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Literaturübersetzen

Ästhetik und Praxis

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Rainer Kohlmayer

Das Buch erläutert die Ästhetik des Literaturübersetzens, wie sie seit dem 18. Jahrhundert praktiziert wird. Sie beruht auf den Prinzipien der Subjektivität, Linearität und Oralität, die in Novalis’ Begriff der «schriftlichen Stimme» konvergieren. Der Weg zur lebendigen rhetorischen Schriftlichkeit des Übersetzens beginnt bei Leonardo Bruni und führt über Luthers Bibel zur performativen Übersetzung Herders, die von A. W. Schlegel bis in die Gegenwart das Gutenberg-Zeitalter prägt. Am Beispiel der Dialektübersetzung wird auch die elastische Grenze der (Un)Übersetzbarkeit untersucht. Der zweite Teil behandelt exemplarisch die Übersetzung von Drama, Narrativik und Lyrik. Der dritte Teil feiert das narzisstische Vergnügen, das mit der Kunstform des literarischen Übersetzens einhergeht.

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4. Kapitel. Oralität

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4. Kapitel. Oralität

Neben der Subjektivität und Linearität ist die Mündlichkeit das dritte und zugleich wichtigste ästhetische Prinzip des modernen Literaturübersetzens. Bevor wir uns mit der zentralen Bedeutung der Mündlichkeit für das Literaturübersetzen befassen, will ich zwei andere allgemeine Voraussetzungen literarischer Texte, die den bisherigen Ausführungen mehr oder weniger implizit zugrunde lagen, noch einmal ausdrücklich benennen (vgl. Kohlmayer 2018b: 203–207).

Erstens: Funktions- und Situationsdistanz. Literarische Texte befinden sich immer in einem Gegensatz zur Welt der Fakten und Funktionen. Die Leser oder Hörer werden in den fingierten, konstruierten Texten zu Gedanken- und Gefühlsspielen eingeladen; die sogenannte Wirklichkeit wird nicht fotografisch kopiert und wiederholt, sondern eine fiktive Welt wird mit sprachlichen Mitteln konstruiert. Der ästhetische Wert dieser Konstruktion besteht in ihrer originellen Subjektivität. Das sprachliche Kunstprodukt lädt dazu ein, die Wirklichkeit neu zu sehen. Man möge an Achebes Romane denken, die die Leser dazu bewegen, die Kolonialgeschichte der Igbo auf neue Art zu lesen.

EXKURS. Literarische Übersetzungen haben als Kunstprodukte ‚eigentlich‘ denselben Anspruch auf „willing suspension of disbelief“ (Coleridge) wie die Originale, werden aber in der literarischen Welt dennoch mit mehr Skepsis gelesen als die Originale, abhängig von a) der Glaubwürdigkeit (Übersetzer sind nun einmal ‚sekundäre‘ Autoren), b) von der Zustimmungsbereitschaft der Leser (individuell verschieden, z. B. bei der Akzeptanz von Dialekt, von Fremdheit usw.), c) von der Qualität des Originals und der Übersetzung (Bestseller werben...

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