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Literaturübersetzen

Ästhetik und Praxis

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Rainer Kohlmayer

Das Buch erläutert die Ästhetik des Literaturübersetzens, wie sie seit dem 18. Jahrhundert praktiziert wird. Sie beruht auf den Prinzipien der Subjektivität, Linearität und Oralität, die in Novalis’ Begriff der «schriftlichen Stimme» konvergieren. Der Weg zur lebendigen rhetorischen Schriftlichkeit des Übersetzens beginnt bei Leonardo Bruni und führt über Luthers Bibel zur performativen Übersetzung Herders, die von A. W. Schlegel bis in die Gegenwart das Gutenberg-Zeitalter prägt. Am Beispiel der Dialektübersetzung wird auch die elastische Grenze der (Un)Übersetzbarkeit untersucht. Der zweite Teil behandelt exemplarisch die Übersetzung von Drama, Narrativik und Lyrik. Der dritte Teil feiert das narzisstische Vergnügen, das mit der Kunstform des literarischen Übersetzens einhergeht.

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10. Kapitel. Die heitere Kunst des Literaturübersetzens

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10. Kapitel. Die heitere Kunst des Literaturübersetzens

Ich wollte ursprünglich am Schluss tatsächlich ein zusammenfassendes Loblied auf die gelehrte Kunst des Übersetzens anstimmen, diese schöne Kunst, welche Stimmen „aus einer andern in unsre Sprache rein und gut“ herüber klingen lassen kann, wie Herder 1779 schrieb (Herder 1975: 184; siehe 4.2.1).

Stattdessen drucke ich hier mit der Unbescheidenheit der Begeisterung eine Szene aus Corneilles Komödie L’ILLUSION COMIQUE in meiner linearen Übersetzung (BÜHNENZAUBER) ab, deren Lektüre den Leserinnen und Lesern hoffentlich das Vergnügen verrät, das der Übersetzer bei der komödianischen Verwandlung des verliebten Großmauls MATAMORE in seinen gleichnamigen deutschen Zwillingsbruder hatte. Kann man den Narzissmus, der Literaturübersetzer wie Übersetzungswissenschaftler zu sprachlichen oder wissenschaftlichen Leistungen antreibt, auf amüsantere Weise in sich und in anderen beschmunzeln und entschärfen als im Zerrspiegel von Corneilles MATAMORE? Gibt es eine komischere Veräppelung megalomaner Machos und ironieloser Machthaber? Ist der miles gloriosus, der wie ein tumbes Riesenbaby durch Kontinente und Jahrhunderte trampelt, jemals besser karikiert und auf der Bühne exorziert worden? Kunst und Komik sind sowohl die Folgen als auch die Gegenmittel unserer privaten Machtfantasien. Und schon aus diesem Grund kann, darf und muss Übersetzen oft eine heitere, homöopathische Kunst sein.

CLINDOR

Monsieur, ihr träumt! Sehnt sich denn euer Heldenmut

schon wieder nur nach Krieg und frischem Feindesblut!

Was lockt euch denn erneut in die Gefahr hinaus...

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