu müssen) aufzufassen.41 So können Aspekte wie „Rezeptionsästhetik, Rezeptionsgeschichte, Überbrückung der histor. Distanz zwischen Textproduktion und -rezeption“42 in die Betrachtungen einfließen und darüber hinaus Veränderungen bei der Begriffsprägung und dem skizzierten Umgang mit Leid als inhaltlichen Gegenstand, im Sinne einer fortlaufenden Dynamik oder aber Stagnation, festgestellt werden.
Details
- Seiten
- 444
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631941003
- ISBN (ePUB)
- 9783631941010
- ISBN (Hardcover)
- 9783631940990
- DOI
- 10.3726/b23175
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (Februar)
- Schlagworte
- Katastrophen Krisen Leid Gewalt Literatur Medien Emotionen Macht Theodizee Moral Religionsphilosophie Religionskritik Krieg Gesellschaft Umbruch Revolution Erdbeben Kolonialismus Shoah Kleist Büchner Hauptmann Kafka Frankl Wolf Kling
- Erschienen
- Bruxelles, Berlin, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 444 S., 6 farb. Abb., 2 s/w Abb.
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