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Von «liederlichen Land-Läuffern» zum «asiatischen Volk»

Die Repräsentation der ‘Zigeuner’ in deutschsprachigen Lexika und Enzyklopädien zwischen 1700 und 1850- Eine wissensgeschichtliche Untersuchung

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Vera Kallenberg

Die Kategorie ‘Zigeuner’ der deutschsprachigen Enzyklopädien vor 1780 war vorwiegend eine Sammelbezeichnung. Sie diente dazu, unterschiedliche Gruppen von sogenannten «freiwilligen Vaganten», die man als besonders kriminell und die Sicherheit gefährdend etikettierte, zu erfassen. Vor dem Hintergrund des humanwissenschaftlichen Paradigmenwechsels um 1800 wurde in der «Sattelzeit» aus der primär sozialen eine ethnische Kategorie. Im Ergebnis wurden ‘Zigeuner’, in Rekurs auf die vergleichende Sprachwissenschaft und die Berichte englischer Missionsgesellschaften, als der ‘innere Orient’ des ‘zivilisierten Europas’ konstituiert. Diese diskursanalytische Arbeit leistet eine Re- und Dekonstruktion enzyklopädischer Wissensproduktion zu ‘Zigeunern’ zwischen 1700 und 1850. Sie sieht sich damit als Beitrag zu den gegenwärtigen Debatten in den Geschichts- und Kulturwissenschaften um Gedächtnis und Erinnerung, die auf eine kritische Reflexion von Entwicklungen «langer Dauer» zielen.

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ERSTES KAPITEL 13

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ERSTES KAPITEL I Zigeunerdiskurs und Zigeunerpolitik 15. bis 19. Jahrhundert Eine "mobile Randgruppe",1 in Chroniken, Stadtrechnungen und anderen Schrift- zeugnissen als "Secani", "Cingari" oder "Cigäwnär" bezeichnet, ist in Mitteleuropa2 erstmals um 1400 bezeugt.3 In den spärlichen Quellen berichten Chronisten wie der Presbyter Andreas aus Regensburg vom plötzlichen Auftauchen und der Ankunft der "Cigäwnar".4 Die Haltung, die man im 'Spätmittelalter' diesen "Cigäwnar" ge- genüber einnahm, scheint zunächst von einer gewissen Akzeptanz oder wenigstens von Unentschiedenheit geprägt gewesen zu sein.5 Für das 15. Jahrhundert sind so genannte Schutz- oder Geleitbriefe verbürgt, die dafür sprechen, dass sie zumindest ein Teil der Landesfürsten toleriert und geschützt hat.6 Parallel dazu kam es, wie neuere Forschungen zu Tage gefördert haben, bereits in der "Frühzeit" zu Vertreibungen, etwa in Frankfurt am Main, so dass von einem "goldenen Zeitalter" nicht gesprochen werden kann.7 In dieser Phase stellte man sich die Neuankömmlinge nicht als grundsätzlich verschieden von der eigenen spät- mittelalterlichen Gemeinschaft vor, selbst wenn man sie als Fremde beschrieb, die von weit her kämen und "schwarz wie die Tartaren" seien.8 Vielmehr wurde in den zeitnahen Quellen der Versuch unternommen, sie in die feudalen und christlichen Ordnungsvorstellungen zu integrieren.9 Bereits in dieser frühen Phase entscheide, so Bogdal, die legendenhafte Übertreibung über die Überlieferung in den Chroni- ken.10 Das Hauptmoment der Tradierung sieht er in der Figur der 'Fama', des trau- rigen Ruhms, von dem die...

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