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Italienisch in der Schweiz

Räume und Realitäten

von Aline Kunz (Band-Herausgeber:in) Silvia Natale (Band-Herausgeber:in)
©2026 Sammelband VI, 314 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält Beiträge, verfasst von Expertinnen und Experten auf ihrem jeweiligen Forschungsgebiet, die der komplexen Rolle des Italienischen in der Schweiz gewidmet sind. Insgesamt acht Kapitel beleuchten die Funktion des Italienischen als Landessprache sowie dessen Stellung als Minderheitensprache und untersuchen die vielschichtigen sozialen, historischen und politischen Kontexte des Italienischen in der Schweiz. Dabei stehen sowohl die traditionell italienischsprachigen Regionen (Tessin und Italienischbünden) als auch die deutsch- und französischsprachigen Gebiete, in denen sich das Italienische durch Migrationsbewegungen etabliert hat, im Fokus.
Der Band bringt erstmals Beiträge aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven zusammen und behandelt systematisch zentrale Fragen zum Status, zur Sichtbarkeit und zur Verankerung des Italienischen in der Schweiz.
Die Publikation leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Forschung über Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt in der Schweiz und bietet eine solide Grundlage für Überlegungen zur Stärkung der sprachlichen Vielfalt im helvetischen Kontext.

