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Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

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Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

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MASSIMO PIZZINGRILLI

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Der unendliche Horizont hinter der Dichtung Kreative Philologie bei Giacomo Leopardi I. Ausbildung Giacomo Leopardi wurde 1798 in Recanati geboren, das damals noch in den Herrschaftsbereich des Stato Pontificio (des Kirchenstaates) fiel. Bis zum Alter von 24 Jahren wohnte er im Haus seines Vaters, des dilettanti- schen Bibliophilen Monaldo Leopardi, dessen umfangreiche Bibliothek nicht nur in der Familie, sondern auch in der umgebenden Provinz eine bedeutende Rolle spielte. Später hielt sich Giacomo Leopardi mehrfach in anderen italienischen Städten auf: in Rom (1822–23/1831–32), Bo- logna (1825/1827/1830), Pisa (1827–1828), Florenz (1830–1833) und Neapel (1833–1837), wo er schließlich am 14. Juni 1837 starb. Die Kind- heits- und Jugendjahre in der Familie wirkten sehr stark auf seine Ent- wicklung ein. Sowohl die katholische Regierung in Recanati als auch die strenge und konservative Erziehung durch den Vater waren entschei- dend. „Leopardi wuchs in einer typisch provinziellen ‚humanistischen‘ und gelehrten Umgebung auf.“1 Er wurde im väterlichen Haus von einem anspruchslosen Lehrer, dem Priester Don Sebastiano Sanchini, unterrichtet. Dieser brachte ihm die ersten rudimentären Begriffe von der lateinischen Sprache und den klassischen Autoren bei. Der Un- terricht war scholastisch und enzyklopädisch ausgerichtet und verlief wohl nicht ohne Trockenheit und Einseitigkeit. Giacomo beschäftigten in diesen Jahren von 1809–1811 Fächer wie die biblische und römische Geschichte, Naturwissenschaften, Ontologie, Moralphilosophie und Psy- chologie, außerdem Literatur. Daran anschließend lernte er als Autodi- dakt Griechisch und Hebräisch. Zur Verfügung standen ihm die...

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