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Zur Rezeption der Philosophie Ludwig Wittgensteins im literarischen Werk W. G. Sebalds

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Martin Häckel

Ludwig Wittgenstein erscheint im Werk W. G. Sebalds häufig. Dieses Buch stellt ihn als zentrale Figur in zweien seiner Werke dar. Es stellt eine Analogie zwischen dem literarischen Konzept des Synoptischen Blicks und dem sprachkritischen Werkzeug der Übersichtlichen Darstellung her, und es nimmt eine Verortung in der Nachkriegsliteratur sowie eine Nutzbarmachung Wittgensteinscher Begriffe für die Literaturwissenschaft vor. Sebalds Gesamtwerk wird als Versuch begriffen, das philosophische Konzept des Zeigens auf literarischer Ebene umzusetzen. Es werden Gemeinsamkeiten auf den Ebenen von Stil, Bildverständnis und Erkenntnisinteresse herausgearbeitet, und es wird erörtert, inwieweit der Synoptische Blick tatsächlich mit der Übersichtlichen Darstellung vergleichbar ist und wie dieses Konzept als Gegenentwurf zu Schreibweisen anderer Autoren innerhalb der sog. Holocaustliteratur zu verorten ist. Eignet es sich zum Schreiben über die Shoah in besonderem Maße? Sind dabei eigene Kriterien aufzustellen?

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6. Die Leiter im Labyrinth

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Wittgensteins Philosophie bekommt erst in ihrer praktischen Anwendung ihren eigentlichen Sinn. Auch bei Sebald wird dem Leser eine aktive Position zugeschrieben, da dieser selbst sowohl die Verbindungen von Bild und Text als auch jene zwischen den einzelnen Texten entschlüsseln muss. Er soll nicht nur passiv lesen, sondern dazu angeregt werden, selbst aktiv zu werden und Verbindungslinien zwischen verschiedenen Ereignissen der Weltgeschichte zu ziehen. Dies bekräftigte Sebald persönlich im Gespräch mit Christian Scholz im Jahr 1997:

„Immer ist mir dabei aufgefallen, daß von diesen Bildern ein ungeheurer Appell ausgeht; eine Forderung an den Beschauer, zu erzählen oder sich vorzustellen, was man, von diesen Bildern ausgehend, erzählen könnte.“967

Der Leser wird angehalten selbst tätig zu werden, eine Art von Übersichtlicher Darstellung zu beginnen, um sich selbst als Subjekt in der Welt zu positionieren und die eigene Verwobenheit in den geschichtlichen und politischen Verhältnissen zu erkennen und darüber zu sprechen. Indem die Literatur des Synoptischen Blicks über die bloße Wiedergabe von Ereignissen hinausgeht und den Leser aktiv an das Geschehene anschließt, greift sie in die Praxis des tatsächlich gelebten Lebens ein: Es wird eine Identifikation, wenigstens eine Positionierung des Lesers gefordert. Ausgangspunkt ist dabei immer die eigene Person und deren persönliche Verbindungen zum jeweiligen Erkenntnisinteresse, im Falle des Autors W. G. Sebald seine persönlichen und familiären Erfahrungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die in ihm ein Gefühl des Unbehagens auslösten und...

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