Inhaltsverzeichnis

  • Umschlag
  • Titelseite
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung (Silvia Natale und Aline Kunz)
  • Aufbau des Sammelbands
  • Bibliografie
  • Das Italienische innerhalb seines angestammten Sprachgebiets und auf institutioneller Ebene
  • Zahlen und Fakten zur italienischen Sprache in der Schweiz: ein Überblick (Matteo Casoni und Sabine Christopher)
  • 1. Italienisch in der Schweiz als „Luxusminderheit“
  • 2. Die Situation des Italienischen in der Schweiz auf der Grundlage demolinguistischer Daten
  • 2.1 Territoriale Verbreitung
  • 2.2 Auswirkungen des Migrationsfaktors
  • 2.3 Verbreitung der italienischen Sprachkenntnisse
  • 2.4 Gebrauch, Erhalt und Weitergabe der Sprache in der Familie
  • 2.4.1 Der Gebrauch des Italienischen in der Familie
  • 2.4.2 Erhalt und Verlust von Kompetenzen
  • 2.5 Sprachen am Arbeitsplatz
  • 2.5.1 Der Gebrauch des Italienischen am Arbeitsplatz
  • 2.5.2 Funktionaler Status des Italienischen in der Arbeitswelt
  • 2.6 Der Kanton Tessin im Fokus
  • 2.6.1 Sprachen im Kanton Tessin
  • 2.6.2 Italienisch und Dialekt
  • 3. Amtssprachen und rechtliche Aspekte
  • 3.1 Sprachpolitik und formaler Status des Italienischen
  • 3.2 Die funktionale Rolle des Italienischen als Amtssprache: die Vertretung der italienischen Sprachgemeinschaft in der Bundesverwaltung
  • 3.3 Die Verwendung der italienischen Sprache als Kommunikationsmittel im öffentlichen Sektor und Sprachkenntnisse des Bundespersonals
  • 4. Lehr- und Ausbildungsangebot
  • 4.1 Die Rolle des Sprachunterrichts in Italienisch in der Schweiz
  • 4.2 Italienisch im Schweizer Bildungssystem
  • 4.2.1 Italienisch im Bildungssystem des Kantons Tessin
  • 4.2.2 Italienisch im Bildungssystem ausserhalb des italienischen Sprachgebiets
  • 5. Zwischen Sprache und Kultur: Italophonie und Nutzung audiovisueller und schriftlicher Medien
  • 6. Schlussfolgerungen
  • Bibliografie
  • Italienisch im Tessin (Laura Baranzini)
  • 1. Einleitung
  • 2. Italienisch als plurizentrische Sprache
  • 3. Die Faktoren der Variation
  • 4. Unterschiede und Klassifizierungskriterien – der Wortschatz
  • 5. Unterschiede auf weiteren Variationsebenen
  • 6. Schlussfolgerungen
  • Bibliografie
  • Italienisch in Graubünden (Giulia Berchio, Alberto Giudici und Vincenzo Todisco)
  • 1. Einleitung
  • 2. Demografisches und soziolinguistisches Profil
  • 2.1 Struktur des Kantons Graubünden
  • 2.2 Sprachliche Zusammensetzung Italienischbündens
  • 2.3 Institutionelle und individuelle Mehrsprachigkeit
  • 3. Sprachschutz und Identitätsdynamik
  • 3.1 Definieren, um zu schützen
  • 3.2 Politische Massnahmen zum Schutz und zur Förderung des Italienischen
  • 3.3 Konturen der Identität
  • 4. Italienisch in Graubünden: Diachronische und synchronische Aspekte
  • 4.1 Die Geschichte des Italoromanischen im Kanton
  • 4.2 Italienisch und Dialekte heute
  • 4.3 Merkmale des Italienischen in Graubünden
  • 4.3.1 Phonetik
  • 4.3.2 Morphosyntax
  • 4.3.3 Wortschatz
  • 4.4 Kontakt mit dem Deutschen
  • 5. Italienisch im politischen und administrativen Kontext, in der Arbeitswelt und Informationsdiensten
  • 5.1 Italienisch in der politisch-administrativen Organisation des Kantons und in der Arbeitswelt
  • 5.2 Italienisch als Sprache im Netz
  • 5.3 Nachrichtendienste auf Italienisch
  • 6. Italienisch lernen und unterrichten
  • 6.1 Italienisch in der obligatorischen Schule
  • 6.2 Italienisch in der Sekundarstufe I und II
  • 6.3 Ausbildung zur Italienischlehrperson an der Pädagogischen Hochschule Graubünden
  • 7. Schlussfolgerungen
  • Danksagung
  • Bibliografie
  • Italienisch als Amtssprache in der Schweiz (Jean-Luc Egger und Angela Ferrari)
  • 1. Einleitung
  • 2. Einige Vorbemerkungen
  • 2.1 Italienisch als Amtssprache
  • 2.2 Italienisch auf institutioneller Ebene
  • 3. Fremdsprachlicher Kontext, Übersetzung und Äquivalenz
  • 3.1 Der fremdsprachliche Kontext
  • 3.2 Übersetzung
  • 3.3 Äquivalenz
  • 4. Mehrsprachigkeit als Bestandteil der Gesetzesidentität
  • 5. Der offizielle Charakter als Vermittler ethischer Werte
  • 6. Vom rechtlichen und politischen Kontext zu den sprachlichen Fakten: Die Qualität des Amtsitalienisch in der Schweiz im Vergleich zu Italien
  • 6.1 Vorbemerkungen
  • 6.2 Die Bestandteile des Sprachsystems: Ein Abriss
  • 6.3 Syntaktische Stile
  • 6.3.1 Verständlichkeit
  • 6.3.2 Von verständlichen zu leichten Texten
  • 6.3.3 Approximative Übersetzungen
  • 6.4 Syntaktisch-interpunktionelle Stile
  • 6.5 Textuelle Stile
  • 6.5.1 Klarheit der Textarchitektur
  • 6.5.2 Textuelle Approximationen
  • 6.6 Soziokommunikative Stile
  • 7. Schlussfolgerungen und Perspektiven
  • Bibliografie
  • Das Italienische ausserhalb seines angestammten Sprachgebiets: der Migrationskontext
  • Italienisch als Einwanderungssprache in der deutschsprachigen Schweiz (Stephan Schmid)
  • 1. Einleitung
  • 2. Kurzer historischer und demografischer Überblick über die italienische Einwanderung in der Deutschschweiz
  • 3. Die erste Generation der italienischen Einwanderung
  • 3.1 Sprachliches Repertoire und Sprachverhalten der ersten Generation
  • 3.2 Exkurs: Fremdarbeiteritalienisch oder Italienisch als lingua franca in der Deutschschweiz
  • 3.3 Das Italienische der ersten Generation
  • 3.4 Der italoromanische Dialekt im Sprachrepertoire der ersten Generation
  • 3.5 Die lokalen Varietäten des Deutschen
  • 4. Die zweite Generation der italienischen Einwanderung
  • 4.1 Repertoire der zweiten Generation und Sprachverhalten
  • 4.2 Das Italienisch der zweiten Generation
  • 4.3 Code-Switching
  • 4.4 Schweizerdeutsch und Deutsch der zweiten Generation
  • 5. Das Italienisch der dritten Generation
  • 6. Schlussfolgerungen
  • Bibliografie
  • Die neue italienische Migration in der Schweiz (Silvia Natale, Aline Kunz und Stefania Marzo)
  • 1. Einleitung
  • 2. Die italienische Migration in die Schweiz
  • 2.1 Periodisierung der italienischen Migration in die Schweiz
  • 2.2 Migration und Mobilität
  • 2.3 Ältere und neue Migration: Ein Vergleich
  • 2.3.1 Das Phänomen des brain drain
  • 2.3.2 Expats und Migranten
  • 2.3.3 Geografische und virtuelle Mobilität
  • 2.3.4 Der Kontakt zwischen älterer und neuer Migration
  • 3. Migration und Sprache
  • 3.1 Migrationsgeschichte als Sprachgeschichte
  • 3.2 Sprachrepertoires: Ältere und neue Migration im Vergleich
  • 3.2.1 Das Sprachrepertoire der älteren Migration
  • 3.2.2 Das Sprachrepertoire der neuen Migration
  • 4. Neue Migration, neue Forschungsfragen
  • 5. Schlussfolgerungen
  • Bibliografie
  • Andere Perspektiven
  • Das Italienische und die mehrsprachige Schweiz: Ein historischer Überblick (Paolo G. Fontana und Sacha Zala)
  • 1. Einleitung
  • 2. Mehrsprachigkeit: Ein Wort, viele Bedeutungen
  • 3. Das Italienische in der Schweiz
  • 3.1 Vom römischen Helvetien zur eidgenössischen Eroberung/Allianz
  • 3.2 Von der eidgenössischen Eroberung/Allianz bis zum 19. Jahrhundert: Eine sich durchsetzende und wandelnde Präsenz
  • 3.3 Vom 19. Jahrhundert bis heute: Eine sich erneuende und wachsende Präsenz
  • 4. Sprachenvielfalt und institutionelle Mehrsprachigkeit in der Schweizerischen Eidgenossenschaft
  • 4.1 Von der Revolutionszeit bis zur Restauration: Sprachenvielfalt und Durchsetzung der kantonalen Souveränität
  • 4.2 Die „republikanische“ Eidgenossenschaft: Mehrsprachigkeit zwischen praktischer Frage und formaler Gleichstellung
  • 4.3 Von der Zeit der „nationalen Einigungen“ zum Ausbruch der Nationalismen: Die Sprachenvielfalt als Hindernis
  • 4.4 Die Schweiz isoliert im Europa des völkischen Nationalismus: Die Sprachenvielfalt als Frage der ‚nationalen Identitätʻ
  • 5. Schlussfolgerungen
  • Bibliografie
  • Die jüngste Einwanderung in die Schweiz: Besonderheiten der italienischen Einwanderung (Rosita Fibbi)
  • 1. Einleitung
  • 2. Zuwanderung in der Schweiz: Wirtschaftliche und politische Dynamik in den Jahren 2000–2020
  • 2.1 Die Schweiz: Eine attraktive Migrationsdrehscheibe
  • 2.2 Die neue Selektivität der Schweizer Migrationspolitik
  • 3. Die italienische Einwanderung im Kontext der jüngsten Migration
  • 3.1 Der dritte italienische Migrationszyklus und die Migrationsbewegungen in die Schweiz
  • 3.2 Italienische Einwanderung im Vergleich
  • 3.3 Beschäftigung und Bewertung der beruflichen Eingliederung
  • 3.4 Soziale und politische Teilhabe
  • 3.5 Migrationsprojekte
  • 4. Schlussfolgerungen
  • Bibliografie
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Einleitung

Silvia Natale und Aline Kunz

Die italienische Sprache in der Schweiz stellt ein facettenreiches Forschungsfeld dar, das zahlreiche Fragestellungen zu Sprache, Gesellschaft und Geschichte generiert. Dieser Sammelband widmet sich einer eingehenden Betrachtung des Italienischen in der Schweiz, seiner Entwicklung, seinem Status und den besonderen soziolinguistischen Gegebenheiten, die es prägen. Dabei geht es nicht nur um die Sprache als solche, sondern auch um die Wechselwirkungen zwischen Sprache und Gesellschaft, die historische Entwicklung des Italienischen in der Schweiz sowie um die vielschichtigen Dynamiken des Sprachkontakts.

Es gibt viele gute Gründe, sich mit Sprachen zu beschäftigen: Ihre Strukturen, ihre sozialen Funktionen, ihr Wandel über die Zeit hinweg – all diese Aspekte liefern wertvolle Erkenntnisse und gewähren uns dabei einzigartige Einblicke in eine der zentralen Eigenschaften unseres Menschseins: unser Sprachvermögen. Sprachen liefern uns Informationen über gesellschaftliche und historische Kontexte und helfen uns, die Gegenwart und Vergangenheit unserer Gesellschaften besser zu erfassen. Auf das Italienische in der Schweiz trifft dies in besonderem Masse zu: Die verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die es geprägt haben, veranlassten Moretti (2005) dazu, die sprachlichen Gegebenheiten der Schweiz als laboratorio elvetico – einem „schweizerischen Labor“ – zu beschreiben, in dem unterschiedliche sprachliche Konstellationen beobachtet und untersucht werden können. Die Beschreibung von sprachlichen Phänomenen in diesem Labor ermöglicht es, Mechanismen sprachlichen Wandels abzubilden und somit Sprachkontaktprozesse besser zu verstehen. Aufbauend auf der Metapher des „helvetischen Labors“ zielt der vorliegende Sammelband darauf ab, verschiedene Aspekte, die das Italienische in der Schweiz kennzeichnen, zu vertiefen.

Die Schweiz ist bekanntlich in vier Sprachregionen unterteilt, eine davon ist, neben dem deutschsprachigen, frankophonen und rätoromanischen Teil, die italienische Schweiz, die sich aus dem Kanton Tessin und den vier italienischsprachigen Tälern des Kantons Graubünden zusammensetzt. Die traditionelle und historisch gewachsene Sprache dieser Region ist Italienisch, ergänzt durch italoromanische Dialekte, die über Jahrhunderte eine zentrale Rolle im Alltagsleben gespielt haben und noch heute spielen. Doch die sprachliche Realität des Italienischen ist weitaus komplexer als ein schlichtes Koexistieren von Standardsprache und Dialekten in einem angestammten Gebiet. Trotz des Prinzips der Territorialität sind auch in der Schweiz Sprachen nicht strikt an Regionen gebunden. Aufgrund von Migration und/oder Mobilität einerseits und dem Bekenntnis zur helvetischen Mehrsprachigkeit andererseits finden sich die historisch in der Schweiz verankerten Sprachen auch ausserhalb ihrer angestammten Gebiete wieder und treten somit mit anderen Sprachen in Kontakt. So ist das Italienische in der Schweiz in mehrfacher Hinsicht zu erfassen: Auf nationaler Ebene ist das Italienische eine der vier traditionellen Landessprachen der Schweiz und besitzt den Status einer offiziellen Sprache. Darüber hinaus spielt das Italienische als offizielle Sprache der Schweizer Regierung, nationaler Institutionen und Unternehmen eine bedeutende Rolle über die italienischsprachigen Regionen hinaus. Zusätzlich gibt es eine bedeutende Gruppe von Sprechern und Sprecherinnen, deren Italienischgebrauch auf Migrationserfahrungen zurückgeht – sei es durch interne Migration innerhalb der Schweiz oder durch Einwanderung aus Italien. Obwohl die Schweiz das einzige Land (abgesehen von der Republik San Marino und dem Vatikanstaat) ausserhalb der italienischen Halbinsel ist, in dem Italienisch eine Landessprache ist, wäre es irreführend, das Schweizer Italienisch darauf zu reduzieren, dass es jenseits der italienischen Staatsgrenzen gesprochen wird. Dass Sprach- und Verwaltungsgrenzen nicht zwingend übereinstimmen, ist allgemein bekannt. Daher ist das Italienische in der Schweiz nicht als blosser „Ableger“ zu betrachten, sondern als eigenständiges Gefüge von Varietäten mit einer tief verwurzelten historischen und gesellschaftlichen Verankerung. Historische Entwicklungen – darunter beispielsweise die Beziehungen zu Italien– sowie soziolinguistische Faktoren wie die Migration aus Italien haben dazu geführt, dass das Italienische in der Schweiz in zahlreichen Varietäten existiert. Das von Moretti (2005) entwickelte und von Berruto (2012) weiter verfeinerte Modell (vgl. Abb. 1) bietet eine wertvolle Orientierungshilfe, um diese Heterogenität zu erfassen. Im Folgenden werden wir das Modell von Berruto (2012) vorstellen1.

Abbildung 1: Varietäten des Italienischen in der Schweiz (Quelle: Berruto 2012: 1).

Abbildung 1: Varietäten des Italienischen in der Schweiz (Quelle: Berruto 2012: 1).

Das obige Schema (Abb. 1), das wir mit den Dimensionen links ergänzt haben, fasst die äusserst vielfältige soziolinguistische Realität des Italienischen in der Schweiz zusammen. Ihre verschiedenen Ausprägungen lassen sich anhand von drei Dimensionen gliedern, die wir als „territorial“, „sprachkompetenzbasiert“ und „soziologisch“ (d. h. auf Migrationserfahrungen beruhend) bezeichnen möchten.

Die erste Differenzierung im Schaubild lässt sich im Hinblick auf eine territoriale Dimension erfassen: Auf der oberen, linken Seite des Schaubilds wird auf das Territorium der italienischen Schweiz verwiesen. Diese inkludiert die traditionell angestammten Gebiete, in denen Italienisch gesprochen wird – das Tessin und die italienischsprachigen Täler Graubündens (Misox, Calanca, Bergell und Puschlav). Auf der oberen, rechten Seite ist das Gebiet der nicht-italienischen Schweiz dargestellt, in dem das Italienische keine traditionelle Verankerung als Mehrheitssprache hat. In der Mitte des Schaubilds befindet sich eine deterritorialisierte Varietät, die von Berruto (2012) als Verwaltungsitalienisch („italiano amministrativo“) oder „kommerzielles“ Italienisch („italiano commerciale“) bezeichnet wird (bei Moretti 2005 als „italiano elvetico“ etikettiert). Diese Varietät kann auch als „überregional“ bezeichnet werden, da sie ausserhalb der traditionellen Sprachterritorien auftritt; sie kann auch als Ergebnis eines (meist einseitigen) Sprachkontakts zwischen der Minderheitensprache Italienisch und den Mehrheitssprachen Deutsch und Französisch begriffen werden. Durch Übersetzungen aus den beiden Mehrheitssprachen Deutsch und Französisch ins Italienische (sowohl im Hinblick auf Verwaltungstexte als auch im Hinblick auf Werbetexte) haben sich - hauptsächlich im Wortschatz - Besonderheiten im Italienischen der Schweiz herausgebildet, die im Italienischen Italiens entweder nicht existieren (vgl. cassa malati für Krankenkasse) oder eine andere Bedeutung tragen (nota statt voto für Note im Bildungsbereich, vgl. Pandolfi 2006).

Berruto unterscheidet ferner zwischen Muttersprachlern und Muttersprachlerinnen des Italienischen und nicht-muttersprachlichen Italienischsprechenden, was wir als sprachkompetenzbasierte Dimension bezeichnen. Die Gruppe der Muttersprachler und Muttersprachlerinnen verteilt sich im Hinblick auf die territoriale Dimension auf die traditionellen Gebiete Tessin und Italienischbünden sowie, in den nicht italienischsprachigen Gebieten, auf zugewanderte Sprecher und Sprecherinnen, die aus Italien oder aus der italienischen Schweiz stammen. Die zugewanderten Italienerinnen und Italiener werden folglich durch diese Trennung in einer zusätzlichen soziologischen, von Migrationserfahrung geprägten Dimension erfasst. Die Gruppe der nicht-muttersprachlichen Sprecher und Sprecherinnen des Italienischen (sprachkompetenzbasierte Dimension) werden sowohl in der italienischen Schweiz als auch ausserhalb dieser von nicht-italophonen Personen vertreten. Es handelt sich in beiden Fällen um Lernende des Italienischen. Ausserhalb der italienischen Schweiz wird diese Gruppe auf soziologischer Ebene weiter differenziert in nicht-italophone Schweizerinnen und Schweizer sowie in nicht-italophone Zugewanderte, die unter anderem Italienisch als lingua franca (Fremdarbeiteritalienisch) nutzen (vgl. Berruto 1991).

Wir erlauben uns, anknüpfend an Moretti (2005) und Berruto (2012) einen neuen Vorschlag zur Darstellung des Italienischen in der Schweiz zu unterbreiten (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: Varietäten des Italienischen in der Schweiz mit Fokus auf die Erwerbsart.

Abbildung 2: Varietäten des Italienischen in der Schweiz mit Fokus auf die Erwerbsart.

Wie bei Moretti (2005) und Berruto (2012) basiert die Darstellung zunächst auf einer territorialen Differenzierung in die oben bereits beschriebenen „traditionellen“ Gebiete der italienischen Schweiz (Tessin und Italienischbünden) und die „nicht-traditionellen“ Gebiete ausserhalb dieser. Im Vergleich zu Berruto (2012) wird jedoch, eine Ebene tiefer, auf die soziologische Dimension der Migrationserfahrung verzichtet und der Schwerpunkt auf die Typologie der Sprecher und Sprecherinnen in Bezug auf die Art des Erwerbs des Italienischen gelegt, indem zwischen Italienisch L1 und L2 unterschieden wird. In der italienischen Schweiz und ausserhalb dieser handelt es sich bei L1 Sprechenden um Personen, die in einem italophonen Gebiet2 primär sozialisiert wurden. Sie haben Italienisch spontan erworben und betrachten es als ihre (oder eine ihrer) „dominante(n)“ Sprache(n). In der Regel erreichen sie darin bis zum Erwachsenenalter eine hohe oder nahezu perfekte Kompetenz (Klein 2000: 2). L2 Sprechende haben hingegen Italienisch zu einem späteren Zeitpunkt entweder spontan oder durch bewusste, formale Lernprozesse erworben. Innerhalb der italienischen Schweiz handelt es sich bei L2 Sprechenden um Zugewanderte aus nicht-italienischsprachigen Ländern oder aus der nicht-italienischen Schweiz, die beispielsweise durch die Verlagerung ihres Lebensmittelpunkts Italienisch als Zweitsprache erworben haben. Ausserhalb der italienischen Schweiz betrifft dies nicht-italophone Personen, die Italienisch aus privaten, beruflichen oder ausbildungsbezogenen Gründen erlernt haben. Auch hier kann der Erwerb spontan oder gesteuert erfolgt sein. Dabei kann es sich sowohl um Schweizer Staatsangehörige als auch um nicht-Schweizer Staatsangehörige handeln, die eventuell auch die besondere Varietät des Fremdarbeiteritalienischen nutzen. Auf die Trennung in Schweizer und nicht-Schweizer Lernende des Italienischen wird hier bewusst verzichtet3.

Die vorgeschlagene Differenzierung ist insofern hilfreich, als sie der Tatsache Rechnung trägt, dass sich die beiden Erwerbsprozesse in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Während beim Zweitspracherwerb Faktoren wie biologische, soziale und kognitive Entwicklungen eine zentrale Rolle spielen, die je nach Person stark variieren können, verlaufen Erstspracherwerbsprozesse grundsätzlich anders. Durch die Unterscheidung zwischen L1 und L2 möchten wir den Erwerbsprozess und das damit verbundene Sprachbewusstsein präziser erfassen und diese Aspekte gegenüber der soziologischen Migrationserfahrung stärker in den Fokus rücken.

Eine bislang nicht explizit aufgeführte Kategorie bezieht sich im Hinblick auf die zweite Ebene auf die sogenannten Herkunftssprecher und Herkunfstsprecherinnen in der nicht-italienischen Schweiz (im Schaubild orange dargestellt). Diese Gruppe umfasst in Bezug auf die Kompetenz des Italienischen eine heterogene Gruppe von Personen, in deren Sprachbiografie Italienisch verankert ist (es handelt sich primär um Nachkommen von Migrantinnen und Migranten der ersten Generation). Die Sprachkompetenz des Italienischen innerhalb dieser Gruppe ist sehr variabel und kann von minimalen passiven Fähigkeiten bis hin zu einem balancierten Bilingualismus reichen (für einen umfassenden Überblick verweisen wir auf Montrul 2011). Aus diesem Grunde ist die Gruppe der Herkunftssprechenden zwischen den Kategorien L1 und L2, mit partieller Überschneidung, angesiedelt, um dem Umstand des individuellen Kompetenzkontinuums Rechnung zu tragen. Das Schaubild verdeutlicht zudem, dass die farblich abgehobene Kategorie der Herkunftssprecher und Herkunfstsprecherinnen die Erscheinungsformen des Italienischen ausserhalb des traditionellen Sprachgebiets erheblich erweitert. Diese Personen tragen dazu bei, dass Italienisch ausserhalb seiner traditionell verankerten Gebiete eine massgebliche Präsenz zeigt.

Die vorgeschlagene Differenzierung ermöglicht eine präzisere Erfassung der sprachlichen Realität des Italienischen in der Schweiz, indem sie den Erwerbsprozess und das damit verbundene Sprachbewusstsein ins Zentrum rückt. Damit wird ein Rahmen geschaffen, der die sprachliche Vielfalt sowohl innerhalb als auch ausserhalb der italienischen Schweiz angemessen und vergleichbar abbildet. Insbesondere die Berücksichtigung der Herkunftssprecherinnen und Herkunftssprecher trägt dazu bei, die komplexe Dynamik der italienischen Sprache ausserhalb der traditionellen Sprachgebiete zu erfassen und ihre Bedeutung für die sprachliche Landschaft der Schweiz zu unterstreichen.

Der vorliegende Sammelband hat sich zum Ziel gesetzt, einen bedeutenden Teil dieses Facettenreichtums detailliert zu beschreiben.

Aufbau des Sammelbands

Mit diesem Sammelband möchten wir ein fundiertes Nachschlagewerk zur Verfügung stellen, das Antworten auf zentrale Fragen zur italienischen Sprache in der Schweiz bietet und auf die oben dargestellte Vielfalt des Italienischen in der Schweiz Bezug nimmt. Immer wieder stossen wir in Gesprächen auf grosses Interesse am schweizerischen Mehrsprachigkeitsmodell, insbesondere an der Rolle des Italienischen. Unser Ziel ist es, mit diesem Buch ein Werkzeug bereitzustellen, das hilft, grundlegende Fragen zu beantworten und Neugier zu wecken. Die Entscheidung, dieses Werk auch auf Deutsch zur Verfügung zu stellen bildet unsere Absicht ab, einen grösseren Kreis von Personen zu erreichen4.

Unser Sammelband geht auf folgende Fragen ein:

  • Welche Faktoren beeinflussen die Stellung und den Erhalt der italienischen Sprache in der mehrsprachigen Schweiz ausserhalb des Tessins und Italienischbündens?
  • Inwiefern stellt das Tessiner Italienisch eine eigenständige nationale Varietät dar und welche sprachlichen Besonderheiten prägen es?
  • Wie wirkt sich die Mehrsprachigkeit Graubündens auf die Stellung und Entwicklung des Italienischen in diesem Kanton aus?
  • Welche sprachlichen, politischen und rechtlichen Besonderheiten prägen das Amtsitalienische in der Schweiz?
  • Wie hat sich das Italienische als Einwanderungssprache in der Deutschschweiz entwickelt und welche Rolle spielt es in den Sprachrepertoires der verschiedenen Migrationsgenerationen?
  • Welche sprachlichen und gesellschaftlichen Unterschiede bestehen zwischen der „neuen“ italienischen Migration in die Schweiz und den Migrationsbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre?
  • Wie hat sich die Rolle des Italienischen in der mehrsprachigen Schweiz historisch entwickelt und welche Bedeutung hatte es für die nationale Identität?
  • Welche Besonderheiten und Herausforderungen kennzeichnen die jüngste italienische Migration in die Schweiz?

Der vorliegende Sammelband umfasst acht Kapitel, die in drei thematische Blöcke unterteilt sind. Die Blöcke 1 und 2 sind der sprachlichen Dimension des Italienischen in der Schweiz gewidmet: Block 1 (Kapitel 14) behandelt das Italienische in seinem traditionellen, angestammten Sprachgebiet sowie in seiner institutionellen Ausprägung (Amtsitalienisch), während Block 2 (Kapitel 5 und 6) sich auf das Italienische ausserhalb des angestammten Sprachgebiets konzentriert, insbesondere im Kontext der italienischen Migration. Block 3 behandelt Perspektiven, die nicht primär sprachlicher Natur sind und nimmt sowohl eine historische Perspektive (Kapitel 7) als auch eine soziologische Perspektive (Kapitel 8) ein. Werfen wir nun einen Blick auf die einzelnen Kapitel des Sammelbandes:

Das erste Kapitel, verfasst von Matteo Casoni und Sabine Christopher (Osservatorio linguistico della Svizzera italiana), gibt einen Überblick über die Stellung der italienischen Sprache in der mehrsprachigen Schweiz. Es beschreibt die Verbreitung, den Gebrauch und die Vitalität des Italienischen anhand demolinguistischer Daten sowie sprachpolitischer und soziolinguistischer Aspekte. Die besondere Situation des Italienischen als Minderheitensprache ausserhalb des Tessins und Italienischbündens wird hervorgehoben. Der Einfluss von Migration, intergenerationeller Sprachübertragung und institutionellen Rahmenbedingungen auf den Spracherhalt ist Gegenstand weiterer Überlegungen. Zudem wird die Rolle des Italienischen im Bildungswesen und in der Arbeitswelt thematisiert, wobei sich zeigt, dass das Italienische in diesen Bereichen gegenüber den anderen Landessprachen und dem Englischen zunehmend herausgefordert wird.

Im zweiten Kapitel widmet sich Laura Baranzini (Osservatorio linguistico della Svizzera italiana) dem Italienischen im Kanton Tessin und untersucht seine Stellung als einzige Amtssprache in diesem Gebiet. Sie beschreibt das Tessiner Italienisch als eigenständige nationale Varietät, die innerhalb des italienischen Varietätenspektrums eine Sonderstellung einnimmt, da sie sich durch sprachliche Besonderheiten auszeichnet. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der Definition des Italienischen als plurizentrische Sprache, die durch die Schweizer Varietät des Italienischen (ISIt) ein zweites sprachliches Zentrum erhält. Die Analysen umfassen einerseits phonologische, lexikalische und morphosyntaktische Merkmale des im Tessin gesprochenen Italienisch, die durch regionale, historische und soziale Faktoren geprägt sind. Andererseits werden die Wechselwirkungen mit den anderen in der Schweiz gesprochenen Sprachen untersucht.

In Kapitel 3 befassen sich Giulia Berchio, Alberto Giudici und Vincenzo Todisco (PH Graubünden) mit der sprachlichen Situation des Italienischen in Graubünden. Der Kanton zeichnet sich durch eine vielschichtige Mehrsprachigkeit aus, in der das Italienische und das Rätoromanische neben dem Deutschen eine Minderheitenposition einnehmen. Insbesondere Italienischbünden - die italienischsprachigen Regionen Graubündens - weist eine sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit auf, die sich sowohl in der Dialektlandschaft als auch in institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten widerspiegelt. Das Kapitel beleuchtet nicht nur die Geschichte und die aktuelle Verbreitung des Italienischen, sondern auch seine Stellung im Bildungswesen, in der Arbeitswelt und im öffentlichen Leben. Es wird aufgezeigt, wie politische Massnahmen, Sprachkontakte und Identitätsfragen die Zukunft des Italienischen im mehrsprachigen Kanton Graubünden beeinflussen.

Details

Seiten
VI, 314
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783034365819
ISBN (ePUB)
9783034365826
ISBN (Paperback)
9783034365833
DOI
10.3726/b23685
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (August)
Schlagworte
Italienisch Schweiz Italienisch in der Schweiz Mehrsprachigkeit Schweizer Sprachenlandschaft Sprachgeschichte der Schweiz Migrationslinguistik Soziolinguistik Italienisch als plurizentrische Sprache
Erschienen
Lausanne, Berlin, Bruxelles, Chennai, New York, Oxford, 2026. vi, 314 S., 30 farb. Abb., 3 s/w Abb., 28 Tab
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Aline Kunz (Band-Herausgeber:in) Silvia Natale (Band-Herausgeber:in)

Aline Kunz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bern. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen das Italienische in der Schweiz, sprachliche Minderheiten, Sprachgeographie, Plain Language sowie medizinische Kommunikation. Seit 2022 gehört sie dem Expertenkomitee der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen an. Silvia Natale ist Professorin für italienische Sprachwissenschaft an der Universität Bern. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Soziolinguistik, italienische Migration, Restandardisierung des Italienischen, Herkunftssprachen, Mehrsprachigkeit sowie Zweitspracherwerb.

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Titel: Italienisch in der Schweiz